Wie kommt es eigentlich, dass die Menschen als Kollektiv auf so vielen Ebenen zielstrebig dem Untergang entgegen schreiten? Dass wir als Menschheit nicht vereint sind im Streben nach dem, was für alle von uns wesentlich ist: der Erhalt unseres Lebensraumes und Frieden? Dieser Frage geht die australische Journalistin Caitlin Johnstone in ihrem Artikel nach. Anklänge an ihre Antwort finden sich übrigens in dem wunderbaren Lied von Pink Floyd – ‚Us and Them‘ (1973): die Spaltung in ‚wir‘ und ‚sie‘, die dann aufeinandergehetzt werden können. Übersetzung: Susanne Hofmann.

All unsere Probleme beruhen auf einer Propaganda von „wir gegen sie“

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Von Caitlin Johnstone

Der liberale Moderator Keith Olbermann hat neulich ein Video geteilt , in dem er mit solch giftiger Verve über die Menschen wetterte, die sich gegen eine Corona-Impfung entschieden haben, dass ihm die Spucke aus dem Mund spritzte und er sein Kinn vollsabberte. Ich konnte mir das kaum ansehen, teils, weil es immer unangenehm ist, zu sehen, wie jemand derart ausrastet, teils, weil mir dabei bewusst wurde, dass ich wahrscheinlich die letzten Jahre damit verbracht habe, mich über eine Medien-Persönlichkeit lustig zu machen, die ein ernsthaftes psychologisches Problem hat.

Statt die seiner Ansicht nach besten Argumente für die Impfung darzulegen, wie es die meisten seiner Mitstreiter tun, beschimpft Olbermann ungeimpfte Menschen als „Feiglinge“ und „Warmduscher“.

“Die haben Angst!”, schreit Olbermann ein ums andere Mal, als wäre es monströs, Angst zu empfinden. Als hätten wir nicht alle vor irgendetwas Angst, sei es vor dem Impfstoff oder dem Virus oder der Tatsache, dass durch das Auftauen des arktischen Permafrosts Methan in die Atmosphäre freigesetzt wird. Diese Gemeinsamkeit sollte uns näher zusammenbringen, stattdessen wird es hier für eine Wir-Gegen-Sie-Theatralik missbraucht, die einen noch größeren Keil zwischen uns treibt.

Das wir-gegen-sie-Schema wird ständig dazu benutzt, Menschen dazu zu bringen, diverse Narrative zu übernehmen, und narrative Manipulation ist die Wurzel aller Problemen der Menschheit.

Die heutige Welt wird von einer einseitigen Machtstruktur beherrscht, die lose um die Regierung der Vereinigten Staaten konzentriert ist. Sie besteht aus vielen Staaten, die scheinbar unabhängig sind, und doch kann diese Machtstruktur als Imperium bezeichnet werden, da sie bei allen entscheidenden internationalen Themen nahezu an einem Strang ziehen. Dieses Imperium legt die Wirtschafts-, Umwelt- und Militärpolitik fest, die den Ökozid , Krieg und das Spiel mit dem nuklearen Feuer verursachen, die die Menschheit in ihre Zerstörung treiben.

Die stärkste Waffe des Imperiums ist nicht sein Militär, sondern seine Propagandamaschine. Es gab schlicht nie zuvor auch nur annähernd so etwas wie die weltumspannende Kontrolle des Narrativs, wie sie die westlichen Medien, Silicon Valley und Hollywood ausüben. Das Militär führt Kriege; die Propagandamaschine gewinnt sie, lange ehe sie überhaupt begonnen werden.

Wenn man das Militär einsetzt, um die Opposition auszuschalten, bemerkt das jeder. Wenn man Propaganda einsetzt, um die Opposition auszuschalten, kriegt das niemand mit. Die Leute denken, dass sie von selbst plötzlich total beunruhigt sind wegen Saddam oder Putin oder Maduro oder wem auch immer oder dass sie aus eigenem Antrieb dieser oder jener Agenda im Interesse der Macht folgen. Jenseits der harten, konkreten Realität von Krieg und Militarismus wird noch ein ganz anderer Krieg in einem viel größeren Maßstab und mit viel weitreichenderen Folgen geführt, und die meisten Menschen wissen davon nicht einmal was: Es ist die massenhafte psychologische Manipulation der gesamten Menschheit.

Deshalb wirkt das Verhalten der Menschen alles in allem auch so irrational. Warum führen wir all diese Kriege, spielen mit dem nuklearen Feuer und zerstören die Biosphäre, wo wir doch verstandesmäßig wissen, dass das schlecht ist? Es liegt nicht daran, dass die Menschen per se destruktiv sind, sondern daran, dass einige destruktive Menschen den großen Rest mittels Propaganda so manipulieren, dass wir destruktiv handeln.

Eine klare und sachkundige Analyse der Probleme der Welt führt einen immer wieder zu diesem einen Grundproblem zurück: dass die Erdbewohner massenhaft psychologisch so manipuliert werden, dass sie sich selbst so organisieren, dass sie den Mächtigen statt den Menschen dienen.

Propaganda beruht meistens auf einem „wir gegen sie“-Framing; unterstützen Sie die von Oligarchen kontrollierte Demokratische Partei, weil die Republikaner böse sind, unterstützen Sie die von Oligarchen kontrollierte Republikanische Partei, wie die Demokraten böse sind, diese bösen Muslime/Russen/Chinesen wollen uns schaden, jener bösartige Diktator tut Dinge, die wir guten, freiheitsliebenden Menschen nicht zulassen dürfen, und so weiter. In dieses „wir gegen sie“-Schema wird unglaublich viel Energie gesteckt, damit die Propagandamaschine effizient weiterläuft.

Manipulative Narzissten, Sektenführer und Propagandisten tun das alle und zwar, weil es effektiv ist. Ein Video mit dem Titel „Die Wissenschaft hinter ‚wir gegen sie‘“ von Big Think schlüsselt schön auf, wie stark das menschliche Gehirn dazu konditioniert ist, im Sinne einer ‚In‘-Gruppe, die wir mögen, und einer ‚Out‘-Gruppe, die wir nicht mögen, zu denken, und zitiert dafür zahlreiche Experimente, die zeigen, dass sich das weltweit so verhält.

„Bei näherem Hinsehen wird klar, dass es nahezu unvermeidlich ist, dass wir die Welt in ‚Menschen wie wir‘ und ‚Menschen wie sie‘ einteilen und wir ‚sie‘ nicht besonders mögen und sie nicht gut behandeln“, erklärt der Neuroendokrinologe Robert Sapolsky. „Aber wir sind unglaublich leicht zu manipulieren, wer nun als ‚wir‘ und wer als ‚sie‘ zählt.“

„Wir könnten von allen möglichen Ideologen so manipuliert werden, dass wir entscheiden, dass Menschen, die genau wie wir zu sein scheinen, tatsächlich so vollkommen anders sind, dass sie zu ‚den anderen‘ gehören“, so Sapolsky.

„Wir unterteilen die Welt in ‘wir’ und ‘sie’, und wir mögen ‘sie’ nicht sonderlich und behandeln sie oft richtig mies, stellen aber alle, die zum ‚wir‘ gehören, vollkommen übertrieben als wunderbar, großzügig, und uns eng verbunden dar“, sagt Sapolsky.

Sehen Sie, wie einfach es für jemanden wäre, der diese Seite unserer Psychologie durchschaut, uns Propaganda einzupflanzen? Dazu muss man nur eine „sie“-Seite etablieren, der wir misstrauen, und eine „wir“-Seite, der wir vertrauen – und wir übernehmen jede Information, die von der „wir“-Seite kommt, ohne sie kritisch zu überprüfen.

Wenn man die Bevölkerung in zwei Teile spalten und das „wir“-Narrativ beider Seiten kontrollieren kann, kann man auch dem Großteil der Bevölkerung leicht Propaganda-Narrative einpflanzen. Wenn Rachel Maddow in Ihrem „wir“-Team ist, werden Sie zunehmende Kalte-Kriegs-Aggressionen gegen Russland herbeisehnen, wenn Tucker Carlson in Ihrem „wir“-Team ist, dann werden Sie mehr Eskalation gegen China anstreben – beides befördert zufällig die Interessen des zuvor erwähnten Imperiums. Genauso wie der Status quo, den beide Seiten auf ihre eigene Weise propagieren.

Das geschieht ständig, im gesamten Imperium überall auf der Welt. Mächtige Manipulatoren teilen uns in fingierte „wir“ und „die anderen“ ein, und unsere Empfänglichkeit für die „wir“-Seite erlaubt den Manipulatoren, die die Kontrolle ausüben, unsere Köpfe fortwährend mit Narrativen darüber zu füttern, was in der Welt vor sich geht.

Macht bedeutet, zu kontrollieren, was passiert. Echte Macht bedeutet, zu kontrollieren, was Menschen über das, was passiert, denken.

Ich weiß nicht so genau, was es mit diesem Virus und den Impfungen auf sich hat; manchmal hat es den Anschein, als wäre ich damit die Einzige im Internet. Was ich aber weiß, ist, dass die extrem aufgeladene Polarisierung bei diesem Thema die „wir gegen sie“-Dynamik befördert, in der macht-dienliche Propaganda zu jedem Thema leichtes Spiel hat. Davon profitiert jemand und das sind nicht Sie.

Die Probleme der Menschheit werden durch Massenmanipulation ermöglicht, und Massenmanipulation wird durch uns-gegen-sie-Glauben ermöglicht. Wenn die Menschen nicht aggressiv manipuliert würden, um dem Status quo zuzustimmen, hätten sie ihre schiere zahlenmäßige Übermacht genutzt, um den Status quo schon vor langer Zeit zu beenden. „Teile und herrsche“ ist nicht nur nützlich, weil es die Menschen daran hindert, sich gegen ihre Unterdrücker zu vereinen, sondern es befeuert außerdem die Propagandamaschine der Unterdrücker.

Interessanterweise birgt die Menschheit das Potential in sich, seine kognitiven „wir gegen sie“-Gewohnheiten aufzulösen und dadurch die Propagandamaschine außer Kraft zu setzen. Das Phänomen, das man landläufig spirituelle Erleuchtung nennt, besteht aus einer Verschiebung der Wahrnehmung, die dazu führt, dass das Gefühl des Getrenntseins abfällt und auf einer tiefen Erfahrungsebene deutlich macht, dass wir eins sind, nicht nur mit allen Menschen, sondern mit dem gesamten Universum. Man hat dann immer noch seine eigenen Vorstellungen, Meinungsverschiedenheiten und Vorlieben, wenn es um Politik und Gesellschaft geht, aber das Gefühl, dass jemand eine Art „anderer“ ist, der mit einem selbst und den Seinen nichts zu tun hat, fällt weg.

Es schlummert also ein Potential in uns, mit dem wir alle unsere Probleme lösen könnten, wenn es nur irgendwie erschlossen würde. Jede Spezies erreicht irgendwann den Punkt, an dem sie eine bisher verborgene Möglichkeit ausschöpfen und sich an eine verändernde Situation anpassen – oder aussterben muss. Es sieht so aus, als ob wir aktuell an diesen Punkt gelangen, und dass die kollektive Erkenntnis die Möglichkeit darstellt, die wir ergreifen müssen, um vom Weg in den Untergang abzukehren.

Entweder wird das geschehen oder nicht. Ich persönlich glaube nicht, dass es eine zufällige Verwirrung ist, dass dieses Potenzial, über das die Weisen seit Jahrtausenden schreiben, genau das ist, was wir an dieser speziellen Weggabelung in diesem speziellen kollektiven psychologischen Dilemma brauchen. Aber wenn ich falsch liege und die Menschheit doch den Weg des Dinosauriers geht, wäre es verdammt schade, wenn wir uns auf dem Weg nach unten nicht zumindest an den Händen halten würden.

Titelbild: Andrii Yalanskyi / Shutterstock



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