No future, nirgends. Aber auch: no Witz, nirgends. Valentin Schwarz und Cornelius Meister haben mit ihrer Inszenierung des Rings bei den Bayreuther Festspielen den Zorn der Wagnerianer auf sich gezogen. Es bleibt viel zu tun

Der „Ring“ in Bayreuth: Apocalypse Mau

Oben am Bauzaun erkennt Brünnhilde den Sinn der Welt und steigt hinab in den trockenen und abgesifften Pool, dorthin, wo vor 16 Stunden alles begann: wohlpoliert, versteht sich. Wo der impotente Alberich das kleine Systemsprenger-Kind Hagen aus dem Kinder-Hort der Rheintöchter raubte, um ihn zum wütenden Killer zu formen, zum Rächer der Nibelungen. Jetzt, in der Götterdämmerung am Ende der Tetralogie, führt Brünnhilde eine Art Salome-Tänzchen mit dem abgehackten Kopf ihres geliebten „Dieners“ (oder Pferdes) Grane auf und bettet sich schließlich neben ihren toten Gatten Siegfried. Das gemeinsame Kind, das die Superhelden zum Seelenkrüppel und Bettnässer erzogen haben, ist längst gestorben. Und jetzt, wenige Minuten vor Schluss, legt Cornelius Meister am Pult noch eine manieristische Generalpause ein, die so lange dauert, dass man auf die Idee kommen könnte, er wäre kurz „für kleine Dirigenten“.

Doch nach dem Welterlösungsmotiv darf sich endlich der geballte Opernfrust Bahn brechen, der sich in den letzten 16 Stunden angestaut hat. Die Wagnerianer im Bayreuther Festspielhaus haben sich von Regisseur Valentin Schwarz offensichtlich persönlich beleidigt gefühlt. Und so entlädt sich eine stimmgewaltige Meute, die nur darauf zu warten schien, den Regisseur und sein Team mit „Buhs“ zu steinigen – eine Stimmung wie im alten Rom, nur ohne Löwen. Erstaunlich, schockierend und irgendwie putzig, wie viel Wut sich noch im deutschen Kulturbürgertum manifestiert.

Tatsächlich ist in diesem Ring in 16 Stunden nur wenig zusammengewachsen. Valentin Schwarz hat eine vollkommen neue Ikonographie erfunden, hat verschiedene Inzest-Ebenen eingebaut und andauernd Fragen aufgeworfen, deren Beantwortung eigentlich egal ist. Der Ring als Selbstzweck, eine Aneinanderreihung von Denksportaufgaben für Wagner-Klugscheißer und eine etwas eitle Selbstspiegelung: Schwarz schreckt nicht davor zurück, sich selber in seine Inszenierung einzuschreiben: Der Brünnhilde-Vertraute Grane erinnert an den lockigen Regisseur, und der blonde Langhaar-Look des durchgeknallten Gunther erinnert sowohl an Trash-TV-Ikone Robert Geiss als auch an den Bühnenbildner des Rings Andy Besuch.

Netzwerk der Gewalt

Auf dem Papier mag das Konzept durchaus spannend ausgesehen haben: Alberich und Wotan als Zwillinge (der eine tritt dem anderen in utero zwischen die Beine, der andere kratzt dem einen dafür ein Auge aus). Hagen als verfluchter Ring, die realen und erfundenen Götter- und Wälsungen-Kinder als Gewalt-Opfer ihrer Eltern. No future, nirgends. Doch leider auch: no Witz, nirgends. Keine Selbstironie. Kein Weglachen der eigenen Denkfehler. Wie gut hätte diesem Ring ein Castorf-Krokodil getan, das allein durch sein Dasein den eigenen Irrsinn legitimiert.

Klar, man kann es lesen wie die FAZ, die dem 33-jährigen Regisseur aus Österreich vorwirft, dass er Wagner nur noch als Material für die eigene, sinnlose Überschreibung missbraucht, Zeitgeist einer hoffnungslosen und respektlosen Generation. Fakt ist aber auch, dass Valentin Schwarz es eben doch sehr ernst meint, offensichtlich kein Spiel anstrebt, sondern ein feingliedriges, unsichtbares Netzwerk der Gewalt, der Rache, der Erbschuld und Erbsünde gesponnen hat, von dem die Nibelungensaga zusammengehalten wird. Er ist kein Regisseur der Beliebigkeit, pfeift nicht, wie Castorf vor 10 Jahren, darauf, den Ring zu einem Kreis zu schmieden. Im Gegenteil: Schwarz scheint genau das auf Gedeih und Verderb zu wollen. Doch Anfang und Ende seiner Regie fügen sich dann doch nicht zu einem Ganzen, bleiben eklektizistisch und damit auch beliebig. Obwohl sie gerade das Gegenteil behaupten.

Das liegt auch daran, dass Schwarz es verpasst, handwerklich klar zu arbeiten: das Systemsprengerkind Hagen hat im Rheingold mit Farbe gekleckert, statt den ganzen Kinderhort auseinanderzunehmen; dass Siegfried und Brünnhilde am Ende von Siegfried zu Bonnie und Clyde mutieren, ist eine gute Idee, die aber mehr Exzess verlangt; dass Siegfried alias Gunther Brünnhilde verprügelt, wenn er sie vom Felsen entführt, macht ebenfalls Sinn, hätte aber theatral klarer (vielleicht mit mehr Blut?) auf die Bühne gehört, und Brünnhildes Tanz mit dem abgehackten Kopf am Ende blieb handwerklich ebenfalls merkwürdig indifferent. Vielleicht ermöglicht die „Werkstatt Bayreuth“ Schwarz eine packendere Umsetzung seiner Ideen in den kommenden Jahren: mit mehr Klarheit, mehr Exzess, mehr Ironie.

Mut zum Scheitern

Aber vielleicht wäre dieser Ring auch mit einem griffigeren und flüssigeren Dirigat besser gelaufen. Cornelius Meister bekam einfach keinen Griff auf die Partitur, seine Tempi blieben unklar, die Klangfarben meist matschig. Während es Tristan-Einspringer Markus Poschner zuvor gelungen war, einzelne Gedanken und Ideen hörbar zu machen, versinken bei Meister zu viele Ideen im Unklaren, merkwürdige schwarze Löcher öffnen sich im Orchester, es wackelt überall, und richtiger Rausch mag sich nicht einstellen. In der Walküre ließ Meister den Wotan-Einspringer Michael Kupfer-Radecky verrecken, in der Götterdämmerung kämpfte der für Stephen Gould kurzfristig eingesprungene Clay Hilley gegen die schleppenden Tempi. Lediglich im Siegfried kam es zu einem beachtlichen Showdown, als Tenor Andreas Schager alias Siegfried nicht etwa gegen Ziehvater Mime kämpfen wollte, nicht gegen Weltengott Wotan, nicht gegen den Drachen – sondern allein gegen den Dirigenten. Schager sang ohne Rücksicht auf Verluste, stellte die musikalische Gretchenfrage „Mein oder Dein Tempo?“ – und zwang Meister am Ende zu mehr Dynamik. Schon beim Pausenapplaus klatschte er die Sänger-Kollegen auf offener Bühne ab. Was für ein Ringkampf!

Ansonsten blieb dieser Zyklus stimmlich ambivalent, Gewinner waren die alten Bayreuth-Haudegen: Klaus Florian Vogt als Siegmund, Georg Zeppenfeld als Hunding, Lise Dasvidsen als Sieglinde oder Albert Dohmen als Hagen.

Man muss den Bayreuther Festspielen und Katharina Wagner lassen, dass sie – anders als das andauernd in Goldpapier gewickelte Salzburg – gerade in schwierigen Zeiten ein Risiko eingehen. Regisseur Schwarz ist dabei auf eine Art gescheitert, die das Theater durchaus erlaubt: Sein zweimal abgesagter „Ring“ hatte so langen Vorlauf, die Erwartungen sind immer weiter gewachsen. Es gab Ideen, ein Konzept und allerhand Reibungen! Die Festspiele haben stattgefunden, die zahlreichen Umbesetzungen zeigen, wie anstrengend Theater in diesen Tagen für alle Beteiligten ist. Und die Wut des Publikums beweist zum Glück auch, dass Oper noch immer ein gesellschaftliches Emotions-Potential hat. Es gibt ein bisschen was zu tun in der Werkstatt Bayreuth – gut so.

Der Ring ist nochmal ab dem 10. und dem 25. August bei den Bayreuther Festspielen zu sehen

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Von Veritatis

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