Wie viele Generationen vor ihm bestellt Schafbauer Stefan Brugger die steilen Hänge im schönen Tiroler Ötztal, um den Menschen im Land eine Lebensgrundlage zu bieten. Doch sein Beruf, den er mit Leidenschaft ausübt, ist nun in Gefahr. Denn immer öfter finden Österreichs Bergbauern ihre geliebten Tiere brutal zerfleischt auf den Weiden vor. Der Wolf treibt immer stärker sein Unwesen und macht sich über Schafe, Kühe und Ziegen her.

Die Politik weigert sich, dem Wolfsproblem Einhalt zu gebieten. Sie fürchtet um die Wählerstimmen der naturfernen Stadtbevölkerung und riskiert damit den Fortbestand von Österreichs traditioneller Almwirtschaft. Brugger kämpft dagegen an und gründete den Verein “Weidezone Tirol”. Im Wochenblick-Gespräch erklärt er, warum Österreichs Almwirtschaft vor dem Wolf beschützt werden muss.

Modell in anderen Ländern erfolgreich erprobt

Obwohl der Verein erst im Vorjahr gegründet wurde, zählt er bereits mehr als 17.000 Unterstützer. Das Modell der Weidezonen ist bereits in Ländern wie Schweden, Norwegen oder Frankreich erprobt. Dabei werden Gebiete abgesteckt, wo die Nutztiere ein Recht auf Leben haben. Auf diese Weise wird genau definiert: In welchem Gebiet unserer Kulturlandschaft hat der Wolf einen geschützten Raum – und in welchem Teil darf er bejagt werden, um Nutztiere und Bauern zu schützen.

Mit diesem Modell, das einerseits auf aktives Wolfsmanagement, andererseits aber auf Dialog setzt, konnte “Weidezone Tirol” alle Tiroler Oppositionsparteien (FPÖ, SPÖ, NEOS, Liste FRITZ) begeistern. Einzig die schwarz-grüne Landesregierung ziert sich vor einer Umsetzung. Immer wieder schmetterte sie entsprechende Anträge ab. Die Grünen pochten auf den hohen Schutzstatus des Wolfes – und die Volkspartei blieb in Land und Bund untätig. Die Ausrede: Mit dem Wolf gewinnt man keine Wahl, weil die städtische Bevölkerung mehr Mitleid mit den Wölfen, als mit der traditionellen Landwirtschaft, Mensch und Nutztier hat.

Amtsschimmel verhindert Wolfsmanagement

Verbunden wird dies mit einem absurden, bürokratischen Jagdgesetz, für dessen Reform sich “Weidezone Tirol” ebenfalls starkmacht. Derzeit wird jeder Riss zur Überprüfung nach Wien geschickt. Dann folgt eine lange Auswertung, die bis zu einem Monat in Anspruch nimmt. Erst nach einer größeren Anzahl von Rissen tagt dann eine Vierer-Kommission, die entscheidet, ob die Abschussgenehmigung erteilt wird. Erst dann kann die Landesregierung einen Beschluss fassen. Am Ende dauert die ganze Prozedur bis zu 40 Tagen: Ein realitätsfremdes Modell, das laut Brugger nicht funktionieren kann.

Statt die Kadaver nach Wien zu schicken, brauche es eine sofortige tiermedizinische Untersuchung: “Wir müssen binnen 24 Stunden zum Schuss kommen, sonst haben wir keine Chance.” Die unselige Kommission sei abzuschaffen. Ohne Management werden Wölfe immer zutraulicher, bewegen sich auf Siedlungen zu. Die Lage ist prekär. Alleine in Osttirol waren zuletzt 24 tote und 40-50 versprengte Schafe zu beklagen, nach dem Abtrieb der Schafe sogar tote Rinder. Für die betroffenen Bauern kann das den Ruin bedeuten. Die Wahl abzuwarten hält Brugger für problematisch: Denn dann finde eine Beschlussfassung erst im Jänner oder Feber statt.

Screenshot: Facebook

Wird Vertrauen verspielt, wählen Bauern die ÖVP ab

Die Weichen müssten aber bereits in den nächsten Wochen gestellt werden: “Sonst verlieren wir jetzt schon den Almsommer 2023.” Die Notwendigkeit, schnell zu handeln heißt auch, dass es hier nicht mit Stehsätzen im Wahlkampf getan ist. Um es Umsetzung zu können, muss auch die Landesregierung mitmachen. Dieser trug “Weidezone Tirol” das eigens ausgearbeitete Manifest zu. Doch unter dem scheidenden Landeshauptmann Günther Platter stieß man allerdings auf taube Ohren.

Der neue Landesparteichef Anton Mattle genießt noch einen Vertrauensvorschuss, auch weil er dem Anliegen ein offenes Ohr schenkte – und das Manifest unterzeichnete. Doch Brugger stellt klar: Auch wenn die ÖVP in Tirol noch die Partei der Bauern ist – mit Wahlzuckerl lässt man sich nicht einlullen. Denn: “In vier Wochen muss etwas geschehen. Wenn sie uns nur am Schmäh führen, dann haben wir im Sommer ein Problem in Tirol. Dann gehen die Leute zu Zigtausenden auf die Barrikaden.”

Er ist sich sicher: Drei bis vier Mandate hängen an seiner Initiative. Bei der Wahl im September könnte es einen Unterschied machen, ob die Bauern ihrer politischen Stammheimat die Treue halten oder sich anderen Parteien zuwenden: “Wenn der Bauer hustet, hat die ÖVP eine Grippe.” Diese habe acht Jahre nichts getan, die Folge seien über 600 vermisste und tote Schafe. Es sei nicht auszumalen, wenn es einst ganze Wolfsrudel sind: “Dann können wir gar nicht mehr so viele Schafe importieren, wie gerissen werden.” In Richtung der Volkspartei mahnt er: “Wenn es die ÖVP nicht kann, wählen wir die ÖVP ab.”

An den Taten sollt ihr sie messen – Brugger will die ÖVP an ihr Wort binden:

Bevormundung durch ahnungslose Theoretiker

Eine Wurzel des Übels ist hier die Blockadehaltung einer schwarz-grünen Regierung – auch im Bund. In Wien gebe es “viel zu viele Theoretiker in klimatisierten Räumen und ergonomisch perfekten Bürostühlen. Die wollen uns Bauern erklären, wie wir in Tirol oder Kärnten mit Tieren auf der Alm vorgehen sollen.” Es müssten Praktiker über praktische Probleme reden. Umweltministerin Gewessler hätte hingegen “von Landwirtschaft so viele Ahnung wie vom Autobauen.” Man werde von Menschen bevormundet, die nicht wissen worum es geht.

Die Entscheidungsträger, so Brugger, müssten sich vor Ort begeben und mögliche Wege finden, statt alles am Schreibtisch abzuhandeln. “Weidezone”-Vereine gebe es in mehreren Bundesländern, man stehe für Gespräche offen. Wenn niemand handelt, drohe eine Lage wie in Graubünden. Dort müssen bereits Wanderwege gesperrt werden. Die Horror-Situation wäre, wenn wilde Raubtiere den Menschen nicht mehr als Bedrohung ehen. Denn dann könnten auch Stalltiere gerissen werden und die Lebensmittel-Produktion stillstehen. Das sei keine Schwarzmalerei, sondern eine konkret drohende Zukunft.

Wochenblick berichtete bereits darüber, wie die schwarz-grüne Regierung jede Initiative für aktives Wolfsmanagement niederstimmt:

Ende der Almwirtschaft bedroht ganze Gesellschaft

Denn im schlimmsten Fall müssten die Bauern die Almwirtschaft aufgeben – und die Folgen wären immens. Das Landschaftsbild verändert sich, das kurze Gras auf den Skipisten ist dann einen halben Meter hoch – die Folge wären vermehrte Lawinenabgänge, bis hinunter ins Tal. Man könne nur hoffen, dass etwas geschieht: “Es geht ja auch das Wissen von Generationen verloren, wenn ich die Stalltüre zusperren muss.” Bei den drohenden Veränderungen geht es um keine kleine Sache, sondern um eine nachhaltige Veränderung. In Norddeutschland gebe es Wölfe bereits in den Dörfern.

Er kann sich gut vorstellen, dass es auch Kreise gibt, die glauben, man solle die Natur sich selbst überlassen. Aber: “Auch das Geld des Nachbarn ist immer leicht ausgegeben. Man muss dem Bauern auch sein Recht und seine Möglichkeiten geben.” Wird das nicht getan, dann werden sich die Bauern wehren: “Im schlimmsten Fall gibt es einen Aufstand. Ich werde ihn nicht anzetteln; wir suchen den Weg über den Dialog, wir reichen immer die Hand. Aber wir wurden über ein Jahr lang vom [ÖVP-]Bauernbund veräppelt, es wurde auf Zeit gespielt. Ich bin kein radikaler Mensch, aber wenn es nicht mehr geht…”

Mit Dialog in die Herzen der Bürger

Brugger ist sich auch sicher, dass man mit der Strategie des Dialoges auch die Breite des Volkes ins Boot holen kann: “Bei uns darf jeder reden, jeder seine Meinung sagen, auch radikale Tierschützer.” Geduldig erkläre man dann den Menschen das Konzept und bietet ihnen an, sich die Idee einmal anzusehen. In einer Gesellschaft gehe es schließlich auch darum, sich verschiedene Meinungen anzuhören: “Wir wollen die Leute ja nicht spalten. Ich verstehe das auch, wenn andere Leute eine andere Sichtweise haben. Ich erkläre ja auch nicht jeden Grünen vorab für deppert, einige von ihnen schätze ich privat sogar…”



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Von Veritatis

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