„Die Freiheit, der meine ganze Liebe und mein Streben gilt, ist die innere Freiheit. Ein sozialistisches oder bolschewistisches System sichert diese Unabhängigkeit nicht besser als ein kapitalistisches. … Nie würde ich mit einer Diktatur einverstanden sein, nicht einmal mit einer sozialistischen.“ — Romain Rolland, 9. Januar 1918.

Aus welcher Zeit stammt der Satz: „Den Spielregeln entsprechend wird der, der anders denkt als die anderen, des Verrats bezichtigt.“ oder: „Die Verfassung der Presse ist furchtbar.“ oder: „Es ist entsetzlich, inmitten dieser wahnsinnigen Menschheit leben und ohnmächtig den Bankrott der Zivilisation mitansehen zu müssen.“ oder: „Heute aber fällt die Tatsache auf, dass die Sozialisten aller Länder ohne Zaudern für den Krieg Partei genommen haben.“?

Vielleicht müsste man bei der letzten Aussage präzisieren: „für den Krieg gegen das Virus Partei genommen haben“. Ansonsten zielen sie mitten ins Herz der pandemischen Inszenierung, die am Laufen ist. Indes, sie stammen von Romain Rolland, sind Teil seines Tagebuchs aus dem Ersten Weltkrieg.

Romain Rolland. Der Erste Weltkrieg aus der Sicht eines Pazifisten. Aus den Tagebucheinträgen 1914 – 1919. — so nennt Angelika Gutsche das Buch, das sie soeben herausgegeben hat. Es führt anhand ausgewählter Einträge in das Denken eines Dissidenten jener Zeit und lässt die Leser mit weiteren kriegskritischen Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Stefan Zweig, Hermann Hesse, aber auch – von Rolland mit Entsetzen erwähnten – Kriegsbefürwortern wie Thomas Mann zusammentreffen. Im Vorwort schreibt Gutsche:

„Es wird den heutigen Leser erstaunen, wie viele Konflikte der damaligen Zeit noch heute virulent sind und welche Aktualität manche Aussagen Rollands noch immer haben.“

Das kann man wahrlich so sagen.

Der konkrete Bezug zu den Vorgängen von heute wird bereits im Geleitwort deutlich — im Buch Gutsches den Einträgen vorangestellt —, das Albert Schweitzer viele Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, im Jahr 1953 an die Witwe Rollands verfasste. Darin heißt es:

„Wird es (dieses Tagebuch) doch kommende Geschlechter lehren, sich auf Grund keiner Ereignisse der Leidenschaft hinzugeben, sondern dem Ideal der Menschlichkeit treu zu blieben, diesem einzigen Leitstern durch das historische Geschehen.“

Weiter schreibt er:

„In diesem Tagebuch sehen wir, wie Denker von hohem Rufe uns jämmerlich enttäuschen, während andererseits einfache Gemüter uns durch ihr gesundes moralisches Empfinden beglücken.“

Kommt das vertraut vor?

Angelika Gutsche wählt die Einträge so aus, dass für heutige Leser die damaligen Verhältnisse recht schnell nahekommen. Vielleicht muss man ab und an einen Namen nachschlagen — im Buch ist ein Personenregister mit knappen Angaben enthalten —, jedoch wird in der Kombination mit Bekanntem auch passives Wissen, so vielleicht aus dem Schulunterricht, wieder aktiviert und anschaulich. Jedenfalls, so denke ich, gleitet man gar irritierend leicht rein in jene Zeit und dies hat wohl damit zu tun, dass es eben nicht jene Zeit allein ist, in die Leser gleiten.

Der zivilisatorische und erkenntnistheoretische Niedergang und als allgemeine Grundstimmung ein herrschender Wahnsinn, das Versagen der Linken, die Indoktrination durch die Bildung — als eine Voraussetzung für den Niedergang —, Zensur wie das Verschweigen von nicht genehmen Büchern, der verheerende Zustand der Presse, die Diffamierung Andersdenkender, aber auch die mit dem Elend synchron steigenden Gewinne von Banken und Konzernen und die besonders widerwärtige deutsche Mentalität des Gehorsams — all das ist in Rollands Tagebüchern Thema und zeigt, dass der gegenwärtige Zustand der Welt nicht ohne Vorgeschichte ist. Ein paar der „Schichten“ aus Rollands Tagebüchern, die sich besonders nahtlos ins jetzige Geschehen fügen, möchte ich in dieser Besprechung herausstellen.

Zunächst ist der zivilisatorische Super-GAU als solcher zu erwähnen. Rolland schreibt in seinem Eintrag vom 3./4. August 1914: „Es ist entsetzlich, inmitten dieser wahnsinnigen Menschheit leben und ohnmächtig den Bankrott der Zivilisation mitansehen zu müssen.“

Immer wieder kommt er sodann auf diesen Wahn zurück, angesichts dessen in ihm nicht selten Gefühle der Ohnmacht, aber auch der Einsamkeit aufkommen. Das ganze Tagebuch, das weit umfangreicher ist als die hier vorliegende Sammlung, kann insofern bestimmt auch als ein Versuch verstanden werden, der Ohnmacht entgegenzutreten und die Einsamkeit zu überwinden, die an nicht wenigen Stellen in ihrer beklemmenden Dimension festgehalten wird, zum Beispiel:

„Ich verbringe die traurigsten Tage meines Lebens in einem Gefühl von seelischer Einsamkeit, von Herzens- und Geistesnot. Es gibt Stunden, wo ich es nicht mehr ertragen kann. Ich werfe mich aufs Sofa, verhülle meine Gesicht und suche Erlösung im Gedanken an den Tod.“ — notiert im März 1915.

Den Wahnsinn setzt Rolland allerdings auch immer wieder mit der Dummheit der Massen in Beziehung, Massen, für die er einerseits Mitleid empfindet, weil sie betrogen werden, denen er aber, indem er sie als dumm ausweist — und es klingt an etlichen Stellen die selbst verschuldete Unmündigkeit heraus —, auch eine Mit-verantwortung gibt.

Dieser Gedanke wird weiter noch präzisiert, wenn Rolland schreibt:

„Und ich denke, dass es die Guten sind, die für die ewige Fortsetzung des verbrecherischen Verhältnisses sorgen, das die Menschheit heimsucht, denn sie heiligen dieses Unheil durch ihre heroische Bejahung. Sie machen aus der Ergebenheit ins Übel die höchste Tugend, und darin liegt vielleicht die Ursache all dieser Verbrechen. Denn wenn die Guten sich fügen, so sind es doch die Schlechten, die bestimmen.“

Pointierter kann ein Kurzkommentar zum Geschehen der zurückliegenden zwei Jahre — Solidaritätsgesang, „Wir bleiben zu Hause“-Parolen, Zero Covid inbegriffen plus Impfheroismus mit Bratwurst, die direkt und indirekt erzeugten Toten, die mindestens schon in die Hunderttausende gehen, nicht vergessen — kaum sein. Allerdings lässt es Rolland damit nicht bewenden, bringt er doch die Dummheit mit Gehirnwäsche in Verbindung, wenn er nach einem Besuch Albert Einsteins am 16. September 1915 festhält:

„Die breite Masse ist ungeheuer fügsam, ‚gezähmt‘, wie Einstein sich ausdrückt. Die Schuld sieht er vor allem in der Erziehung, die ganz auf Nationalstolz und blinden Staatsgehorsam hinzielt.“

Es ist weniger Deutung denn Feststellung zu sagen, Rollands mehrfach anklingende illusionslose Sicht auf die Demokratie dürfte eng mit der Affinität der Massen für Dummheit, mit ihrem Hang, sich betrügen zu lassen, in Zusammenhang stehen.

Mit Nachdruck wendet sich Rolland immer wieder an die Linke, derer er sich mental zugehörig empfindet. Umso größer ist sein Entsetzen. Er schreibt im August 1914:

„1870 hatte sich wenigstens eine Elite gegen den Krieg erhoben. Bebel protestierte unaufhörlich gegen die Annektierung von Elsass-Lothringen. Heute aber fällt die Tatsache auf, dass die Sozialisten aller Länder ohne Zaudern für den Krieg Partei genommen haben. Als erster gelobte der Vorwärts (Zentralorgan der Sozialdemokratie Deutschlands, Anmerkung des Autors) im Namen der deutschen Sozialisten dem Imperialismus die Treue. (…) Es scheint, dass plötzlich alle ihren Glauben verleugnen, um mit noch größerer Begeisterung zu dem ihrer Gegner überzugehen.“

Am 29. Januar 1915 folgender Eintrag:

„Übrigens habe ich wenig Vertrauen zu den Sozialisten. (…) Ich glaube nicht, dass sozialistische Vereinigungen die Menschheit retten werden. Dem stehen im Wege ihr Misstrauen selbstständigen Persönlichkeiten gegenüber, ihr sogenannter praktischer Realismus, der es nur auf eine bessere wirtschaftliche Organisation absieht und der alles auf Organisationsfragen zurückführt wie in Deutschland.“

Bezüglich Freiheit schreibt er im März 1915:

„Dieser Krieg, durch den alles infrage gestellt worden ist, hat die Moral in ihren Grundfesten erschüttert. Eine der traurigsten Entdeckungen, die ich durch ihn gemacht habe, ist die, dass die Geister, die sich an der Tradition der großen Revolution gebildet haben, heute die schlimmsten Feinde der Freiheit sind. Freiheit! Das Wort führen sie immer im Munde, aber sie bezeichnen damit einen Götzen, zu dessen fanatischer Priesterschaft sie gehören.“

Kann man es in Bezug auf den Corona-Götzendienst besser fassen? Das Versagen der Linken, der Verrat an der eigenen Sache, der sich als roter Faden in einem Ausmaß durch ihre Geschichte zieht, dass längstens infrage steht, ob das, was in einem fort verraten wird, überhaupt jemals die eigene Sache gewesen sei, weiter aber auch die strukturelle Gewalt durch Organisation beziehungsweise Bürokratie, die Diskreditierung eigenständiger, autonomer Persönlichkeiten und nicht zuletzt die von Linken vollzogene Pervertierung des Freiheitsbegriffs zur Götzenanbetung: Das alles ist in Rollands Einträgen angesprochen und gleichzeitig hoch aktuell. Die heutige Rede von den „Leugnern“ bestätigt die religiöse Dimension, die Rolland mit dem Begriff der „Priesterschaft“ einfängt.

Anzumerken bleibt, dass Rolland von Anfang einzelne linke Persönlichkeiten von diesem Verrat absetzt, beispielsweise Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, dessen Aussagen zum Krieg er explizit festhält:

„Das ist ein Krieg der Lügen. Von dem Augenblick an, da die Zensur uns den Mund verboten hat, sind wir geistige Gefangene.“

Am 26. September 1914 notiert Rolland nach einem Treffen mit Igor Strawinsky: „Strawinsky erklärt, Deutschland sei kein barbarischer, sondern ein verbrauchter und degenerierter Staat. (…) Die Haltung der deutschen Intellektuellen erfüllt ihn mit grenzenloser Verachtung.“ Mit dieser zustimmenden Übernahme in sein Tagebuch — später kritisiert er Strawinsky allerdings für dessen kriegsbefürwortende Haltung — sind gleich zwei leitmotivisch auftauchende Themen genannt, die heute ebenso gegeben sind: die deutschen Eigenheiten bei der Pandemiebewältigung und die Rolle der Intellektuellen.

Was die deutsche Mentalität betrifft, zitiert Rolland im Juli 1915 Friedrich Nietzsche aus „Ecce homo: Wie man wird, was man ist“, angestoßen über den Herausgeber der Wochenschrift für Politik, Literatur, Kunst „Die Aktion“:

„Die Deutschen sind für mich unmöglich. Wenn ich mir eine Art Mensch ausdenke, die allen meinen Instinkten zuwiderläuft, so wird immer ein Deutscher daraus.“

In diesen Tagen hat mir ein Freund von seinem jüngsten Kurzurlaub in Belgien erzählt. Da seien sämtliche Maßnahmen aufgehoben, im Schwimmbad keine Masken, keine Impf- oder Testüberprüfung, gar nichts. Und doch hätten einige Menschen in Badehosen Masken getragen. Ich könne dreimal raten, welche Sprache die Maskierten gesprochen haben.

Das Widerliche der deutschen Mentalität — so wird es auch an verschiedenen Stellen in Rollands Tagebüchern deutlich — ergibt sich aus dem Gehorsam und dessen bürokratischer Organisation.

Allerdings differenziert Rolland im Laufe der Einträge seine Deutschlandkritik, nicht nur auf einzelne Persönlichkeiten wie Hermann Hesse und Albert Einstein verweisend, mit denen er befreundet ist, sondern auch auf durchaus nicht wenige Kreise, die in Deutschland sozusagen gegen diesen Gehorsam aktiv seien. Mit Verweis auf den marxistischen Kulturwissenschaftler und Historiker Ernst Fuchs streicht er heraus, dass das dissidente Potenzial gerade in Deutschland größer sei, als es die Zusammensetzung des Reichstags erahnen ließe. Wir können bloß hoffen, Gleiches gelte für den jüngst gewählten Bundestag.

Vor dem Hintergrund des jetzigen Weltgeschehens ist weiter verblüffend, was Rolland zu den intellektuellen Eliten schreibt. Man könnte manche Sätze von ihm eins zu eins übernehmen und in Texte eines Ullrich Mies setzen, die im Urteil an Schärfe bekanntlich nichts zu wünschen übrig lassen.

Und dass dieses Urteil damals zuweilen ein geteiltes war, sogar ein mit einem Albert Einstein geteiltes — ganz einsam war Rolland also nicht —, lässt besonders aufhorchen. So notiert Rolland aus einem Brief Einsteins, den er am 22. März 1915 erhalten hat:

„Sogar die Gelehrten der verschiedenen Länder gebärden sich, wie wenn ihnen vor acht Monaten das Großhirn amputiert worden wäre.“

Was die Verfassung der Medien betrifft, so erleben wir, Rollands Einträge lesend, ein weiteres Déjà-vu. Am 20. Dezember 1914 zitiert Rolland aus einem an ihn von Marcel Martinet, einem befreundeten Pazifisten und proletarischen Schriftsteller, verfassten Brief:

„Die Verfassung der Presse ist furchtbar. In Deutschland und in Frankreich haben wir bereits seit zehn Jahren eine Hass- und Lügenpresse. Dazu kommt seit Kriegsausbruch die sozialistische Presse, die ihr ganzes Volk demoralisiert und verwirrt.“

Weiter kommt Rolland darauf zu sprechen, dass seine Texte sowohl in Frankreich als auch in Deutschland zensiert werden, auch von „Verstümmelung“ ist die Rede. Erwähnt werden außerdem die strukturell-ökonomischen Gründe für die Zensur, Gründe, die uns alles andere als fremd sind: „Die großen Zeitungen sind gekauft und werden tüchtig geschmiert.“ — notiert im Mai 1916.

Zeichen, dass die Lage vielleicht gleichwohl nicht hoffnungslos ist, finden sich allerdings ebenso. Es handelt sich um positive Erscheinungen, die aus der Destruktion hervorgehen. So vermerkt Rolland zu einer seiner Veröffentlichungen, einer Sammlung von Artikeln zum Zeitgeschehen:

„Trotz dem Schweigen der Presse und Versuchen, gewisser Buchhändler, das Werk zu boykottieren, findet es beim Publikum begeisterte Aufnahme.“

Zu manchen Büchern, namentlich zu solchen, die im Rubikon-Verlag verlegt worden sind, lässt sich ziemlich Ähnliches sagen.

Die Stilllegung Andersdenkender geht allerdings weiter noch. Rolland schreibt im März 1916: „Es finden Hausdurchsuchungen statt. Und tatsächlich hat meine Mutter Fußspuren in meiner Wohnung entdeckt …“ Gemeint ist die Wohnung in Paris, er selbst hält sich zu Kriegszeiten in der Schweiz auf. Auch die berufliche Abstrafung als Form der Zensur, die wir aus diesen Tagen kennen, ist nicht neu. Rolland verweist auf den Fall von Dr. Nicolai, Professor in Berlin und Arzt der Kaiserin. „Er bekundete seine Abneigung gegen den Krieg so offen, dass er seines Amtes enthoben und zum einfachen Regimentsarzt degradiert wurde.“ Weiter und unter dem Eindruck etlicher bereits geschehener Morde an Andersdenkenden, die aus dem allgemeinen Kriegsgeheul ausscheren, schreibt Rolland:

„Die Vermutung liegt nahe, dass früher oder später ein Attentat auf mich verübt wird (…) denn man wusste, dass mich, wenn ich sprechen wollte, nichts daran zu hindern vermochte: weder Drohungen noch Rücksichtnahmen; ich gehöre nicht zur Herde; niemand hält mich.“

Kurz vor Jahresende 1915 notiert Rolland: „Hermann Hesse wird von seinen Landsleuten beschimpft wie ich von den meinen. Eine Kölner Zeitung nennt ihn Feigling und Pazifist.“ Immer wieder unterstreicht Rolland, wie sehr er aufgrund seiner kriegsablehnenden Haltung angefeindet wird, in Frankreich wie in Deutschland. Ebenso erwähnt er Freundschaften, die bedingt durch die gesellschaftliche Spaltung in Brüche gegangen seien.

„Die Regierung hat ein Mittel entdeckt, um sich der lästigen Unabhängigen zu entledigen: Sie zieht sie ein“, so ein Eintrag im März 1915. Heute würde es heißen: Sie impft sie. Logisch, denn der Krieg, wie er zu Coronazeiten ausgerufen worden ist, zielt nicht mehr nach außen, er zielt nach innen. Insofern ist das Impfen auch eine Metapher. In der Metaphorik liegt die synonyme Bedeutung zur Entledigung über den Krieg von 1915 offen zutage und bedarf keiner Übersetzung. In einem weiteren Eintrag aus jenem Jahr schreibt Rolland: „Den Spielregeln entsprechend wird der, der anders denkt, des Verrats bezichtigt.“ Daraufhin greifen dann die Schädlings- und Feindesmetaphern. Impft sie durch: Die Systemeinbindung ist eine Form der Entledigung.

Den Aspekt, dass es die Jugend am schwersten trifft, nimmt Romain Rolland am April 1915 auf:

„… die gesamte Jugend (…) wird von den alten Generationen geopfert und zum Schweigen verdammt. Die sterbende Vergangenheit erwürgt die Zukunft …“

Auch diese Aussage steht in einer Reihe mit Äußerungen und Appellen, von Psychologen, Psychiatern und Pädagogen in den Jahren 2020 und 2021 vergeblich formuliert. Im Juli 2017 nimmt Rolland indes auch Bezug zur Konformität der jungen Generation. Er schreibt:

„Neu ist für mich, und das ist schlimmer als alles andere, dass die junge Generation von zwanzig Jahren und darunter keinen Unternehmungsgeist mehr zu haben scheint (…) sie arbeiten in aller Ruhe und ästhetisieren wie die jungen deutschen Intellektuellen.“

In diesem Zusammenhang lohnt sich ein Blick in Nicolas Riedls Beitrag „Die entwurzelte Generation“, um zu erkennen, dass auch in dieser Hinsicht erdrückende Parallelen gegeben sind.

Der Vatikan und allgemein die christlichen Kirchen als Heuchlerinstanzen, mehr noch: als Huren der Macht, sind ebenso Komponenten des Textes. Im März 1916 hält Rolland fest: „Sie (die Kirche) ist so weit gesunken, dass sie Sklavin der öffentlichen Meinung geworden ist, ein ‚Mädchen für alles‘ des Staates, der sie beherbergt und mit ihr schläft.“

Auch hier gilt: Präziser könnte ein Urteil in Bezug auf die Evangelische Kirche in Deutschland unter Heinrich Bedford-Strohm nicht sein. Was den Papst betrifft, ändert sich Rollands Urteil im Laufe der Zeit dahingehend, dass er ihm immerhin einen zögerlichen Willen attestiert, sich dem Krieg entgegenzustellen, was jedoch angesichts seiner Schwäche ohne weitere Auswirkung bleiben müsse.

Russland, die russische Kultur, die russische Revolution und ihre Etappen: Auch diese Schichten durchziehen den gesamten Text. Zu Beginn liegt der Fokus auf der unsäglichen Russen- und Russlandhetze von deutscher Seite, die bekanntlich von den Nazis und seit der Wahl Putins von fast der gesamten deutschen Parteien- und Medienlandschaft weitergepflegt wurde und wird. Dagegen wendet sich Rolland mit aller Vehemenz. Seinen innigen Bezug zu Leo Tolstoi (1828 bis 1910) hebt er immer wieder hervor.

Ein durchaus ambivalentes und doch eher positives Bild zeichnet Rolland von den Vorgängen rund um die russische Oktoberrevolution. Er trifft sich auch mehrmals mit Aktivisten in der Schweiz, die später in dieser Revolution und auch in der ersten Regierung der UdSSR prominente Funktionen und Rollen innehaben. Seine zurückhaltend positive Haltung zum revolutionären Geschehen, das er, sobald es nationalistisch wird, jedoch kritisch beurteilt, ist auch vor dem Hintergrund seiner Kapitalismuskritik und seiner zunehmend negativen Einschätzung der Westkräfte überhaupt zu sehen. Ein glühender Bolschewist allerdings ist Rolland zu keinem Zeitpunkt, vielmehr lehnt er sämtliche totalitären Tendenzen ab.

Romain Rolland lebte während des Ersten Weltkriegs in der Schweiz, genauer genommen in der französischsprachigen Schweiz: einmal in Genf, dann wieder in kleineren Städten wie Vevey am Genfersee oder Sierre im Wallis oder auch an Orten in den Bergen. Seine ambivalente Haltung zur Schweiz und den politischen Strömungen, die er hier wahrnimmt, bringt er mehrfach zum Ausdruck.

Einerseits erwähnt er die Neutralität positiv, andererseits beklagt er Egoismus und Eigennutz der schweizerischen Politik. Interessant ist, dass er zunächst die Deutschland- und damit verbundene Kriegsbegeisterung in der deutschsprachigen Schweiz kritisch heraushebt, um nach und nach die Entwicklung in der frankofonen Schweiz noch mehr zu kritisieren. Das korrespondiert durchaus mit einer partiellen Verschiebung seiner Kritik von Deutschland auf Frankreich im Laufe der Kriegsjahre, glaubt er doch, in den deutschsprachigen Ländern zuweilen etwas mehr noch an Opposition gegen den Kriegswahn zu erkennen als in Frankreich oder eben in der französischsprachigen Westschweiz.

Selbstverständlich können diesbezüglich keine klaren Parallelen wie in den Mustern zuvor zur Corona-Lage gegeben sein. Und doch wer die Schweizer Verhältnisse kennt, der weiß, dass der Widerstand gegen das Corona-Regime — das in der Schweiz seit September massiv verschärft ist, federführend dabei der sozialdemokratische Minister Alain Berset aus der Westschweiz — in den deutschsprachigen Kantonen der Zentral- und Ostschweiz am größten ist, während in der Westschweiz, namentlich der Stadt Genf — dem Sitz der Weltgesundheitsorganisation WHO —, das ganze Arsenal faschistoider Überwachungs- und Kontrollmechanismen viel breitflächiger akzeptiert wird.

Rolland hat aber auch die Aktivitäten der Banken im Auge und die geopolitischen Strategien, die sich dahinter verbergen. Er verweist darauf, dass die Banken der neutralen Staaten — und dazu zählen bis 1917 die USA — seit Kriegsbeginn alles Gold aus Südafrika, Australien, Indien und weiterer Länder erhalten hätten und dass die „Vereinigten Staaten die Bankers der ganzen Welt werden möchten“. Mit solchen Krediten im Hintergrund hätten die USA nun „mit der Eroberung Lateinamerikas“ begonnen.

„Danach werden sie wahrscheinlich an die Eroberung der Finanzmärkte des Fernen Ostens gehen. Sie leiten den Geldwechsel in allen Ländern der Erde. Und der Autor der Wirtschaftsstudien, die ich hier zusammenfasse, kommt zum Schluss, dass das erschöpfte und verbrauchte Europa bei Friedensschluss wirtschaftlich von den Vereinigten Staaten abhängig wird.“

Allerdings hat Rolland die Kriegsgewinnler in Europa ebenso im Fokus. Unter Verweis auf den deutschen Sozialökonomen und Pazifisten Oskar Stillich streicht er die skandalösen Gewinne der Munitionsfabriken in Europa heraus, namentlich der Friedrich Krupp AG. Die Munitionsfabriken heute sind Pharmakonzerne.

Im Rahmen der ökonomischen Gesichtspunkte, die Rolland im Laufe seiner Einträge immer häufiger erwähnt, wird auch sein Blick auf die USA, die er zu Kriegsbeginn noch als eine Art Gegenkraft zum Krieg wahrgenommen hat, generell kritischer.

Im November 2016 verweist er auf die 2.500 Millionen Dollar, für welche die USA Kriegsmunition und Geräte exportiert haben, und folgert: „Man versteht, dass es die nordamerikanischen Kapitalisten gar nicht eilig haben, den Krieg beendet zu sehen.“ Allerdings formuliert er seine Kritik am Geschäft letztlich als globale Kritik, wenn er schreibt: „So wird jeder vom Kleinsten bis zum Größten seinen Platz in der Industrie des Todes haben, und keiner wird sich vom Verbrechen ohne ein Verbrechen fernhalten können.“

Einträge wie der folgende vom Mai 1917 bestätigen, dass sein kritischer Blick ein ganzheitlicher ist und sich nicht auf die Bösen „da oben“ beschränkt: „Und überall ist es dasselbe: Die Schweizer Arbeiter, die in den Munitionsfabriken arbeiten, treten in Anbetracht der Gewinne, der er ihnen einbringt, begeistert für die Fortsetzung des Krieges ein.“ — notiert im Mai 1917.

Und doch — im Grunde stellen sich in Rollands Aufzeichnungen immer wieder dialektische Bewegungen ein — differenziert er sehr wohl zwischen Massen und Eliten. So verbindet Rolland seine Kritik an der Rolle der USA — sie nimmt im Laufe des Krieges deutlich zu – und des skandalösen Reichtums, der gerade in den USA aus diesem Krieg hervorgeht, bereits mit einer Erkenntnis, die ganz entscheidend ist für die Analyse der globalen beziehungsweise geostrategischen Lage heute. Er schreibt mit Bezug auf einen Artikel der New Yorker Zeitschrift The Masses: „ … dass der angebliche Reichtum der Vereinigten Staaten sich in ganz wenigen Händen befindet und dass der Krieg die Kluft zwischen Armen und Kapitalisten noch vertieft.“ — notiert im Juli 1917.

Auf den Punkt bringt Rolland die Verschränkung von Kapital und Krieg, als er im August 1917 notiert:

„Man sieht, dass der Krieg in den Vereinigten Staaten wie in Europa das Werk der Kapitalisten (Wall Street) und einer Gruppe von Intellektuellen und Geistlichen ist.“

Tatsächlich: Rolland nennt die Wall Street wortwörtlich, in Klammern gesetzt. Und auf den Journalisten und Gründer der ersten kommunistischen Partei der USA verweisend, führt er aus:

„John Reed beweist, dass die Behauptung, gegen Könige ins Feld zu ziehen, ein lächerlicher Vorwand ist. Der wahre König sei der Kapitalismus. Er (gemeint: John Reed, Anmerkung des Autors) legt seinen Finger in die offene Wunde und berechnet die ungeheuren Gewinne der großen Gesellschaften und der 2 Prozent Amerikaner, während alles Übrige am Rande des Abgrunds lebt (…) Von 1912 bis 1914 sind die Löhne nur um 9 Prozent gestiegen, während die Lebenshaltungskosten für eine Familie in den zwei letzten Jahren um 74 Prozent gewachsen sind.“

Bereits zwei Jahre vor diesem Eintrag, im August 2015, hat eine Wochenzeitung aus Minneapolis Rolland die Frage gestellt, welcher Lieblingsglauben ihm der Krieg zerstört habe. Seine Antwort:

„Er hat meinen Glauben nur gestärkt: Meine Verachtung für die herrschenden Klassen, Regierungen, Finanzoligarchien, Kirchen und für die gesamte intellektuelle Elite, die die Völker zu diesem sinnlosen Gemetzel geführt haben.“

Romain Rollands Kapitalismuskritik und seine Distanzierung von der westlichen Zivilisation verbindet sich in einigen Einträgen sodann nicht ganz überraschenderweise mit Hinweisen auf den indischen Philosophen und Schriftsteller Rabindranath Tagore, dessen kritische Haltung zu Europa und zum Materialismus Rolland hervorhebt, beispielsweise in einem Eintrag vom April 2017:

„Tagore kritisiert die moderne Zivilisation, die vom Materialismus erdrückt wird. Er vergleicht sie mit einer Riesengiraffe: Die Intelligenz ist ins Maßlose gewachsen und hat sich vom Herzen entfernt, der Körper siecht dahin. Die modernen Nationen sind Götzenanbeter. Sie beten den Götzen der Gewalt an.“

Auf die explizite Erwähnung von Einträgen aus den letzten beiden Kriegsjahren verzichte ich in dieser Besprechung. Einerseits ist die überragende Bedeutung dieses Textes für die jetzige Lage meines Erachtens längst deutlich geworden, zudem möchte ich ausdrücklich die Lektüre dieses Buches empfehlen und auch deshalb weitere wichtige Erkenntnisse und Betrachtungsweisen Romain Rollands an dieser Stelle offen halten. Dazu gehört unter anderem sein Blick auf die Räterepubliken, die in einigen coronakritischen Bewegungen ja durchaus als Inspiration bei der Suche nach neuen Formen des Zusammenlebens gesehen werden.

Die Lektüre des Rolland-Tagebuches deckt meines Erachtens zwei wesentliche Bedürfnisse, die sich bei jenen einstellen, die nun bald mehr als zwei Jahre das Geschehen analytisch verfolgen. Zunächst zieht es einen vom Jetzt ab und schaltet insofern neuen Raum frei, um aus der neu gewonnenen Distanz die Lage heute klarer sehen zu können. Vielleicht tritt dies so übrigens auch bei Menschen ein, die mindestens halbwegs in der Inszenierung verhaftet sind. Über den Umweg des Ersten Weltkriegs beziehungsweise über die Sicht Romain Rollands auf diesen geht ihnen vielleicht eine Erkenntnis auf. Insofern wäre dieses Buch auch als Geschenk hinein ins System zu empfehlen — dabei wären aus taktischen Gründen bei Geschenkübergabe die Parallelen zum jetzigen Geschehen der Lektüre nicht oder nur verschlüsselt voranzustellen.

Das Verdienst von Angelika Gutsche ist es, ein kaum zu bewältigendes Werk von mehr als 2.000 Seiten in einer neuen Auswahl so zusammengestellt zu haben, dass ein Zugang leicht möglich ist. Was die literarische Seite betrifft — Rolland erhielt den Literaturnobelpreis 2015 für „Johann Christof“ — mag die Übersetzung vielleicht nicht überall das Niveau des Originals halten können. Da ich kein Romanist bin, kann ich das nicht wirklich beurteilen. Aber zeitgeschichtlich und erkenntnistheoretisch ist die Auswahl gänzlich gelungen und in dieser Hinsicht handelt es sich um eines der ganz wichtigen Textzeugnisse, das uns bedeutend und gefährlich mehr als nur eine Sicht auf den Ersten Weltkrieg eröffnet. Dass ein solches Buch über Print On Demand herausgegeben werden muss, sagt einiges über unsere heutige Zeit.

Abschließend ein Wort zur Herausgeberin: Angelika Gutsche, die stets in der Friedensbewegung engagiert war, sieht in Romain Rolland ein Vorbild im Bemühen um Frieden und Völkerverständigung. Ihren Blog auf Freitag.de betreibt sie seit 2011, als ein NATO-Krieg die Zerstörung Libyens verantwortete.

In ihren Beiträgen, die auch kulturelle Themen aufgreifen, beschäftigt sie sich ausführlich mit den Vorgängen in und um Libyen, ein Land, das sie auch von Reisen kennt. Muster, die bei der umfassenden Zerstörung Libyens zur Anwendung gelangten — es wurde ja weit mehr als das Land und die Strukturen Gaddafis zerstört, die Zerstörung galt einem Afrika, das sich aus westlichen Abhängigkeiten herauslösen wollte — finden sich auch in Mustern, wie sie Romain Rolland für den Ersten Weltkrieg herausstellt.


Angelika Gutsche (Herausgeber): Romain Rolland. Der Erste Weltkrieg aus Sicht eines Pazifisten. Aus den Tagebucheinträgen 1913 – 1919. Mediengruppe Westarp, 2021 (298 Seiten). Zu beziehen hier. Wer möchte, kann das Buch auch direkt bei der Autorin bestellen: [email protected]. Der Preis beträgt 18,95 Euro.


Fußnote der Lektorin Silke Rudolph: Es wäre wünschenswert, dass der eine oder andere Leser nicht nur auf das Antikriegstagebuch, sondern auch auf weitere der allmählich in Vergessenheit geratenen Werke Rollands aufmerksam wird. Beispielsweise auf den im Sommer 1920 vollendeten Roman „Clérambault — Die Geschichte eines freien Geistes im Kriege”, in der Übersetzung des wunderbaren Stefan Zweig: Die dort thematisierte Problematik des „Versinkens der Einzelseele im Abgrund der Massenseele”, wie Rolland es nannte, ist derzeit faszinierend bei den gläubigen Impflingen zu beobachten, deren Denkvermögen durch den Herdeninstinkt immer mehr einengt, weit entfernt von der Erkenntnis Clérambaults, dass der Einzelne nur seinem eigenen Gewissen folgen muss …



Quelle: