Als die Geschwister Scholl ihren Kampf gegen den nationalsozialistischen Faschismus aufnahmen, wurde ihnen schnell klar, dass sie Geld brauchen würden. Für die Matritzendrucker, das Papier, aber auch für ihre eigenen Auslagen. Sophie, die kreativere der beiden, hatte eine tolle Idee: Sie entwickelte ein Community-Konzept, mit dem sie ihre Unterstützer an das Geschwisterpaar binden wollte. Das würde ein Fundraisung ermöglichen, mit dem sich die Aktivitäten und persönlichen Kosten finanzieren ließen — schließlich hatten sie kein Einkommen mehr und wendeten viel Zeit für den Widerstand auf. Schnell war der Plan gefasst. Es gab einerseits Spendenaufrufe und Sammelaktionen, andererseits aber auch Merchandising: T-Shirts, Schlüsselanhänger und Kaffeetassen mit einer weißen Rose darauf (wahlweise auf Schwarz oder Rot).

Mit einem Abo-Modell boten die beiden Freiheitskämpfer unterschiedliche Zugänge zu den von ihnen zusammengestellten Inhalten an. Die Flugblätter hatten unterschiedliche Umfänge — kurz, normal, umfangreich (3, 5 und 10 Reichsmark). Premiumabonnenten erhielten sie sogar einen Tag früher und wurden zu geheimen Treffen bevorzugt eingeladen. Für knapp 300,- Reichsmark konnten die Top-Förderer an Seminaren teilnehmen, die in einem schönen Landgasthof in den italienischen Alpen abgehalten wurden. Im schönen ländlichen Ambiente konnten die Förderer ihren Freiheitskämpfern begegnen und sich mit ihnen über philosophische Fragen aber auch persönliche Dinge austauschen.

Als sich die unabhängigen Publizisten der Freiheitsbewegung im Jahr 2020 auf den Weg machten, die Narrative der international koordinierten Corona-/NWO-Diktatur zu stürzen, herrschte eine neue Einigkeit. Die freien Geister fanden sich in großer Zahl zusammen, um zu beratschlagen, wie der Kampf gegen die „neue Normalität“, die zu einer „neuen Weltordnung“ führen soll, gestaltet werden kann. Allen war klar: Es geht um Alles oder Nichts.

Wer an den physischen Treffen teilnahm und sich in den folgenden Monaten in den zahlreichen Videokonferenzen mit anderen austauschen konnte, erlebte etwas völlig Neues: Es gab keine Eitelkeiten, keine Dominanz, kein Streben nach Macht, Geld, Bedeutung, Präsenz. Geeint durch den Schreck, den der rasant durchgeführte Übergriff ausgelöst hatte, der allen gleichermaßen in den Gliedern steckte, gab es nur ein Ziel: gemeinsam diesen größten Angriff auf die Freiheit, auf die Menschheit insgesamt, parieren zu wollen. Die Mittel dazu sollten sein: Wahrheit und Solidarität.

Heute, über ein Jahr später, hat sich in der medialen Szene des Widerstandes ein eigener Markt entwickelt. Er folgt überraschenderweise mit seinen Gesetzen jenen marktwirtschaftlichen Regeln der „alten Ordnung“, die uns an den Punkt gebracht haben, an dem wir heute stehen: ein oligarchisch strukturiertes kapitalistisches System, das nicht nur die Märkte, sondern auch Meinungen monopolisiert und maßgeblichen Einfluss auf die Umsetzung von Freiheitsprojekten nimmt. Ob neue Aktionsformen oder die Schaffung neuer Medienplattformen: es haben sich dominante Persönlichkeiten in Stellung gebracht, wichtige „Posten“ besetzt und sich an die Erlösquellen gestellt.

Es geht jetzt wieder um Markt- und Meinungsführerschaft, Reichweiten und die Chance auf eine solide Monetarisierung. Wer mit seinem Produkt „nah am Kunden“ ist, hat größere Chancen auf Unterstützung. Wer glaubhaft machen kann, die Meinungsfreiheit besser zu schützen als andere, bekommt mehr Zuspruch, wer die besten Interviews ausliefert, erzielt die höhere Reichweite — und damit mehr Geld. Und wer den größten Nimbus als Freiheitspublizist hat, gewinnt auch noch den ersten Preis für Ruhm und Legendenbildung… und Geld für japanische Designer-Jeans bleibt auch noch übrig.

Wer mit exklusiven Informationen an den Widerstandsmarkt gehen kann und diese gezielt über ein Multi-Channel-Marketing verbreitet, hat die Chance auf hohe Zugriffszahlen — und damit auf mehr Kontakte und potenziell mehr Förderer, Nutzer, Kunden, Abonnenten. Daraus erklärt sich, weshalb es im Herbst 2021 schwieriger ist, an Daten anderer Freiheitspublizisten zu kommen. Sie wollen entweder das Exklusiv oder Geld dafür. Dass die Verbreitung und gemeinsame Nutzung brisanter Informationen im Interesse aller Menschen liegt, wurde zweitrangig. Business first. Money and fame.

Natürlich brauchen auch unabhängige Medien Ressourcen. Ausrüstung und Medienkapazitäten kosten Geld und selbst wenn die meisten Menschen pro bono arbeiten, muss echte Arbeit in umfangreicher Teilzeit oder Vollzeit auch irgendwie vergütet werden. Wer dauerhaft auf „Sendung“ sein will, muss sich finanzieren können — und tut das idealerweise aus der Tätigkeit für seine Leser und Zuschauer. Soweit so gut.

„Es geht ums Überleben“ hat aber eine Doppelbedeutung: Die Bestrebungen der Pseudoeliten, ihrer politischen und medialen Helfer, eine menschenfeindliche neue Weltordnung zu errichten, ist eine existenzielle Bedrohung für alle freien Menschen.

Wenn der Widerstand scheitert, wird der Widerstand untergehen und mit ihm alle unabhängigen Medien. Sich im Moment der schlimmsten Auseinandersetzung mit der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle für einen Infokanal zu befassen, seinen persönlichen Ruhm zu mehren, wirkt bizarr: Auf dem Weg zum Schafott noch ein paar Abos verkaufen?

Jenseits der Frage, ob uns die Kopie der Strukturen des alten Medienkapitaplismus in eine neue Zeit tragen können, wird im aktuellen Kampf gegen die dystopischen Kräfte ein anderer Umstand immer deutlicher: die unabhängigen Medien leben mit ihren Jüngern in einer Echokammer. Die inzestuösen Interviews — jeder aus der „Szene“ führt mit jedem aus der Szene ein kluges Gespräch — die Dauerschleife der Selbstbestätigungen, die ständige Wiederholung der gleichen Argumente und Gedanken trägt schon quasireligiöse Züge. Nicht nur „Corona“ ist ein Kult — der Widerstand ist es längst auch geworden.

Das Problem der Echokammer: alle darin gefangenen Menschen erleben zwar widerständiges Gedankengut. Sie fühlen sich aufgehoben in den Reihen der Gleichverzweifelten. Es schmeckt nach Freiheit, wenn die Erlösungsparolen skandiert werden. Allerdings passiert dies nur virtuell und überwiegend ohne Konsequenzen in der wirklichen Welt. Denn es ist ein geschlossener Raum. Zudem einer, der uns zugewiesen wurde. Wir bleiben in unseren Köpfen gefangen — obwohl wir vermeintlich (digital-virtuell) so viel erleben.

Die Plattformen, mit denen eine relevante Reichweite erzielt werden könnte (Youtube, Facebook, Twitter) haben die demokratische Opposition längst wegzensiert. Als Spielplatz wurde den Widerständlern Telegram zugewiesen. Das hat zwei Vorteile für das System: erstens wird Telegram von den bewusstlosen Bürgern als „Schwurblerplattform“ angesehen und die dortigen Inhalte generell als zweifelhaft abgelehnt — so wird Reichweite in die Allgemeinheit verhindert. Zweitens gelang es dem System, alle Gruppen und ihre Unterstützer auf diese eine Plattform zu lenken. So ist es ein Leichtes, zentral alle Beziehungsgeflechte zu analysieren und bedarfsweise zuzugreifen oder aber gleich die ganze Plattform zu sperren — Widerstand adé.

Der Ablasshandel der Pandemisten bietet einen klaren Deal an: Wer sich unterwirft und die Spritzen, die Unfreiheiten akzeptiert, sich anpasst und die Klappe hält, bedarfsweise auch seine Kinder auf dem Impf-Altar opfert, dem wird Erlösung versprochen (die es dann aber nicht gibt).

Der Ablasshandel der Widerstandsmedien ist ein anderer Deal: Gib uns Dein Geld, setz Dich aufs Sofa und genieße die Show. Folge Deinen Helden und werde Teil des Widerstandes, indem Du es ihnen überlässt, die Inszenierung zu bestimmen. Am Handy und am PC wirst Du eins mit ihnen und damit ihrem heroischen Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit. Der Lohn ist die Hoffnung auf Befreiung (die es dann aber nicht gibt).

Es ist auch hier eine Dressur zur Passivität. Digitale Vereinigungen sind in der Außenwelt wirkungslos. Sie erzeugen zwar ein Bewusstsein in der vernetzten Gruppe, aber weder echte Beziehungen noch tatsächliche Veränderungen.

Bisweilen legt sich der Gedanke nah, dass die digitale Passivierung der Widerstandsmassen eine gezielte Strategie des Systems ist. Es profitiert davon, dass Millionen Menschen im digitalen Raum verharren — denn so sind ihre Kräfte gebunden und ihre Wirkmächtigkeit im physischen Raum eliminiert.

Vielleicht erklärt das, weshalb wir noch auf Telegram unser Freiheitsunwesen treiben dürfen — damit wir nicht auf die Straße gehen und den anderen Menschen zeigen, wie viele wir doch sind und welche Macht wir haben, wenn wir uns erst einmal erheben.

Während sich die meisten unabhängigen Journalisten aus nichtmedialen Quellen finanzieren, ihre Ersparnisse aufbrauchen, ihre Häuser verkaufen oder beleihen, um Liquidität für den Freiheitskampf durch Information zu generieren, benötigen die großen Widerstandsunternehmer viel Geld. Solange aber die damit produzierten Inhalte nicht aus der Blase herausgesendet werden, verbraucht der Blasenkapitalismus nur Mittel zum Selbstzweck und entzieht dem Widerstand an zwei Stellen die Kraft.

Zum einen fehlt das Geld für kommunikative Reichweite außerhalb der Widerstandsblase — es ließen sich Flugblätter, Aufkleber, Guerilla-Medien, Reisekosten zu Demos finanzieren, Rechtsstreitigkeiten führen etc.. Zum anderen binden die Showmaster der Befreiungsbewegung den gerechten Zorn der kritischen Masse und sorgen somit für eine Passivierung des Widerstandes.

Der Freiheitskampf aber hat erst begonnen und die Zeit wird knapp. Ob in den letzten Tagen der Menschlichkeit eine Marktverteilung der neuen Märkte einer neuen Gesellschaft nach kapitalistischen Prinzipien zu irgendeinem Ziel führen kann, erscheint fraglich.

Die Aufgewachten fordern immer wieder, ARD und ZDF abzuschalten, um der Propaganda zu entgehen. Genauso legitim scheint es zu fordern, seinen alternativen Medienkonsum einzuschränken und sich klar zu machen, dass die Echokammer, die Blase, ein Ort der Erstarrung, der behaglichen Selbst-Deaktivierung ist. Egal wie viele Videos und Posts wir am Tag verarbeiten — es bleibt ein Blasentheater in unserem Kopf.   

Wir werden seit langer Zeit im einzig lebendigen Leben, dem analogen, beschnitten. Unsere Freiheiten, soziale Nähe, Begegnung, Austausch, Berührung werden unterbunden. Das ist Teil der Agenda (ID2020 etc.). Wir werden vom System in den digitalen Raum verwiesen. Denn dort sind wir mit unserem Verhalten und unseren Beziehungen vollständig kontrollierbar. Denn dort sind wir wirkungslos.

Das Leben ist analog, die Unterdrückung ist analog. Ein Widerstand kann daher auch nur analog funktionieren. Die Errichtung digitaler neuer Märkte in geschlossenen digitalen Sphären wird uns nicht weiterhelfen. Der Hyperdigitalisierung des Systems müssen wir die Analogisierung des Widerstandes entgegenstellen. Und genau dafür brauchen wir die Ressourcen der Aufständigen — nicht für die Entwicklung eines neuen Mainstreams in der digitalen Blase.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Beitrag erschien zuerst unter dem Titel „Der Verlust der Unschuld“ bei Laufpass.



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