Die Frauenkirche kommt ins Bild, der Justizpalast, Kameraschwenk über Münchens Altstadt. „Hier meldet sich das Fernsehen der Deutschen Demokratischen Republik“ – der Adlershofer Reporter spricht feierlich-getragen – „mit seiner ersten großen Direktübertragung von den 20. Olympischen Sommerspielen 1972, bei denen zum ersten Mal eine selbstständige Olympiamannschaft der DDR mit allen souveränen Rechten teilnimmt.“ 26. August 1972, Premierenfieber. Kampf und Krampf (nie wirklich) gemeinsamer deutscher Olympia- und WM-Mannschaften sind endlich ausgestanden. Der Bastard DDR, bis dato delegitimiert, darf eigenständig mitturnen, Handball spielen, fechten oder rudern, sportliche Siege selbst einfahren. Siege – ausgerechne

Die Frauenkirche kommt ins Bild, der Justizpalast, Kameraschwenk über Münchens Altstadt. „Hier meldet sich das Fernsehen der Deutschen Demokratischen Republik“ – der Adlershofer Reporter spricht feierlich-getragen – „mit seiner ersten großen Direktübertragung von den 20. Olympischen Sommerspielen 1972, bei denen zum ersten Mal eine selbstständige Olympiamannschaft der DDR mit allen souveränen Rechten teilnimmt.“ 26. August 1972, Premierenfieber. Kampf und Krampf (nie wirklich) gemeinsamer deutscher Olympia- und WM-Mannschaften sind endlich ausgestanden. Der Bastard DDR, bis dato delegitimiert, darf eigenständig mitturnen, Handball spielen, fechten oder rudern, sportliche Siege selbst einfahren. Siege – ausgerechnet in der BRD. Es soll ein buntes, modernes Sportfest werden. Die Organisatoren und das bundesdeutsche Marketing versprechen „heitere Spiele“.

Vorab hatten DDR-Medien eifrig – dem Prozedere, das wir erleben, wenn heute Wettkämpfe in Russland, China, Katar anstehen, gar nicht so unähnlich – das Böse demaskiert, gebrandmarkt und sich selbst auf der richtigen Seite stehend gepriesen. So Karl-Eduard von Schnitzler in seinem Schwarzen Kanal. „Olympischer Profit“, „Olympia und Moral“ hießen die Sendungen. Nun gönnt man den Leuten eine Pause vom Staatsbürgerkunde-Unterricht. Auf den Klassen- folgt der sportliche Kampf, fair ausgetragen. Ihn soll das Volk genießen dürfen. Es herrscht, der olympischen Idee geschuldet oder nicht, vorübergehend Burgfrieden mit der „Gegenseite“.

Mit der man überhaupt in wichtigen Verhandlungen steht. Die Staatssekretäre Michael Kohl (Ost) und Egon Bahr (West) sprechen seit Monaten miteinander. Zunächst ging’s um das Transitabkommen. Jetzt verhandeln sie den Grundlagenvertrag über „gutnachbarschaftliche Beziehungen“. Auch am 30. und 31. August, während die Olympiade läuft, treffen sie sich. Die westdeutsche SPD instruiert Egon Bahr. Die SED gibt ihrem Gesandten Kohl vor, was er dem Gegner zugestehen darf, was nicht. Sie stimmt darüber hinaus, laut Sitzungsprotokoll des Politbüros, „das vorgeschlagene Vorgehen mit der sowjetischen Seite ab“. Wie die SPD zweifelsohne die US-Administration auf dem Laufenden hält. So frei, wie alle sich gern geben, sind sie nicht. Und schon gar nicht die DDR. Um einen souveränen Auftritt und internationale Anerkennung müht sie sich seit ihrer Gründung. Wie glänzend passt es da, dass die finnische Regierung und Ostberlin am 6. September 1972 verkünden, diplomatische Beziehungen aufzunehmen – noch bevor Finnland dies mit der BRD tut!

Es sind die sonnigen Zeiten Erich Honeckers. Seinen Vorgänger Walter Ulbricht hat er abserviert, ist Parteichef und wird bald auch Staatschef werden. Auf vielen Ebenen ernten er und das Land jetzt, was zuvor gepflanzt wurde. Zum Beispiel im Sport. Bestens präpariert gehen die ostdeutschen Athleten und Athletinnen in München, Augsburg und Kiel ab 27. August an den Start. Der Sport wird zu Hause hochgeschätzt, Talente werden großzügig gefördert. Es herrscht beim Spitzensport, wie kaum sonst wo in der Gesellschaft, knallharter Leistungsdruck. Plankommissionen haben ein halbes Jahr vor den Olympischen Spielen beschlossen, wie viele Siege dort zu erringen sind. Das Trainingszentrum beim SC Dynamo Berlin etwa hat zu liefern: „Leichtathletik: Medaillen 6, davon Gold 2, Turnen (Frauen): 4/3, Schwimmen: 3/1 …“ Natürlich gibt es „leistungsfördernde Substanzen“. Ein Arzt, der Schwimmerinnen betreut, gibt geheim zu Protokoll: „Die erste Retabolil-Injektion erfolgte am 25.6.70, die zweite am 2.7.70. Die Sportler wurden vorher weder von mir noch von einem anderen Arzt über die Wirkung und Nebenwirkung der Retabolil-Behandlung aufgeklärt.“ Das Zeug ist eine Wachstumsstimulanz, die androgene Nebenwirkungen hat, Menstruationsbeschwerden verursacht, süchtig macht.

Wachpersonal schützt die Sportler – vor der Flucht

Auch die Stasi hat auf Olympia akribisch hingearbeitet und hat nun ihre Finger in den Spielen. „Negative und schwankende Personen“ waren zum Zeitpunkt des Abflugs nach München „enttarnt“ und aussortiert. „Der gesamte erweiterte Kreis der Olympiakader“ steht unter „Personenaufklärung bzw. -kontrolle“. Als Sportlerinnen, Sportler und Crew ihre Zimmer im Olympiadorf, Connollystraße 24, beziehen, ist ihnen, sichtbar und unsichtbar, Wachschutz beigesellt. Für ihre Sicherheit zum einen. Zum anderen aus Angst, es könnte jemand der DDR den Rücken kehren wollen. „Die IM unter den Journalisten sowie unter dem medizinischen Personal und den Kampfrichtern“ werden „zur operativen Sicherung in den Sportmannschaften mit eingesetzt“. Läuferin Renate Stecher, Schwimmer Roland Matthes abgehauen – es wären Horrorszenarien für die SED. Dabei ist der Westen, kundschaftet die Stasi aus, eher daran interessiert, Trainer abzuwerben. Da steckt mehr Zukunft drin. (Es setzen sich bei dieser Olympiade aber weder Trainer noch Aktive ab.) Außerdem spähen von zu Hause Funkaufklärer die gegnerische Kommunikation aus, mit „hoher Eindringtiefe in das Territorium der BRD“ unter Einsatz der „neuesten zur Verfügung stehenden Mittel“. Alles wurde und wird getan, um böse Überraschungen auszuschließen.

Und es läuft makellos. Gold im Einer-Kajak und -Canadier. Kornelia Ender, 13 Jahre alt, erschwimmt Silber auf 200 Meter Lagen. Roland Matthes, wie erwartet, Gold auf 100 Meter Rücken. Höher als die beiden US-amerikanischen schwebt die DDR-Flagge bei Matthes’ Siegerehrung. Stolz darf man sein! Und nach einer Woche sind schon 16 Gold-, zehn Silber- und 17 Bronzemedaillen gewonnen, ist Renommee erkämpft, wurde Anerkennung erzwungen. Mag sie neidvoll sein, egal.

Und dann das! In ihrem Quartier, auf das die DDR-Olympioniken einen guten Blick haben, wird am 5. September frühmorgens die israelische Mannschaft überfallen. Der Ringkampftrainer Mosche Weinberg und der Gewichtheber Josef Romano werden getötet, andere als Geiseln genommen. Es wird verhandelt. Doch in der Nacht endet alles in einem Blutbad. Die Inkompetenz der bundesdeutschen Polizei, vielleicht auch israelischer Behörden, die im Hintergrund agieren, führt dazu, dass auf dem Bundeswehrflugplatz Fürstenfeldbruck die gekidnappten Sportler und ein deutscher Beamter sterben. Auch einige Attentäter kommen ums Leben.

Es ist ein Schock. Palästinensische „Freiheitskämpfer“, mit denen man sich stets solidarisch zeigt, haben der DDR Olympia versaut! Kurz erwägt die SED-Führung, ihre Sportler heimzuholen. Aber das ist nur im Verbund mit der Sowjetunion machbar. „Der Genosse Erich Mielke wird ermächtigt“, beschließt das Politbüro, „mit dem Sicherungsdienst der BRD zu sprechen, um Maßnahmen einzuleiten zum Schutz unserer Mannschaft.“ Ausnahmezustand. Und Verwirrung der Termini. Die ersten Meldungen: Man verurteilt den Terror. Von Arabern ist die Rede, doch nirgends steht im Neuen Deutschland, dass es Palästinenser waren. In der Berliner Zeitung dagegen, auch ein SED-Blatt, liest man von „Anhängern einer extremistischen palästinensischen Organisation“. Eine Journalistin des FDJ-Blatts Junge Welt schreibt gar, „arabische Anarchisten“ hätten durch die Aktion „auf die totale politische Konfusion in ihren Reihen aufmerksam gemacht“. Steht am 6. September frühmorgens in den Zeitungen, dass sich „die Sportler unserer Republik an der heutigen Trauerfeier beteiligen“ werden, ist die Teilnahme an der um 10 Uhr stattfindenden Veranstaltung den Olympioniken bereits verboten. Kein bisschen will man Israel zur Seite stehen. Von höchster Stelle ergehen Sprachregelungen. Ab sofort wird es sich bei den Terroristen um „Freischärler“ handeln; da steckt ein bisschen „frei“ drin. Denn schuldig ist letztlich der jüdische Staat. So muss es sein! „Die Opfer wären niemals in Gefahr geraten“, stellt Karl-Eduard von Schnitzler noch 1974 klar, „wenn es keine israelische Aggression und Okkupation gäbe und keine andauernde Verhöhnung von Frieden, Recht, Weltmeinung und Vereinten Nationen durch Israel.“



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Von Veritatis

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