In „100 Karten über Sex“ gibt es keine Hierarchie zwischen Humor und Ernst

Alle G-Punkte

Der Katapult-Verlag erfreut seit Jahren mit Karten zu so wichtigen Themen wie den schrägsten Friseurläden oder Punkband-Namen. Aber nun widmet er sich dem Thema schlechthin: Sex. 100 Karten über Sex präsentiert witzige, spannende, aber auch betrübliche Karten zum Thema Sex. In welchen Ländern stehen Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe? Und wie viele Tierarten praktizieren Sex zum Spaß? Tipp: Bonobos und Delfine stehen dem Menschen in nichts nach. Das Team um Daniela Krenn und Sebastian Haupt – denn natürlich braucht es viele, um über Sex nachzudenken – widmet sich Sex dann auch nicht als rein körperlicher Affäre. Man spricht über „Liebe, Leidenschaft, Geschlechterrollen und Identität“. Natürlich kann Sex auch etwas anderes sein – „aromantisch, transsexuell oder transgender“. Es gibt viel zu ergründen. „Wir wussten auch nicht alles. Wollten es aber wissen.“

Dass es die Autoren wissen wollen, zeigt auch die prominente Platzierung der Vulva auf dem Cover. Einer korrekten Vulva, mit gut sichtbarer Klitoris und der Einladung, den versteckten G-Punkt (eigentlich ein Areal, wie das Buch aufklärt) zu finden.

Penis im Staubsauger

Man lernt in diesem Buch viele kuriose Fakten, die reichlich Futter für Small Talk bei der nächsten Party liefern. Wusstest du, dass Mauersegler in der Luft Sex haben? Nein? Kannste mal sehen. Und wer weiß schon, dass es weltweit so viele intergeschlechtliche wie rothaarige Menschen gibt? Nicht minder interessant sind die international gebräuchlichen Metaphern für „Sex haben“: Die katholische Prägung Frankreichs spürt man, wenn man die Wendung „den kleinen Jesus in die Krippe legen“ hört. Ein bisschen unerklärlich dagegen wirkt das Spanische „den Zyklopen blind machen“. Man denkt sogleich an Odysseus. Wer hat mit dir Sex gehabt? Niemand. Niemand!

Nicht minder partytauglich ist der Fun Fact, dass der Staubsaugerhersteller Vorwerk die Konstruktion seines Modells Kobold änderte, nachdem Männer ihren Penis in das Ansaugrohr gesteckt hatten, wo er von den rotierenden Ventilatorblättern – ach, ich erspare Ihnen die Details. Angeblich hat sich „Morbus Kobold“ unter Medizinern als Terminus für Penisverletzungen durch Staubsaugermasturbation durchgesetzt. Kaum zu glauben, but it’s a thing.

Über allerhand Kuriositäten hinaus leistet das Buch aber auch echte Aufklärung über gefühlte Wahrheiten in puncto Sex. Jugendliche haben immer früher Sex? Stimmt nicht. Der Trend ist eher rückläufig. Vor allem Jugendliche selbst hegen falsche Vorstellungen davon, wie früh (und wie häufig) ihre Altersgenossen Sex haben. Tendenziell flunkern die Peers und geben mit sexueller Erfahrung an, die sie gar nicht haben. Immer noch ein Tabu: Jungfräulichkeit im fortgeschrittenen Alter. In einer Zeit, in der Sex auch als Bestandteil einer voll entfalteten Persönlichkeit erscheint, wirkt es geradezu skurril, wenn einer noch keinen hat.

Ziemlich traurig sind die Statistiken zu globalen Gesetzgebungen. So ist Sex unter Männern in mindestens 71 Ländern verboten, lesbischer Sex wird in 43 Ländern in Gesetzestexten erwähnt. Bezeichnenderweise stammen viele der Gesetze oder ihre Vorläufer noch aus Kolonialzeiten und wurden nach der Unabhängigkeit der Staaten in neue Gesetzestexte übernommen. Paradoxerweise dienen sie heute allerdings als Abgrenzungsmerkmal zum dekadenten, moralisch verkommenen Westen. Wie komplex die Regelung von Sex durch den Gesetzgeber ist, zeigen auch die Gesetze zum Inzest, die allein in den europäischen Ländern erstaunlich divers sind. Nur unter ganz bestimmten Bedingungen ist Inzest in einigen Ländern strafbar. Oft nur dann, wenn Nachkommen gezeugt werden könnten.

Das Wunderbare an diesem Buch ist, dass es mit Leichtigkeit Themen von großer Ernsthaftigkeit mit solchen verbindet, die eher zum Schmunzeln einladen. Wie viele Päpste starben eigentlich beim Sex? Mindestens fünf, darunter Johannes XII., sollen dabei entweder durch Herzschlag oder den beherzten Schlag eines betrogenen Ehegatten gestorben sein. Solche erheiternden historischen Fakten (erheiternd freilich nicht aus der Perspektive des Papstes) stehen neben Statistiken zur steigenden Zahl von HIV-Infektionen insbesondere in Osteuropa, wo die sexuelle Aufklärung nur mangelhaft ist. Oder neben einer Karte zu Schwangerschaftsabbrüchen mittels Drohne und Schiff. Wie bitte? Richtig gehört! Die niederländische Organisation Women on Waves fährt Frauen per Schiff in internationale Gewässer; an Bord gelten die Gesetze der Niederlande, wo Abtreibung bis zur 24. Woche legal ist. Die Organisation warf auch Abtreibungsmedikamente mithilfe von Drohnen ab. Eine ganz neue Art von Drohnenkrieg – gegen Geschlechterungerechtigkeit.

Mehr Spaß im Alter

Womöglich am schönsten sind die Karten, die eigene Vorurteile oder Missverständnisse widerlegen. Wer hat den besten Sex? Frauen zwischen 66 und 75 Jahren zeigen sich besonders zufrieden. Zwar nimmt die Häufigkeit sexueller Kontakte im Alter ab, der Spaß dabei aber offensichtlich nicht. Womöglich nicht weniger überraschend: In einer britischen Studie gaben 22 Prozent der 55- bis 64-Jährigen an, mit ihrem Körper zufrieden zu sein – der Spitzenwert unter den Altersgruppen. Zum Vergleich: Bei den 18- bis 24-Jährigen waren es nur 7 Prozent.

In einer anderen Frage herrscht bei jungen Leuten Sicherheit: Über ihre Geschlechtsidentität sind sich die meisten Menschen vor ihrem 14. Lebensjahr im Klaren. Viele Transsexuelle wissen es bereits im Alter von fünf Jahren.

100 Karten über Sex ist eine Fundgrube für allerlei Fakten. Und gerade die Tatsache, dass es keine Hierarchie zwischen Ernst und Humor, trivialem und fundamentalem Wissen über Sex gibt, macht seinen Charme aus. Sex ist eben immer beides: verdammt ernst und unglaublich komisch.

Info

100 Karten über Sex Katapult 2021, 208 S., 22 €

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