Ein Zimmer. Eine Frau. Die Frau verlässt das Zimmer kaum. Jahrelang. Warum nur? Sie ist nicht krank, sie will das so. Was heißt es, so zu leben? Vielleicht ist alles, was sich darüber denken lässt, ein Irrtum. Denn: „Es ist nicht wahr, dass sie nur noch ihr Zimmer hat. Sie hat Starengesang, tintenschwarze Novembernächte, Hagelschauer im Frühling, vertraute Stimmen, die zusammen mit dem Geruch von Brot im Ofen aus dem unteren Stock heraufdringen, den Duft der Apfelblüten …“, schreibt Dominique Fortier, die dieser Frau, die ausschließlich weiße Kleider trägt, in Städte aus Papier behutsam näherkommen will.

Die Rede ist von Emily Dickinson, Jahrgang 1830, die schon zu Lebzeiten zum Mythos wurde. Denn das ist das Schicksa

Ein Zimmer. Eine Frau. Die Frau verlässt das Zimmer kaum. Jahrelang. Warum nur? Sie ist nicht krank, sie will das so. Was heißt es, so zu leben? Vielleicht ist alles, was sich darüber denken lässt, ein Irrtum. Denn: „Es ist nicht wahr, dass sie nur noch ihr Zimmer hat. Sie hat Starengesang, tintenschwarze Novembernächte, Hagelschauer im Frühling, vertraute Stimmen, die zusammen mit dem Geruch von Brot im Ofen aus dem unteren Stock heraufdringen, den Duft der Apfelblüten …“, schreibt Dominique Fortier, die dieser Frau, die ausschließlich weiße Kleider trägt, in Städte aus Papier behutsam näherkommen will.

Die Rede ist von Emily Dickinson, Jahrgang 1830, die schon zu Lebzeiten zum Mythos wurde. Denn das ist das Schicksal aller Weltabgewandten: Sie befeuern Gerüchte, Geraune und Gerede, mehr noch als andere, da es an Zeugen mangelt. Und da Widerspruch meistens ausbleibt. Nicht weil sie es nicht wagten, sondern weil es sie – meistens – nicht schert. Die heute bekannte Dichterin, die in weltliterarischer Reihung mit unter anderem Edgar Allan Poe und Walt Whitman steht, war schon immer gegen den Strich gebürstet. In steter Rebellion gegen den Vater und gegen den Zeitgeist – sie trotzte der Ehe und dem Mutterdasein konsequent. Liebhaber? Nein, vermutlich gehörte ihr Herz einer Frau. Die vielen Liebesgedichte mussten doch an jemanden adressiert sein – nur an wen? Könnte es sich um Susan Gilbert gehandelt haben, die vertraute Freundin aus Jugendtagen, aber auch Ehefrau ihres Bruders?

Konjunktive sind nicht zu vermeiden, sind vielmehr zwingend, denn die Geschichte der Emily Dickinson ist eine, in der man weitestgehend auf Spekulationen angewiesen ist – zu wenig ist bekannt und verbrieft. Auch Fortier, die zu den wichtigsten Stimmen der franko-kanadischen Literatur zählt, bleibt fast nur, eine weiße Leinwand aufzuspannen, auf der sie, verknüpft mit dem Spärlichen, was man über Dickinson weiß, Projektionen ablaufen lässt. Und so gründet ihre biografische Annäherung an eine außergewöhnliche Frau und fulminante Dichterin nicht ausschließlich, aber vor allem auf intuitiven, episodisch gefassten Atmosphären, die sich zu warmen, zu poetischen Bildern verdichten.

Das liest sich behaglich. Schon bald glaubt man, gemeinsam mit der präsenten Erzählerin, in alten Fotoalben zu blättern und dabei in Erinnerungen über eine Verwandte zu schwelgen, die einem besonders lieb und teuer war. Sieh mal, Emily, wie sie vom Kuchen nascht, der in der Küche abkühlt. Und schau, hier sammelt sie Blüten für ihr Herbarium. Und dort liegt sie, umringt von ihren Geschwistern, rücklings im Schnee. Und wieder: Es lässt sich nicht genau sagen, wie es gewesen ist. Aber: Muss es das? Wahrheitsfindung wird meist überschätzt, allein deshalb, weil etwas viel schwerer wiegt, wie einst die amerikanische Intellektuelle Joan Didion in banaler Wucht konstatierte: „Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben.“

Keine Tragödie, kein Trauma

Es interessiert natürlich, warum Emily Dickinson sich mehr und mehr zurückzog. Warum es für sie alltäglich wurde, sich fast ausschließlich in ihrem Zimmer aufzuhalten, das sie in ihrem Elternhaus in Amherst, Massachusetts, bewohnte. Auch Fortier fahndet, wie viele vor ihr, nach einem Wendepunkt, wird aber ebenso wenig fündig: keine Tragödie, kein Trauma, keine Offenbarung. Es ist wohl, wie vermutet werden darf, mit Emily Dickinson so gekommen, weil sie sich radikal für sich selbst entschieden hat. Keinerlei Fremdbestimmung. Schon gar keine Pflicht gegenüber einem Gott – das Frömmlerische war ihr zuwider.

Stattdessen eine, im Kant’schen Sinne, Pflicht gegenüber ihrer Begabung. Von ihrem Talent wussten allerdings die wenigsten Zeitzeugen – zu Lebzeiten veröffentlichte sie lediglich sieben ihrer knapp 1.800 Gedichte. Trotzdem, es könnte auch wahr sein, dass es ein „vollkommenes Leben“ gewesen ist, „rund und voll wie ein Ei“. Und auch dass, wie Fortier weiter schreibt, „die Welt an Intensität gewonnen (hat), seit sie sie von der Höhe ihres Zimmers aus betrachtet“.

Städte aus Papier. Vom Leben der Emily Dickinson Dominique Fortier Bettina Bach (Übers.), Luchterhand 2022, 187 S., 20 €



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Von Veritatis

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