Von Alexander Wallasch

Jetzt wird es richtig eng für Christian Lindner: Aller Wahrscheinlichkeit nach wird sich sein Trauma von 2017 wiederholen. Damals, als er die Jamaika-Verhandlungen aufkündigte und damit auf den so von ihm ersehnten Bundesministerposten verzichten musste.

Aber der Parteichef der Liberalen hatte vor vier Jahren ein dickes, fettes Trostpflaster in der Tasche: Der uneingeschränkt auf die Person Lindner ausgerichtete Wahlkampf brachte die FDP nach einer Ehrenrunde auf der Ersatzbank wieder zurück in den Bundestag und das auch noch zweistellig.

Die Zweistelligkeit konnte 2021 – vor allem wohl dank einer desaströsen Aufstellung der Mitbewerber – wiederholt werden. Nutzte aber alles nichts, denn zum Regieren mit der Union als Wunschpartner reichte es nicht. Und die Grünen, denen Lindner 2017 wegen Unvereinbarkeit einen Laufpass gab, sind heute noch radikaler aufgestellt.

Die als Kanzlerkandidatin gescheiterte Annalena Baerbock weiß natürlich um den Konflikt des Liberalen. Also steckt sie ihm zur Unterstützung einen toten Kanarienvogel in seinen Fraktionsbriefkasten, indem sie die Nichtregierungsorganisationen (NGO) als außerparlamentarische Drohkulisse gegen den FDP-Chef in Stellung bringt.

Beispielsweise das Handelsblatt titelt dazu: „Baerbock mobilisiert Umweltverbände gegen Ampelpartner“. Verstörend dabei ist, dass die Parteichefin keinen Hehl daraus macht, um was es ihr geht: Ökoaktivisten wie Greenpeace sollen den Druck auf SPD und FDP erhöhen.

Was Baerbock unerwähnt lässt: Die so im Vorhof der Ampel-Gespräche von der Kette gelassenen Umweltorganisationen sind nur ein Teil der Drohkulisse auf der Straße. Annalena Baerbock unterschlägt die linksradikalen und linksextremistischen Kräfte, die heute jede Demonstration gegen die Maßnahmen der Regierung auf der Straße mit Gewaltandrohung begleiten und so bei Oppositionellen ein Klima der Angst erzeugen. Zudem werden regelmäßig gewählte Abgeordnete attackiert oder es kommt zu unplanmäßigen Hausbesuchen, bei jenen, die sich der großen Transformation nicht fügen wollen.

Diese Aufweichung der Tabuisierung von Gewalt wird von den Grünen nicht nur hingenommen, sondern noch befördert. Die Antifa wird im Hintergrund als Akteur der sogenannten Seenotrettung und der Seebrücke akzeptiert, ebenso, wie sich immer mehr Grüne offen zur linksradikalen Antifa bekennen, bis hin zur Forderung einer gesicherten staatlichen Alimentierung – die Schläger sollen finanziell abgesichert werden.

Wenn überhaupt an einer Stelle, dann wäre hier ein Vergleich mit Weimarer Verhältnissen statthaft.

Lukaschenko beendet Lindners Traum vom Finanzministerium

Aber zurück zu Christian Lindner. Der bemüht sich gerade via Twitter in etlichen Tweets – die Anzahl bildet das schlechte Gewissen ab – verzweifelt, diese Mogelpackung eines Endes der pandemischen Notlage als Erfolg zu verkaufen, indem er die durchsichtige Verschiebung der Einschränkungen via Verschärfung des Infektionsschutzgesetzes in Weihnachtsknisterfolie verpackt – aber die ist zu durchsichtig.

Aber das alles nutzt Christian Lindner leider nichts. Denn an der weißrussisch-polnischen Grenze wird gerade überdeutlich, wofür oder wogegen sich Lindner positionieren muss. Was hätte der 42-Jährige wohl darum gegeben, diesen sich ankündigenden Gau einer zweiten großen Massenzuwanderung nur um ein paar Wochen zu verschieben. Noch dazu, wo sein endgültiger Kniefall vor der grünen Ideologie noch nicht vollzogen ist.

Was bedeutet das? Nicht weniger, als dass eine Entscheidung der FDP für eine Ampelregierung der finale Startschuss dafür wäre, dass die nächste deutsche Regierung vor Lukaschenkos asymmetrischer Kriegsführung gegen die EU kapituliert und einfach jeden aufnimmt, den Lukaschenko gegen die EU-Außengrenze schickt.

Dass so ein fatales Signal auch alle anderen Migrationswege befeuern würde, steht außer Frage: Die von den Grünen protegierte Antifa-zur-See beispielsweise ist auf dem Mittelmeer immer umfangreicher aufgestellt. Und die linksradikale NGO Seebrücke organisiert bereits den lückenlosen Transfer der Menschen in die deutschen Städte, die sich zu Hunderten zu sicheren Häfen erklärt haben – hier sind übrigens auch Bürgermeister der Union Teil der Maschinerie, wie beispielsweise in Würzburg und anderswo.

Für Christian Lindner ist die Zeit des Schönredens und der Ausreden vorbei. Für ihn gibt es nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder er wird Bundesfinanzminister, weil er sich persönlich nichts sehnlicher wünscht seit Jahrzehnten, als in die Fußstapfen der liberalen Vorgänger im Amt zu treten. Oder Christian Lindner stellt sich seinem Trauma und verabschiedet sich – was längst überfällig ist – mit seiner Partei aus den Ampelgesprächen.

Augen zu und ins Amt?

Für Deutschland und für die Menschen. Die Zeit drängt. Denn diese Leerstellen in Christian Lindners Außendarstellung werden Tag für Tag peinlicher. Auf Twitter findet sich in den letzten Tagen keine einzige Erwähnung der eskalierenden Situation an der polnischen EU-Außengrenze.

Aber was sollte Lindner dazu auch sagen oder schreiben? Er verhandelt mit den Grünen über eine Regierungsbeteiligung, während der radikale außerparlamentarische Arm dieser Partei gerade alles dahingehend vorbereitet, dass Baerbock, Göring-Eckardt als graue Eminenz der Partei und der Co-Parteichef Habeck unter Beweis stellen können, dass sich, was Angela Merkel 2015 nur nicht verhindert haben will, 2021 auch ganz absichtsvoll organisieren lässt.

Und Merkel wäre nicht Merkel, wenn sie ihre grünen Jungen bei diesem Wetteifern um Platz eins nicht noch anfeuern würde: Aktuell verkündete sie, dass ihr Mantra „Wir schaffen das“ nun Geschichte ist. Aber nicht etwa, weil die Ereignisse an der polnischen Grenze die Heiligsprechung der Massenzuwanderung von 2015 verhindert hätten.

Nein, die weiterhin übergangsweise amtierende Bundeskanzlerin sagte – übrigens im gleichen Maße unbeeindruckt von den Bildern der Lukaschenko-Geiseln wie Christian Lindner – sie sagte gegenüber der Deutschen Welle: „Ja, wir haben das geschafft.“

Christian Lindner hat jetzt keine Ausreden mehr. Zeit also, diesem Spuk ein Ende zu machen, jetzt ist der richtige Zeitpunkt, Manns genug zu sein, seinen längst kontaminierten Traum vom Sessel in der Wilhelmstraße 97 (Bundesfinanzamt) zu verschieben mindestens auf 2025.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine.

Alexander Wallasch ist gebürtiger Braunschweiger und betreibt den Blog alexander-wallasch.de. Er schrieb schon früh und regelmäßig Kolumnen für Szene-Magazine. Wallasch war 14 Jahre als Texter für eine Agentur für Automotive tätig – zuletzt u. a. als Cheftexter für ein Volkswagen-Magazin. Über „Deutscher Sohn“, den Afghanistan-Heimkehrerroman von Alexander Wallasch (mit Ingo Niermann), schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Das Ergebnis ist eine streng gefügte Prosa, die das kosmopolitische Erbe der Klassik neu durchdenkt. Ein glasklarer Antihysterisierungsroman, unterwegs im deutschen Verdrängten.“ Seit August ist Wallasch Mitglied im „Team Reitschuster“.

Bild: photocosmos1/Shutterstock
Text: wal

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