Alle Zeichen stehen auf Friedrich Merz als Parteichef. Na und? Mit ihm an der Spitze würden die Christdemokraten zur Splitterpartei

Da weiß man, was man hat

„Wahlen ändern nichts, sonst wären sie verboten.“ Das ist ein Ausspruch, der Kurt Tucholsky zugeschrieben wird. Bei der Suche nach einem CDU-Chef gilt er nicht: Hätte man die Unionsanhänger vor dem Parteitag im Januar abstimmen lassen, wäre nicht Armin Laschet als Vorsitzender herausgekommen, sondern vermutlich Friedrich Merz. Dann wäre kein Profilloser ins Rennen ums Kanzleramt geschickt worden, dessen Phrasen im Netz als „Lasch-O-Mat“ persifliert wurden. Weil die Bundestagswahl nicht rosig gelaufen ist für die CDU, stimmte eine Mehrheit der 326 Kreis- und 27 Bezirksvorsitzenden nun für eine Befragung der Mitglieder zur neuen Führung.

Obwohl das Neuland für die mehr als 70 Jahre alte Partei ist, goutierte der Bundesvorstand diese Idee: Am 17. Dezember soll das Ergebnis verkündet werden; ein Parteitag Ende Januar soll den Sieger zum Vorsitzenden wählen. Doch was ist zu erwarten von einer „demokratisierten“ CDU, die auf ihre Basis hört? Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage hält die Merz-Begeisterung an: 29 Prozent der CDU-Wähler plädieren für ihn als Parteichef; für seinen Rivalen Norbert Röttgen 24 Prozent.

Ist Merz nicht CDU pur?

Eine „erneuerte“ Christdemokratie, die Generalsekretär Paul Ziemiak nach der Konferenz der Kreisvorsitzenden heraufbeschwor, dürfte also auf das alte Rezept zurückgreifen: knarzender Konservatismus gepaart mit neoliberaler Wirtschaftspolitik. Mit einem Chef, der Schwule daran erinnerte, schön „im Rahmen der Gesetze“ zu bleiben. Und der nach Corona alle staatlichen Transferleistungen „auf den Prüfstand“ stellen will. Ist das nicht CDU pur?
Deren Mitglieder sind zu drei Vierteln männlich und über 50 Jahre alt. Mehr als 90 Prozent sind nicht gewerkschaftlich organisiert. Die Wählerschaft: wohlhabend und ländlich. Diese Jungs ticken so wie Merz.

Mit seinem plumpen Konservatismus könnte der die „Repräsentationslücke“ schließen und dem harten CDU-Kern wieder ein muckliges politisches Refugium bieten. Netter Nebeneffekt: Die Zeiten als 40-Prozent-Volkspartei wären dann endgültig vorbei. Schon 2017 sprachen sich 75 Prozent der Deutschen eindeutig für die „Ehe für alle“ aus. Und höhere Steuern für Reiche wünschen sich fast 70 Prozent. Mit Merz würde die CDU zur konservativen Splitterpartei und Tucholsky, tja, der wäre wohl widerlegt.

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