Von Ekaterina Quehl

Christoph hat Krebs und möchte nicht mehr leben. Er hat mehrere Jahre gegen seine Erkrankung gekämpft und konnte sie nicht besiegen. Nach drei Chemotherapien und zwei Operationen bleiben dem 53-Jährigen keine Hoffnung auf eine Genesung oder wenigstens eine Besserung, sondern nur noch einige Monate voller Leid, Trauer und Schmerz. Nach langer Überlegung entscheidet er, sich selbst und seine Familie davon zu befreien. Er hat schon gehört, dass einige Sterbenskranke mit gleichem Wunsch in die Schweiz fahren, um eine sogenannte Suizidassistenz zu bekommen. Nach einer Auskunft erfährt er, dass er sie auch in Deutschland bekommen kann. Er führt monatelange Gespräche mit seiner Frau, versucht sie, zu überzeugen, dass es so nicht mehr weitergehen kann, und dass dieser Weg der beste ist. Für ihn, seine Frau und seine 17-jährige Tochter. Für die Frau ist seine Entscheidung zunächst ein Schlag. Doch immer mehr muss sie zusehen, wie Christoph leidet. Sie stimmt endlich seinem Wunsch zu. Christoph wird nun würdevoll gehen, sich selbst und die ganze Familie nach Jahren des harten Kampfes gegen den Krebs befreien.

Nach einer Recherche findet er einen Verein, der sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland aktiv ist und möchte dort einen Antrag auf die Mitgliedschaft stellen. Denn nur so kann er eine Suizidassistenz von dem Verein bekommen. Doch dann erfährt er, dass dieser Sterbehilfe nur noch für Geimpfte und Genesene anbietet.

Die Geschichte über Christoph ist fiktiv. Als ich die Pressemitteilung „Sterbehilfe nur noch für Geimpfte und Genesene“ las, habe ich lange überlegt, ob ich die Grenze der Pietät überschreite, wenn ich diese fiktive Situation hier darstelle. Aber ich hatte sie nunmal vor meinen Augen, als ich die Pressemitteilung las. Und womöglich auch die vielen Leser, die uns diese Pressemitteilung geschickt haben.

Am 19.11.2021 kündigte der deutsch-schweizerische Verein „Sterbehilfe“ in seiner Pressemitteilung an, dass „Sterbehilfe nur noch für Geimpfte und Genesene“ gelte.

„Sterbehilfe und die vorbereitende Prüfung der Freiverantwortlichkeit unserer sterbewilligen Mitglieder gebieten menschliche Nähe. Menschliche Nähe aber ist Voraussetzung und Nährboden der Corona-Virusübertragung. Ab heute gilt in unserem Verein die 2G-Regel, ergänzt um situationsbezogene Massnahmen, wie zum Beispiel Schnelltests vor Begegnungen in geschlossenen Räumen…“

In den ethischen Grundsätzen des Vereins, auf die ebenfalls in der Pressemitteilung verwiesen wird, steht als erstes:

„Alle Menschen haben das Recht auf Selbstbestimmung bis zum letzten Atemzug. Nach dieser Maxime möchten viele leben und den Ausklang ihres Lebens gestalten. Für diese Menschen ist die Möglichkeit des Suizids keine Frage des Scheiterns, sondern Ausdruck der individuellen Freiheit.“

Und weiter steht dort, dass die Voraussetzung für eine Mitgliedschaft unter anderem „das Zertifikat einer vollständigen Covid-19-Impfung oder -Genesung“ sei.

Menschen wie Christoph, die aus bestimmten Gründen – in der Regel aufgrund einer schweren Krankheit – sterben wollen und in diesen Verein eintreten, um eine sogenannte Suizidassistenz zu bekommen, müssen also vorher etwas tun, was als eine gesundheits- bzw. lebensrettende Maßnahme dienen soll. Was für eine bittere Farce!

Zwar wird in der Pressemitteilung auf menschliche Nähe und den Schutz der Mitarbeiter und Ärzte verwiesen. Dennoch stellt sich die Frage, warum die Hüter der Menschenwürde die 2G-Regel ausgerechnet von den Menschen verlangen, denen sie Respekt, Unterstützung und würdevolle Begleitung bei ihrer Entscheidung zu sterben versprechen.

Wenn man davon ausgeht, dass die Mitarbeiter und alle um die Sterbewilligen herum sowieso geimpft bzw. genesen sind, dann sind sie ja durch die Sterbewilligen nicht gefährdet. Warum kann sich der Verein nicht mit einem negativen Test begnügen? Und was macht die Geschäftsführung, wenn ein Sterbewilliger – vielleicht eben aufgrund seiner schweren Erkrankung – nicht geimpft werden darf? Muss er sich etwa mit Corona anstecken, damit er als genesen gelten kann, um einen Antrag auf Suizidassistenz stellen zu dürfen?

Schon häufiger sind mir Schauer über den Rücken gelaufen, wenn ich über die aktuellen Entwicklungen in Deutschland gelesen oder diese auch selbst erlebt habe. Gesunde Menschen werden nicht mehr als solche bezeichnet. Sie werden beinahe aus allen Bereichen ihres Lebens ausgeschlossen, sei es in Beruf oder Freizeit. Und jedes Mal, wenn ich denke, mit diesem einen neuen Absurdum ist die Grenze der gesellschaftlichen Akzeptanz erreicht, wie zum Beispiel die 2G-Regel in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, kommt noch ein weiteres, das mich noch tiefer in eine kognitive Dissonanz sinken lässt.

Denn in der befinde ich mich schon seit Monaten. Nicht, weil ich nicht verstehe, wieso unsere Gesellschaft solche Reaktionsweisen wie massive Spaltung und Diffamierung der Kritiker zeigt. Nicht, weil ich über die letzten 20 Monaten beobachte, wie sich die Widersprüche der Entscheidungsträger aufeinander stapeln oder weil ich mich ständig zwischen Wahn und Gehorsam im gesellschaftlichen Miteinander zurechtfinden muss. Nein, nicht deshalb.

Sondern, weil ich mir bei all diesem Geschehen seit Monaten eine einzige Frage stelle: Weiß man eigentlich überhaupt noch, worum es noch geht?

Denn den Eindruck habe ich schon lange nicht mehr. Statt in den ganzen Monaten zu versuchen, mit minimalen Verlusten für alle Bereiche unseres Lebens ein gesellschaftliches Zurück zu finden, versucht man uns zu überzeugen, dass jede neue Regelung – selbst wenn sie in einem Widerspruch zu der vorherigen steht – uns helfen wird, etwas zu besiegen, was eigentlich schon längst Teil unseres Lebens geworden ist.

Ich stelle mir inzwischen die Frage, ob unsere Gesellschaft aus dieser Situation überhaupt noch herausfinden möchte. Denn es scheint nur noch darum zu gehen, die Unwilligen in die Knie zu zwingen und sie mit allen Mitteln dazu zu bringen, endlich zu gehorchen. Und dafür werden modernste Informationstechnologien verwendet, währenddessen das menschliche Verhalten oftmals einem mittelalterlichen gleicht. Es laufen mir Schauer über den Rücken, wenn ich daran denke, was für ein gewaltiges diktatorisches Potential in manchen Gesellschaften steckt, und was alles in dieser Zeit an Werten verloren geht. Deutschland ist leider ein Vorreiter-Beispiel dafür.

Dass Corona-Maßnahmen voller Widersprüche sind, und dass die Mehrheit sie nicht sehen will oder kann, ist das eine. Aber dass diese Maßnahmen ausgerechnet von Institutionen unterstützt werden, die als Hauptstützen der Menschenwürde dienen sollen, macht mir richtig Angst. Denn es zeigt, wie weit unsere Gesellschaft bei der Zerstörung dessen ist, was sie selbst als unantastbar bezeichnet.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Namentlich gekennzeichnete Beiträge von anderen Autoren geben immer deren Meinung wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Ekaterina Quehl ist gebürtige St. Petersburgerin, russische Jüdin, und lebt seit über 16 Jahren in Berlin. Pioniergruß, Schuluniform und Samisdat-Bücher gehörten zu ihrem Leben wie Perestroika und Lebensmittelmarken. Ihre Affinität zur deutschen Sprache hat sie bereits als Schulkind entwickelt. Aus dieser heraus weigert sie sich hartnäckig, zu gendern. Mit 27 kam sie nach einem abgeschlossenen Informatik-Studium aus privaten Gründen nach Berlin und arbeitete nach ihrem zweiten Studienabschluss viele Jahre als Übersetzerin, aber auch als Grafik-Designerin. Mittlerweile arbeitet sie für reitschuster.de.

Bild: Shutterstock
Text: eq

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