Pro

In München sind die Feierlichkeiten zu „50 Jahre Olympische Spiele“ angelaufen. Runden Geburtstag hat damit auch eine Prozedur, die 1972 plakativ als „Sextest“ bezeichnet wurde. Erstmals mussten sich Frauen beim größten Event des Sports der Überprüfung ihres biologischen Geschlechts unterziehen. Es dauerte eine Woche, bis das Ergebnis vorlag. Wer damals litt, das war etwa Shane Gould, die australische Wunderschwimmerin, die in München dreimal Gold und insgesamt fünf Medaillen gewinnen sollte. Man zweifelte an ihrer Identität, weil sie als Mädchen von 15 Jahren schneller schwamm als die 16-jährigen Jungs in ihrem Club. Später, als viermalige Mutter, sah sie, wie sie 1997 in ihrer Autobiografie schrieb, ihr Frausein als ultimativ bewiesen an.

Die Medien hatten, als das losging vor 50 Jahren, gelauert auf den Fall, dass eine Frau ein Kerl sein würde. Welche weltweite Wucht eine Diskussion um die geschlechtliche Zugehörigkeit entwickeln kann, zeigte sich am Beispiel der südafrikanischen Mittelstreckenläuferin Caster Semenya. Bei ihrer Geburt vor 31 Jahren wurde sie als weiblich eingestuft, doch sie hat einen erhöhten Testosteronspiegel. Man definiert sie heute als intergeschlechtlich, sie startet bei den Frauen. Allerdings verweigert man ihr den Start über ihre beste Disziplin, die 800 Meter, über die sie zweimalige Olympiasiegerin ist, außerdem über 400 und 1.500 Meter, wo man glaubt, sie genieße einen klaren körperlichen Vorteil. Sie dürfte auf diesen Strecken nur antreten, wenn sie ihren Testosteronwert mit Medikamenten senkt. Die Regelung gilt auch für Transfrauen.

Der Sport, so heißt es, kann immer nur ein Abbild der Gesellschaft sein. Und Gesellschaft verändert sich. Männlich/weiblich, die klassische Kategorisierung, ist nicht mehr die Norm, in jeder Stellenanzeige steht das „d“ für divers. Also muss auch der Sport Diversität zulassen und mit offenen Armen aufnehmen, in der Breite und in der Spitze. Sport soll niemanden ausschließen und für jeden Menschen eine Rolle bereithalten, das ist sein Ideal. Daher muss er allen eine Heimat bieten, so wie sie sind. Die Pläne des Schwimmweltverbandes FINA, denen sich die Leichtathletik anschließen will, klingen vor diesem Hintergrund befremdlich und grausam: Schon vor dem Einsetzen der Pubertät soll ein Sportler, der Sportlerin sein will, Testosteronblocker einnehmen und das Durchlaufen der männlichen Entwicklung unterbinden.

Faire Bedingungen für alle

Doch Sport ist im Wesentlichen auch Wettbewerb. Und wer den Sport organsiert – das sind die Verbände und Ligen –, hat für faire Bedingungen zu sorgen. Zumindest muss er es versuchen. Im professionellen Bereich, in dem es um wirtschaftliche Existenzen geht, und ebenso im Amateursektor, in dem der Drang, einfach gewinnen zu wollen, der Antrieb ist. Nicht nur das finanzielle Ansinnen ist schützenswert.

Was gewiss nicht eintreten wird, ist, dass massenhaft biologische Männer sich zu Frauen erklären und in Klassen starten, in denen sie bessere Chancen haben. Ein solches Szenario zu entwerfen, ist nichts anderes als dümmliche Propaganda, die aus der rechten Ecke kommt. Es wird um vereinzelte Fälle gehen, und vor jeder Entscheidung über einen Wechsel der geschlechtlichen Identität dürfte ein langes und zehrendes Nachdenken stehen, in dem Erfolg in einer sportlichen Tätigkeit nicht an erster Stelle der Beweggründe rangiert.

Was jetzt geschieht, ist durch die veränderte Gesetzeslage neu für die Gesellschaft und eine Herausforderung für den Sport. Er wird Zeit benötigen, um seinen Umgang mit Transsexualität und allen anderen Formen von Diversität gerecht zu gestalten. Er benötigt auch wissenschaftliche Erkenntnisse über die Auswirkung von Geschlechtsanpassungen auf die Leistungsfähigkeit. In einigen Jahren wird er eine bessere Erkenntnisgrundlage haben als heute. Man sollte ihm zugestehen, dass er bis dahin mehr verlangt als eine Selbsterklärung und das Recht hat, genau hinzusehen. Auch wenn das erst einmal zurückführt in vergangene „Sextest“-Jahrzehnte. Aber der leistungsvergleichende Sport ist ein Sonderfall. Günter Klein

Contra

Im Sport werden die Menschenrechte hochgehalten. Seine Ausübung wird oft als Menschenrecht bezeichnet, etwa vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Jedoch werden diese Menschenrechte bis dato nicht allen Personen zuteil. Das Sportsystem ist ein binär gedachtes Abbild einer Gesellschaft, die in ihrer Vielfalt mannigfaltiger ist, als dieses System es zulässt. Aber genauso wie auf gesellschaftspolitischer Ebene Anerkennung und Wertschätzung gegenüber geschlechtlicher Vielfalt schrittweise zum Ausdruck kommen, ist auch im Sport mittlerweile einiges in Bewegung geraten.

Manche internationalen Sportverbände – etwa im Taekwondo – ermöglichen die Teilhabe aufgrund der Selbsterklärung über die Geschlechtsidentität ohne Nachweispflichten über den Stand einer Transition. In anderen Sportarten treten Teilnehmende aller Geschlechter ohnehin in derselben Kategorie an, etwa im Reitsport. Manche Sportfachverbände haben sich auf nationaler Ebene dazu entschieden, allen Personen die Ausübung des Sports zu ermöglichen und anhand von Geschlechtsidentität eine selbstbestimmte Zuordnung zu ermöglichen, siehe Deutscher Fußball-Bund. Gerade der Breitensport hält großes Potenzial für Inklusion bereit. Hier gibt es viele Initiativen, die Partizipationsmöglichkeiten für alle bieten.

„Objektivierte körperliche Leistung“ ist ein Konzept, dem der Sport in seinem Dasein nicht entsprechen kann. Er lebt von der Diversität der Sporttreibenden. Der Umstand, dass Personen in ihrer Geschichte und Herkunft unterschiedlich sind, macht den Sport erst zu dem, was er ist. Alle Sportarten, in denen Ausdruck bewertet wird, sind unausweichlich mit subjektiven Eindrücken verbunden. Die Einteilung nach „Geschlecht“ wird – wie gesagt – nicht in allen Sportarten als relevantes Einteilungskriterium gesehen. Auch Fairness ist kein absoluter Begriff. Je nach Sichtweise kann diese als Argument für Inklusion sowie Exklusion herangezogen werden. Die Debatte um Inklusion im Sport ist ein Paradebeispiel.

Im Sport kommen viele Faktoren zusammen

Und was ist mit dem Testosteron, dem angeblich alles entscheidenden Hormon? Es gibt Studien, die es als Leistungszubringer ausweisen. Es gibt aber auch Studien, die zu anderen Ergebnissen kommen. Dabei bedienen sich sämtliche Untersuchungen wissenschaftlicher Methoden. Studiendesign und insbesondere referenzierte Kontrollgruppen sind dabei maßgeblich für die Aussagekraft von Ergebnissen. Im Sport spielen viele Faktoren zusammen. Die pauschale Annahme von Zusammenhängen zwischen hohen Testosteronwerten und hoher Leistungsfähigkeit und einer daraus geschlossenen automatischen und stets gültigen Überlegenheit eines bestimmten Geschlechts – sind äußerst fragwürdig. Zuletzt mussten sie bei Stéphane Bermon und Pierre-Yves Garnier im British Journal of Sports Medicine zurückgezogen werden. Tatsache ist, dass trans- beziehungsweise inter-Sportler*innen erstens selten bis gar nicht Teil der referenzierten Kontrollgruppen sind – oder im Leistungssport beheimatet. In Studien wird nicht berücksichtigt, ob und inwieweit eine Sensitivität gegenüber Testosteron gegeben ist und wie sich diese auf die individuelle Leistungsfähigkeit auswirkt.

Das IOC hat im „Framework on Fairness, Inclusion and Non-Discrimination“ (2021) aufgezeigt, dass sportartübergreifende Testosteron-Limits abzulehnen sind und empfiehlt, sportartspezifische inklusive Kriterien anzuwenden. Bei der Erarbeitung dieser Kriterien müssen jedenfalls – wie auch bei Gedankenspielen über „offene Kategorien“, wie sie im Schwimmverband FINA, bei World Athletics und in anderen Verbänden bestehen – TIN*-Selbstvertretungsorganisationen einbezogen werden, was heute noch Ausnahme ist. Noch immer wird „über“ anstatt „mit“ Athlet*innen entschieden.

Liam Strasser ist Referent für geschlechtliche Vielfalt bei 100 % SPORT – österreichisches Zentrum für Genderkompetenz im Sport



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Von Veritatis

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