Peng Shuai beschuldigte Anfang November den ehemaligen Vizepremierminister von China Zhang Gaoli, sie 2018 sexuell missbraucht zu haben. Seitdem gilt sie als verschwunden. Die chinesische Regierung hält sich hinsichtlich Kommentierungen bedeckt.

Die Tenniswelt rätselt um den Verbleib von Peng Shuai. Immer mehr prominente Spieler und Spielerinnen beim internationalen Tennis-Zirkus äußern ihre Sorgen und Bedenken zur derzeitigen Abwesenheit ihrer Kollegin. Ist sie nun verschwunden, abgetaucht oder wurde sie – wie mehrheitlich ohne Belege behauptet – von staatlicher Seite verschleppt? Westliche Medien sehen in dem Ereignis den ersten relevanten #MeToo-Fall Chinas.

Über ihren Account im sozialen Netzwerk Weibo, der chinesischen Version von Twitter und Facebook, behauptete die 35-jährige Wimbledon- und French-Open-Doppelsiegerin Anfang November, über einen Zeitraum von zehn Jahren mit Unterbrechungen eine Beziehung mit dem verheirateten Politiker Zhang Gaoli eingegangen zu sein. In diesem Text spricht sie von mindestens einem ungewollten sexuellen Übergriff im Jahre 2018.

Der Eintrag soll mit folgenden Sätzen begonnen haben:

“Ich weiß, ich kann das nicht genau erklären und auch wenn ich es versuchte, wird es keinen Unterschied machen, aber ich möchte es trotzdem loswerden. Ich bin eine Heuchlerin. Ich gebe zu, keine gute Frau zu sein – ich bin sogar eine sehr, sehr schlechte Frau.”

Im Weiteren ging sie laut aktuellen Darstellungen in dem Posting auf die Nötigung durch den Politiker ein:

“Warum musstest du zu mir zurückkommen, hast mich zu dir nach Hause gebracht, um mich zum Sex mit dir zu zwingen. Ich kann nicht beschreiben, wie angewidert ich war und wie oft ich mich gefragt habe, ob ich noch ein Mensch bin. Ich fühle mich wie eine wandelnde Leiche.”

Die Echtheit des Postings, das kurz nach der Veröffentlichung wieder gelöscht wurde, konnte laut dpa nicht verifiziert werden. 

Der Beschuldigte, ein mittlerweile 75-jähriger Politiker, war von 2013 bis 2018 Vizepremierminister in China. Von 2012 bis 2017 war er zudem Mitglied des Ständigen Ausschusses des Politbüros der KP und damit einer der mächtigsten Politiker des Landes.

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Laut dem Schweizer Nachrichtenportal Watson wäre die Tennisspielerin in ihrem Posting auch auf ihre Vergangenheit eingegangen: “Sie habe ihr Familienhaus früh verlassen müssen (…) Sie habe keine Liebe gespürt, habe sich selbst gehasst, habe es gehasst, überhaupt auf die Welt gekommen zu sein.”

Der chinesischen Regierung wird nun vorgeworfen, unmittelbar mittels zensorischer Maßnahmen reagiert zu haben. Laut dpa lieferte die Suche nach dem Namen der Sportlerin mit Löschung des Beitrags auf Weibo keine relevanten Ergebnisse mehr. Diskussionen zu dem Thema wären blockiert. Benutzer von WeChat und QQ, zwei populären Chat-Apps, wären teilweise daran gehindert worden, sich gegenseitig Screenshots von dem Posting des Tennisstars zuzusenden.

Der Fall nimmt inzwischen internationale Dimensionen an. Die Gerüchteküche erhielt neues Material, nachdem eine angebliche Mail der weiterhin als vermisst geltenden chinesischen Tennisspielerin Peng Shuai am 17. November ihren Weg in die Medienwelt fand. Diese Mail hat jedoch bei der Spielerinnen-Organisation Women’s Tennis Association (WTA) eher erhebliche Zweifel hinsichtlich ihrer Authentizität geweckt und die Besorgnis noch vergrößert.

Chinas staatliches Auslandsfernsehen CGTN veröffentlichte auf Twitter diese Mail, die die 35-Jährige selbst geschrieben und an den WTA-Chef Steve Simon gerichtet haben soll. Ihre aktuelle Lage sehe demnach so aus: “Ich bin weder verschwunden noch gefährdet, ich habe mich nur zu Hause ein bisschen ausgeruht, und alles ist gut”. Sie kritisierte: “Was die kürzlich auf der offiziellen Website der WTA veröffentlichten Nachrichten betrifft, so wurde der Inhalt von mir nicht bestätigt oder überprüft und ohne meine Zustimmung veröffentlicht.” Dies bezog sich auf Äußerungen vom WTA-Chef Steve Simon, der am Donnerstag mitteilen ließ, dass die Organisation bereit sei, sich aus den Geschäftsvereinbarungen mit China zurückzuziehen und dabei möglicherweise Millionen von Dollar zu verlieren: “Wir sind auf jeden Fall bereit, unsere Geschäfte zurückzuziehen und uns mit allen damit verbundenen Komplikationen auseinanderzusetzen.”

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Zudem schrieb Shuai in der Mail, die Darstellung, sie sei Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden, “nicht wahr” ist. Auf den Gesamtinhalt des Textes in ihrem ersten Posting, das den Vorgang erst ausgelöst hatte, wurde in der Mail nicht eingegangen.

Führende Köpfe der Tennisszene – wie Serena Williams, Naomi Osaka, Novak Đoković  und Alexander Zverev – zeigen sich daher weiterhin sehr besorgt über das fortdauernde Abtauchen der Tenniskollegin. 

Selbst die Vereinten Nationen (UN) sahen sich am heutigen Freitag gezwungen, ein Statement zur Causa Shuai abzugeben: “Es wäre wichtig, Beweise für ihren Aufenthaltsort und ihr Wohlergehen zu haben. Wir würden darauf drängen, dass es eine Untersuchung mit voller Transparenz zu ihren Vorwürfen der sexuellen Nötigung gibt”, so Liz Throssell, die Sprecherin des UN-Menschenrechtsbüros beim Hohen Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte.

Das chinesische Außenministerium verharrt auf seiner bisherigen Strategie, dass es nichts von der Kontroverse um den Tennisprofi Peng Shuai wisse. Am heutigen Freitag sagte der Sprecher des Ministeriums Zhao Lijian gegenüber Reportern, die Angelegenheit sei “keine diplomatische Frage, und ich bin mir der Situation nicht bewusst”. Anders formuliert, es gäbe nicht wirklich etwas Aufklärendes beizutragen.

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