Seit Jahren kommt es vor, dass wichtige Medikamente nicht verfügbar sind. Die Gründe dafür liegen nicht zuletzt auch im deutschen Gesundheitssystem.

Berlin.

Mal fehlt ein Narkosemittel, mal gibt es Engpässe bei einem Medikament für Brustkrebs-Patientinnen oder beim Fiebersaft für Kinder: Seit Jahren kommt es in Deutschland zu Lieferengpässen bei Arzneimitteln, die auch die Versorgung von Kranken gefährden.

Dieser Mangel (aktuell meldet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte bei gut 250 Präparaten einen Lieferengpass) hat zwei Hauptgründe: Bei den sogenannten Generika – also Arzneimitteln, die keinen Patentschutz mehr haben -, kommen fast zwei Drittel der Ware aus Asien, überwiegend aus China und Indien. Zudem unterliegen Hersteller der Pharmaindustrie in Deutschland einem starken Kostendruck.

Die Krankenkassen zahlten einem Generikaunternehmen für die Tagesdosis eines Arzneimittels im Schnitt nur sechs Cent, meint Bork Bretthauer vom Verband “Pro Generika”: “Das ist so wenig, dass immer mehr Hersteller bestimmte Arzneimittel aus der Versorgung zurückziehen müssen.” Er will, dass die Kassen ihre Preisgestaltung großzügiger anlegen – dass sie also bei den sogenannten Festbeträgen (das sind die Höchstbeträge, die Kassen für ein Präparat zahlen) und den Rabatten, die sie für ein bestimmtes Medikament mit einem Hersteller aushandeln, höhere Preise zahlen.

Ein Beispiel eines Unternehmens, das sich zurückgezogen hat, ist die Firma “1a Pharma”, die seit dem Frühjahr keinen Fiebersaft mehr herstellt. Dafür hätten die Kassen nur 1,36 Euro je Flasche gezahlt, erklärt “Pro Generika”. Die Kassen betonen, dass Hersteller schon vor Einführung der Festbeträge und der Rabattverträge nach Asien abgewandert seien. Und Lieferengpässe gebe es auch in Staaten, in denen es weder Festbeträge noch Rabattverträge gebe. Das stimmt. Nur haben viele westliche Staaten die Preise für Generika streng reguliert. Damit gab es einen Anreiz, in China oder Indien zu produzieren. Denn gerade in China ist das so günstig, dass westliche Konkurrenten nicht mithalten können.

Die Folge: Asien ist zur Apotheke der Welt aufgestiegen. Dabei zeigt sich nach Angaben einer von “Pro Generika” in Auftrag gegebenen Studie eine massive Konzentration. Für mehr als 56 Prozent der pharmazeutischen Wirkstoffe gibt es je Wirkstoff weniger als fünf Hersteller. Fällt nur einer von ihnen aus – sei es wegen Verzögerungen auf dem Transportweg oder weil es in der Fabrik einen technischen Defekt gab -, stockt der Nachschub.

Wie abhängig Deutschland von den Lieferungen aus Asien ist, zeigte sich gerade nach Beginn der Pandemie im Jahr 2020. So sagte der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), dass man die “Selbstbehauptung Europas” erreichen müsse. Davon ist bislang nichts zu sehen. Ebenso ist ungewiss, was aus den Ankündigungen der Ampel-Koalition wird. Man prüfe “Investitionsbezuschussungen für Produktionsstätten sowie von “Zuschüssen zur Gewährung der Versorgungssicherheit, heißt es im Koalitionsvertrag: “Wir ergreifen Maßnahmen, um die Herstellung von Arzneimitteln (…) nach Deutschland oder in die EU zurück zu verlagern.” Das könnte allerdings bedeuten, dass Medikamente teurer werden. Und diese Botschaft, die möglicherweise zu höheren Kassenbeiträgen der Versicherten führen könnte, mag im politischen Berlin niemand aussprechen. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) steht ja ohnehin vor der schwierigen Aufgabe, das 17-Milliarden-Euro-Defizit stopfen zu müssen, das die gesetzliche Krankenversicherung für 2023 erwartet.

Bretthauer dagegen formuliert eindeutig: “Die Vorgabe der Politik an die Kassen war zu lange: Kauft billig. Sie muss jetzt lauten: Kauft nachhaltig und diversifiziert.” Dabei ist in der Fachwelt klar, dass es nicht darum geht, die ganze Produktion nach Europa zurück zu verlagern. Das wäre logistisch und finanziell eine riesige Kraftanstrengung.

Nichtstun ist allerdings auch keine Option. So wie Russland im Ukraine-Konflikt Gas als Waffe einsetzt, könnte China seine starke Stellung auf dem Weltmarkt für Arzneimittel gegen den Westen verwenden. So sagte Rosemary Gibson vom US-Forschungsinstitut “Hastings Center” im März 2020 bei einer Anhörung im Senat von Washington, dass China 90 Prozent der Vorprodukte produziere, die für Antibiotika oder Medikamente zur Regulierung des Blutdrucks benötigt werden. Sollte diese Produktion ausfallen oder sollte Peking einen Export stoppen, hätte der Westen ein Riesen-Problem.



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Von Veritatis

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