König Fußball regiert die Welt. Auch für mich ein wichtiger Teil meines Lebens. Früher trug ich gerne Namen von Männern auf Trikots, die ich nicht persönlich kannte. Mir war oft egal, was sie privat machten. Aber genau das darf nicht passieren. Denn ihre Wirklichkeit beeinflusst auch meine und unsere. Die Fußballwelt kennt viele Ikonen. Vor allem männliche.

Einer der größten Kickerstars ist der Portugiese Cristiano Ronaldo. Kurz vor seinem Wechsel zu Real Madrid 2009 wurde er der Vergewaltigung beschuldigt. Seiner Karriere tat dies keinen Abbruch. In den Folgejahren wurde er mehrmals als Weltfußballer des Jahres mit dem Ballon d’Or ausgezeichnet und zahlte nachweislich 375.000 Dollar, um einer strafrechtlichen Verfolgung zu entkommen. 2018 erneuerte die Betroffene ihre Vorwürfe, er sprach dabei von seinem „persönlich schwierigsten Jahr“. Eine simple Täter-Opfer-Umkehr. Das zeigt: Das Patriarchat versteht sich sehr gut mit dem Kapital.

Neue Stars wie Alexandra Popp sind in den vergangenen Wochen zum Glück hinzugekommen. DFB-Direktor Oliver Bierhoff zeigt sich gar „verzaubert von der Atmosphäre“ der Frauen-Nationalmannschaft. Der DFB sonnt sich gerne in ihrem Erfolg. Die Atmosphäre abseits des Rampenlichts ist für Betroffene von sexualisierter Gewalt aber alles andere als magisch – im Gegenteil. Viele halten an Fußballern fest, obwohl es notwendig wäre, loszulassen.

Der Fußball braucht neue Ikonen

Die Liste ist lang. PSG-Star Neymar wurde mehrmals sexuelle Nötigung vorgeworfen. Jérôme Boateng ist wegen Körperverletzung verurteilt. Jetzt wurde Nico Schulz vom BVB häusliche Gewalt vorgeworfen. Wenn auch für kurze Zeit das Thema sexuelle Gewalt im Fußball in der Öffentlichkeit diskutiert wird, so schnell ist das Thema dann auch wieder vorbei.

Neymar unterzeichnete kurze Zeit später einen Millionen-Deal mit Puma, Boateng wechselte ohne Probleme seinen Klub. Es wird deutlich: Für viele Menschen verschwindet mit der Bekanntheit von männlichen Fußballern oft auch die Vorstellung, dass sie Grenzen überschreiten. Und darunter leiden vor allem die Betroffenen, denn sie werden oft medial verspottet und der Lüge bezichtigt, wie im Fall Kasia Lenhardt, der Ex-Partnerin Jérôme Boatengs.

Das reflexartige Verteidigen von Fußballern ist dabei nur ein Indiz dafür, wie schwer der Männerfußball einem patriarchalen Kodex unterliegt. 2015 wurde vom DFB ein Konzept zur Prävention und Intervention bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Fußball verabschiedet. 2021 wurde ein erstes DFB-Projekt entwickelt, das Strategien von Täter*innen bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aufzeigt. Das ist wichtig, denn noch immer sind in Deutschland 2,5 Millionen Jugendliche in einem Fußballklub aktiv.

So wichtig der Schutz vor sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ist, dieses Engagement sollte konsequenter gedacht werden. Der DFB trägt eine Mitverantwortung dafür, welche Vorbilder er produziert und wie diese Vorbilder in der Gesellschaft wirken. In der Konsequenz hieße das: noch viel härter gegen die vermeintlichen Vorbilder vorzugehen, die sexualisierte Gewalt ausüben oder öffentlich relativieren. Täterarbeit darf nicht gegen Opferschutz aufgewogen werden.

Die Fußballwelt in Deutschland müssten wir als Ort unzähliger Probleme sehen. Aber auch als einen Ort, der über einzelne Sportplätze hinaus für gesellschaftliche Veränderungen sorgen kann. Damit wir in keiner zauberhaften, aber zumindest angstfreien Atmosphäre spielen und leben können.

Fikri Anıl Altıntaş ist freier Autor und schreibt vor allem über Männlichkeiten und Rollenbilder



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Von Veritatis

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