Tonnen an Fisch-Kadavern, unerträglicher Gestank, apokalyptische Bilder eines sterbenden Grenz-Flusses: Die Bilder von der Oder machen fassungslos, traurig und wütend. Letzteres nicht nur wegen der allseitig und vielerorts lange bekannten Verschmutzung von Flüssen, die vor allem Industrie-Betrieben als Abfallorte dienen. Sondern auch, weil Politik und Behörden vor allem jenseits der Oder offenbar komplett überfordert waren und sind.

Polnische Behörden hatten bereits Ende Juli erste Hinweise von Anglern erhalten, dass es bei Oława, einer Stadt zwischen Oppeln und Breslau, vermehrt Fisch-Kadaver gebe. Zwar hatte die regionale Abteilung des zuständigen Hauptumweltinspektorats (GIOS) kurz danach selbst Untersuchungen eingeleitet. Doch die Meldeketten vers

Tonnen an Fisch-Kadavern, unerträglicher Gestank, apokalyptische Bilder eines sterbenden Grenz-Flusses: Die Bilder von der Oder machen fassungslos, traurig und wütend. Letzteres nicht nur wegen der allseitig und vielerorts lange bekannten Verschmutzung von Flüssen, die vor allem Industrie-Betrieben als Abfallorte dienen. Sondern auch, weil Politik und Behörden vor allem jenseits der Oder offenbar komplett überfordert waren und sind.

Polnische Behörden hatten bereits Ende Juli erste Hinweise von Anglern erhalten, dass es bei Oława, einer Stadt zwischen Oppeln und Breslau, vermehrt Fisch-Kadaver gebe. Zwar hatte die regionale Abteilung des zuständigen Hauptumweltinspektorats (GIOS) kurz danach selbst Untersuchungen eingeleitet. Doch die Meldeketten versagten, Informationen versiegten oder wurden verschlampt. Und so erfuhr Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki nach eigener Darstellung erst am 10. August von dem Problem, die deutschen Behörden wurden erst zwei Tage später offiziell benachrichtigt. „Diese ökologische Katastrophe hätte kein solches Ausmaß, wenn deutsche und polnische Behörden intensiver zusammengearbeitet hätten“, erklärte die BUND-Geschäftsführerin Antje von Broock Ende der vergangenen Woche.

Quecksilber war’s nicht

Die anfängliche Vermutung, erhöhte Quecksilber-Werte seien der Auslöser für das Fisch-Sterben, haben vorerst inzwischen sowohl die polnischen wie auch die deutschen Behörden verworfen. Die Ergebnisse von Laboruntersuchungen sowohl in Deutschland als auch in Polen haben bis zum Beginn dieser Woche keine eindeutigen Hinweise auf eine einzelne hauptursächliche Substanz geliefert. Experten gehen derzeit von einem Bündel an Ursachen aus, die miteinander verkettet sind.

Die niedrigen Wasserstände, wie sie derzeit auch in den wichtigsten Flüssen in Deutschland gemessen werden, könnten auch in der Oder den entscheidenden Verstärker-Effekt gehabt haben und im Fluss bereits vorhandene toxische Stoffe freisetzen, heißt es. Bundesumweltministerin Steffi Lemke sagte am Wochenende, es gebe kaum Wissen über das Ausmaß der Katastrophe, die Länge sowie die Folgen für die Nahrungskette und die Natur. „Aber Vorkehrungen zum Schutz der Bevölkerung werden über die Messungen und dann über entsprechende Warnungen von der deutschen Seite vorgenommen.“

Als potenzielle Quelle für die folgenreiche Verschmutzung des Flusses wurde anfänglich ein polnischer Hersteller von hygienischen Papieren aus dem erwähnten Oława vermutet. Doch Beweise dafür gibt es bislang nicht, weder der Inhaber des Betriebs, noch der Bürgermeister Oławas, Tomasz Frischmann, wollen die Vorwürfe stehen lassen. Die Stadt hatte schon Anfang August bei entsprechenden Behörden Alarm geschlagen – zunächst nahezu ungehört. „Wir haben als erste reagiert, und jetzt tragen wir als Stadt die Konsequenzen. Oława wurde zum Bauernopfer“, sagte Frischmann der Zeitung Gazeta Wyborcza.

Purer Aktionismus

Inzwischen ist auch nitrathaltige Gülle aus der Massentierhaltung als möglicher Auslöser im Gespräch, aber auch Verschmutzung durch den Gleiwitzer-Kanal, eines Oder-Zuflusses, der in der Industriestadt Gleiwitz beginnt. Dort waren bereits im April verstärkt Fisch-Kadaver gesichtet worden waren. In polnischen Laboren wird nach Angaben des Umwelt- und Klima-Ministeriums in Warschau derzeit nach rund 300 Stoffen im Wasser und in den toten Fischen gefahndet, darunter gezielt nach Insektiziden.

Viele Spuren werden verfolgt: Inzwischen mithilfe von Drohnen und koordiniert von einem Krisenstab, den Polens Regierung am 12. August eingerichtet hat. Bislang wirkt es jedoch nicht nach Kompetenz, sondern nach Aktionismus: Die Regierung hat zwar medienwirksam ein Kopfgeld in symbolträchtiger Höhe von einer Million polnischen Zloty (rund 220.000 Euro) für Hinweise auf mögliche Verursacher ausgelobt. Doch Verwaltungen der an der Oder liegenden Städte klagen sich über mangelnde Informationen, BürgerInnen machen ihrer Wut immer lauter Luft

Der polnische Epidemiologe Paweł Grzesiowski bringt die Reaktion der polnischen Behörden im Interview mit dem Magazin Polityka auf den Punkt. „Deutschland zeigt seine Forschungsergebnisse. Auf polnischer Seite gibt es Zusicherungen der politischen Entscheidungsträger, zwei Rücktritte, ein sehr geringes Vertrauen in die Behörden, das zwangsläufig alle offiziellen Informationen beeinflusst, was durch Chaos und mangelndes Krisenmanagement noch verschärft wird.“

Ein Minister dreht durch

Wie unvorbereitet, unprofessionell und mitunter schlicht dumm einige PiS-Politiker in dieser Krise agieren, zeigt der kuriose Fall von Grzegorz Witkowski. Der Vizeminister für Infrastruktur sagte noch am 11. August, als bereits tausende Fischkadaver in dem Fluss gesichtet wurden bei einer Pressekonferenz an einer relativ sauberen Stelle der Oder, er würde „bedenkenlos in den Fluss steigen“. Auch Familien mit Kindern könnten dies tun. Die Anekdote spricht Bände über das System, die in Krisen sichtbarer werden.

Denn zum polnischen Teil der ungeklärten Wahrheit über die Oder-Katastrophe gehört, dass Polens PiS-Regierungen in den letzten Jahren ein massives Posten-Geschacher in staatlichen Institutionen veranstalteten. Es gelangten Leute an wichtige Posten, deren Auswahl-Kriterium in der Regel nicht Kompetenz, sondern Loyalität war. Hinzu kam der intensive Umbau oder auch Neuaufbau etlicher Institutionen – von Ministerien über Schulwesen bis hin zu Staatsunternehmen wie den „Polnischen Gewässern“, die in dieser Form erst 2018 entstanden. Völlig umstrukturiert wurde 2019 auch das Hauptumweltinspektorat (GIOS) in Warschau – die damals umgesetzte Zentralisierung tat der Behörde wohl nicht gut.

GIOS-Hauptinspekteur Michał Mistrzak wurde nun von Premierminister Mateusz Morawiecki infolge der Oder-Katastrophe seines Amtes enthoben, ebenso erging es dem Chef der „Polnischen Gewässer“. Ob auch Umwelt- und Klimaministerin Anna Moskwa wird gehen müssen, ist ebenso unklar wie das künftige Schicksal ihres Mannes, der Vize-Chef der „Polnischen Gewässer“ ist. In Polen wäscht, solange es geht, die eine PiS-Hand die andere.

Mit dem dabei entstehenden Schmutz müssen Mensch und Umwelt zurechtkommen – diesseits und jenseits der Oder, etwa in dem nun gefährdeten Nationalpark Unteres Odertal. Aber nicht nur hier. Der polnische Ökologe Dominik Dobrowolski weist in einem TV-Interview auf Probleme darüber hinaus: „80 Prozent der Verschmutzung der Ostsee stammen von Flüssen. Was bedeutet das? Wenn die Oder kontaminiert ist, dann landen all diese Abwässer, die toten Tiere, die Giftstoffe, in der Ostsee. Und die Ostsee ist ein halbgeschlossenes Meer, nur alle 30 Jahre tauscht es Wasser aus.“ Das Problem der Verschmutzung des Flusses sei damit, leider, ein ganz großes – und eines für die ganz langen Zeiträume.



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Von Veritatis

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