Wenn man sich die Debatten anschaut, die heute die mediale Öffentlichkeit prägen, kommt man unweigerlich ins Staunen. Man könnte glatt glauben, wir leben in der besten aller möglichen Welten. Zumindest fast. Denn ein paar kleinere Probleme gibt es ja noch. Da stellt doch tatsächlich ein rechter Verlag auf der Buchmesse seine Bücher aus! Und es droht – Göttin bewahre! – auch noch ein Kabinett, in dem mehr Männer als Frauen sitzen! Das sind zumindest die Themen, die hinter der allgegenwärtigen, aber absurd geführten Impfdebatte heute mediale Prominenz bekommen. Und dann ist da ja auch noch das Klima. Konflikte wie die immer groteskere Vermögensverteilung, Altersarmut, Chancenungleichheit, Niedriglöhne und die Explosion der Mieten und Lebenshaltungskosten sind offenbar überwunden, „Krieg und Frieden“ ist nur der Titel eines sehr langen Romans von Tolstoi, den niemand gelesen hat, und wer die neue Normalität infrage stellt, ist ohnehin höchst verdächtig, ein rechtsoffener Schwurbler zu sein. Und das Schlimmste: Die Methode wirkt. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Wie heute Scheindebatten entstehen, lässt sich am Beispiel der „Buchmessen-Debatte“ nachvollziehen, die in den letzten Wochen vor allem in den einschlägigen Medien geführt wurde. Am 18. Oktober verkündete die leidlich bekannte Autorin und Twitteraktivistin Jasmina Kuhnke zielgruppengerecht, dass sie der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt fernbleiben werde. Kuhnke ist farbig und sieht ihr Leben durch die Anwesenheit eines rechten Verlags auf der Messe bedroht. Hätte man ein solches Statement früher noch belächelt, ging es heute – wie man so schön sagt – viral. Die ohnehin bei identitätspolitischen Themen zur Hyperventilation neigende Twittergemeinde zwitscherte sich um Kopf und Kragen, weitere äußerst empathische und ebenfalls nur leidlich bekannte Autoren schlossen sich dem Boykott an und Deutschland hatte ein neues Aufregerthema, das vor allem vom SPIEGEL, vom Tagesspiegel und natürlich von der taz wochenlang hochgejazzt wurde. Na klar. Nach dem Debakel um den erfundenen Antisemitismus-Eklat rund um Gil Ofarim brauchte die identitätspolitisch fixierte Community ein neues Thema und als „neu-linke“ Twitter-Aktivistin war Kuhnke ja eine von ihnen. Dass Kuhnkes Buch durch die Debatte in die Bestsellerliste kam, was wohl nie geschehen wäre, wenn sie die Messe besucht hätte, ist dabei nur ein Nebenaspekt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Es wäre ja vielleicht mal interessant zu erfahren, was ein farbiger Raumpfleger oder eine kopftuchtragende Verkäuferin aus den sozialen Brennpunkten zu dieser Debatte sagen. Aber die gehören ja nicht zur akademisch-urbanen Bohème, die heute via Twitter und Kolumnen solche Debatten führt. Sollen sie doch auch ihren Arbeitsplatz boykottieren!

Die heutigen Scheindebatten haben zwar den Anspruch, gesellschaftlich relevant zu sein, kreisen aber letztendlich nur um die Bauchnabel einer kleinen, aber dafür umso meinungsstärkeren Bildungselite. Der Horizont dieser Debatte geht selten über die Tapete in der frisch sanierten Altbauwohnung in Berlin-Neukölln hinaus. Und dennoch sind wir als Medienkonsumenten, denen diese Welt doch so fremd ist, gezwungen, diesen Debatten zu folgen. Was früher einmal die Gemeinschaftsküche einer politisch sehr korrekten Studenten-WG war, ist heute unser aller Debattenraum – zumindest dann, wenn wir die großen Medien nicht komplett ignorieren.

Und das strahlt weit über die Bullshit-Kolumnen von SPIEGEL, Tagesspiegel und taz hinaus. Selbst für die konservativ-bürgerliche FAZ scheint heute das Geschlecht der neuen Bundestagspräsidentin wichtiger zu sein als ihre Qualifikation. Im, die Koalitionsverhandlungen traditionell begleitenden, Geraune darum, wer denn nun ministrabel ist, geht es konsequenterweise fast auch nur noch darum, wie man es hinbekommt, dass das Kabinett paritätisch mit Männern und Frauen besetzt ist. Qualifikation? Nebensache! Politische Positionen? Überwunden! Verbindungen zu Einflussgruppen und Lobbyisten? Nun hören Sie mir doch mit diesem Geschwurbel auf!

Ansonsten heißt es Corona, Corona, Corona und zwischendurch noch ein wenig Klima. Das sind zweifelsohne wichtige Themen. Hier werden die Debatten jedoch wie in einer Parallelwelt geführt. Der Meinungskorridor ist nicht nur eng, sondern er verläuft auch noch so, dass er nur einen Teil der Debatte abdeckt. Wer das RKI-Drosten-Lauterbach-Narrativ bei Corona hinterfragt, befindet sich außerhalb des Korridors und ist vogelfrei. Wer bei der Klimadebatte die sozioökonomische Komponente betont und darauf hinweist, dass ein Großteil der Bürger sich die Kosten für die ambitionierten klimapolitischen Reformen leider nicht leisten kann, gilt als Leugner von was auch immer und schlimmstenfalls gar als AfD-nah. Ja, seitdem die Linke sich durch ihren Schlingerkurs in diesen Debatten mehr und mehr überflüssig macht und die Regierungsparteien samt Union sich ohnehin wie Spielbälle der Medien problemlos in die neuen Korridore zwängen lassen, wird dieser Vorwurf eine große Zukunft haben. Aber ist man rechtsoffen oder AfD-nah, wenn man sich in den besagten Debatten nicht in das Meinungskorsett von Hauptstadtpresse und dem Twitter-Mob einzwängen lassen will?

Auch wenn die „neuen Debatten“ sich in einer Parallelwelt abspielen, strahlen sie leider auch auf die reale Welt aus. Der normale Medienkonsument frisst halt das, was er vorgesetzt bekommt. Und wenn er tagein, tagaus mit Scheindebatten indoktriniert wird, muss man sich auch nicht wundern, dass ein großer Teil unserer Mitmenschen sich in eine Duldungsstarre begibt und denkt, was man ihm vorgibt, zu denken. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass nun eine Mehrheit der Deutschen für eine Impfpflicht ist, obwohl die gleichen Befragten selbst immer weniger Angst vor Corona haben? Und wer sieht überhaupt noch in der immer ungleicher werdenden Verteilung des Vermögens, der steigenden Chancenungleichheit und der Kriegsgefahr ein ernstes Problem?

Leser der NachDenkSeiten sehen diese Probleme und messen ihnen auch eine hohe Priorität zu. Die NachDenkSeiten versuchen ohnehin, sich von diesen Scheindebatten möglichst wenig beeinflussen zu lassen und sich nicht in die Parallelwelt des zeitgenössischen Diskurses ziehen zu lassen, was jedoch heutzutage schon fast einer Sisyphusarbeit gleichkommt. Es war wohl nie schwerer, zu den „Andersdenkenden“ durchzudringen, wie heute. Wir können daher auch nur an Sie, liebe Leserinnen und Leser, appellieren, dafür zu kämpfen, dass die Debattenräume wieder erweitert und nicht Scheindebatten, sondern endlich die richtigen Debatten um die richtigen und wichtigen Themen geführt werden. Oder um es mit Che Guevara zu sagen: „Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche“.

Titelbild: Shyntartanya/shutterstock.com





Quelle: