Von Mario Martin

Es sind schwierige Zeiten für den Spiegel. Die auf Wikipedia angegebene aktuelle Auflage beträgt 695.910 Exemplare. 2008 betrug sie noch fast 1,1 Millionen. Das bedeutet ein Minus von fast 37 Prozent für den Zeitraum. Zwar konnten sich die Auflagenzahlen bei der Printausgabe in letzter Zeit leicht erholen, aber dafür gerät das Online-Angebot unter Druck.

Der Spiegel steht in der Misere aber nicht allein da. Für Stern und Focus sieht es ebenfalls wenig rosig aus. Dort setzt sich der Einbruch der Auflagen weiter fort.

Die Entwicklung der Auflagen von Spiegel, Stern und Focus:

Verlauf der Auflagen der Magazine Spiegel, Stern und Focus (Quelle: https://de.statista.com/)

Auch beim Web-Traffic, der ein Gradmesser für die Anzeigenerlöse ist, musste der Spiegel in letzter Zeit Einbußen hinnehmen. Lagen die monatlichen Besucher im Juni bei 111,4 Millionen, rutscht der Spiegel im Oktober unter die 100 Millionen Marke.

Verlauf der Website-Besucher
(Quelle: https://similarweb.com)

Der Spiegel und die ‘Globale Gesellschaft’

Aber es gibt nicht nur schlechte Nachrichten für das Hamburger Nachrichtenmagazin. Im Oktober 2021 flossen 2,9 Millionen Euro von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) an die Alster. 2018 erhielt der Spiegel bereits von gleicher Stelle Geld. Damals überwies die Stiftung 2,5 Millionen Dollar. Also etwa 2,3 Millionen Euro, die der Spiegel als Profit verbuchen durfte.

Der Transparenz verpflichtet, gab der der Spiegel damals hier Auskunft zu der damals erhaltenen Summe – allerdings merkwürdigerweise erst nach fünf Monaten: „Die Förderung für das Projekt Globale Gesellschaft beläuft sich auf 760.000 Euro pro Jahr (begrenzt auf drei Jahre). Der Gesamtumsatz der SPIEGEL-Gruppe betrug im Jahr 2019 insgesamt 267 Millionen Euro. [..] “

Die SPIEGEL-Gruppe ist der Mutterkonzern des Spiegels, dem eine ganze Reihe Tochterunternehmen angehören und der weitere Periodika und Beilagen veröffentlicht. Inwieweit der Umsatz der ganzen Gruppe mit einer Spende, die reiner Profit ist, und die nur für Spiegel Online designiert ist, als Vergleich dient, ist fraglich.

Der Spiegel schreibt über die Projekte mit der BMGF:

„Der SPIEGEL hat in den vergangenen Jahren bereits zwei journalistische Projekte mit dem European Journalism Centre (EJC) und der Förderung der Bill & Melinda Gates Foundation umgesetzt: Die „Expedition Übermorgen“ über globale Nachhaltigkeitsziele (Laufzeit: 2016-18, Förderung: 250.000 Euro) sowie das journalistische Flüchtlingsprojekt „The New Arrivals“, in deren Rahmen mehrere preisgekrönte Multimedia-Reportagen zu den Themen Migration und Flucht entstanden sind (Laufzeit: 2017/18, Förderung: 175.000 Euro). Diese Projekte sind inzwischen abgeschlossen.“

Finanziert wurde mit dem Geld eine eigene Rubrik “Globale Gesellschaft”. Migration, globale Pandemien, Nachhaltigkeit, Klimagerechtigkeit, soziale Ungerechtigkeit und andere Themen des 21. Jahrhunderts stehen hier im Mittelpunkt. Die üblichen ausgelutschten Schlagwörter also, die als Begründung für eine kommende “Global Governance” herhalten müssen.

“Ziel ist es, die Berichterstattung zu drängenden globalen Themen unserer Zeit, die ohnehin Gegenstand unserer täglichen Arbeit sind, zu verstärken. [..] Das Projekt wird von der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt, die redaktionellen Inhalte entstehen ohne Einfluss der Stiftung.”

Frische 2,9 Millionen Dollar im Oktober 2021

Diesmal fließen die Gelder über einen Zeitraum von 41 Monaten. Als Verwendungszweck wird erneut angegeben: “Globale Gesundheit und Entwicklung Öffentliches Bewusstsein und Analyse”.

Quelle: Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF)

Noch hat der Spiegel seine Leser vom neuerlichen Geldsegen nicht in Kenntnis gesetzt. Bisher fehlt eine Meldung auf der Seite. Die letzte Aktualisierung zur Auskunft über die Zusammenarbeit mit der BMGF stammt vom 14.5.2020. Bei der letzten Spende hatte es fünf Monate gedauert, bis der Spiegel seinen Lesern die neue Rubrik präsentierte und über die Spende Auskunft gab. Man darf gespannt sein, wie und wann der Spiegel diesmal reagiert.

Gilt für die neue Spende aber auch die oben zitierte Stellungnahme? Vermutlich wird auch diesmal durch die Unterstützung kein Einfluss auf die redaktionellen Inhalte genommen. Wer würde daran bei der aktuellen Berichterstattung des Spiegel zweifeln?

Weitere Spenden der BMGF

Die Liste aller Spenden kann hier abgerufen werden. Der Spiegel steht im Bereich Journalismus bei weitem nicht alleine da. Die BBC bekam in den letzten Jahren knapp 50 Millionen von der Stiftung.

Das auf seiner Webseite für eine neue Form des progressiven Journalismus werbende Stichting European Journalism Centre erhielt im Oktober 4,6 Millionen Euro. Der Journalismus ist für die BMGF ein wichtiges Feld.

Die Verwendungszwecke der Spenden sind interessant. Häufig findet sich die Klassifizierung “Public Awareness”, also die Erzeugung von öffentlichem Bewusstsein. Was damit gemeint ist, sollte dem Leser klar sein.

Besonders auffällig sind aber die vielen Spenden an Bildungseinrichtungen auf der ganzen Welt. Hier eine Liste der Spenden allein innerhalb der letzten zwei Monate:

American Association of State Colleges and Universities ($175,000), Agnes Scott College ($146,994), The National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine ($1,540,244), University of Sheffield ($289,152), University of Manitoba ($999,994), Johns Hopkins University ($1,583,774), Aga Khan University ($6,312,452), University of Ghana ($311,298), Tufts University ($1,496,573), Fudan University Education Development Foundation, Shanghai ($1,229,760), Liverpool School of Tropical Medicine ($2,499,915), University of Michigan ($170,000), Emory University ($786,399), Aga Khan University ($1,791,757), University of Oxford ($8,723,992), Vanderbilt University Medical Center ($940,750), University of Maryland ($17,255,627), Piramal Swasthya Management and Research Institute ($8,000,000), University of Washington Foundation ($1,112,372), Johns Hopkins University ($548,378), University of Washington Foundation ($3,541,221), Aga Khan University ($4,863,699), Georgetown University ($86,532), University of Delaware ($2,080,685), University of Pretoria ($845,964), Beijing Normal University ($50,000), Stanford University ($1,235,112), University of California San Diego ($2,328,069), Ohio Association of Community Colleges ($153,647), Rockefeller University ($1,520,429)

… und so weiter. Der Autor hat irgendwann aufgegeben, obwohl noch nicht einmal alle Einträge für den Oktober 2021 hier aufgeführt wurden.

Ins Auge fällt weiterhin eine Spende im Oktober an das Hamburger Unternehmen Evotec über $18,062,339, die auf den Verwendungszweck “Familienplanung” lautet. Eine Summe am oberen Ende der Skala.

Zuletzt noch zu den größten Spenden der letzten Zeit. Einige Leser kommen bestimmt schon darauf, welcher Institution diese galten. Gates spendete in den letzten zwei Monaten insgesamt 100 Millionen Euro an die WHO.

Angesichts dieser Summen scheint es beim Spiegel Nachholbedarf zu geben, den philanthropischen Spendern auf die ein oder andere Art und Weise noch besser zu gefallen, um in der nächsten Runde an die wirklich großen Summen zu kommen.

Angesichts der bedauerlichen Lage des Spiegels bleibt hier wohl nur, dabei viel Erfolg zu wünschen.

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Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Mario Martin ist Ökonom und arbeitet als Software-Projektmanager in Berlin.

Bild: Shutterstock
Text: Gast

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