So sieht sie also aus, die schöne neue digitalisierte Welt: „Wochenenden sind zum Brunchen da. Ihre Reinigungskraft finden Sie auf helpling.de.“ Auch Katzensitting, Hilfe beim Möbelaufbau oder der Gartenarbeit kann man auf der Webseite einer Vermittlungsplattform buchen. Dabei bringt der Werbeslogan einen Prozess auf den Punkt, der eng mit der Digitalisierung zusammenhängt: eine Polarisierung der Löhne als wichtigsten Arbeitsmarkteffekt der Digitalisierung. Die Verlierer:innen der Digitalisierung werden zu einer neuen digital vermittelten und kontrollierten Dienerschicht. Die oft beschworene technologische Arbeitslosigkeit infolge einer Automatisierungswelle zeichnet sich nicht ab. Stattdessen kommt es zu einem Prozess, der als „kybernetische Proletarisierung“ bezeichnet werden kann.

Deutschland hat mit 22,7 Prozent der Beschäftigten einen der größten Niedriglohnsektoren Europas – übertroffen nur von wenigen osteuropäischen Staaten. Diese Situation begünstigt die Entstehung neuer, arbeitsintensiver Produktionsformen. Die algorithmische Arbeitssteuerung, also die digitale Steuerung und Kontrolle menschlicher Arbeit, wird dabei zur technischen Grundlage. Beispiele sind der Onlineversandhandel oder Lieferdienste wie Gorillas oder Lieferando. Nur durch die digital automatisierte „Fernsteuerung“ der Beschäftigten ist es möglich, diese kosteneffizient durch die Lagerhallen und Städte zu dirigieren.

Plattformökonomie klingt abstrakt und irgendwie futuristisch, die Realität sieht indes aus wie die Taxiplattformen Uber, Lyft oder DiDi, bei denen weltweit Millionen Menschen arbeiten, oft zusätzlich zu anderen Jobs. Oder wie die digital vermittelte Plattform für Haushaltsarbeit care.com, auf der nach eigenen Angaben mehr als 14,6 Millionen „Alltagshelfer“ Kinderbetreuung, Nachhilfe oder Pflegedienste anbieten. Schließlich hat die algorithmische Arbeitssteuerung eine weitere, extrem arbeitsintensive Produktionsform hervorgebracht: Clickwork, das hauptsächlich aus Sortierarbeiten besteht, also dem Aussortieren anstößiger Bilder und Texte auf Internetplattformen, dem Pflegen von Datenbanken, dem Abtippen von Belegen oder dem Trainieren künstlicher Intelligenzen. Diese Arbeit wird meist schlecht bezahlt und ist oft belastend. Weil sie von zu Hause aus erledigt wird, ist sie nahezu unsichtbar.

Gemeinsam ist all diesen Tätigkeiten, dass es sich fast ausschließlich um extrem prekäre Arbeitsverhältnisse handelt: In vielen Fällen wird mit Scheinselbstständigkeiten oder befristeten Arbeitsverhältnissen gearbeitet. Ein Großteil des kybernetischen Proletariats sind Migrant:innen. In den meisten Fällen sind diese für die ausgeübte Tätigkeit überqualifiziert, aber da sie aus ihren Herkunftsländern und ihren Berufen verdrängt wurden, müssen sie nun niedrig qualifizierte, algorithmisch gesteuerte Tätigkeiten ausüben. Die Kopplung des Aufenthaltsstatus an eine Erwerbsarbeit trägt zu dieser Prekarisierung bei.

Fabrik, Erschöpfung, Putzhilfe

Aber warum brauchen so viele Menschen überhaupt Putzhilfen und Nachhilfelehrer? Paradoxerweise erklärt sich das zumindest teilweise aus der Produktivitätssteigerung in der Industrie, und zwar mit der beispiellosen Arbeitsverdichtung, die dort seit den 1980er Jahren zu einer immer stärkeren „Vernutzung“ menschlicher Arbeitskraft geführt hat: Die Folge ist, dass auch die Reproduktion dieser Arbeitskraft immer mehr Arbeit verschlingt, also das Kochen, Wäschewaschen, die Carearbeit im Haushalt, die anfällt und dann ausgelagert wird. Dieser Mechanismus greift auch bei der kybernetischen Proletarisierung. Die digitale Kontrolle des Arbeitsprozesses führt zu einer derartigen Arbeitsverdichtung, dass viele Beschäftigte berichten, in ihrer Freizeit keine Energie für Tätigkeiten wie Kochen oder soziale Beziehungen mehr zu haben.

Diese weitverbreitete Erschöpfung trägt wesentlich zur wachsenden Nachfrage von Haushaltsdienstleistungen bei. Wer nach der Arbeit zu erschöpft ist, selbst zu kochen oder einkaufen zu gehen, greift eher auf Lieferdienste oder einen Onlineversandhändler zurück.

Verdrängung und Reintegration menschlicher Arbeitskraft gehen im Zuge der kybernetischen Proletarisierung nicht zufällig miteinander einher, sie sind Teile desselben Prozesses. Die kybernetische Verdrängung von Arbeitskraft ist ökonomisch nur dann möglich, wenn billigere Arbeitskraft nachgeliefert wird, in anderen Worten: Verlagerung als Abwertung. So war es in einer Elektrofabrik, in der ich selbst eine Zeit lang gearbeitet habe: das erklärte Ziel des Managements war es, hoch qualifizierte und gut bezahlte Facharbeiter:innen zu ersetzen durch ungelernte prekär Beschäftigte, die detaillierte Anweisungen von digitalen Arbeitsleitsystemen erhalten.

Das ist das Kybernetische an diesem Prozess: Die Beschäftigten sind in digitale Rückkopplungsschleifen eingebunden, die ihre Arbeit rationalisieren und gleichzeitig die Grundlage ihrer zukünftigen Verdrängung bilden. In der Elektrofabrik etwa waren es die digital erhobenen Daten aus dem Arbeitsprozess der Facharbeiter:innen selbst, die in die digitalen Arbeitsleitsysteme einflossen. Ganz ähnlich funktioniert die Entwicklung von fahrerlosen Transportsystemen mithilfe von Tracking-Daten über die Arbeit von Logistiker:innen.

Die Digitalisierung führt zu einer wachsenden Lohnungleichheit. Auf der einen Seite bewirkt die Nachfrage nach hoch qualifizierten Arbeitskräften steigende Löhne; auf der anderen Seite erhöhen Arbeitsverdichtung und Automatisierung den Lohndruck auf mittel und gering qualifizierte Beschäftigte. Die Löhne bei Amazon, Gorillas oder Lieferando sind so niedrig, dass einige Beschäftigte auf zusätzliche Sozialhilfe angewiesen sind.

Bei Lieferdiensten müssen die Beschäftigten oft noch ihr eigenes Arbeitsmaterial wie Handys und Fahrräder beschaffen und instandhalten. Zusätzlich kommt es immer wieder zu Verzögerungen bei der Lohnzahlung, mit dramatischen Folgen. Während meiner eigenen Arbeit für einen Lieferdienst kam es vor, dass ein Kollege infolge des ausbleibenden Lohns obdachlos wurde, andere mussten beim Essen sparen.

Die steigende Lohnungleichheit macht es profitabler für Unternehmen, hoch bezahlte durch niedrig bezahlte Arbeit zu ersetzen. Dasselbe gilt für Privathaushalte: Hochbezahlte können es sich immer leichter leisten, Arbeiten an andere auszulagern.

Die kybernetische Proletarisierung führt aber auch zu einer neuen Welle von Arbeitskonflikten, vor allem informelle Auseinandersetzungen jenseits der etablierten Gewerkschaften. Ein prominentes Beispiel dafür sind die jüngsten „wilden“ Streiks bei Gorillas (der Freitag 46/2021). Wie die kybernetische Proletarisierung ausgeht, ist also noch keineswegs ausgemacht. Sie kann zur ökonomischen Abwertung wachsender Bevölkerungsteile führen. Oder aber neue Klassenkonflikte befeuern.

Simon Schaupp ist Soziologe und forscht zur Digitalisierung der Arbeit. Kürzlich ist sein Buch Technopolitik von unten. Algorithmische Arbeitssteuerung und kybernetische Proletarisierung bei Matthes & Seitz erschienen



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