Es ist eine unspektakuläre Geschichte, die uns der deutsch-griechische Schriftsteller Andreas Schäfer in seinem neuen Buch Die Schuhe meines Vaters erzählt. Sie hallt jedoch lange im Leser, in der Leserin nach. Woran liegt das? Vielleicht auch an der Form, in der Schäfer die Erinnerungen an seinen Vater aufarbeitet? Das haben wir ihn beim Gespräch in einem unspektakulären Café in Berlins Süden gefragt. Sicher aber schließt sein neues Buch einen Kreis zu seinem viel beachteten Debüt Auf dem Weg nach Messara, beide Teile fügen sich zu seiner „deutsch-griechischen Familiengeschichte“.

der Freitag: Herr Schäfer, haben Sie ein autofiktionales Buch geschrieben?

Andreas Schäfer: Memoir oder literarische Spurensuche wä

Es ist eine unspektakuläre Geschichte, die uns der deutsch-griechische Schriftsteller Andreas Schäfer in seinem neuen Buch Die Schuhe meines Vaters erzählt. Sie hallt jedoch lange im Leser, in der Leserin nach. Woran liegt das? Vielleicht auch an der Form, in der Schäfer die Erinnerungen an seinen Vater aufarbeitet? Das haben wir ihn beim Gespräch in einem unspektakulären Café in Berlins Süden gefragt. Sicher aber schließt sein neues Buch einen Kreis zu seinem viel beachteten Debüt Auf dem Weg nach Messara, beide Teile fügen sich zu seiner „deutsch-griechischen Familiengeschichte“.

der Freitag: Herr Schäfer, haben Sie ein autofiktionales Buch geschrieben?

Andreas Schäfer: Memoir oder literarische Spurensuche wäre vielleicht passender, weil ich mich an einer realen Figur – meinem Vater – orientiere und ihr auch verpflichtet bleibe. Es geht in diesem Buch aber auch viel um unsere Beziehung, ich entdecke und entwickele sie im Schreiben neu. Von daher habe ich auch nichts gegen die Autofiktion einzuwenden.

Früher hätte man einfach gesagt: ein Roman mit starken autobiografischen Tendenzen. Wieso scheut man sich heute so davor, Romane zu schreiben? Vielleicht, weil sich das Leseverhalten stark verändert hat und Leser:innen, grob gesagt, authentische Geschichten haben wollen und nicht Erfindungen?

Großes Wunder und Herausforderung des Schreibens ist für mich immer noch die literarische Figur. Ich will sie nicht aufgeben. Mein nächstes Buch wird auch wieder ein Roman. Es stimmt auch nicht ganz, dass es generell ein Misstrauen gegen den Roman gibt, im Gegenteil. Jeder, der irgendwie schreibt, möchte mindestens einen Roman geschrieben haben, als gehöre das Roman-geschrieben-Haben zu einem gelungenen Leben dazu, weil er das Disparate in eine Form fasst. Tatsächlich aber hat in den letzten Jahren eine Verschiebung der erzählerischen Großform stattgefunden, vom Buch in die Fernsehserie. Das hat Konsequenzen für die Literatur. Es gibt ein Misstrauen gegen den konventionellen, schablonenhaften 08/15-Realismus. Dafür ergeben sich neue Frei- oder Zwischenräume, es entstehen Formen eines eher fragenden, selbstvergewissernden Erzählens, vielleicht sogar im Sinne einer größeren Wahrhaftigkeit – was übrigens nichts mit der einfältigen Schreibs-einfach-auf-Authentizität zu tun hat. Auch als Leser interessiere ich mich inzwischen mehr für diese hybriden Literaturformen.

Sie schreiben ja nun nicht einfach über Ihren Vater, sondern über das Verhältnis zu Ihrem verstorbenen Vater. Das ist, glaube ich, der entscheidende Unterschied. Ersteres wäre für mich die mäßig interessante Lebensgeschichte eines Menschen, Letzteres ist für mich schlicht Literatur. Das kann man auch nicht in eine Netflix-Serie übersetzen.

Über mein Verhältnis zum Vater zu schreiben, war in der Tat mein Antrieb. Mein Vater ist vor vier Jahren gestorben, damals habe ich noch an einem Roman, Das Gartenzimmer, gearbeitet. Als der Roman herauskam, lag sein Tod zwei Jahre zurück, auch der erste Schmerz war längst abgeklungen. Interessanterweise erschrak ich aber immer öfter, wenn ich an ihn dachte. Was war da los? Und dann erlebte ich eines Tages einen Vergegenwärtigungsverlust.

Schönes Wort!

Zwar konnte ich viele Einzelheiten erinnern, aber mein inneres Vaterbild war weg. Es war, als würde er noch einmal sterben, aber nun wirklich. Aus diesem Verlustmoment heraus habe ich angefangen zu schreiben und versucht, das Vaterbild wiederherzustellen. Ich fand aber mehrere und habe mich gefragt: Wie sind die unterschiedlichen Vater-Bilder entstanden?

Diese Vater-Bilder bleiben allerdings disparat. Da ist der Wutvater, der Vater, für den Sie sich schämen, und es gibt den kauzigen, etwas einsamen, liebenswerten Vater.

Ja, das ist richtig, es rundet sich nicht zu einem Menschen ohne Widersprüche. Das ist auch meine Erfahrung gewesen. Mein Vater ist jemand gewesen, der finanziell abgesichert gelebt hat, der in der Nachkriegszeit aufgestiegen ist, eine Familie gegründet hat, von außen betrachtet recht erfolgreich war. Zugleich war er sehr labil, schnell aufbrausend und befand sich mehr oder weniger immer im Kampf mit seinen eigenen heftigen Emotionen. Für mich befand sich der Vater immer in Gefahr. Meine Frage lautete: Warum?

Zur Person

Andreas Schäfer, geb. 1969, wuchs bei Frankfurt/Main auf, lebt heute in Berlin. Nach seinem Debüt 2002 Auf dem Weg nach Messara folgten weitere Romane, u.a. der Bestseller-Roman Das Gartenzimmer . Ebenfalls nun bei DuMont erschienen: Die Schuhe meines Vaters (192 S., 22 €)

Sie geben ja eine Begründung. Es resultiert aus seinen Erfahrungen im Krieg, die Familie wurde ausgebombt, und daher, dass er später, als er Ihre Mutter – eine Griechin – heiratete, von seinen Eltern enterbt wurde. Man darf aber nicht zu viel erklären wollen, wenn man so schreibt wie Sie, oder? Muss man da nicht einer Versuchung widerstehen?

Natürlich, ich bin nicht der Analytiker meines Vaters. Ich versuche, mir einen Reim auf ihn zu machen, begebe mich in seine Kindheit, als er als Siebenjähriger allein aus dem Bunker torkelnd das Elternhaus in Flammen stehen sieht. Ich wandere mit ihm durch die Kriegs- und Nachkriegsjahre in Berlin und porträtiere den Vater aus den Umständen seiner Zeit heraus. Zugleich wirkte während des Schreibens eine entgegengesetzte Kraft. Man könnte von einem Bildverbot sprechen oder einem Gebot der Uneindeutigkeit, das den Vater nach jeder Annäherung wieder in die Ferne entrückte. Ein Vater ist keine normale Figur, er ist wahnsinnig aufgeladen, geradezu ungeheuerlich allein durch die Tatsache, dass man ihm sein eigenes Leben verdankt.

Hat er denn viel von sich selbst erzählt?

Ja, aber das war oft ein sprunghaftes und zusammenhangloses Erzählen. Sobald er sich den heißen Zonen näherte, der Ausbombung etwa, oder seiner Enterbung, brach sein Reden ab oder führte in die Wortlosigkeit körperlicher Aufgewühltheit. Ich hatte das Bedürfnis, den fehlenden Zusammenhang herzustellen, allerdings einen weitmaschigen Zusammenhang, der mit Fragezeichen versehen ist und mit Vermutungen und bewusst gelassenen Leerstellen operiert.

Das sind dann die Kratzer im Bild eines durchschnittlichen Menschen. Anders als etwa Annie Ernaux oder Christian Baron in deren autofiktionalen Werken erzählen Sie nicht von einer interessanten sozialen Herkunft, aber auch nicht eine aufregende Migrationsgeschichte, oder die Geschichte einer historischen Schuldverstrickung, sondern von einem deutschen Mann, der die Gnade der späten Geburt erfahren und als Wirtschaftsprüfer gearbeitet hat. Warum sollen die Menschen Ihr Buch lesen?

Vielleicht weil mein Vater dieses durchschnittliche Leben geführt hat? Seine Sehnsucht richtete sich auf das konventionelle Leben der Kleinfamilie mit Reihenhaus, Urlauben am Meer und in den Bergen. Und er hat es erreicht. Er lebte in der Mitte der Gesellschaft, nahm teil, konnte sich viele Wünsche erfüllen. Für mich war es aber tragisch, dass er dabei oft – aus welchen Gründen auch immer – eingekapselt blieb. Obwohl er sich nach nichts mehr als Harmonie sehnte, hat er aus einer ewigen Gekränktheit heraus viele soziale Situationen kippen lassen und fand sich plötzlich isoliert und am Rand wieder. Er lebte im Wohlstand und wirkte dabei kaum in der Lage, den Raum, den er sich selbst geschaffen hatte, zu beleben. Vielleicht liegt darin mehr als nur ein individuelles Schicksal.

Bestimmt, offen gestanden, habe ich auch ein wenig meinen eigenen Vater darin erkannt, und das dürfte nicht nur mir so gehen beim Lesen. Ich denke, Sie haben da schon etwas Typisches zu Literatur gemacht. Berührend fand ich die Passagen, die Ihren Vater als Reisenden erinnern. Da taucht ein anderes Vaterbild auf, ein weicheres, in dem der Vater gleichsam aus seinem Bild heraustritt. Auch ein Abwesender war und ist. Sie sind mit ihm real ja fast nie auf Wanderschaft gegangen. Das darf ja auch nicht sein, würde ich als Literaturwissenschaftler außer Dienst sagen.

Warum? Weil er dann nicht mehr der Vater wäre?

Weil Sie dann das Buch nicht hätten schreiben können, sagt der Literaturwissenschaftler in mir, jedenfalls den Schluss nicht. Aber ich will nicht zu viel verraten.

Beim Wandern war der Vater ein glücklicher, ein begeisterter und auch andere begeisternder Mann. Er ist mit jedem ins Gespräch gekommen, der Druck des Alltags fiel von ihm ab. Die Wanderurlaube aus meiner Kindheit haben sich mir tief eingeprägt. Aber Sie haben schon recht: Mein späteres Bild vom „glücklichen Vater“ zeigt ihn eben allein als Wanderer, als romantische Ich-und-die-Welt-Figur, aufgehoben in wunderschönen Landschaften. Und also – aus Sicht des Sohnes – als abwesenden Vater.

Ich würde gerne noch mal auf das Formale zurückkommen. Das Buch hat zwei Teile, beim ersten Teil geht es im Wesentlichen auch ums Abschiednehmen. Der Vater hat eine Hirnblutung, liegt im Koma. Wenn ich das richtig sehe, schließt der erste Teil, indem die Maschinen abgeschaltet werden. Dann ist er tot, und im zweiten Teil begeben Sie sich in seine Kindheit und rekonstruieren die Biografie. Frage: Wie viel Konstruktion darf sein in einem solchen Buch?

Was ist denn Ihr Gegenbegriff zur Konstruktion?

Leben.

Aber wie kommt das sogenannte Leben in den Text? Du musst, auch wenn man einen Stoff aus dem Leben nimmt, eine Form finden. Ich kann nur mit einer Gegenfrage antworten: Wie sähe aus Ihrer Sicht die nicht konstruierte Behandlung des Stoffes aus?

Das geht wahrscheinlich gar nicht, hier ist es aber eben elementar. Der eine Teil Sterben, der zweite Wiedergewinnung eines Lebens. Ganz, ganz elementar.

Das Buch hat ja eigentlich drei Teile. Und im dritten darf der Vater, nachdem er erst gestorben, mir dann wieder sehr nah gekommen ist, erneut zum Rätsel werden.

Letzte Frage. Es ist ein Vater-Buch, die Mutter kommt nur am Rande vor. Ihre Mutter aber lebt. War das eine Schwierigkeit beim Schreiben?

In bestimmten Passagen ist es auch ein Elternbuch, wenn ich zum Beispiel meine Kindheit bei Frankfurt in den 1980er Jahren und die Trennung meiner Eltern beschreibe. In diesen Szenen rückt auch meine Mutter ins Licht, aber ich habe mich beim Schreiben nicht zensiert. Meine Mutter ist in dieser Hinsicht sehr großzügig. Und sie ist es gewohnt, von Figuren zu lesen, die entfernte Ähnlichkeit mit ihr aufweisen. In meinem ersten Roman, Auf dem Weg nach Messara, schreibe ich – natürlich fiktionalisiert – über die griechische Seite meiner Familie. In diesem Roman hat die Hauptfigur übrigens keinen Vater, ich habe ihn früh sterben lassen, hauptsächlich aus dramaturgischen Gründen, denn mit dem mütterlichen Strang hatte ich genug zu tun. Daher schließt sich mit Die Schuhe meines Vaters ein Kreis. Das Buch beleuchtet den deutschen Teil einer deutsch-griechischen Familiengeschichte.



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Von Veritatis

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