Sommerzeit ist Urlaubszeit. Was nach Entspannung klingt, ist mit Kind das Gegenteil. Zwischen Packen, Anreise und schreiendem Nachwuchs sehnt man sich vor allem nach dem Alltag

Warum Mütter nicht gerne in den Urlaub fahren

Es ist so weit, die Urlaubszeit ist da, Kindergärten und Schulen schließen ihre Pforten. Witzig, nicht wahr, dass die Schulferien einmal erfunden wurden, um den Volksschulkindern die Mitarbeit auf den elterlichen Feldern zu ermöglichen. Aber diese Zeiten sind, Gott sei Dank, vorbei. Und so bleibt nur eine Handlungsoption mit den über viele Wochen hinweg unbeschulten Kindern: Urlauben. Ich persönlich mache mir nichts aus Urlauben, oder besser: Ich fürchte mich jedes Jahr aufs Neue vor den vielen Sommerangeboten, die am Horizont dräuen.

Für wen oder was macht man eigentlich Urlaub? Für die bessere Work-Life-Balance sicher nicht. Die Seele baumelt doch am besten, wenn man sich nicht die Frage stellen muss, wo das Kind denn schon wieder steckt: hinter den Dünen, oder doch schon im offenen Meer?

Alltag: Das klingt in den Ohren vieler so schrecklich spröde, anstrengend, öde. Für mich klingt es golden. Alltag, das heißt: Mann und Kinder verlassen früh das Haus, um in Büro, Schule und Krippe ihrer eigenen Wege zu gehen, sodass ich mich an meinem Schreibtisch niederlassen kann und schreiben darf. Zugegeben, Alltag ist so viel schöner, wenn er sich vor einer Tastatur abspielt.

Vom Packen bis zur Anreise: Urlaub ist eine Qual

Die Krippe liegt gleich um die Ecke, in Hör- und Sichtweite, ich weiß das Kind in guten Händen. Pünktlich um elf schallt täglich der Ruf des Erziehermuezzins: „Muss hier noch wer pullern??“ Das Stichwort für meine Kaffeepause. Schnell noch eine Insta-Story posten, irgendetwas mit #thegoodlife, und dann geht es weiter mit der Arbeit. Mutti ist jedenfalls ganz bei sich, davon kann im Urlaub keine Rede sein.

Bereits der Gedanke an Urlaub stresst mich. Zunächst einmal muss man ja packen. Kleider für alle Wetterlagen, die zwanzig Lieblingsbücher der Kinder, dreizehn Kuscheltiere, zehn Handtücher, drei Sonnenlotionen in verschieden Stärken, Strandmuschel und tausend andere Dinge wollen verpackt werden. Schlimmer noch als das Packen ist nur das Anreisen. Pünktlich 7.30 Uhr am Bahnsteig auf den einfahrenden Zug wartend, prüft man nochmals hastig das Vorhandensein sämtlicher Tickets, Bahn-Cards, Ausweise. Und man vergesse nicht die Mitreisenden, die ja grundsätzlich immer zu viel Gepäck und Körperodeur mit sich führen. Glücklicherweise haben ICEs inzwischen Kleinkindbereiche; es sind im Grunde isolierte Abteile für Aussätzige, aber nun gut.

Auf zur nächsten Zwischenstation! Jetzt bloß kein Kind oder Gepäckstück vergessen, während man sich auf die Fähre begibt, die man nur gewählt hat, weil der Mann ein alter Seemannsromantiker ist und insgeheim von einer Piratenexistenz träumt, und so eine Fähre, auf der man gut und gerne 8,90 für eine mittelmäßig schlechte Bockwurst blecht, the next best thing ist. Zum Glück lebt man vegetarisch.

Doch auch so eine Anreise dauert nicht ewig, und spätestens jetzt ist Mutti doch wohl urlaubsreif?

Lesen bei 14 Knoten

Letztes Jahr reisten wir an die Ostsee, zur polnischen Seite, wo das Wetter im Wesentlichem aus Wind bestand. So saßen wir also an einem wirklich feinen, sauberen Sandstrand, an dem uns permanent die Frisuren vom Kopf geweht wurden. Nur der Mann stürzte sich munter in die brechenden Wellen, ich dagegen versuchte tapfer, ein Buch bei 14 Knoten zu lesen (Notiz an mich: Beim nächsten Mal den eBook-Reader mitnehmen).

Aber zum Lesen kam ich so oder so nicht, weil das Kleinkind ob der im Hosenboden angesammelten Sandkörner Schreikrämpfe durchlebte.

Das alles sind first world problems. Und wie, natürlich. Aber immerhin weiß man nach so einem Urlaub, wie schön man es doch am heimischen Schreibtisch hat.

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Von Veritatis

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