Ich muss in diesen Tagen öfter an Niklaus Meienberg denken, den 1993 in den Freitod gegangenen, auch in Deutschland bekannten Schweizer Journalisten (er war zeitweilig für den Stern in Paris tätig gewesen). Als am 17. Januar 1991 der erste Irakkrieg ausbrach, wurde Meienberg komplett aus der Bahn geworfen. In den folgenden Tagen sah er nicht nur wie ein Besessener fern, las nicht nur alle Zeitungen, die er in die Hände bekam, telefonierte nicht nur ständig mit seinen Berufskollegen, um sie aufzurütteln, er rief auch den damaligen SVP-Nationalrat Christoph Blocher an, dessen Politik er verachtete, dessen Poltern und archaisches Feuer ihm aber nahe waren, den er vor allem für so absurd einflussreich hielt, dass er ihn nachts um drei aufforderte, unverzü

Ich muss in diesen Tagen öfter an Niklaus Meienberg denken, den 1993 in den Freitod gegangenen, auch in Deutschland bekannten Schweizer Journalisten (er war zeitweilig für den Stern in Paris tätig gewesen). Als am 17. Januar 1991 der erste Irakkrieg ausbrach, wurde Meienberg komplett aus der Bahn geworfen. In den folgenden Tagen sah er nicht nur wie ein Besessener fern, las nicht nur alle Zeitungen, die er in die Hände bekam, telefonierte nicht nur ständig mit seinen Berufskollegen, um sie aufzurütteln, er rief auch den damaligen SVP-Nationalrat Christoph Blocher an, dessen Politik er verachtete, dessen Poltern und archaisches Feuer ihm aber nahe waren, den er vor allem für so absurd einflussreich hielt, dass er ihn nachts um drei aufforderte, unverzüglich dafür zu sorgen, dass dieser schreckliche Krieg sofort aufhört. „Er hat furchtbar unter dem ersten Irakkrieg gelitten“, erinnerte sich Blocher später. „,Nur einer kann ihn beenden‘, schrie er ins Telefon, ,nur Sie, nur Sie.‘“

Weil Blocher den Krieg natürlich nicht beenden konnte, ging dieser weiter und Meienberg blieb verzweifelt. Er las weiter acht Zeitungen täglich, die meisten waren auf der Seite der Amerikaner, er sprach mit israelischen Diplomaten und mit „Militärexperten“, entwarf schließlich ein „worst case scenario“. Eine Horrorvision aus zwölf Punkten. Der Krieg eskaliert zum Atomkrieg. Das Szenario endete mit einem Aufruf: „ALSO: Sofort alle diplomatischen Kanäle aktivieren – den Finger herausnehmen – und dieses Szenario weiterherum in der Weltpresse bekannt machen.“

Den Aufruf faxte er an Max Frisch, der ihn unterschreiben und Helmut Schmidt für die Sache gewinnen sollte. Aber Frisch war alt und krank, mochte nicht.

Während Meienbergs Aufruf gerade mal von seinem Schweizer Heimatblatt und dem Tagesanzeiger gedruckt wurde, brachte der Spiegel am 3. Februar einen legendär gewordenen Essay von Hans Magnus Enzensberger, in dem dieser bekannt gab, dass Saddam Hussein „Hitlers Widergänger“ sei. So hoch lag nun die Messlatte.

Am 12. April trat ein Waffenstillstand in Kraft. Bis dahin waren rund 200.000 Menschen in diesem Krieg oder an seinen Folgen gestorben. Im zweiten Irakkrieg 2003 wurde Saddam dann weggebombt. 115.000 bis 600.000 Zivilisten starben.

Fehlender Ort für Verunsicherungen und Erschütterungen

Das „worst case scenario“ von Niklaus Meienberg ist dagegen nicht eingetroffen. Meienberg war in jenen Tagen zweifellos „angefasst“ gewesen, hatte sich nicht mehr im Griff. Die Frage, die man allerdings auch stellen könnte: Was braucht es eigentlich, um nicht angefasst zu sein in einer solchen Lage? Eine Frage, die ich mir in den vergangenen Wochen und Monaten oft stellte, als ich „Experten“ im Fernsehen sah. Aber die Frage ist ungerecht, denn man könnte Experten geradezu dadurch definieren, dass sie sich im Griff haben müssen, keine Zweifel haben, keine Schwäche zeigen dürfen. Aber all die anderen?

Der Soziologe Hartmut Rosa fällt mir ein. Ohne ihm zu nahe treten zu wollen – da war einer angefasst, als er für den Spiegel eine viel beachtete Antwort auf die „Bellizisten“ um Ralf Fücks schrieb, wie er versuchte, sich eine Verhandlungslösung vorzustellen: China muss helfen, Gebiete müssen aufgegeben werden, dafür sollte dann aber die Ukraine schnellstens in die EU und in die NATO. Atemlos kommt das daher, und über allem die Hitze, der Krieg und die Hitze, die große Eskalation. „Stück für Stück“ sei sein Essay auf Twitter widerlegt worden, wird mir gesagt. Mag sein.

Aber was bleibt dann von Rosas Erschütterung, die die vieler Menschen ist? Wo hat sie ihren Raum? Etwa in den Mainstreammedien? Vergiss es. Politisch ist sie auch schwer verwertbar. Verunsicherung ist in Krisenzeiten nicht vermittelbar, nicht einmal mehr Zaudern. „Herr Scholz, was ist jetzt eigentlich mit der Gefahr eines Atomkriegs, die sie noch im April zur Richtschnur Ihres Handelns in diesem Krieg gemacht haben? Ist sie nun gebannt?“ Man hört dazu nichts. Fragt aber auch keiner nach. Vielleicht gibt es auch keine klare Antwort und ein Zögern wäre eins zu viel.

Früher mal war der Ort für unsere Erschütterungen die Kirche. Sie hat keine Kraft mehr. Auch die Kunst hat offenbar nichts (mehr) zu sagen. Wohin also damit? Ins private Gespräch? Reicht das?



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Von Veritatis

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