Ob in Uniform oder im Trainingsanzug, mit Zigarre oder Joghurtbecher im Krankenhaus – Fidel Castro liebte Fotos von sich. Und auf diesen Bildern sieht man, dass Fidel Castro – weiß ist. Sollte man meinen. Meinen aber nicht alle.

Der spanische Regisseur Miguel Bardem dreht ein Biopic über Castros abtrünnige Tochter Alina Fernández. Den Revolutionär soll dabei James Franco spielen. Ein Skandal, findet dessen Kollege John Leguizamo. Nicht etwa, weil Franco von zahlreichen Frauen sexuelle Belästigung vorgeworfen wird. Nein, nein, auf seinem Instagram-Profil schreibt Leguizamo, er habe kein Problem mit Franco, aber „er ist kein Latino“. Hollywood mache sich der Aneignung von Narrativen schuldig.

Nun, abgesehen davon, dass der Kolumbianer John Leguizamo, 1,73 Meter groß, 2001 in Moulin Rouge den von einer Erbkrankheit gepeinigten und nur auf 1,52 kommenden Maler Henri de Toulouse-Lautrec spielte und sich somit die Lebensgeschichte eines Mannes mit Behinderung aneignete – die Frage, die er aufwirft, ist tatsächlich recht verzwickt: Wer ist „latino“?

Fidel Castros Vater kam aus Galizien in Nordwestspanien, seine Mutter war dessen kubanische Köchin. James Francos Mutter wiederum kommt aus einer russisch-jüdischen Familie, sein Vater hat portugiesische und schwedische Vorfahren. Portugal liegt immerhin direkt neben Galizien. Man merkt schon: solcherlei Ahnenforschung hilft nicht.

„Hautfarbe“ hat wenig mit der Farbe der Haut zu tun

Während als „weiß“ definiert werden kann, wer nicht wegen seiner Hautfarbe diskriminiert wird, und als „schwarz“, wer Gegenstand von antischwarzem Rassismus ist, ist die Kategorie „latino“ wackliger. Nicht, weil Latinos keine Diskriminierung erführen oder die Farbe ihrer Haut so nah an der von Weißen wäre, dass man ganz genau hingucken müsste. Mit der Farbe der Haut hat Hautfarbe wenig zu tun.

Die Schwierigkeit liegt vielmehr darin, dass auch, wer weiß ist, überhaupt nicht statisch ist. Und Wechselbewegungen gab es dabei historisch besonders häufig zur Kategorie „latino“.

Ein paar Beispiele: Die Vordenker der Einwanderung nach Südamerika wollten vor allem Nordeuropäer („Weiße“) anziehen und ärgerten sich über die vielen Spanier und Italiener („Nicht-Weiße“), die kamen. Deren Nachfahren (zu denen auch Leguizamo gehört) gelten in Lateinamerika nun allerdings meist als weiß.

Überhaupt, Italiener: Noch Anfang des 20. Jahrhunderts gab es rassistische Pogrome gegen Italiener in den USA. Sie wurden dann erst zu Weißen gemacht, um Verbrüderung mit den schwarzen ehemaligen Sklaven zu unterbinden. Identitätspolitik von oben statt Klassenpolitik von unten.

Der Kontext macht’s

Andersherum stellen viele, die in, sagen wir, Brasilien, zur Mittel- oder Oberschicht gehören und als weiß gelten, bei einer Reise nach, sagen wir, Deutschland, fest, dass sie hier nicht weiß sind – oder nicht so „gelesen“ werden.

Also: Wer weiß ist, ist keine Frage der Hautfarbe, sondern eine des politischen, sozialen und historischen Kontexts.

Man könnte sagen: Fidel Castro war „latino“, weil er als einer aufwuchs, auf einer kubanischen Zuckerrohrplantage eben. (Dass die seinem Vater gehörte, dürfte dabei wesentlich prägender gewesen sein als dessen Herkunft.) Doch auch das hilft wenig, denn Leguizamo zum Beispiel zog im Alter von fünf Jahren in die USA – wo man qua Diskriminierung zum Latino gemacht wird.

Vollkommen entspannt sieht das übrigens die – ebenfalls sehr hellhäutige – Alina Fernández. Franco habe nicht nur „Charisma“, sondern auch eine „offensichtliche physische Ähnlichkeit mit Fidel Castro“. Na dann.



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Von Veritatis

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