Von Daniel Weinmann

Angesichts massiv steigender positiver Tests und teils desolater Zustände geht nicht nur Deutschlands Intensivstationen das Personal aus. Der Rettungsdienst der Feuerwehr muss fast täglich den Ausnahmezustand erklären, weil nicht genügend Notfallsanitäter zur Verfügung stehen (reitschuster.de berichtete). Ebenso kritisch ist die Lage bei den Rettungsdiensten, wie der exklusive Insiderbericht aus einem Berliner Rettungswagen auf dieser Seite transparent machte.

Nun nennt ein Bericht des „Tagesspiegel“ weitere Details, die am Beispiel Berlins die Missstände im deutschen Rettungswesen offenlegen. Rund ein Viertel der 38 Berliner Rettungsstellen nimmt im Laufe eines Tages keine oder nur äußerst wenige Patienten auf, berichten Notärzte und leitende Pflegekräfte diverser Kliniken der Zeitung.

Vor allem die größeren Notaufnahmen in Mitte, Neukölln und dem Nordwesten der Hauptstadt meldeten, dass Feuerwehr- und Krankentransporte in diesem Sommer teils mehrmals pro Woche für Stunden oder sogar bis zum nächsten Tag keine neuen Fälle versorgen können.

Ärztliche Anweisungen können nur mit erheblicher Verzögerung bearbeitet werden

Ein Betriebsratsschreiben der Vivantes-Krankenhäuser, die acht Rettungsstellen in Berlin betreiben, bringt die prekäre Lage auf den Punkt: Der desolate Zustand der Rettungsstellen erschöpfe und frustriere die eingesetzten Kollegen, Krankmeldungen häuften sich. Kündigungswellen verstärkten den Personalmangel zusätzlich. Mehr noch: Die Mindestpersonalbesetzung werde täglich unterschritten, doch gebe es keine Konzepte für den Umgang mit den akuten Personalausfällen.

Was bedeutet es für die Menschen in Not, wenn Anlaufstellen für Notfallpatienten eingeschränkt werden müssen? In den Rettungsstellen werde „immer eine sogenannte ‚Triage‘, also Sichtung von neu ankommenden Patienten durch medizinisches Fachpersonal vorgenommen“, verdeutlichte der Leiter der Konzernkommunikation von Vivantes, Christoph Lang, gegenüber „Junge Welt“. Akute Notfälle würden „selbstverständlich vorgezogen“.

Die Zeitung zitiert ein Flugblatt der Interessenvertretung der Beschäftigten der Vivantes-Krankenhäuser. Darin ist die Rede von Standorten, an denen eine medizinische Fachangestellte und ein Rettungsassistent eine Schicht schultern, während vier Rettungswagen mit Patienten auf die Anmeldung warteten und das Ende der Fußläufigenschlange nicht erkennbar sei. Ärztliche Instruktionen könnten nur mit großer Verzögerung bearbeitet werden, moniert der Betriebsrat.

»Kann es sein, dass jemand mit einem Herzinfarkt in der Schlange zur Anmeldung der Notaufnahmen kollabiert?«

Schon im Mai forderte ein bundesweites Bündnis aus Ärzten, Pflegekräften und unterstützenden Organisationen ein konkretes Sofortprogramm. Das Petitionsschreiben schilderte die dramatische Lage in den deutschen Notaufnahmen schonungslos: „Menschen stehen vor der Anmeldung zur Notaufnahme Schlange, Rettungsdienstmitarbeitende warten auf die Übernahme ihrer Patienten, das Schockraumtelefon klingelt, Pflegekräfte hetzen durch die Gegend, um neu ankommende Notfälle zu versorgen, Gipse anzulegen und lebensrettende Sofortmaßnahmen einzuleiten. Der komplette Flur ist voller Tragen mit schlafenden, weinenden, wütenden, schmerzgeplagten oder verwirrten Menschen, weil die Behandlungsräume nicht ausreichen. Eine Schicht mit – wenn es schlecht läuft – 60 Patient*innen, aber nur vier Pflegekräften.“

„Kann es sein, dass jemand mit einem Herzinfarkt in der Schlange zur Anmeldung der Notaufnahmen kollabiert?“, fragten die Arbeitnehmervertreter der Vivantes-Krankenhäuser rhetorisch. Die Antwort lautete: „Ja“. Viele Patienten, darunter Bagatellfälle und ernsthaft Erkrankte, müssten „bis zu sechs Stunden auf eine Behandlung warten“, sagte ein leitender Beschäftigter einer Rettungsstelle dem „Tagesspiegel“.

Die Lage wird sich weiter zuspitzen, denn immer mehr Pflegekräfte bewerben sich aus den Rettungsstellen weg, um in Kliniken ohne Rettungsstelle zu arbeiten. Die Gründe liegen auf der Hand: Die Arbeit ist extrem belastend, zudem werden für diese Abteilungen von den Krankenkassen nur geringe Pauschalen gezahlt.

Eine Besserung ist nicht in Sicht: Man kann kein Geld in einen Bereich stecken, der keinen Gewinn erwirtschaftet, lautet die lapidare Antwort der Vivantes-Geschäftsführung auf eine Anfrage der Beschäftigtenvertreter. Die Berliner Senatsgesundheitsverwaltung hält es nicht einmal für nötig, sich überhaupt zu äußern.

 

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Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Daniel Weinmann arbeitete viele Jahre als Redakteur bei einem der bekanntesten deutschen Medien. Er schreibt hier unter Pseudonym.

Bild: Shutterstock
Text: dw

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