Von Alexander Wallasch

Die Empfehlung findet sich so locker hingequetscht ans Ende eines inhaltlich eng zusammengepappten Tweets der Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci: Meidet die Ungeimpften!

Oder im exakten Wortlaut der Sozialdemokratin: „Empfehlung privat: Kontakt nur mit Geimpfte!“

Kalayci verweist zudem auf eine hohe Dynamik der Inzidenz als „Frühindikator für Intensivpatienten“, der 2G umfassend erforderlich mache. Aber 2G wäre nicht der alleinige Schlüssel, es sollen sich alle Ungeimpften ab 12 Jahren jetzt impfen lassen. Und bereits Geimpfte, deren letzte Impfung länger als sechs Monate zurückliegt, aber schnell ab zur Berliner „Booster-Impfung!“

Oder anders ausgedrückt: Wer seine zweite Impfung schon vor Monaten bekam, gilt in Berlin für die Senatorin für Gesundheit zwar noch als braver Bürger, aber schon als potentiell ungeimpft. Die Durchimpfung also im freien Fall, die angestrebte Herdenimmunität Schnee von gestern.

Auch die grüne Wirtschaftssenatorin Ramona Pop stimmt in den Drama-Chor mit ein und spricht sich ebenso wie Kalayci für den Booster schon nach fünf Monaten aus – bisher galt hier noch die Empfehlung der Ständigen Impfkommission, erst nach sechs Monaten nachzuimpfen.

Aber das Gedächtnis der Berliner Kolleginnen ist kurz: Es ist noch nicht lange her, da wurde Genesenen empfohlen, sich nach sechs Monaten impfen zu lassen und bei Geimpften war das digitale Impfzertifikat 12 Monate gültig – allerdings mit der einschränkenden Empfehlung, dass je nach beobachteter Wirkungsdauer der Impfstoffe dieser Zeitraum angepasst, beziehungsweise eine Auffrischimpfung angeboten werden soll.

Das Robert Koch-Institut informierte – hier zitiert von den Stuttgarter Nachrichten – noch im Juni 2021:

Zum jetzigen Zeitpunkt beträgt die Gültigkeit ein Jahr ab dem Zeitpunkt der letzten Impfung (+14 Tage).

Nun steigt die Zahl der positiv Getesteten wieder rasant und auch hier gilt heute nicht mehr, was gestern von Wieler, Drosten oder Spahn und Co zugesichert wurde.

Die Geimpften sind lange nicht aus dem Schneider, niemand soll sich mehr in Sicherheit wiegen. Und während die Geimpften über weitere Monate auf die ihnen zugesagte Rückerlangung ihrer Grundrechte warten, gelten sie schon wieder als Ungeimpfte. Denn die Impfzertifikate laufen ab und sie werden dort ebenfalls abgewiesen, von wo aus sie gerade noch zu jenen hinüberschauten, mit denen sie jetzt auf Empfehlung der Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci keinen Kontakt mehr haben sollen: Den Ungeimpften.

Die Berliner Zeitung kommentiert den Vorstoß der Senatorin so: „In der Hauptstadt gelten ab Montag flächendeckend die 2G-Regeln. Dass Ungeimpfte damit vielerorts ausgeschlossen werden, reicht Dilek Kalayci nicht aus.“

Und weil so eine, eine ganze Bevölkerungsgruppe stigmatisierende Forderung mit Anleihen aus der Zeit der Pestepidemien eine veritable Panik in der Bevölkerung braucht, liefert Berlin diese gleich mit: Radio Berlin-Brandenburg beispielsweise meldet, die Gesundheitsämter wären an ihre Belastungsgrenze gekommen, was die Nachverfolgung der Infektionen angeht, die ersten Bezirke würden bereits darüber nachdenken, die Unterstützung der Bundeswehr anzufordern. Was für Bezirke könnten das sein?

Die Panik kommt also beim besorgten Bürger an und dann dreht sich die Eskalationsspirale: In diese aufgeladene Stimmung fällt der idiotische Wunsch einer Berliner Gesundheitssenatorin, eine Kontaktsperre zu Ungeimpften aufzubauen.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine.

Alexander Wallasch ist gebürtiger Braunschweiger und betreibt den Blog alexander-wallasch.de. Er schrieb schon früh und regelmäßig Kolumnen für Szene-Magazine. Wallasch war 14 Jahre als Texter für eine Agentur für Automotive tätig – zuletzt u. a. als Cheftexter für ein Volkswagen-Magazin. Über „Deutscher Sohn“, den Afghanistan-Heimkehrerroman von Alexander Wallasch (mit Ingo Niermann), schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Das Ergebnis ist eine streng gefügte Prosa, die das kosmopolitische Erbe der Klassik neu durchdenkt. Ein glasklarer Antihysterisierungsroman, unterwegs im deutschen Verdrängten.“ Seit August ist Wallasch Mitglied im „Team Reitschuster“.

Bild: photocosmos1/Shutterstock
Text: wal

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