Von Sönke Paulsen

Die Äußerung des Leiters für Gesundheitsnotfälle bei der WHO zu Beginn der Pandemie scheint sich inzwischen zu einer Art von Glaubenskrieg zu entwickeln. Die Wissenschaftler werden dafür gnadenlos instrumentalisiert.

„Geschwindigkeit übertrumpft Perfektion.“ Das hat Mike Ryan, der Leiter des Programms für Gesundheitsnotfälle der Weltgesundheitsorganisation WHO, schon zu Beginn dieser Pandemie warnend gesagt – und „Seid schnell, habt keine Bedenken“ als Devise ausgegeben. Denn das Virus wartet nicht (Tagesspiegel, 5.12.2021). Jüngst hat der eher linke Tagesspiegel erneut die Ständige Impfkommission wegen ihrer Langsamkeit angegriffen. „Die Impfkommission zieht sich kleinmütig auf Evidenz zurück“. Eine Formulierung, die man sich, in Bezug auf eine wissenschaftliche Einrichtung, von den Medien nicht gerade wünscht. Wissenschaft hat nämlich nichts mit „Großmut“ zu tun, sondern mit Evidenz.

Wenn dann noch der STIKO-Chef Thomas Mertens angegriffen wird, weil er seine beiden Kinder im Augenblick nicht impfen würde, wird die Grenze zur persönlichen Diffamierung schon deutlich gestreift.

Für seine Aussagen erntet der STIKO-Chef viel Kritik. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach schrieb bei Twitter, er halte diese für „schwierig“. Denn: „‚Es wirkt unglücklich, wenn noch vor Stiko Entscheidung, ihr Chef Impfung für eigene Kinder schon mal ablehnt.‘ Studien zufolge gebe es keine Nebenwirkungen durch die Impfung für Kinder.“ (Tagesspiegel vom 2.12.2021)

Lauterbach muss sich hier wohl versprochen haben. Es gibt nämlich keine Studien, die Nebenwirkungen bei Kindern ausschließen. Die letzte Formulierung ist ein medialer Trick, den man als unaufrichtig bezeichnen muss.

Andersherum gibt es aber bei den eher linksorientierten Medien wie Tagesspiegel, Süddeutsche und Spiegel erhebliche Empfindlichkeiten, wenn „ihre Wissenschaftler“, die ja inzwischen in einer „Kronzeugen-Funktion“ für die Impfpflicht und für immer rigorosere Maßnahmen sind, persönlich tangiert werden.

„‚Dass und auf welche Weise hier einzelne Forscherinnen und Forscher zur Schau gestellt und persönlich für dringend erforderliche, aber unpopuläre Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung verantwortlich gemacht werden, ist diffamierend‘, schreibt die Allianz (eine Gruppe von Wissenschaftlern der Humboldt-Universität, Anm. Autor) in ihrer Stellungnahme (Spiegel vom 6.12.2021) und „Wer so abgebildet wird, muss mit Drohungen und Schlimmerem rechnen“.

Die Bild war mit drei Wissenschaftlern kritisch ins Gericht gegangen und hatte ihnen unter dem Titel „Die Lockdown-Macher“ einen zu hohen Einfluss auf die Politik attestiert.

„Mit Physik-Modellen berechnete die Runde, welche Maßnahmen die Infektionen drücken, die vierte Welle brechen könnten: massive Kontaktbeschränkungen, flächendeckend 2G, Clubs und Diskotheken dicht, Maskenpflicht an Schulen. Die Empfehlungen gingen an Olaf Scholz (63, SPD). Der Bald-Kanzler drückte sie beim Corona-Gipfel durch.“ (Bild vom 4.12.2021)

Den Versuch, die Wissenschaftler, die inzwischen als „Kronzeugen“ funktionalisiert werden, zu diffamieren und zugleich der Gegenseite vorzuwerfen, die eigenen Kronzeugen unsachlich anzugreifen, ist auf beiden Seiten offensichtlich.

Das mag daran liegen, dass Medien und Politik keine eigene Kompetenz in dem Pandemiethema haben. Ein Grund, warum sehr viele Halbwahrheiten, überzogene wissenschaftliche Interpretationen und Schnellschüsse, nach dem Motto: „Seid schnell, habt keine Bedenken“, präsentiert werden. Es kann durchaus sein, dass Journalisten und Politiker diese Kronzeugen brauchten, weil sie nie gelernt haben, wissenschaftlich zu denken.

Manipulatives Agieren ist eigentlich das Hauptgeschäft von Politik und Medien. Mit diesen Methoden kann man aber einem Virus nicht beikommen. Somit wird aus dem Kampf gegen das Virus, ein Kampf gegeneinander. Eine fast schon triebhafte Übersprungshandlung von intellektuell überforderten Akteuren. Übersprungshandlungen, welche ein unerreichbares Ziel aufgeben und stattdessen impulshaft auf ein anderes, meist aggressives, Ziel ausweichen, findet man vor allem in der Tierwelt und in primitiven Kulturen.

Die Regression unserer öffentlichen Akteure kann man dabei sehr schön studieren, wenn sogenannte Totschlagargumente kommen, die extrem affektbehaftet sind und den Gegner entwaffnen sollen. Meist gibt es dann Ausfälle, dass der Gegner unzählige Menschenleben auf dem Gewissen habe, weil er die Rationalität der eigenen Argumentation in Abrede stellt. Ein typisch aggressives Übersprungsverhalten, dass man auch schon von den Klimadiskussionen kennt. Die Drohungen gleichen einer primitiven Keule, die dem anderen übergezogen wird.

Derart aufgeheizt, bekämpfen sich die Medien bis hin zur sozialen Existenz

Inzwischen ist die Feindschaft schon so fortgeschritten, dass die Medien Politiker dafür angreifen, im sozialen Kontakt zu gegnerischen Medien zu stehen. So schrieb gerade der Spiegel:

„Ein seltsames Berliner Kapitel wurde am Wochenende geschrieben: Bald-Kanzler Olaf Scholz und die künftigen grünen Minister Annalena Baerbock und Robert Habeck machten der »Bild«-Zeitung ihre Aufwartung bei der Spendengala »Ein Herz für Kinder«. Obwohl Spendensammeln für Kinder selbstverständlich eine gute Sache ist, irritierte die innige Inszenierung viele. Nicht zuletzt, weil die »Bild«-Zeitung am gleichen Tag drei führende Wissenschaftler namentlich ins Visier nahm: Sie bezeichnete sie groß und fett als »Die Lockdown-Macher«“. (Spiegel vom 6.12.2021)

Ganz offensichtlich stand bei diesem „anrüchig machen“ einer harmlosen Veranstaltung die linke Erwartung im Raum, dass die „Bild“ durch einen, wie auch immer gearteten, politischen Boykott für den Artikel, „Die Lockdown-Macher“ bestraft werden müsse. Eine Art der medialen Auseinandersetzung, die autoritäre, wenn nicht totalitäre Züge hat und eher von Staatsmedien in Russland und China bekannt ist als aus der europäischen Medienlandschaft.

Hier geht es nicht mehr um eine rationale Auseinandersetzung, sondern um gegenseitigen Vernichtungswillen!

Dieses unselige Szenario zeigt vor allem eine heftig fortgeschrittene, mediale Lagerbildung, welche eine polarisierte Öffentlichkeit geradezu erzwingt.

Eine polarisierte Wissenschaft scheint hier das nächste politische Ziel zu sein. Gott schütze uns davor, dass dieses Ziel von den „Manipulationsorganen“ erreicht wird. Denn dann geht es endgültig nicht mehr um wissenschaftliche Evidenz, sondern um politische und mediale Glaubwürdigkeit. Letztere besteht vor allem darin, auch falsche „Kampfmeinungen“ aufrechtzuerhalten. Sonst läuft man Gefahr, an Zustimmung zu verlieren. Zustimmung! Die einzige akzeptierte Wahrheit, die für Medien und Politik gleichermaßen zählt.

Wissenschaftler sollten sich davon möglichst fernhalten, wenn sie nicht unter die Räder geraten wollen. Wer hier mit den Medien spricht, wird sofort als Kronzeuge missbraucht und früher oder später medial abgeschossen. Für Politik und Medien ist die Pandemie nämlich ein Kampf auf Leben und Tod geworden. Nur anders, als die Bürger es sich vorstellen. Es geht nicht um das Überleben der Mitmenschen, sondern um das soziale Überleben der Medien und der Politik beziehungsweise ihrer Akteure selbst. Ein kleiner Unterschied!

Ein weiterer Beitrag aus der Reihe: Toxische Medien und ihre Politik.

Jetzt neu. Das Original aus der Bundespressekonferenz.


Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Sönke Paulsen ist freier Blogger und Publizist. Er schreibt auch in seiner eigenen Zeitschrift „Heralt“. Hier finden Sie seine Fortsetzungsgeschichte „Angriff auf die Welt“ – der „wahre“ Bond.

Bild: Shutterstock
Text: Gast

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