Seit 1901 wird alljährlich am 10. Dezember, dem Todestag von Alfred Bernhard Nobel, der nach ihm benannte Friedenspreis vom norwegischen König in Oslo überreicht. Die Preisträger erhalten eine Urkunde, eine Goldmedaille und einen Geldbetrag, der vom Jahreszinsertrag der Nobelstiftung abhängt. Den diesjährigen Friedensnobelpreisträgern, der Journalistin Maria Reesa aus den Philippinen und dem russischen Journalisten Dmitri Muratow, steht ein Preisgeld von umgerechnet etwa eine Million Euro zu. Eine Tour d’Horizon von Rainer Werning.

„Die Nobel-Stiftung widmet sich dem Engagement für Frieden und ehrt Personen und Organisationen, die der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben“,

heißt es im Testament des 1833 in Stockholm geborenen Alfred Bernhard Nobel. Welch eine Karriere – mit Kriegsmitteln Geld gescheffelt und satte Gewinne aus dem Verkauf hochexplosiven Sprengstoffs ausgerechnet für den Frieden aufgewendet zu haben! Dabei hatte sich Alfred Nobel als Jugendlicher vor allem anderen für englische Literatur und Poesie begeistert. Doch der Vater, ein Ingenieur, wollte nicht, dass der zartbesaitete Sohn sich den Musen widmete. Er drängte ihn stattdessen zu handfester Wissenschaftsdisziplin – zu Chemie und Physik.

Dynamit statt Poesie

Langsam entwickelte Alfred Nobel auch in diesen Disziplinen Talent. Mehr noch: Neugier, Beharrlichkeit und wissenschaftlicher Spürsinn krönten sein Experiment, Nitroglyzerin in einen festen, zu Stäben formbaren Zündstoff zu verwandeln. Das so entwickelte Produkt ließ er 1867 unter dem Namen „Dynamit“ patentieren. Damit gelang Alfred Nobel der große Coup. Der Sprengstoff ermöglichte neue Wege beim Bau von Tunneln und Straßen. Aber nicht nur die Bauwirtschaft profitiert von dieser Erfindung, sondern auch die Kriegsindustrie, die jetzt eine neue Waffe mit verheerender Durchschlagskraft besitzt.

Trotz aller Erfolge war Alfred Nobel in seinen letzten Lebensjahren ein recht einsamer Mann. Kurz vor seinem Tod im Dezember 1895 schrieb er sein Testament, das ihn noch berühmter machte als das Dynamit. Einen Großteil seines Vermögens überließ er demnach einer nach ihm benannten Stiftung – ein buchstäblich nobles Unterfangen.

Wird keine preiswürdige Leistung gefunden, wie das angeblich während des Ersten und Zweiten Weltkriegs häufiger der Fall war, kann das Osloer Nobelkomitee die Preisvergabe aussetzen. Zahlreiche Preisträger hätten durchaus dem Ideal ihres Stifters entsprochen, unter ihnen waren mutige und eindrucksvolle Persönlichkeiten wie Carl von Ossietzky, Martin Luther King und Nelson Mandela. Doch es gab auch Entscheidungen, die vermutlich nicht im Sinne Alfred Nobels waren. Nach welchen Kriterien letztlich der Preis vergeben wird, bleibt ein Geheimnis. Bei vielen Entscheidungen spielten auch Zeitgeist und knallharte politisch-taktische Kalküle eine wichtige Rolle. So einfach ist es also nicht, in den Preisträgern stets das Friedfertige und Edle verkörpert zu sehen.

Frühe Preisträger

Den schillernden Reigen der Friedensnobelpreisträger eröffneten gleich im ersten Jahr der Preisverleihung – 1901 – zwei Friedensaktivisten: Jean Henri Dunant, Gründer des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, und Frédéric Passy, Gründungspräsident der ersten französischen Friedensgesellschaft.

Die Vergabe des Friedensnobelpreises 1905 an Bertha von Suttner dürfte den Vorstellungen des Stifters aus tiefem Herzen entsprochen und besonders gefreut haben. Immerhin war die österreichische Gräfin Bertha Kinsky und spätere Baronin von Suttner zeitweilig seine Sekretärin und Haushälterin. Ihr pazifistischer Roman „Die Waffen nieder!“ und andere Schriften hatten den Industriellen nachhaltig beeinflusst. Eines ihrer Hauptthemen: das ewige Wettrüsten.

„Früher erschrak der Steuerzahler ein wenig, wenn die Rüstungsforderungen sich auf Millionen bezifferten, doch hatte er sich daran gewöhnt. Nun versucht man es mit den Milliarden, und er hält still. Ein kleiner Seufzer, ein leises Wimperzucken, aber prinzipielles Einverständnis (…) Nur eine Rettung gibt’s: Das Aufbäumen der Vernunft. Das Durchdringen des Friedensgedankens in den Massen. Solches wird auch den friedliebenden Fürsten und Staatsmännern willkommen sein müssen, denn dann wäre ja der ‚heißersehnte Augenblick‘ endlich da.“

Bertha von Suttner, die in ihrer Eigenschaft als Ehrenpräsidentin des Ständigen Internationalen Friedensbüros in Bern ausgezeichnet wurde, war auch die erste Frau, die den Friedensnobelpreis erhielt. Als hätte sodann Beelzebub leibhaftig beim Osloer Preiskomitee interveniert, entschied sich dieses bereits ein Jahr später für eine radikale Wende in seiner Vergabepolitik. 1906 erhielt erstmalig ein Präsident, US-Präsident Theodore „Teddy“ Roosevelt, den Friedensnobelpreis. Roosevelt, so begründete es die Jury, habe ein Jahr zuvor mitgeholfen, den Russisch-Japanischen Krieg zu beenden. Doch der Politiker war beileibe kein Friedensapostel. Bereits in seinem 1899 erschienenen Buch „The Rough Riders“ hatte er sein Draufgängertum als Soldat während des Spanisch-Amerikanischen Krieges geschildert. Roosevelt war auch und gerade ein ungenierter Imperialist. 1904 schrieb er:

„Rede sanft, doch halte stets den großen Knüppel bereit.“

Mit anderen Worten: Wer sich fortan dem politischen Willen der US-Regierung verweigerte, sollte schmerzlich dafür büßen. Während des Ersten Weltkriegs erhielt mit Ausnahme von 1917, als der Friedensnobelpreis an das Internationale Komitee des Roten Kreuzes ging, keine Person oder Organisation die Auszeichnung. Mangelte es etwa an friedfertigen Geistern oder Alternativen? Wohl kaum. Über diese bleierne Zeit äußerte sich der in London lebende pakistanische Schriftsteller Tariq Ali im Dezember 2002 in der Süddeutschen Zeitung:

„Das Blut des Ersten Weltkriegs färbte die Gespräche in den Salons der Belle Epoque, und ein traumatisiertes Preiskomitee verfiel in Winterschlaf. (…) Das ist überraschend, denn es wären genug hervorragende Denker und Politiker in Betracht gekommen, die den Krieg konsequent ablehnten: (…) Bertrand Russell in Großbritannien, der französische Sozialistenführer Jean Jaurés, der wegen seiner erbitterten Feindschaft gegen diesen Krieg ermordet wurde, in Deutschland der sozialistische Reichstagsabgeordnete Karl Liebknecht, der gegen Kriegskredite stimmte und (…) Rosa Luxemburg, die für ihre unerschrockenen Antikriegsreden ins Gefängnis kam.“

Geachtet, geehrt und doch ermordet – der „Fall“ Ossietzky

1935 ward mit dem Publizisten Carl von Ossietzky ein Mann ausgezeichnet, der während des Ersten Weltkriegs am eigenen Leib das grauenvolle Massensterben in den Schützengräben miterlebt hatte. Er wurde ein kämpferischer Pazifist und engagierte sich nach dem Krieg in der Deutschen Friedensgesellschaft und in der Liga für Menschenrechte.1929 erschien in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Die Weltbühne“ ein Bericht über die geheime Aufrüstung der deutschen Reichswehr. Für den Reichswehrminister war dieser kritische Artikel ein willkommener Anlass, endlich gegen den lästigen Kritiker vorzugehen. Er forderte vom Reichsgericht in Leipzig, gegen Ossietzky wegen Landesverrats Anklage zu erheben. 1931 wurde der streitbare Publizist dann tatsächlich zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Am 10. Mai 1932 trat er seine Haftstrafe an. Kurz zuvor begründete er noch in der „Weltbühne“, warum er sich nicht ins Ausland absetzte:

„Das Reichsgericht hat mich vorsorglich in unangenehmster Weise abgestempelt. Landesverrat und Verrat militärischer Geheimnisse – das ist eine höchst diffamierende Etikette, mit der sich nicht so leicht leben lässt. Geht man damit ins Ausland, so wird die gesamte Rechtspresse aufjubeln: Zum Feinde geflohen. Und manche von den Leichtschwankenden werden die Achseln zucken: es muss doch etwas an der Sache sein. Der Oppositionelle, der über die Grenzen gegangen ist, spricht bald hohl ins Land hinein… Wenn man den verseuchten Geist eines Landes wirkungsvoll bekämpfen will, muss man dessen allgemeines Schicksal teilen. Ich gehöre keiner Partei an – wohin also? Keine der Internationalen nimmt mich auf, stellt mich an einen neuen Platz. Es gibt draußen so viele flotte Herren, die den Frieden hochleben lassen, wenn sie ihr neues Militärprogramm glücklich verabschiedet haben und die den deutschen Militarismus so verabscheuen, als sei er der einzige in der Welt.“

Dank einer Weihnachtsamnestie wurde der Publizist vorzeitig nach acht Monaten entlassen. Doch bereits zwei Monate später, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, gehörte der Leiter der „Weltbühne“ zu jenen Tausenden von Hitler-Gegnern, die von Gestapo-Männern frühmorgens aus dem Bett geklingelt und eingesperrt wurden. 1934 wurde Ossietzky ins Konzentrationslager Esterwegen im Emsland gebracht. Zuvor, am unrühmlichen 10. Mai 1933, als grölende Nazis ihr Verständnis von deutscher Kultur mit der groß inszenierten öffentlichen Verbrennung von Büchern zelebrierten, waren auch Ossietzkys Schriften auf lodernden Scheiterhaufen gelandet. Der Deutschlandsender berichtete über die Bücherverbrennung der Nazis am 10. Mai 1933 in Berlin, in dem es u.a. hieß:

„Wir haben unser Handeln gegen den undeutschen Geist gerichtet. Übergebt alles Undeutsche dem Feuer. (…) Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksteil. Verschlinge, Flamme, auch die Schriften der Tucholsky und Ossietzky.“

Aufnahmen mit der Stimme Ossietzkys aus jenen Tagen gibt es nicht. Dafür aber die einfühlsame, ins Mark gehende Beschreibung des bekannten schweizerischen Historikers Carl Jacob Burckhardt. Der konnte den Gefangenen 1934 im Auftrag des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes im KZ Esterwegen kurz besuchen. Burckhardt erlebte einen gebrochenen Mann, nicht viel mehr als ein Stück taumelnden Fleisches. Er fasste seine Eindrücke wie folgt zusammen:

„Nach zehn Minuten kamen zwei SS-Leute, die einen kleinen Mann mehr schleppten und trugen als heranführten. Ein zitterndes, totenblasses Etwas, ein Wesen, das gefühllos zu sein schien, ein Auge verschwollen, die Zähne anscheinend eingeschlagen, er schleppte ein gebrochenes, schlecht ausgeheiltes Bein nach. Ich ging ihm entgegen, reichte ihm die Hand, die er nicht ergriff. ‚Melden!’ schrie Loritz (der Lagerkommandant). Ein unartikulierter leiser Laut kam aus der Kehle des Gemarterten. ‚Herr von Ossietzky’, sprach ich ihn an. ‚Ich bringe Ihnen die Grüße Ihrer Freunde, ich bin der Vertreter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, und ich bin hier, um Ihnen, soweit uns dies möglich ist, zu helfen.’

Nichts. Vor mir, gerade noch lebend, stand ein Mensch, der an der äußersten Grenze des Tragbaren angelangt war. Kein Wort der Erwiderung. Ich trat näher. Jetzt füllte sich das noch sehende Auge mit Tränen, lispelnd unter Schluchzen sagte er: ‚Danke, sagen Sie den Freunden, ich sei am Ende, es ist bald vorüber, das ist gut.’ Und dann noch ganz leise: ‚Danke, ich habe einmal Nachricht erhalten, meine Frau war einmal hier: ich wollte den Frieden’ (…) Dann ging er, das eine Bein nachschleppend, mühsam Schritt vor Schritt zu seiner Baracke zurück.“

Um Ossietzky zu retten, initiierte wenig später die „Liga für Menschenrechte“ die Kampagne: „Den Friedensnobelpreis für Carl von Ossietzky!“. Politiker, Schriftsteller, Wissenschaftler aus aller Welt schlossen sich dieser Bewegung an, Ossietzky wurde zum Symbol für das andere Deutschland. Das Nobelpreiskomitee wollte aber nicht die deutsche Regierung brüskieren und befreite sich aus der Zwickmühle, indem es den Preis für 1935 gar nicht vergab. Als die internationale Kampagne aber nicht verebbte, verlieh das Komitee 1936 dem gefangenen Publizisten dann doch die Auszeichnung – nachträglich für 1935. Die nationalsozialistische Regierung verbot Ossietzky aber, nach Oslo zu reisen und den Preis persönlich in Empfang zu nehmen. Zudem gelang es ihr, den Ausgezeichneten um das Preisgeld zu prellen. Schließlich wurde der Publizist nicht etwa in die Freiheit entlassen, sondern nur vom KZ in ein Berliner Krankenhaus verlegt. Dort starb er – streng bewacht – im Mai 1938 an den Folgen der Lagerhaft. Sein Grabstein trägt die Inschrift: „Frieden für immer.“

Adolf Hitler oder Mahatma Gandhi?

1938, ein Jahr vor der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs in Europa, befand sich das Osloer Nobelpreiskomitee erneut in der Zwickmühle. Es sollte sich zwischen zwei Personen entscheiden, die unterschiedlicher nicht hätten sein können – Adolf Hitler und Mahatma Gandhi. Dazu merkte der Publizist Tariq Ali an:

„Die Entscheidung fiel den Mandarinen zu schwer, und so ging der Preis schließlich an die Internationale Nansen-Hilfe für Flüchtlinge und Staatenlose. Die Nominierung Hitlers wirkt heute schockierend, aber damals betrachteten viele im Westen den deutschen Führer als Bollwerk gegen den Bolschewismus. (…) 1938 hatte das Time-Magazin Adolf Hitler zum ‚Mann des Jahres’ erkoren und manches Positive über ihn verfasst (…) Das Komitee kam dann eben zu dem Schluss, dass, wenn Hitler nicht akzeptabel war, es Gandhi ebenso wenig sein könne.“

Einmalig in der Geschichte des Osloer Nobelkomitees wurde im Jahre 1961 der Friedenspreis posthum vergeben – und zwar an den schwedischen Politiker und früheren Generalsekretär der Vereinten Nationen, Dag Hammarskjöld. Dieser war im September 1961 bei einer UN-Missionsreise in den Kongo ums Leben gekommen. Warum und wie er starb, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Die offizielle Version lautete: ein Flugzeugunglück. Die inoffizielle: ein politischer Mord. Diese Vermutung liegt nahe, weil die Leichen von Hammarskjölds Leibwächtern Schusswunden aufwiesen. Bemerkenswert bleibt, dass der Autopsie-Bericht Hammarskjölds jahrzehntelang geheim gehalten wurde. Bis heute können die Vereinten Nationen nicht zweifelsfrei erklären, wie ihr ehemaliger Generalsekretär und Friedensnobelpreisträger umgekommen ist.

Glücksgriffe und schockierende Fehlgriffe

1964 wurde der Anführer der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung Martin Luther King mit dem Nobelpreis geehrt, 1971 Willy Brandt. Der damalige Bundeskanzler erhielt den Preis für seine auf Versöhnung gerichtete Ostpolitik. Das trug immerhin dazu bei, dass unverbesserliche Kalte Krieger im Bundestag weniger lautstark krakeelten. Willy Brandt selbst erklärte damals:

„Ich werde den Friedenspreis am 10. Dezember in Verbundenheit mit allen, an welcher Stelle auch immer, annehmen, die sich mit der ihnen gegebenen Kraft bemühen, die Welt von Kriegen zu befreien und ein Europa des Friedens zu organisieren.“

In den 1970er Jahren ehrte das Osloer Nobelkomitee mehrmals zwei Preisträger, die für ein und dasselbe Ziel eingetreten waren. Die ebenso unverständlichste wie finsterste Entscheidung fiel 1973: Neben US-Außenminister Henry A. Kissinger wurde dem nordvietnamesischen Diplomaten und Politbüromitglied der Kommunistischen Partei, Le Duc Tho, der Preis zuerkannt. Beide hatten nach langwierigen Verhandlungen in Paris endlich einen Waffenstillstand im Vietnamkrieg vereinbart. Le Duc Tho winkte sofort ab und verweigerte sich dieser gemeinsamen Ehrung. Henry Alfred Kissinger, 1923 in Fürth geboren, nahm den Preis dankend an.

Von 1969 bis 1973 war Kissinger Sicherheitsberater Richard Nixons, von 1973 bis 1976 Außenminister. Was immer dem Interesse der USA diente – Kissinger verfolgte es ebenso zielstrebig wie rücksichtslos. Er war mitverantwortlich dafür, dass der Vietnamkrieg unnötig in die Länge gezogen wurde. Millionen von Toten in Vietnam, in Laos und Kambodscha wurden als notwendige Opfer im Rahmen der West-Ost- Konfrontation verbucht. Das Wort „Kollateralschaden“ gab es damals noch nicht. Ohne den Kongress vorher informiert zu haben, weitete die amerikanische Regierung Ende der 1960er Jahre den Vietnamkrieg auch auf die Nachbarländer Laos und Kambodscha aus.1969 ordnete Präsident Richard M. Nixon den pausenlosen Einsatz von B-52-Bombern an. Dadurch sollten die Nachschubwege der Vietminh blockiert werden. Über das vormals neutrale Königreich Laos wurde mit annähernd 2,5 Millionen Tonnen Bomben mehr Sprengstoff abgeworfen als im Zweiten Weltkrieg auf Deutschland und Japan zusammen. Auf jeden Laoten kam demnach zirka eine Tonne Bomben! Noch heute fügen tückische Blindgänger vor allem Kindern und Reisbauern tödliche Verletzungen zu.

Der Vietnamkriegsveteran Fred Branfman konstatierte bitter:

„Wenn das Töten hunderttausender unschuldiger Bauern durch den Abwurf von Millionen Tonnen Bomben auf zivile Ziele kein Kriegsverbrechen ist, dann gibt es keinerlei Kriegsverbrechen. Und wenn Kissinger für diese Verbrechen nicht verantwortlich ist, dann gibt es keine Kriegsverbrecher.“

Seit langem liegt eine umfassende Anklageschrift gegen Kissinger vor – in Form eines Buches. In seiner „Akte Kissinger“ wies der britische Journalist Christopher Hitchens dem heute 98-Jährigen massive Menschenrechtsverletzungen nach – in Indochina und Osttimor, am deutlichsten aber in Chile, wo er vor annähernd fünfzig Jahren mithalf, den Putsch von Augusto Pinochet gegen Salvador Allende zu organisieren. Der angesehene und mehrfach preisgekrönte australische Investigativjournalist und Dokumentarfilmer John Pilger nennt Kissinger ohne Umschweife einen „war criminal emeritus“.

1978 erhielten der ägyptische Präsident Mohamed Anwar al-Sadat sowie der israelische Ministerpräsident Menachem Begin den Preis für den Friedensschluss zwischen beiden Ländern. Eine umstrittene Entscheidung. Sadat galt in der damaligen arabischen Welt als Opportunist, der sich dem Westen anbiederte. Begins unfriedliche Vergangenheit wurde durch den Preis erneut ins Bewusstsein gerückt. Begin führte von 1943 bis 1948 die Irgun, eine jüdische Untergrundorganisation, die Terroranschläge gegen die britische Mandatsmacht und gegen die Palästinenser verübte. Mit seinem Namen ist auf fatale Weise der Überfall auf das Dorf Deir Yassin verknüpft. Dort – unweit von Jerusalem gelegen – war es am 9. und 10. April 1948, kurz vor der Staatsgründung Israels, zu einem der blutigsten Massaker an der palästinensischen Zivilbevölkerung gekommen. Ein Terrorkommando der Irgun war zusammen mit anderen paramilitärischen Trupps in dem friedlichen Dorf eingefallen, hatte Frauen, Männer und Kinder ermordet. Durch Vertreibung der Palästinenser sollte das Territorium des künftigen Israel vergrößert werden. Wohnhäuser wurden in die Luft gesprengt, danach die Straßenzüge systematisch durchkämmt.

Wir müssen die Araber bekämpfen, um sie zu unterjochen. Wir müssen sie als politischen Faktor vom Schauplatz entfernen“, hieß es dazu in einer Broschüre der Irgun. Über Nacht ausgehobene Massengräber sollten die Spuren des Grauens schnellstmöglich verwischen. Etwa 250 Leichen – meist von Frauen, Kindern und Älteren – verzeichnete dieses Katastrophenkataster, das eine Delegation des Roten Kreuzes erst Tage nach der Tat inspizieren konnte.

1993 ging der Preis anteilig an den Führer des Afrikanischen Nationalkongresses und langjährigen politischen Gefangenen Nelson Mandela sowie an den südafrikanischen Präsidenten Frederik Willem de Klerk, einen Mann, der lange mitverantwortlich für das Apartheid-Regime und das Schicksal seines Mitgeehrten gewesen war. Ein Jahr darauf, 1994, wurden sogar drei Personen in Oslo geehrt: Yasser Arafat, Präsident der Palästinensischen Nationalbehörde, der israelische Außenminister Shimon Peres und der israelische Ministerpräsident Yitzhak Rabin.

1996 wurden José Ramos-Horta und Bischof Carlos Felipe Ximenes Belo wegen ihres sozialen und friedlichen Engagements für ein unabhängiges Osttimor ausgezeichnet. Für die indonesische Regierung war das im Nachhinein eine schallende Ohrfeige. Der engste Verbündete des Westens in Südostasien nämlich, das diktatorische Suharto-Regime in Indonesien, hatte die ehemalige portugiesische Kolonie Osttimor Mitte der 1970er Jahre völkerrechtswidrig annektiert. Jakarta duldete damals kein unabhängiges Osttimor, wo zudem die Befreiungsbewegung Fretilin größten Rückhalt in der Bevölkerung genoss. Amnesty international und andere internationale Menschen- und Bürgerrechtsorganisationen machen das Suharto-Regime für den Tod von über 200.000 der insgesamt 800.000 Einwohner Osttimors verantwortlich.

Sonnenschein-Politik“ mit Schattenseiten

Im Dezember 2000 erhielt der damalige südkoreanische Präsident Kim Dae-Jung den Friedensnobelpreis. Auf den ersten Blick keine schlechte Wahl, verkörperte Kim doch in den 1970er Jahren, als Südkorea fest im Griff einer Militärjunta war, den Inbegriff eines aufrechten Oppositionellen, dem zudem die Todesstrafe gedroht hatte. Kim war auch ein Bewunderer der Ostpolitik Willy Brandts, dessen „Wandel durch Annäherung“ er auch im Gewand einer „Sonnenschein-Politik“ auf die Situation auf der koreanischen Halbinsel umgesetzt sehen wollte. In einem Kommentar des damaligen ARD-Korrespondenten in Ostasien, Torsten Huhn, hieß es zur Verleihung des Preises an Kim:

„Mit Kim Dae Jung hat ein Politiker den Friedensnobelpreis bekommen, der wie nur wenige andere in Asien für Demokratie und Entspannung steht. (…) und dafür gesorgt, dass sich das bis dahin höchst feindselige Verhältnis zu Pjöngjang grundlegend gewandelt hat. (…) Es gibt viele Unterschiede zur deutschen Situation. (…) Wir haben so viele Probleme, die Deutschland nicht hatte. Daher ist die Situation nicht vergleichbar.“

Gewürdigt wurde Kim wegen seiner „Sonnenschein-Politik“. Mit ihr wollte er das seit dem Ende des Koreakrieges 1953 extrem angespannte Verhältnis zum kommunistischen Norden entkrampfen – im Geiste der Entspannungspolitik Brandts. Doch in Südkorea selbst galt Kim Dae-Jung schon wenige Jahre nach seinem Amtsantritt als eitler, machtbesessener und auch korrupter Politiker, der nach Anerkennung gierte. Das historische innerkoreanische Treffen Mitte Juni 2000 mit Kim Jong-Il, Nordkoreas neuem starken Mann, passte ihm vorzüglich ins Konzept. Unverständlich blieb, warum – entgegen früheren Gepflogenheiten – ausgerechnet diesmal nur eine Partei im Friedensprozess auf der koreanischen Halbinsel geehrt wurde, wo es doch zur Verständigung zwingend zweier Parteien bedarf! Offensichtlich sollte aus Sicht des Nobelkomitees unbedingt vermieden werden, den nördlichen Kim politisch-diplomatisch aufzuwerten – ein dumpfer Rückfall ins „Milieu“ des Kalten Krieges.

Pikant war zudem, dass sich der südliche Kim das Gipfeltreffen in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang wohl erkauft hatte. Seit Frühjahr 2003 nämlich geriet Südkoreas Präsident arg ins Zwielicht. Enge Vertraute Kim Dae-Jungs rückten von ihm ab. Andere gaben zu, im Auftrag ihres früheren Chefs umgerechnet etwa 100 Millionen US-Dollar geheim nach Nordkorea transferiert zu haben. Mit diesem Geld sollte der Nord-Süd-Gipfel gefördert, wenn nicht gar „geschmiert“ werden.

Im Dezember 2003 konnte die engagierte iranische Juristin und Menschenrechtlerin Schirin Ebadi den Friedensnobelpreis in Empfang nehmen. Sie war damit die elfte Frau und erste Muslimin, die seit der ersten Vergabe 1901 den Preis zuerkannt bekam. Eine Überraschung für alle, die fest damit gerechnet hatten, dass im selben Jahr entweder Papst Johannes Paul II. oder der frühere tschechische Präsident Vaclav Havel als größte Favoriten galten. Ausgezeichnet wurde Frau Ebadi für ihren Einsatz bei der Demokratisierung Irans und im Kampf um mehr Rechte für Frauen und Kinder.

Klima, Kinder & aufs Neue ein US-Präsident

Das Thema „Umwelt & Klima“ schien in Oslo ab 2004 angekommen zu sein. In jenem Jahr nämlich zeichnete das Nobelpreiskomitee die kenianische Umweltaktivistin Wangari Maathai „für ihren Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung, Demokratie und Frieden“ aus, während der Preis drei Jahre später dem Weltklimarat IPCC und Ex-US-Vizepräsident Al Gore zugesprochen wurde – „für ihre Bemühungen, ein besseres Verständnis für die von Menschen verursachten Klimaveränderungen zu entwickeln und zu verbreiten, und dafür, dass sie die Grundlagen für die Anstrengungen gelegt haben, um diesen Veränderungen zu begegnen“.

Höchst zweifelhaft fiel die Entscheidung in Oslo wiederum im Jahre 2009 aus, als mit US-Präsident Barack Obama eine Person lediglich aufgrund von Absichtserklärungen geehrt wurde. Wörtlich hieß es: „Für seine außergewöhnlichen Bemühungen, die internationale Diplomatie und die Zusammenarbeit zwischen den Völkern zu stärken“. Was den bekannten Linguisten und eloquenten Kritiker US-amerikanischer Außenpolitik, Noam Chomsky, veranlasste, Obama als Produkt cleverer Marketing-Strategie zu bezeichnen. Er, so Chomsky über Obama im Rahmen eines „Kulturzeit“-Interviews im ZDF im Sommer 2013, sei verantwortlich für die Ausweitung des Drohnenkrieges gewesen und hätte eigentlich wegen seiner Anordnung außergerichtlicher Hinrichtungen „von Terroristen“ im Rahmen alldiensttäglicher Lagebesprechungen vor ein ordentliches Gericht gestellt werden müssen.

Mit Kailash Satyarthi und Malala Yousafzai rückten 2014 erstmalig Jugendliche in den Fokus der Osloer Preisrichter, die beide „für ihren Kampf gegen die Unterdrückung von Kindern und jungen Menschen und für das Recht aller Kinder auf Bildung“ ausgezeichnet wurden.

Stets zwischen Lob und Kritik

2017 und 2020 ehrten die Osloer Preisrichter zwei Organisationen beziehungsweise Kampagnen und Programme, die sich explizit gegen Atomwaffen und für die Bekämpfung von Hunger einsetzen. Im Jahre 2017 wurde die ein Jahrzehnt zuvor aus der Taufe gehobene und in Genf ansässige Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN – International Campaign to Abolish Nuclear Weapons) „für ihre Arbeit, Aufmerksamkeit auf die katastrophalen humanitären Konsequenzen von Atomwaffen zu lenken, und für ihre bahnbrechenden Bemühungen, ein vertragliches Verbot solcher Waffen zu erreichen“, ausgezeichnet. Drei Jahre später erhielt den Preis das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) mit Sitz in Rom „für die Bemühungen zur Bekämpfung des Hungers, für den Beitrag zur Verbesserung der Bedingungen für den Frieden in von Konflikten betroffenen Gebieten und als treibende Kraft bei den Bemühungen, den Einsatz von Hunger als Waffe für Krieg und Konflikte zu verhindern.“

Am 10. Dezember dieses Jahres würdigt das Nobelkomitee die Arbeit der beiden Journalisten Maria Ressa aus den Philippinen sowie Dmitri Muratow aus Russland. Ausgezeichnet werden sie „für ihre Bemühungen um die Wahrung der Meinungsfreiheit, die eine Voraussetzung für Demokratie und dauerhaften Frieden ist.“ Eine Entscheidung, die wieder mal Kritik erntete. Von Instrumentalisierung, knallhartem politischen Kalkül und im Falle Muratows von Russophobie war und ist die Rede. Besonders erbost zeigten sich Kollegen Ressas und die philippinische Regierung unter Präsident Rodrigo R. Duterte. Sie attackierten unisono die Entscheidung in Oslo als „unzulässige Einmischung in innerphilippinische Angelegenheiten“, als dumpfe Protektion einer wegen mehrerer Delikte angeklagten Journalistin sowie als gezielte Rufmordkampagne, die Philippinen auf eine Stufe mit hinterwäldlerischen Regimes zu stellen. Als ideeller Gesamttroll Dutertes fungiert dabei Rigoberto D. Tiglao, ein Kolumnist der ältesten philippinischen Tageszeitung, der Manila Times, und ein von links extrem nach reaktionär abgedrifteter Schreiberling mit psychopathisch-antikommunistischen Zügen.

Anachronistisch?!

120 Jahre Friedensnobelpreis-Verleihungen – eine 120-jährige Gratwanderung durch Schotter und Goldstaub, die den Preisstifter vielfach gefreut und wohl gleichermaßen häufig gegrämt hätte. Als zutiefst arkan erwiesen sich oftmals die Entscheidungen seiner Sachwalter in Gestalt neuzeitlicher Druiden, als dass sie dem eigentlichen Ziel des Stiftungsgründers dienten – nämlich Personen und Organisationen zu ehren, die der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben.“

Wie wär’s, besönne sich das Nobelkomitee in Oslo ebendieses Auftrags, setzte ein Jahrzehnt lang die Preisverleihungen aus und verwendete die so freiwerdenden Gelder für die Honorierung der international angesehensten Anwälte des Menschen- und Völkerrechts zur Verteidigung – besser noch: schnellstmöglichen Freilassung – solcher Whistleblower wie Julian Assange und Daniel Hale. Deren Engagement kann nicht hoch genug gewürdigt werden. Schließlich trugen sie mitentscheidend dazu bei, Ross und Reiter eines ungeschminkten Imperialismus zu benennen, dessen Schand- und Freveltaten weltweit größte Schäden, Leid und Verzweiflung verursachten.

Titelbild: Bertil Jonsson/shutterstock.com

Quellen & weiterführende Literatur



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