Von Matthias Heitmann

Eigentlich sind wir doch alle ein bisschen retro, oder? Jeder trägt die Kleidung, die er früher gekauft hat, und wohnt in einer Wohnung, die er früher so eingerichtet hat. Unsere Selfies zeigen Momentaufnahmen, die vergangen sind und niemals wiederkommen – und warum das alles? Um die Timeline zu füllen, nicht die in den sozialen Medien, sondern unsere gedanklichen Lebenszeitlinien.

Die meisten Menschen neigen dazu, Halt und Sinn im Leben in der Vergangenheit zu suchen. Die Sehnsucht nach dem Damals ist ein ständiger Beifahrer, und wenn Gegenwart und Zukunft gerade wenig Orientierung zu bieten scheinen, dann muckt er auf und versucht, einem ins Lenkrad zu greifen. Inmitten der Corona-Pandemie, in der die Aussicht auf Normalität durch immer neue Horrormeldungen vernebelt wird, wird die Nostalgie auf dem Beifahrersitz gefährlich übergriffig. Fast erscheint es da als naheliegend, das Steuer demjenigen zu überlassen, der zumindest glaubhaft vorgibt zu wissen, wo er hinwill – und wenn es auch nur zurück ist, getreu dem Motto: Wer umkehrt, verwandelt den Gegenwind in Rückenwind.

Während gerade eine weitere Pandemie- und Angstwelle durch das Land schwappt und nahezu alle Hoffnungen auf Entspannung und Normalisierung zum Jahresende über Bord spült, baut sich eine Nostalgiewelle auf, und sie durchdringt fast alle Bereiche des Lebens. Politisch ist die Ablösung der Merkel-Regierung im vollen Gange, ohne jedoch irgendeine Aufbruchstimmung zu erzeugen, im Gegenteil: Die Bevölkerung soll möglichst nichts von dem erfahren, was im Namen der Ampel ausgeheckt wird. Vertrauen erzeugt man so eher nicht. Schon jetzt wird skeptisch hinterfragt, ob die kommende Regierung wirklich besser mit der Lage umgehen werde als die noch amtierende. Derweil sucht die gebeutelte CDU im Scherbenhaufen ihrer Vergangenheit nach ihrer Zukunft, und sie tut dies mit Kandidaten, die entweder bis zum Hals im Jetzt stecken oder aber nun als erprobte Verlierer zurück ins Rampenlicht kriechen. Aber in Ermangelung von Alternativen klammert man sich an Personal, das zwar auch früher nicht prägend war, aber immerhin dem Früher entsprang und damit heute hausieren geht.

Mit der Suche nach vergangenen Lösungen für die Probleme von heute und morgen wird die Politik mit Nostalgie geradezu geflutet. Während die einen im Lastenfahrrad die Zukunft der urbanen Mobilität sehen, wollen andere zurück zu homogenen Gesellschaften und kultureller Übersichtlichkeit. All dies geht einher mit einer ausgeprägten politisch-historischen Amnesie, einer Art geschichtlich-gesellschaftlichem Gedächtnisverlust. Nur so ist es zu erklären, dass Politiker, die in der Vergangenheit von Noch-Kanzlerin Merkel in den Schatten gestellt wurden, nun als Hoffnungsträger gebrandet werden. Der Gedächtnisverlust lädt auch zum Dramatisieren ein: Wer erinnert sich heute noch an den Zustand der CDU, als Angela Merkel die Ära Kohl beendete und das Ruder an sich riss? Wer sich angesichts der heutigen Lage der Partei nach alten Zeiten zurücksehnt, hat schlicht verdrängt, dass das Schiff auch damals nach Jahrzehnten unter Helmut Kohl seeuntauglich gewesen war – sonst hätte man Merkel nicht zur Kapitänin auserkoren.

Das Fatale an politischer Amnesie ist: Wer verdrängt, wie Probleme entstanden sind, läuft Gefahr, sie zu wiederholen. Die Aussage „Geschichte wiederholt sich“ ist das Eingeständnis, aus ihr offenkundig nichts gelernt zu haben und dies auch nicht zu wollen. Die gegenwärtig enorm getrübte gesellschaftliche Stimmung rührt nicht zuletzt daher, dass die Konzeptlosigkeit der Politik im Umgang mit der Corona-Krise den Eindruck vermittelt, alles wiederhole sich und drehe sich im Kreis. So verfestigt sich die zutiefst deprimierende Ansicht, vor Februar 2020 sei die Welt „noch in Ordnung“ gewesen. Doch auch hier regiert wieder der Gedächtnisverlust.

Zur Erinnerung: Vor 2020 lag das Jahr 2011 mit dem absurd-abrupten Atomausstiegsbeschluss sowie das Jahr 2015, in dem man meinte, die Bevölkerung in Migrationsfragen nicht mitnehmen zu müssen. Das Jahr 2019 bereitete uns auf das Phänomen von Ausnahmezuständen vor. In mehr als 50 Städten und Kommunen wurde der „Klimanotstand“ verhängt und die Entscheidungsfindung vor Ort an traditionellen demokratischen Kanälen vorbei eingeübt. Gleichzeitig probte in Berlin das „Klima-Kabinett“ – ein Konstrukt, bei dem man im Jahr darauf dann nur noch den inhaltlichen Schwerpunkt leicht nachjustieren und es in „Corona-Kabinett“ umtaufen musste. „Das ist doch etwas ganz anderes!“, rufen die Kritiker. Natürlich, aber genau das zeichnet das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aus. Und weil sie verschieden sind, hängen sie miteinander zusammen, weshalb auch ein Zurück der helle Wahnsinn ist, wenn es denn möglich wäre, was es zum Glück nicht ist, es sei denn, wie ein alter weißer Mann einmal schrieb, „als Farce“.

Vor Februar 2020 war also nicht alles gut: Alle Trends, die den heutigen Umgang der Gesellschaft mit der Herausforderung Corona prägen, waren bereits vorhanden: Angst und Misstrauen gegenüber allen und jedem, Verdruss mit Politik und Gesellschaft, paranoide Züge im Umgang mit Risiko- und Gesundheitsthemen – und das alles in Zeiten großer Perspektivlosigkeit, tiefer Spaltung, heruntergekommener Debattenkultur bei gewollter Abgehobenheit des Politikbetriebs. Der heutige Konservatismus, der sich darauf beruft – und oft auch darauf beschränkt –, das Rad der Geschichte zurückdrehen zu wollen, muss scheitern, denn er selbst hat ja die Weichen gestellt, auf denen das Rad den Weg hierher gefunden hat. Das Hoffen darauf, dass das Leben eine Rückspultaste hat, ist verständlich – aber zu glauben und so zu tun, als habe man sie gefunden, ist bemitleidenswert.

„Willkommen in Amnesisch-Nostalgistan!“, mag man ausrufen. Und tatsächlich fühlt es sich so an, als wäre Gedächtnisverlust und Geschichtsklitterung ein nicht minder ansteckender Virus. Wie stark dieser zukunftsskeptische und fortschrittsfeindliche Impuls verbreitet ist, zeigt sich gerade auch in explizit unpolitischen Feldern des öffentlichen und kulturellen Lebens. Es ist kein Wunder, dass sich die Menschen nach Ablenkung vom Hier und Jetzt sehnen – ganz gleich, wie absurd und aus welcher Zeit diese kommt. Wenn außer „Squid Game“, James „Kuschel-Daddy“ Bond und der Dauer-Paranoisierung durch das öffentlich-rechtliche Fernsehen nur wenig geboten ist, greift man eben noch tiefer in die Mottenkisten der Vergangenheit – Wetten, dass…? Und plötzlich wird der zum achten Mal aufgegossene und eigentlich schon lange weggeschüttete TV-Tee zur wahren Geschmacksexplosion. „Was war es nicht schön, damals, als man sich noch über das Nations-Lagerfeuer am Samstagabend ärgern konnte?“ Ehrlich? Nein, war es nicht.

Die deutsche Nostalgielust ist ungebrochen, gerade auch bei den Kritikern der neuen politischen Normalität. Diese Kritik teile ich, wenngleich ich zugeben muss: Gottschalk spielt in der Normalität, die mir am Herzen liegt, keine herausragende Rolle. Theoretisch können Samstagabend-Shows herrlich unpolitisch sein. Eine Sendung aber, die mit der Message aufwartet, dass man sogar Hunden das Mülltrennen beibringen kann, und ansonsten im Zeitraffer alle Sensationen der 90er und 00er-Jahre unbehandelt recycelt, ist so politisch-korrekt-retro-biodeutsch, dass es quietscht. Und als ob es damit nicht genug wäre, wird nach der Großeltern-Generation mit „TV Total“ nun auch „Ü-40“ zurückgetrieben in Zeiten, denen man dereinst in Scharen entfliehen wollte. Wollen wir allen Ernstes reumütig dahin zurück? Ich nicht. Diese Wehmut nach der Vergangenheit ist alles andere als mutig, sie tut nur weh. Denn die angeblich „gute alte Zeit“ war schon damals nicht gut genug.“

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Bild: Shutterstock
Text: Gast

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können. 

Matthias Heitmann wirkte 1992 als Student an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main bei der Gründung des Magazins „Novo“ (heute „Novo – Argumente für den Fortschritt“) mit und war bis 2010 in der dortigen Chefredaktion tätig. Heute arbeitet er als freier Journalist, Buchautor und publizierte u. a. in der „Welt“, auf „Cicero Online“, auf dem Portal „Achse des Guten“, in der „Neuen Zürcher Zeitung“ und im „Schweizer Monat“, im britischen Online-Magazin „Spiked“ und im dänischen „Kristeligt Dagblad“. Zudem ist er mit seinem neuen Kabarettprogramm „Entcoronialisiert Euch!“ auf Kleinkunstbühnen unterwegs – wenn man ihn lässt. Für den Comedian Vince Ebert ist Heitmann ein „intellektueller Störer, ein Ketzer und Regelbrecher“, der „auf den Scheiterhaufen“ gehört.

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