Tote waren in unserer Gesellschaft bis Anfang 2020 tabu. Es wurde zwar gestorben, doch geschah meist isoliert vom Rest der Gesellschaft, und dass ein jedes Leben endlich ist, wurde ausgeblendet. Dann kam das Coronavirus und mit einem Mal war der große Gleichmacher Tod wieder mitten unter uns.

Frühere Generationen wussten um ihre Sterblichkeit, weil sie diese bei anderen Tag für Tag erlebten. Das lehrte Demut, denn Sterben konnte jeder und das zu jeder Zeit, egal ob reich oder arm, intelligent oder dumm. Hinzu kam, dass der Blick auf die dunklen und weniger schönen Seiten unserer Welt nicht verstellt wurde.

Man wusste um all diese Dinge, nicht nur weil sie immer schon da waren, sondern weil man sie sah. Diese Bilder fehlen uns heute. Besonders in den sozialen Medien. Das Bild der Welt, das uns dort vor Augen geführt wird, besteht zu einem extrem hohen Prozentsatz aus schönen Erlebnissen und purer Lebensfreude.

Der schlechte Rest wird ausgeblendet und je nach dem ob Poster oder Betrachter entweder nicht gezeigt oder nicht mehr wahrgenommen, weil nur noch auf das ganz Offensichtliche geschaut wird.

Der blinde Fleck in unserer Psychologie kann krank machen

Eine Gesellschaft, die sich nur so darzustellen vermag, dass immer alles schön und heiter ist, entfremdet sich immer weiter von sich selbst, sowohl auf der individuellen wie auf der kollektiven Ebene. Leid und negative Gefühle, die beständig ausgeblendet und unterdrückt werden, haben aber die unangenehme Eigenschaft, irgendwann mit aller Macht zurückzukommen.

Wer das ignoriert, droht ihnen eines Tages hilflos ausgeliefert zu sein, denn kein Tag hat nur helle Stunden. Es gibt auch die Nacht. Wer auch zu ihr eine Verbindung aufbaut, auch zu seinen negativen Gefühlen in Kontakt tritt, ist mit sich selbst stärker verbunden und damit auch stabiler im Umgang mit Rückschlägen und Leid.

Echte gute Laune entsteht, wenn man nicht abhängig ist von Äußerlichkeiten, weder von der Zahl der erhaltenen Likes noch vom aktuellen Wetter. Es hilft, wenn wir uns beständig bewusst machen, dass das Leben beileibe nicht so schön und toll ist, wie es uns in der Werbung, in Hollywood-Filmen oder den sozialen Medien immer wieder vorgegaukelt wird.

Draußen auch die negativen Seiten des Lebens sehen zu wollen, ohne sich gleich an Katastrophen zu berauschen, und drinnen in uns selbst auch für die negativen Aspekte unseres Lebens eine Antenne zu entwickeln, ist gewiss nicht leicht. Aber dieser Herausforderung aus dem Weg zu gehen, ist auch keine Lösung, denn die Alternative bedeutet abzustumpfen.



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