Es kam mir nie merkwürdig vor, dass mein indischer Großvater eigentlich aus Ostbengalen, dem heutigen Bangladesch, kam, aber trotzdem Inder war. Ich wusste, dass er irgendwann aus seinem Dorf hatte fliehen müssen, lange bevor er auf ein Schiff stieg und Indien in Richtung Deutschland verließ. Nur warum, darüber wurde nicht gesprochen. Mein Großvater hat nie verstanden, was daran erzählenswert wäre: „Warum willst du das wissen?“ Die Antwort „Weil mich interessiert, was du erlebt hast“ ließ er nicht gelten.

Es war eine Dokumentation über die englische Kolonialherrschaft in Indien, in der ich während meines Studiums das erste Mal auf die Teilung des Landes stieß. Bis dahin war mir nicht einmal wirklich bewusst

Es kam mir nie merkwürdig vor, dass mein indischer Großvater eigentlich aus Ostbengalen, dem heutigen Bangladesch, kam, aber trotzdem Inder war. Ich wusste, dass er irgendwann aus seinem Dorf hatte fliehen müssen, lange bevor er auf ein Schiff stieg und Indien in Richtung Deutschland verließ. Nur warum, darüber wurde nicht gesprochen. Mein Großvater hat nie verstanden, was daran erzählenswert wäre: „Warum willst du das wissen?“ Die Antwort „Weil mich interessiert, was du erlebt hast“ ließ er nicht gelten.

Es war eine Dokumentation über die englische Kolonialherrschaft in Indien, in der ich während meines Studiums das erste Mal auf die Teilung des Landes stieß. Bis dahin war mir nicht einmal wirklich bewusst gewesen, dass mein Großvater in einer Kolonie unter fremder Herrschaft aufgewachsen sein musste.

Er sprach nicht darüber, weil es doch nichts ändern würde. Nichts daran, dass er als Kind während der von den Engländern verursachten Hungersnot in Bengalen 1943 fast verhungert wäre, nichts an dem Gesicht des Mädchens, das damals tatsächlich starb und ihn bis zu seinem Tod 2019 nicht losließ. Nichts daran, dass er sein Alter ändern musste, um die Schule abschließen zu dürfen, und erst recht nichts daran, dass die ersehnte Unabhängigkeit in einem nie da gewesenen Ausbruch der zivilen Gewalt endete, in dem er seine Heimat verlor.

Am 15. August ist es 75 Jahre her, dass Indien es geschafft hat, sich von Großbritannien zu befreien. Doch die Kolonialzeit hat Spuren hinterlassen. 1857 versuchten sie das erste Mal, Muslime und Hindus vereint, die Kolonialherren zu vertreiben. Die Briten nutzten daraufhin das immer schwelende Misstrauen zwischen den Religionen im Land, um die Bevölkerung zu teilen. Und damit schlussendlich das gesamte Land. Nach der Unabhängigkeit wurden aus British India zwei Staaten: ein verkleinertes, mehrheitlich hinduistisches Indien und die neu gegründete islamische Nation Pakistan.

Die Teilung hat Folgen bis heute

Die Familie meines Großvaters stand dabei von einem Tag auf den anderen auf der falschen Seite der neuen Grenze. Ostbengalen, wo meine Familie lebte, wurde zu Ostpakistan, später Bangladesch, und war somit offiziell muslimisch. Bis dahin hatte es für die Familie kein Problem bedeutet, als Hindus zu einer religiösen Minderheit zu gehören, doch die Teilung legitimierte die Verachtung für die jeweils anderen, und Gewalt gegen Andersgläubige wurde zum Alltag. In den Städten herrschten Mord und Totschlag. Jeder Schritt vor die Tür bedeutete Lebensgefahr. Obwohl es auf dem Land besser war, floh die Familie meines Großvaters nach Kolkata in Westbengalen. Sie gehörten zu den über 14 Millionen Menschen, die in Richtung einer angenommenen Sicherheit bei der religiösen Mehrheit flohen. Zwei bis drei Millionen von ihnen überlebten die Trecks nicht, in denen sie die neu geschaffenen Grenzen überquerten. Es kommt einem Wunder gleich, dass es die gesamte Familie geschafft hat

Die Aufarbeitung der Teilung und der tiefen Narben, die sie für das Land bedeutet hat, kommt nur schleppend voran. Eigentlich wird nicht zu genau hingesehen. Meine Cousinen lernen in Indien nicht viel mehr über die Teilung als wir hier in Deutschland. Ähnlich wie mein Großvater scheint das ganze Land mit den Schultern zu zucken und leicht genervt zu fragen: „Warum interessiert euch das? Was ändert es, wenn wir darüber sprechen?“

Doch die Folgen sind viel zu sichtbar, als dass es nicht interessieren könnte. Pakistan und Indien, beides Staaten mit Atomwaffen, stehen sich seit der Teilung verfeindet gegenüber. Immer wieder kommt es zu militärischen (Beinahe-)Eskalationen. Die letzte war 2002 und dauerte fast ein halbes Jahr. Noch immer gibt es Gebiete, die umstritten sind, und auch die Frage, wer eigentlich in welches Land „gehört“ und wo Bürger*in sein darf, ist nie abschließend geklärt worden.

In einem Versuch, die Migration nach der Teilung zu beenden und umzukehren, erlaubten Indien und Ostpakistan Geflüchteten, in ihre zurückgelassenen Heimaten und Häuser zurückzukehren.

Zumindest nachsehen, was noch da war, wollte meine Familie. Doch als mein Großvater und seine Mutter in ihrem Dorf ankamen, war von dem Haus fast nichts mehr übrig. Ein Bündel füllten sie noch mit dem Rest ihres Besitzes, und das Wellblechdach verkauften sie an einen Nachbarn.

Aber nur weil die Regierungen sich geeinigt hatten, waren die Feindseligkeiten nicht verschwunden. Ein muslimischer Nachbar konfrontierte meinen Großvater und forderte Geld, das ihm die Familie angeblich schuldete. Der Nachbar suchte ihn bei den Hindus im Dorf und drohte, er werde ihn umbringen, wenn er ihn fände. Unter Todesangst flohen mein Großvater und seine Mutter nachts, bis zum Kinn im Wasser, ihren verbliebenen Besitz auf dem Kopf tragend, in ein benachbartes Dorf. Es war das letzte Mal, dass jemand aus meiner Familie in dem Dorf war.

Die Erlebnisse meines Großvaters, die er tief in sich verschlossen hat, sind millionenfach passiert – Hindus wie Muslimen.

Zunehmende Gewalt gegen Muslime

Zum Nationalfeiertag am 15. August hisst der Premierminister die indische Flagge auf dem Roten Fort in Delhi und hält eine Rede. Narendra Modi wird über seine Nation reden, in der über 100 Sprachen gesprochen werden und in der immer noch eine Vielzahl von Kulturen und Religionen lebt. Doch Modi will ein anderes Indien. Seit er 2014 an die Macht kam, setzt er islamfeindliche Gesetze durch, und die Gewalt gegen Muslime nimmt zu.

Die weitreichendsten Konsequenzen hatte 2019 die Abschaffung des Sonderstatus von Jammu und Kashmir. Der Bundesstaat ist mehrheitlich muslimisch und seit der Teilung umstritten, denn auch Pakistan erhebt Anspruch auf die Region. Der Bundesstaat durfte sich bis dahin relativ autonom verwalten, auch weil seine Zugehörigkeit nicht endgültig geklärt ist.

Noch bevor die Regierung die Entscheidung bekannt gab, wurden sämtliche Kommunikationswege in der Region unterbrochen, Schulen und Universitäten geschlossen, eine Ausgangssperre verhängt und einflussreiche Lokalpolitiker verhaftet. Eine neue Regelung erleichtert es Hindus, in der Region Land zu erwerben, so könnte die muslimische Mehrheit dort effektiv zurückgedrängt werden.

Für Narendra Modi, seine Partei und die Hindu-Nationalisten können nur Hindus wahre Inder sein. Muslime bilden für sie eine eigene Nation innerhalb der ihren, mit der sie sich ein Land teilen. Da im Islam der Glaube an die Religionsgemeinschaft und die Verbundenheit aller Muslime miteinander existiert, behaupten Modi und seine Anhänger, Muslimen könne nicht vertraut werden. Sie könnten sich jederzeit auf die Seite Pakistans schlagen, die Hindus angreifen und Indien überfallen.

Endlich geeint?

Auch wenn die hinduistische indische Gemeinschaft in Deutschland die Gewalt oft vehement ablehnt, sitzt ihr Misstrauen Muslimen gegenüber tief. Mein Großvater war kein religiöser Mensch. Für das Kastensystem, unter dem er in seiner Jugend litt, hatte er nur Verachtung übrig, ebenso wie für die religiösen Führer. Ich habe ihn immer als progressiven und liberalen Mann erlebt. Trotzdem war er 2015 davon überzeugt, dass Deutschland durch die Flüchtlingskrise und die Aufnahme so vieler Muslime Gefahr lief, zu verschwinden. „Muslime bilden ihre eigenen Gemeinschaften, sie wollen sich nicht integrieren. Du wirst sehen, sie breiten sich immer weiter aus, bis von uns und unserer Kultur nichts mehr übrig ist und sie die Herrschaft übernehmen.“ Mit dieser Einstellung war er in der hinduistischen Gemeinschaft bei weitem nicht allein.

Aktuell läuft es in Indien aber genau andersherum. In den letzten Jahren haben Hindu-Nationalisten immer wieder Moscheen zerstört, nicht selten unter Anleitung von Lokalpolitikern der Regierungspartei. 1992 führte die Zerstörung der Babri-Moschee zu landesweiten Unruhen, 2.000 Menschen starben. Die mutmaßlichen Drahtzieher der Zerstörung wurden vor wenigen Jahren freigesprochen und das Land, auf dem die Moschee stand, für den Bau eines Hindu-Tempels freigegeben.

Modi nutzte seine Rede zur Unabhängigkeit 2019, um das Durchgreifen in Jammu und Kashmir zu rechtfertigen. Er habe selbstlos daran gearbeitet, Minderheiten in der Region von Diskriminierung zu befreien, den Terrorismus und die Korruption zu beenden. Ihm zufolge wäre das Land damit, 75 Jahre nach der Unabhängigkeit, endlich geeint. Seit der Rede sind drei Jahre vergangen, und die Realität sieht ganz anders aus.

Alina Saha arbeitet als freie Redakteurin für den Freitag



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Von Veritatis

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