Menschen, die sich nicht impfen lassen, wird oft vorgeworfen, dass sie sich irrational verhalten würden, dass sie nicht auf die Wissenschaft und die Erfolge der Medizin achten würden. Mit zunehmender Emotionalisierung der Debatte werden die Attribute stärker: „wirr“ seien sie, „nicht mehr bei Verstand“. Aber ganz so einfach ist es nicht. Dieser Text versucht, die Vernunft in der Impfentscheidung zu entschlüsseln. Achtung, Spoileralarm: Wer sich impfen lassen hat und sich über die Rationalität dieser Entscheidung auf keinen Fall verunsichern lassen will, sollte hier nicht weiterlesen. Alle anderen sollten sich in aller Ruhe und ohne die heimliche Frage „was will er denn damit suggerieren?“ auf den Gedankengang einlassen. Noch ein Spoiler: Am Ende steht, warum (und in welchem Sinn) es rational ist, sich impfen zu lassen. Von Jörg Phil Friedrich.

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Es gehört zu den wichtigsten Erfahrungen der Medizin, dass sich Ursache-Wirkungs-Beziehungen in ihrem Wirkungskreis nur durch statistische Methoden und niemals im Einzelfall aufzeigen lassen. Das ist bei einfachen physikalischen Zusammenhängen anders. Wenn ich einen Stein gegen eine Scheibe werfe und wenn diese Scheibe beim Auftreffen zerstört wird, dann weiß jeder, dass mein Steinwurf die Ursache des Schadens ist. Allerdings zerspringt nicht jede Scheibe bei jedem Steinwurf, und Scheiben können auch durch andere Ereignisse zerstört werden als nur durch Steinwürfe – auch da ist die Sache also ziemlich kompliziert – aber klar ist, dass diese konkrete Scheibe jetzt kaputt ist, weil ich einen Stein dagegen geworfen habe.

Selbst diese Sicherheit hat die Medizin im Einzelfall nicht. Gibt man einem Patienten eine Medizin und wird er daraufhin gesund, kann man nicht sagen, dass die Medizin die Genesung verursacht hat. Noch problematischer ist es, wenn eine Medizin gegeben wird, um eine Erkrankung zu verhindern, das ist selbstverständlich. Es gibt viele Gründe, warum ich während einer Grippe-Epidemie nicht an Grippe erkranke – vielleicht begegne ich schlicht keinem Infizierten.

Um zu sagen, dass die Medizin wirklich wirkt, brauchen wir eine Vorstellung davon, wie sie wirkt, das kennt man aus der Diskussion um die Homöopathie. Nur wenn wir uns ein Wirkprinzip wenigstens vorstellen können, glauben wir an eine Wirkung. Umgekehrt gilt genauso: Wenn wir uns ein Wirkprinzip überhaupt nicht vorstellen können, glauben wir auch nicht an die Wirkung. Nur wenige können sich vorstellen, dass Wasser ein Gedächtnis hat, welches irgendwie die Wirksamkeit eines homöopathischen Mittels zeigt, deshalb fällt es auch sehr schwer, an die Wirksamkeit von Globuli zu glauben, selbst wenn man viele Beispiele kennen würde, bei der jemand nach der Einnahme dieser Mittel zügig genesen ist. Daran würden wohl auch Statistiken nichts ändern, die einen Zusammenhang von Globuli-Einnahme und Heilung zeigen würden. Sobald aber die Wissenschaft einen Wirkmechanismus aufgedeckt hätte, der glaubhaft wäre, würde das Blatt sich wenden.

Für Impfungen gibt es Kenntnisse über ihre Wirkmechanismen, das steht außer Frage. Allerdings scheint es eine Reihe von weiteren Faktoren zu geben, die die tatsächliche Wirksamkeit der Mechanismen im Einzelfall beeinträchtigen oder begünstigen, darüber hinaus gibt es womöglich auch Wirkmechanismen, die zu unerwünschten oder gar gefährlichen Effekten führen. Dies alles ist von der konkreten Situation im einzelnen Organismus des einzelnen Menschen abhängig – aber diese konkrete Situation ist nur zum geringsten Teil bekannt.

Deshalb gibt es die statistischen Methoden der empirischen Studien. Sie können Aussagen treffen, ob eine Behandlung, etwa eine Impfung, insgesamt etwas bringt. Insgesamt heißt: Über eine große Gruppe von Menschen zeigt sich, dass die Behandlung, hier die Impfung, tatsächlich einen Effekt hat.

Das ist gesamtgesellschaftlich, für die Wirtschaft, die Kultureinrichtungen und für die Planungen des Gesundheitssystems wichtig. Wenn durch eine Impfung deutlich weniger Menschen krank werden und versterben als ohne Impfung und zugleich kaum jemand durch die Impfungen krank oder geschädigt wird, ist es aus Sicht von Staat und Gesellschaft vernünftig, dass sich möglichst alle Menschen impfen lassen.

Soweit die Rationalität der Gesellschaft und der Politik. Für den einzelnen Menschen sieht die Sache etwas anders aus. Er will nicht in erster Linie wissen, ob die Impfung statistisch nützt oder schadet, sondern ob sie ihm selbst nützt oder schadet. Rational für jeden Einzelnen ist es, sich darüber zu informieren, ob in seinem ganz konkreten Fall, in seinem individuellen Körper irgendwelche Faktoren gegeben sind, die die Impfung für ihn zur Gefährdung machen, zudem, ob in seinem konkreten Fall womöglich irgendetwas dazu führt, dass die Impfung bei ihm nicht den erwarteten Schutzeffekt erzielt.

Dazu muss die einzelne Person nicht einmal ein besonders selbstsüchtiger Mensch sein. Rational ist es, zu sagen: Ich will wissen, ob die Impfung bei mir persönlich den Effekt hervorruft, dass ich nach der Impfung weniger infektiös bin, weil ich mich ja zum Schutz meiner Familie impfen lassen will. Und ich will wissen, dass mir die Impfung nicht schadet, weil ich für meine Kinder oder meine Eltern sorgen muss. Wenn ich diese beiden Dinge nicht weiß, dann ist es vernünftig, dass ich mich lieber nicht impfen lasse – zumal ich vielleicht mit einigen geschickten Verhaltensänderungen dafür sorgen kann, dass ich mich nicht anstecke.

Nun wird aber kein Mediziner und keine Virologin dem Einzelnen seine Frage wirklich beantworten können. Die statistischen Methoden sind ja gerade dazu da, mit dem Unwissen und den Unsicherheiten hinsichtlich der tatsächlichen kausalen Zusammenhänge umgehen zu können. Die konkrete Unsicherheit über die verschiedenen komplexen Situationen über den einzelnen Menschen wird ersetzt durch die empirische Sicherheit der statistischen Auswertung.

Man könnte einwenden, dass eine Ärztin ihrer Patientin natürlich sagen könnte, dass es extrem unwahrscheinlich ist, dass sie eine schwere Nebenwirkung aus der Impfung erleiden muss, ein Mediziner könnte seinem Patienten auch auf wissenschaftlicher Basis versichern, dass es sehr wahrscheinlich sei, dass die Impfung ihn vor einer schweren Infektion schützt. Aber solche Aussagen sind genau besehen eben keine Aussagen über die einzelne Person, die da in der Arztpraxis steht, sondern über die große Zahl der Menschen in Deutschland. Für die einzelne Person ist die Gefährdung vorhanden oder nicht, die Faktoren, die zusammen mit der Impfung zur Komplikation führen, existieren oder existieren nicht, und die Gründe, die dazu führen, dass die Impfung bei dieser konkreten Person wirkt oder nicht wirkt, sind ebenso gegeben oder eben nicht gegeben. Man weiß es nur nicht – deshalb spricht man über statistische Aussagen.

Demzufolge ist es keineswegs irrational, sich gegen die Impfung zu entscheiden. Allerdings gibt es durchaus weitere rationale Gründe, die die Unsicherheit über meine konkrete Situation aufwiegen können. Da wäre zunächst die Unsicherheit darüber, ob ein Schutz vor der Ansteckung mit dem Coronavirus – und damit auch der Schutz vor der Weitergabe an Freunde und Familie – wirklich allein durch entsprechendes Verhalten möglich ist. Das kann allerdings nur jeder für sich beurteilen. Wer jeden Tag eine Stunde mit der vollen Vorortbahn pendelt und abends regelmäßig die Großmutter im Pflegeheim besuchen will, beurteilt das anders als jemand, der im Homeoffice arbeitet, sich nur hin und wieder mit gleichaltrigen und gesunden Menschen trifft und im Übrigen nur dann in den Supermarkt geht, wenn dort kaum jemand ist. Beide urteilen völlig rational.

Zudem könnte man sich eingestehen, dass man eigentlich andauernd die Statistik-Karte zieht, wenn man sich entscheidet, etwas zu tun oder zu lassen. Natürlich sind etwa die Gründe, die mich heute Abend in einen schweren Unfall verwickeln könnten, jetzt schon gegeben, und ich muss zugeben, dass ich nicht weiß, ob mich nachher ein LKW überrollt. Ich weiß nur, dass sehr wenige Menschen heute Abend von einem LKW überrollt werden – und dass mir so etwas bisher noch nicht passiert ist. Das reicht mir, um nachher sicher auf die Straße zu gehen.

Was die Impfung betrifft, kann ich mir sagen, dass ich ein ganz normaler durchschnittlicher Mensch bin, für mein Alter ziemlich sportlich und gesund – und in meiner Normalität entspreche ich dem abstrakten normalen durchschnittlichen gesunden Menschen, der die Impfung sehr gut verträgt. Es ist auch irgendwie vernünftig, sich als Durchschnittsbürger anzusehen, den die Impfung vor einem schweren Verlauf schützt, wenn er sich denn infiziert, und der weniger Viruslast an seine Umgebung weitergibt, und somit auch weniger zum Risiko für andere wird. Und wer will das schon – das wäre dann doch unvernünftig.

Titelbild: pathdoc/shutterstock.com



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