Haben Sie schon mal gedacht, Sie trinken vielleicht zu gern zum Beispiel einen Chardonnay zur Entspannung am Abend? Und während der Corona-Pandemie waren es noch ein, zwei „Gläschen“ mehr nach so einem Tag im Homeoffice? Einer jüngsten Studie zufolge hat, wer vorher schon nicht wenig getrunken hat, in der Pandemie noch mehr konsumiert. Süffisant gesagt, könnte die Inflation so manch einen „Genusstrinker“ (gängige, beschönigende Selbstbeschreibung) rein aus Kostengründen wieder zum Kürzertreten veranlassen …

Spaß beiseite: Sind Sie eine erfolgreiche Frau? Hier soll der gesundheitlich riskante Alkoholkonsum oft mit dem Erfolg steigen. Gerade Frauen in Führungspositionen sind gefährdet, heißt es. Dabei wird das Trinken, nennen wir es jetzt mal „Saufen“, normalerweise mit prekären Schichten assoziiert. Dass man gepflegt aussehen und trotzdem ein Alkoholproblem haben kann, dafür gibt es kein Bild. Über „Funktionstrinkerinnen“ (zu viel Alkohol, aber arbeitsfähig) wurde bisher eher in Sketchen gewitzelt. Vielleicht begann der Mut zur Bekenntnis in den USA, in der ARD-Mediathek noch zu sehen ist eine TV-Doku aus dem Frühjahr zum Thema, in der prominente, erfolgreiche Frauen aus Deutschland mit dem Tabu brechen – darunter Tatort-Schauspielerin Mimi Fiedler, die von ihrer jahrzehntelangen Alkoholabhängigkeit berichtet.

Die Autorin und Übersetzerin Christine Koschmieder, Jahrgang 1972, geboren in Heidelberg, seit 1993 wohnhaft in Leipzig, ist so eine erfolgreiche Frau. Nicht nur eine Flasche Chardonnay steht in ihrem Roman Dry vorrätig im Kühlschrank ab den 1990ern in den verschiedenen Wohnungen mit den verschiedenen Lieben und irgendwann mit drei Kindern von verschiedenen Vätern. Die Trinkerei (hier Wodka) ist aber schon Normalität bei ihrer trinkfreudigen Gastfamilie in den USA, 1989, wo sie sich weit weg von zu Hause zum ersten Mal zu Hause fühlt. Dry beginnt mit dem Check-in in einer Brandenburger Suchtklinik und endet mit dem Check-out, dazwischen „Ereignisse, die in ihrem Leben eine Bedeutung“ hatten und dazu der „jeweilige Alkoholkonsum zu dem Zeitpunkt“. So will es der Therapieplan, heißt es im Buch, es ist der rote Faden für den Roman, wobei Koschmieder diese Ereignisse kunstvoll unchronologisch komponiert, nicht so, als sollte hier simpel Ursachenforschung betrieben werden. Von ihrer vermeintlich behüteteten, in Wahrheit traumatischen Kindheit in Süddeutschland, vom Mädchen, das Klavier spielen muss und Hunde liebt, erfährt man erst später. Und auch von den Eltern, Oberstudienrat und Oberstudienrätin, GenusstrinkerIn, FunktionstrinkerIn, beide enden im Schwerstalkoholismus.

Man ließt berauscht

Man begleitet Koschmieder durch die Therapie, das gerät auch witzig, liest von einem Leben zwischen Boheme und Kulturbetrieb, von großer und flüchtiger Liebe, Näheproblemen, von der langen Krankheit des Geliebten, vom Tod des Geliebten. Der Chardonnay, die Sucht spielen nur beiläufig eine Rolle – irgendwann im Roman fängt die Mutter an, ihre Kinder anzuschreien, fällt von einer Leiter, bricht sich beide Handgelenke.

Im Nachwort bedankt sich die Autorin beim Schriftsteller Bov Bjerg, der auf ihre Facebook-Posts aus der Klinik aufmerksam wurde und den Kanon-Verleger (Gunnar Cynybulk) darauf aufmerksam machte. Der soll dem Text zu seiner Form verholfen haben, schreibt Koschmieder. Man liest ihn „berauscht“, will fast weinen, obwohl sich Dry an keiner Stelle weinselig sentimental liest. Was Daniel Schreiber in Nüchtern: Über das Trinken und das Glück (2014) gelang, ein toller literarischer Essay, wird hier souverän in große Literatur gegossen.

Und: Sozialer Dünkel bei der Leserin, beim Leser ist fehl am Platz. „Gib Alkohol nicht als Risikofaktor an“, rät Koschmieders Ärztin für den Reha-Antrag, da würde sie gleich „in der Suchtecke“ landen. „Ihre Leute“, realisiert Koschmieder, sitzen „vor ihren Chardonnaygläsern, kokettieren ein bisschen mit ihrem eigenen Trinkverhalten“ und beschließen manchmal, etwas kürzer zu treten.

Dry Christine Koschmieder Kanon Verlag 2022, 256 S., 24 €



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Von Veritatis

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