Schlagen wir einen Bogen.

Jeder Student der Soziologie, jedenfalls war das früher der Fall, wird im Laufe seines Studiums mit Emile Durkheim, einem der Klassiker der Soziologie konfrontiert und, wenn die Beschäftigung mit Durkheim nicht nur oberflächlich erfolgt, dann mag es sogar sein, dass er von der Idee eines “kollektiven Gedächtnisses”, die Durkheim und Maurice Halbwachs mehr oder weniger zusammen entwickelt haben, hört. Kollektives Gedächtnis ist ein Begriff, den man leicht als Humbug ablehnen kann, vor allem wenn man sich einem individuellen Ansatz verpflichtet fühlt. Indes auch Ansätze, die individuelle Akteure und ihre Handlungen zum Ausgangspunkt nehmen, räumen ein, dass ein Akteur in einem Handlungsrahmen und nicht im luftleeren Raum agiert. Und der Begriff “kollektives Gedächtnis” beschreibt einen solchen Handlungsrahmen.

Durkheim nimmt an, dass Handlungen in einem Rahmen stattfinden, der durch die sozialen Bedingungen strukturiert wird, die in einer Gesellschaft herrschen. Einfachstes Beispiel: Fast niemand kommt auf die Idee, im Supermarkt mit Zwiebeln zu bezahlen, denn es gibt klare soziale Regeln, die definieren, was als Zahlungsmittel gilt und was nicht. Jede Gesellschaft zeichnet sich durch ein bestimmtes Set sozialer Regeln aus, die es Individuen nicht nur ermöglichen, handlungsfähig zu sein, sondern auch, sich durch adäquates Handeln sozial zu positionieren. Die Ausprägung dieser Regeln mag sich über Zeit ändern. So ist es offenkundig, dass die Zeit, zu der Politiker integer und kenntnisreich sein mussten, um sich als wählbar zu präsentieren, ebenso vorbei ist wie die Zeit, in der man sozialen Status nur über Arbeit erlangen konnte. Die Mittel, die eine Gesellschaft ihren Mitgliedern zur Verfügung stellt, um “sozialen Status” zu erreichen, sie wandeln sich. Was sich nicht oder nur sehr langsam ändert, sind die Strukturen innerhalb deren diese Mittel eingesetzt werden. Diese Strukturen sorgen also für Kontinuität, und sie sind etwas schwieriger herauszuarbeiten als die Mittel, die genutzt werden können, um sich sozial zu positionieren.

Als Destillat aus der deutschen Geschichte kann man zu dem Schluss kommen, dass Deutschlands kollektives Gedächtnis einen hierarchischen Gesellschaftsaufbau zum zentralen Kern hat, dessen Positionen mit Vollmachten versehen sind, die es Positionsinhabern ermöglichen, begrenzte Macht über Andere auszuüben. Mit diesen Positionen geht eine explizite Orientierung nach “oben” einher. Ein Positionsinhaber fühlt sich nicht denen, denen er Service leisten soll, denn gesellschaftliche Positionen dienen normalerweise dem Zweck, Bürgern einen Service zu leisten, verpflichtet, sondern seinem Dienstherrn, demjenigen, den er über sich verortet. Damit einher geht eine Scheu vor Verantwortung, die viele Positionsinhaber nach Absolution für eigenes Verhalten in Anweisungen oder Vorgaben suchen lösst bzw. dann, wenn sie noch nicht Positionsinhaber sind, mit einem Bemühen einhergeht, sich als besonders williges Miglied aus der potentiellen Gruppe der Positionsinhaber auszuweisen. Letzteres erfolgt durch eine Mischung aus vorauseilendem Gehorsam, einer Form der Verordnungsantizipation und Schleimen und führt zu einem Verhaltensmuster, das in der Geschichte häufig beschrieben wurde.

Dazu kommen wir gleich.

Da sich potentielle Positionsinhaber oder aktuelle Positionsinhaber bei denen andienen wollen, die sie über sich verorten und nicht etwa ein Ethos der Bürgerlichkeit mitbringen, das eine natürliche Solidarität mit anderen Bürgern umfasst und ein natürliches Misstrauen gegenüber denen, die sich “dem Staat” zuordnen, geht ihr Verhalten IMMER und unweigerlich mit einer Aversion gegenüber “normalen Bürgern” einher, eine Aversion, die dann, wenn man sich als gefügig bei der “Obrigkeit” andienen will, notwendig mit Boshaftigkeit und oft auch Hass denen gegenüber kombinier wird, die sich (bislang) nicht gefügig zeigen.

Der derzeitige Umgang mit Menschen, die von ihrem Recht, sich nicht impfen zu lassen, Gebrauch machen, ist ein hervorragendes Beispiel, um das Gesagte darzustellen. Das Recht, sich nicht impfen zu lassen, ist ein Naturrecht, das nicht “überschrieben” werden kann. Es ist ein fundamentales Recht, eines, das auch nicht bei der Gesundheit anderer endet, denn ungleich dem, was Polit-Darsteller und ihre Nachläufer derzeit behaupten, gibt es KEIN RECHT darauf, Andere auf den Schutz der eigenen Gesundheit zu verpflichten. Wer z.B. Angst hat, durch Ungeimpfte angesteckt zu werden, so hanebüchen eine solche Angst auch sein mag,  der kann nicht erwarten, dass Ungeimpfte von den Orten ausgeschlossen werden, an denen er sich aufhalten will. Er muss, wenn er tatsächlich so große Angst hat, in seinen vier Wändern verweilen. Das meiste von dem, was derzeit unter dem Begriff “Solidarität” sprachlich ausgeworfen wird, ist kollektiver Unrat, der eine Entität erfindet, eine “Volksgesundheit”, der dann Einzelne verpflichtet werden sollen, um sie zu kontrollieren, zu unterwerfen, sie gefügig zu machen. Die drei wichtigsten Ziele des totalitären Staates.

Es gibt keine Volksgesundheit. Es gibt nur die Gesundheit Einzelner und die wiederum steht in der Verantwortung des Einzelnen. Nur Akteure, denen totalitäre Gefängnisse als Gesellschaft vorschweben, Gesellschaften, in denen es darum geht, individuelles und somit wenig kontrollierbares Handeln gleichzuschalten und in Abweichungen zu unterdrücken, haben ein Interesse daran, Individuen aus der Pflicht, die eigene Gesundheit zu schützen, zu entlassen und diese Pflicht anderen aufzuerlegen, denn nur auf diese Weise ist es möglich, gesellschaftliche Gruppen, die totalitären Herrschern gefährlich werden können, zu unterdrücken, ihre Mitglieder zu Sündenböcken zu erklären, auszugrenzen, zu internieren und letztlich zu eliminieren.

Dazu benötigen totalitäre Akteure jedoch die Hilfe von Teilen ihrer Bevölkerung. Und das führt zurück zum kollektiven Gedächtnis.

In Deutschland scheint es einen festen Stamm von Akteuren zu geben, die sich – sobald sie die Gelegenheit dazu wittern – mit denen, die sie über sich verorten, die sie für ihre Obrigkeit halten, verschwören, direkt oder andienend in vorauseilendem Gehorsam, um gegen MITBÜRGER vorzugehen, die den Frevel begangen haben, etwas anderes als vorgegeben getan zu haben. Dieser Stamm von Sykopanten ist unverzichtbar, wenn es darum geht, totalitäre Strukturen durchzusetzen, wie es sie in der Geschichte der Deutschen so häufig gegeben hat. Sie dienen sich als Kämpfer für die Demokratie an, was nichts anderes bedeutet, als dass sie freiwillig diejenigen ausschnüffeln und ausgrenzen, die die Staats-Ideologie kritisieren. Sie dienen sich als Blockwarte an, die Mitbürger für vermeintliches Fehlverhalten denunzieren. Sie dienen sich als vorauseilende Wasserträger an, die sich rigide Maßnahmen ausdenken, mit denen nicht gefügige Mitbürger traktiert werden können, Maßnahmen, die bislang kein staatlicher Akteur eingesetzt hat. Die Freude daran, sich mit denen gemein zu machen, die sich als “Herrscher” inszenieren wollen und sich von den Mitbürgern dadurch zu differenzieren, dass man in einer Mischungs aus Boshaftigkeit und Schleimerei die Sache des Staates zur eigenen Sache macht oder vorauseilend Gängelungsmaßnahmen erfindet, die man dann mit Freude in die Welt posaunt, ist ein totalitäres Erbe, das in Deutschland verbreitet ist, eines, das im Zusammenhang mit dem Dritten Reich von einer Vielzahl von Wissenschaftlern beschrieben wurde:

So berichtet Lawrence Reece (2005, S.60) von den Würzburger Gestapo-Akten, deren Analyse u.a. ergeben hat, dass die Gestapo mit anonymen Anzeigen von Deutschen überflutet wurde. Dabei reichte bereits das Verweigern des deutschen Grußes, um von seinen Nachbarn bei der Gestapo denunziert zu werden.

Ian Kershaw hat in diesem Zusammenhang die Bezeichnung “working towards the Führer” geprägt (Kershaw, 2008), um damit den vorauseilenden Gehorsam vieler Deutscher in allen Schichten und Funktionen zu beschreiben, der darin bestand, sich als besonders effizienten “Kämpfer” für die Sache der NSDAP zu profilieren. Denunziation von Nachbarn war, wenn man so will, das Mittel in der Hand der “ordinary citizens”, während sich die direkte Umgebung von Hitler eher darin gefiel, die Zustimmung des Führers zu von ihnen ausgeheckten Maßnahmen wie z.B. die Ermordung von Behinderten in den entsprechenden Heimen zu erheischen. Waren diese Maßnahmen erst einmal etabliert, dann zeigte sich regelmäßig, dass die Ausführenden vor Ort, also die Ärzte in Heimen wie z.B. Aplerbeck, die “Euthanasie” Behinderter  im wahrsten Sinne des Wortes in die eigene Hand nahmen und eine Mord-Effizienz an den Tag legten, die eigenmotiviert war, nicht das Ergebnis dezidierter und am Einzelfall ausgerichteter Mordbefehle (Reece, 2005, S.73-77).

Daran, dass Deutsche mit dem Regime recht zufrieden waren und das Regime es nicht nötig hatte, seine Bevölkerung mit der eisernen Knute zu unterdrücken, lassen auch die Ergebnisse einer groß angelegten und sich über Jahre erstreckenden Studie keinen Zweifel, Ergebnissem die Eric A. Johnson im “British Journal of Criminology” veröffentlicht hat: “The evidence presented here leads to the conclusion that consent and cooperation, rather than fear, terror and coercion, characterized the experience of most German people during the Third Reich, so long as they were not Jewish or Communist or from a few other minority groups” (Johnson, 2011, S.611). [Übersetzung: Die Belege, die in dieser Arbeit präsentiert wurden, lassen nur den Schluß zu, dass Zustimmung und Kooperation, nicht Angst, Terror und Zwang die Haltung der meisten Deutschen im Dritten Reich zu beschreiben vermag, jedenfalls solange diese Deutschen keine Juden, Kommunisten oder Angehörige einer anderen Minderheit waren.]

Die zitierte Aussage ist das Ergebnis einer sehr umfangreichen Untersuchung, in deren Verlauf über mehrere Jahre hinweg u.a. mehr als 1000 zufällig ausgewählte Verfahrensakten von Gestapo und Sondergerichten für Bergheim, Köln und Krefeld analysiert wurden, sowie mehr als 3000 Deutsche (Juden und Nicht-Juden), die zur Zeit des Dritten Reiches in Köln, Krefeld, Dresden oder Berlin lebten, und 8000 weitere Deutsche befragt wurden. Das für deutsche Verhältnisse umfassende Datenmaterial zeigt, dass die Strafverfolgung im Dritten Reich eine sehr selektive Strafverfolgung war, die sich nicht an der begangenen Straftat ausgerichtet hat, sondern an der Person dessen, der die Straftat begangen hat. So hatten nicht-jüdische oder nicht-kommunistische Deutsche eine verschwindend geringe Wahrscheinlichkeit z.B. wegen einer Beschimpfung von Hitler strafrechtlich belangt oder gar in ein Konzentrationslager verschleppt zu werden, während jüdische oder kommunistische Deutsche, die z.B. einen Hitlerwitz erzählten, mit fast 100%tiger Sicherheit damit rechnen konnten, im KZ zu landen: “Clearly, this has to mean that the Gestapo, police, Nazi party and other authorities did not blanket the entire population with terror and fear, and did not even try to police most criminal offences” (Johnson, 2011, S.610). [Übersetzung: Dies lässt nur den Schluss zu, dass Gestapo, Polizei, NSDAP und andere Behörden die Bevölkerung nicht mit Terror und Angst überzogen haben, dass sie nicht einmal die Mehrzahl begangener Straftaten verfolgt haben.]

Die dargestellten Analysen lassen somit nur den Schluss zu, dass das Dritte Reich von Teilen seiner Bevölkerung freiwillig mitgetragen und vorauseilend gehorsam unterstützt wurde.

Es ist erschreckend, dass der derzeitige Wettbewerb, in dem sich Akteure darin überbieten, sich Gemeinheiten für Nichtgeimpfte zu überlegen, in der Hoffnung, sich dadurch sozialen Status erschleimen zu können, die derzeitige in Teilen der Bevölkerung herrschende Übereinkunft der Geimpften (Deutschen), dass die Nichtgeimpften (Juden) an allem Unheil wie es derzeit mit steigenden Fallzahlen inszeniert wird, schuld seien, sie steht in einer direkten Tradition zu dem gerade Beschriebenen. Die Strukturen, die das ermöglichen, sind nach wie vor vorhanden. Sie sind kollektives Gedächtnis. Das einzige, was derzeit noch fehlt, das ist der Führer, dem die vorauseilend Gehorsamen zujubeln können.

In den nächsten Posts bringen wir ein paar Beispiele für Akteure, die sich darin gefallen, in Opposition zu Mitbürgern zu gehen, um sich als besonders gute Untertanen bei denen anzudienen, die sie für ihre “Obrigkeit” halten und, wie sie hoffen, zudem sozialen Status zu erheischen.

Wir haben uns überlegt, wie wir diese bösartigen Akteure, die sich im Bemühen, sozialen Status zu erheischen, bei dem, was sie für die Mehrheit und die “Obrigkeit” halten, andienen, nennen. Unser Vorschlag: Malignofanten – eine Mischung aus Malignance [engl. für Bösartigkeit] und Sykophant [der gewöhnliche griechische Informer, wenn man so will, die Kahane / der IM der alten Griechen].

 


Literatur

Johnson, Eric A. (2011). Criminal Justice, Coercion and Consent in ‘Totalitarian’ Society. British Journal of Criminology 51(3): 599-614.

Kershaw, Ian (2008). Hitler, the Germans, and the Final Solution. New Haven: Yale University Press.

Reece, Lawrence (2005). The Nazis. A Warning from History. London: BBC Books.



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