Maria J. Felber, eine Leserin und Freundin der NachDenkSeiten hat einen kurzen Text zum Nachdenken geschickt. Gegen Ende des Textes stellt sie eine Frage, die viele von uns bewegt: „Was geschieht, wenn eine Mehrheit der Menschen um mich herum diese Fragen diametral zu mir beantwortet und beschließt, mir ihre Antworten aufzubürden oder mich aus der Gemeinschaft auszustoßen?“ Dies als Vorbemerkung. Albrecht Müller

Das Thema Corona mit allen Facetten von erwartetem/tatsächlichen Gefahrenpotential, von notwendigen/überbordenden Abwehrmaßnahmen bis hin zu gefürchteten gesellschaftlichen Folgen, hat viele Menschen in den letzten 18 Monaten beschäftigt.

So auch mich: ich befand mich im letzten Jahr meines Medizinstudiums – also sowohl im Praktischen Jahr mit täglichem Patientenkontakt als auch dann in der angespannten Prüfungssituation unter politisch veränderten Bedingungen. Außerdem bin ich auch noch Psychologin und habe eine Vorliebe, über mögliche Szenarien schematisch nachzudenken.

Und so habe ich auch über die Grundlagen und Folgen meines eigenen Handels bezüglich der Coronamaßnahem nachgedacht. Ich gestehe, anfangs ließ ich mich mitreißen von den Ängsten, zum Teil stärker als mein Umfeld es tat. Denn ich war ja gezwungen, täglich von Coronapatienten an meinen Wirkstätten zu hören oder diese gar zu sehen. Aber mit der Zeit stimmte mein persönlicher Eindruck aus meinem begrenzten Umfeld nicht mehr mit dem überein, wie Corona im Gesamtgeschehen in Deutschland anscheinend schadhaft war.

Ich begann nach Ende des Medizinstudiums viel zu lesen und zu hören: Podcasts, Bücher, Berichte aus Mainstream und alternativen Medien. Und je mehr ich Zahlen einordnete; Politiker ihre Meinungen und Aussagen von einem Extrem ins andere ändern sah; an mir selbst beobachte, mit wie viel Skepsis, teilweise Angst und Wut, ich mittlerweile Polizisten in ihren schwarzen Kampfmonturen gegenüberstehe und wie der Hass und die Herabwürdigungen, die medial mir nun jeden Tag entgegenschlugen, mir nahe gingen und mich bedrückten; umso mehr stellten sich mir unweigerlich viele Fragen:

Möchte ich mich jeden Tag für eine persönliche Entscheidung rechtfertigen müssen – entweder gegenüber den Geimpften oder den Ungeimpften? Möchte ich, dass es zur neuen Normalität wird, mich jeden Tag digital ausweisen zu müssen, um keine Einschränkungen meiner Bewegungsfreiheit oder meiner sozialen und kulturellen Teilhabe, selbst im kleinsten Kreise, hinnehmen zu müssen? Möchte ich es als Normalität betrachten, jetzt bei jedem neuen Virus und seinen Veränderungen, das dank moderner Technologie entdeckt werden kann, von der schlimmstmöglichen Wirkung auf meine Gesundheit auszugehen? Möchte ich mich dann immer weiter hetzen und treiben lassen und bin ich dann jedes Mal bereit, zu Handlungen genötigt zu werden, die Dritte mir auferlegen wollen oder gar können?

Dies sind alles Fragen, die mich bewegen und immer wieder umtreiben. Doch eine Frage beschäftigt mich noch mehr: Was geschieht, wenn eine Mehrheit der Menschen um mich herum diese Fragen diametral zu mir beantwortet und beschließt, mir ihre Antworten aufzubürden oder mich aus der Gemeinschaft auszustoßen?

Diese Frage geht mir am nächsten. Denn es ergibt sich daraus unweigerlich eine allgemeine Frage: in was für einer Gesellschaft wollen wir zukünftig leben – wo alle Gemeinschaften mit ihren Meinungen und Haltungen toleriert werden oder wo immer nur eine vorherrschende Meinung akzeptiert wird und wir uns täglich einer Prüfung darauf unterziehen müssen?

Maria J. Felber



Quelle: