Nicht nur unserer „Ratgeber“-Kolumnistin ist aufgefallen, dass Hunderassen Moden unterworfen sind. Wir wollten von ihr wissen: Lassen sich über den neuesten Trend-Hund passend zum Frauchen oder Herrchen soziale Aussagen treffen? Warum sieht man plötzlich – Vorsicht, Ressentiment – so viele „Zwerg-Prolls“? Sieht so das berüchtigte Bröckeln der Mittelschicht aus? Zeit für Feldforschung, fast wäre Susanne Berkenheger dabei mit ihrem Mini-Aussie an der Leine über eine Dogge gestolpert. Aber erst mal müssen die beiden aus dem Haus:

Der Hund denkt (vermutlich): Geht’s los? Sie legt die Leine wieder weg. Starrt auf das Ding in ihrer Hand. Auch gut! Dann kann ich den zugezogenen Zwerg-Prolls auf dem Balkon gegenü

Nicht nur unserer „Ratgeber“-Kolumnistin ist aufgefallen, dass Hunderassen Moden unterworfen sind. Wir wollten von ihr wissen: Lassen sich über den neuesten Trend-Hund passend zum Frauchen oder Herrchen soziale Aussagen treffen? Warum sieht man plötzlich – Vorsicht, Ressentiment – so viele „Zwerg-Prolls“? Sieht so das berüchtigte Bröckeln der Mittelschicht aus? Zeit für Feldforschung, fast wäre Susanne Berkenheger dabei mit ihrem Mini-Aussie an der Leine über eine Dogge gestolpert. Aber erst mal müssen die beiden aus dem Haus:

Der Hund denkt (vermutlich): Geht’s los? Sie legt die Leine wieder weg. Starrt auf das Ding in ihrer Hand. Auch gut! Dann kann ich den zugezogenen Zwerg-Prolls auf dem Balkon gegenüber noch Bescheid sagen. Ich rase auf unseren Balkon, um die beiden Kläffer anzuknurren. Ruhe! Kapiert? Höre ich einen Pfiff? Ich wetze rein und um die Ecke, wie üblich rutsche ich Fliehkraft-bedingt gegen den Schrank, dann: juhu, es geht los.

Ich stecke das Handy ein und leine den Hund an. Längst schon sollte ich los, wollte nur noch schnell klären, ob wir noch zur Mittelschicht gehören. Das zog sich. Laut einer Studie der OECD und der Bertelsmann-Stiftung mit dem malerischen Titel „Bröckelt die Mittelschicht?“ zählen in Deutschland zum Beispiel alle Haushalte dazu, die jeden Monat 4.000 Euro ausgeben können. Dabei ist es egal, ob der Haushalt aus einer Person (obere Mittelschicht) oder aus vier Personen besteht (untere Mittelschicht). Absurde Spanne, denke ich mit Blick auf den Hund, der freundlich an mein Knie wedelt. Los geht’s. Wir steigen – hunderückenschonend – in den ans Haus gepappten gläsernen Aufzug und gleiten abwärts. Der Hund knurrt Richtung Innenhof.

Sind die elenden Pöbler noch da? Ja? Nein? Egal! Ich muss verhindern, dass bald 1.000 Zwergspitze in unserem Haus wohnen.

Im Seitenflügel residieren seit einem Jahr zwei Zwergspitze in einer riesigen Maisonettewohnung, mit Balkon und Dachterrasse – gemeinsam mit ihren zwei Besitzern, einem jungen Paar. Gehören die auch zur Mittelschicht? Und falls ja, zur Mittelschicht welches Landes? Sie sind selten da. Wahrscheinlich haben sie überall auf der Welt Wohnungen. Sie spricht mit mir fließend und akzentfrei Deutsch, auf ihrer Terrasse mit anderen bevorzugt Spanisch, Arabisch und Englisch. Ihn habe ich noch nie sprechend erlebt, weder mit mir noch mit jemandem auf der Terrasse. Solange ihre Zwergspitze auf dem Balkon sind, können wir ungehindert das Haus verlassen. Froh beginne ich zu pfeifen. Der Hund schaut erstaunt zu mir auf.

Was? Was soll ich tun? Soll ich sie zerfleischen? Was bedeutete dieser Pfiff noch mal? Egal, ich zerfleische sie! Definitiv. Wo sind sie?

Der Hund zieht wie irre zur Haustür. „Zurück!“, sage ich. Denn so gehen wir nicht aus dem Haus. Rechts und links unseres Ausgangs befinden sich gut besuchte Restaurationen, jederzeit können untergeordnete Artgenossen unter den Tischen hervorschießen, in der Meinung, sie verteidigten ihr Territorium, welches natürlich unseres ist. Ich gehe immer zuerst auf die Straße. Der Hund schaut schuldbewusst.

Ah Mist, vergessen! Die menschliche Raffinesse, ich tu ganz locker und dann stürze ich mich auf das Kleinvieh. Bin bereit. Tür geht auf. Oh no! Alarm! Nobler Herrenhund voraus! Zurück! Zurück! Ich reiße sie an der Hundeleine ins Haus zurück!

Fast wäre ich über eine Dogge gestolpert, die vor unserer Haustür liegt. So etwas kommt öfter vor, denn für Riesenhunde von Restaurantgästen gibt es keinen anderen Platz. Die Besitzer entschuldigen sich, während ich über die Dogge steige. „Alles gut, alles gut“ murmelnd ziehe ich an meinem Hund, der jetzt demütig auf Dackelhöhe geschrumpft zu sein scheint.

Oh, nononono! Gleich steht er auf! Gleich steht er auf! Gleich sieht er mich! Hilfe! Hilfe! Wie unhöflich von mir. Bitte entschuldigen Sie, dass ich hier wohne.

Die Dogge schnaubt zufrieden. Mein Hund kriecht unterwürfig zitternd über die Pappe vor dem Eingang, mit der der Hausmeister Leute vorm Einbrechen in den Keller zu bewahren sucht. Denn unser Haus bröckelt an allen Ecken und Enden. Der Verfall wird schon lange nicht mehr aufgehalten. Muss man sich so das Bröckeln der Mittelschicht vorstellen? Die umstehenden Häuser dagegen halten sich prächtig! Frisch gestrichen prahlen sie mit üppigen Balkonbepflanzungen im Sonnenlicht. Der Hund strebt fröhlich zur nächsten Baumscheibe, dann zuckt er zusammen.

Au, war hier wieder dieser Unterschichten-Hungerleider? Hat der hier direkt in meinem Revier markiert? Das gibt’s doch nicht! Na warte, da pinkle ich jetzt aber so was von drüber. Ich pinkle und pinkle. Bis nichts mehr von diesem Typen zu riechen ist. Das wird herrlich!

Während der Hund pinkelt, stecke ich mir einen Podcast mit dem Titel Classic: Is the middle class going extinct? ins Ohr. Lustigerweise scheint es sich dabei um eine zeitlose Frage zu handeln. Wir trudeln weiter, bis der Hund von einer offenbar auf Ellbogenhöhe schwebenden Duftwolke auf die Hinterbeine gerissen wird.

Sony? Es riecht nach Sony! Wo ist er? Ist er das da hinten? Ich stell mich mal hin, damit er mich sieht.

Oh nein, das Zwergspitzduo! Quatsch, sie sind es gar nicht. Andere Zwergspitze. Ist das jetzt die neue Mode? Der Doppelzwergspitz? Warum kaufen Leute mehrere kleine Hunde anstatt eines größeren? Simpel. Hier wohnte mal ein Kalifornier, dessen Hund Sony musste sich mehrmals im Jahr runterhungern, damit er im Passagierraum mitfliegen durfte. Mit diesem Jetsetter verstand sich unser Hund prima, obwohl er sogar ein bisschen kleiner war.

Aaargh! Der Pöbel von gegenüber. Hat die Dreistigkeit hier aufzukreuzen, wo früher Sony und ich. So einen Puls hab ich! Mir reicht’s! Ich raste jetzt einfach aus.

„Alles gut“, sage ich und wechsle – mich entschuldigend – mit der reißenden Bestie die Straßenseite. Die Kleinbürger-Radfahrermentalität meines Hundes ist mir peinlich. Nach unten treten, nach oben buckeln. Fürchterlich. Als Welpe lobte ihn unsere Hundetrainerin noch: voll sozial und entspannt. Und jetzt … Auf dem gegenüberliegenden Gehweg sehen wir: Husky-Mann!

Hab’ nix gemacht! Nicht gebellt! Mich gibt es gar nicht! Freeze! Freeze!

Wie ausgestopft bleibt der Hund mitten auf der Straße stehen, denn Husky-Mann hat fünf Exemplare an sich festgebunden. Um den hochgestellten Persönlichkeiten Platz zu machen, balanciert unser Hund schließlich auf zwei Zentimeter Randstein und versteckt sich hinter einem Fahrrad. Es folgen vier hochgeschossene Windhunde, nebeneinander an der Leine. Sie sind insgesamt nicht dicker als ein Berner Sennenhund. Im Podcast debattieren sie derweil, was die Middle Class ist: Demnach hat die amerikanische Middle Class ein Haus, ein Auto für jedes Mitglied und einen Hund. Anzeichen, dass die Middle Class verschwindet, seien: Mittelklasse-Restaurants machen Pleite, Mittelklasse-Autos werden Ladenhüter, die Leute kaufen entweder billige kleine oder teure große Autos. Klar, aber: Funktioniert das bei Hunden genauso? Gibt es deswegen immer mehr Hunde in extremen Größen? „Bröckelst du?“, frage ich meinen Hund.

Was? Was? Was soll ich machen? Stock? Oder? Wo ist ein Stock? Ich hole ihn!

Der Hund legt mir einen Stock vor die Beine. Ist er überhaupt Mittelschicht? Wenn’s nach Bertelsmann ginge, locker. Alle Hunde, die ungefähr zwischen unterer Wade und Oberschenkel/Po rumscharwenzeln, wären dann Mittelschichtshunde. Das müsste ich mal unserem Hund erzählen! Der würde denken: WTF!

Hier! Der Stock! Bin bereit, bin immer noch bereit, bin wirklich bereit. Jetzt, jetzt …

Auch Sony und die Zwergspitze wären dann Mittelschicht, obwohl sie voll im Luxus leben. Merken sie aber nicht – genau wie Produktionsarbeiter, die oft viel mehr verdienen als weibliche Angestellte im Dienstleistungsgewerbe, die sich aber im Gegensatz zu den Ersteren in der Mittelschicht wähnen. Ist doch irgendwie ähnlich, denke ich. Vor mir hechelt’s.

Noch mal! Den Stock! Ich will losfetzen und rumkugeln und … Oh! Halt! Ein umwerfender afghanischer Windhund! Er macht mir seine Aufwartung. Er! Mir! Ja, wie toll ist das denn? Er tanzt mir hinterher. Er! Mir! Yeah!

Stunden später stehen wir müde und glücklich wieder vor unserer Eingangspappe. Vor dem Sushi-Laden sitzt eine Mittelschichtsfamilie. Der Sohn fragt mich: „Ist das ein junger Aussie?“ – „Mini-Aussie“, sage ich, „Aber auch für einen Mini ist er sehr klein geblieben, viel kleiner als erwartet.“ Im Aufzug kapiere ich es: Unser armer Hund! Als Welpe hat er noch gedacht, er wird mal groß. Dass er ein familiärer Absteiger ist, will er nicht wahrhaben. Eingebildete Abstiegsängste plagen ihn. Genau wie seine Besitzer. „Wir verstehen uns“, murmle ich und kraule ihn. Er schnaubt. Ich weiß genau, was er denkt.

Sofa! Sofa! Himmlisches Sofa! Hoffentlich schaff’ ich’s noch rauf.



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Von Veritatis

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