Als sie 2020 nach Deutschland kam, hat sich Sibel Kara ihr Leben hier anders vorgestellt. Sie arbeitet viel, auch an Wochenenden sowie nachts. Obwohl ihr Job als Pflegehelferin sehr anstrengend ist, verdient sie so wenig, dass es für das Überleben der Familie nicht reicht. Anders als viele ihrer KollegInnen hat sie eine mehrjährige medizinische Ausbildung abgeschlossen – in einem dementsprechenden Beruf hätte Sibel Kara, die ihren echten Namen nicht in der Zeitung sehen will, jeden Monat rund tausend Euro mehr auf dem Gehaltszettel.

Das Problem: Sie hat kein deutsches Diplom. Um das zu bekommen, muss eine Anerkennungsstelle ihre türkische Ausbildung zur anästhesietechnischen Assistentin prüfen und entscheiden, ob sie damit in Deutschland zum Beispiel

Als sie 2020 nach Deutschland kam, hat sich Sibel Kara ihr Leben hier anders vorgestellt. Sie arbeitet viel, auch an Wochenenden sowie nachts. Obwohl ihr Job als Pflegehelferin sehr anstrengend ist, verdient sie so wenig, dass es für das Überleben der Familie nicht reicht. Anders als viele ihrer KollegInnen hat sie eine mehrjährige medizinische Ausbildung abgeschlossen – in einem dementsprechenden Beruf hätte Sibel Kara, die ihren echten Namen nicht in der Zeitung sehen will, jeden Monat rund tausend Euro mehr auf dem Gehaltszettel.

Das Problem: Sie hat kein deutsches Diplom. Um das zu bekommen, muss eine Anerkennungsstelle ihre türkische Ausbildung zur anästhesietechnischen Assistentin prüfen und entscheiden, ob sie damit in Deutschland zum Beispiel als OP-Schwester arbeiten darf. Dafür stellte Sibel Kara einen Antrag. Dann geschah erst einmal – nichts. Sie fragte nach und bekam zur Antwort, dass Nachfragen nicht erwünscht seien. Sie wartet nun seit anderthalb Jahren, ohne zu wissen, ob ihre Anerkennung eine Chance hat.

Sibels Mann ist Hals-Nasen-Ohren-Arzt mit 25 Jahren Berufserfahrung und hat ebenfalls keine deutsche Berufserlaubnis. Um sie zu bekommen, muss er zuerst Deutsch auf dem Niveau C1 können. Ein Deutschkurs kostet für die Familie ohne Asylstatus 450 Euro im Monat, das kann sie sich nicht leisten. Wenn Sibel Kara Klagen über Fachkräftemangel hört, versteht sie nicht, warum es ihnen so schwer gemacht wird. „Wir sind gesund, wir sind gut ausgebildet, wir wollen in unseren Berufen arbeiten“, sagt sie. Sie kennt eine Klinik, in der sie mit dem Papier, auf das sie verzweifelt wartet, sofort anfangen könnte.

Migration Mehr Arbeitskräfte direkt im Ausland zu rekrutieren, ist das erklärte Ziel der Bundesregierung. Dafür will sie nach dem Sommer das Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das es seit 2020 gibt, weiterentwickeln. Von Innen- und Arbeitsministerium präsentierte Eckpunkte sehen unter anderem vor, dass Fachkräfte vor ihrer Einreise einen Arbeitsvertrag in Deutschland, Berufserfahrung sowie einen Abschluss nachweisen müssen, den Antrag auf dessen Anerkennung aber erst vor Ort, nach der Einreise, stellen können. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag begrüßt das, fordert aber, Schwellen für die Anerkennung zu senken – eine teilweise Gleichwertigkeit mit deutschen Abschlüssen reiche oft aus. Ohnehin seien die größten Hürden bei der Zuwanderung stockende Abläufe in Behörden sowie die Schwierigkeit, in deutschen Botschaften Visa-Termine zu ergattern.

Sebastian Puschner

Für Fachkräfte wie sie wurde vor zehn Jahren das „Gesetz zur Verbesserung der Feststellung und Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen“, kurz „Anerkennungsgesetz“, verabschiedet. Damit können MigrantInnen ihre Berufsabschlüsse prüfen lassen. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts wurden im Jahr 2020 damit 44.800 Abschlüsse komplett oder teilweise anerkannt. Das ist nicht viel bei knapp 1,2 Millionen neuen Zuwanderern, von denen etwa die Hälfte gut oder sehr gut ausgebildet ist. Immer noch verdienen Menschen mit Migrationshintergrund im Schnitt 290 Euro weniger als der Durchschnitt in Deutschland – sie sind außerdem doppelt so häufig von Erwerbslosigkeit betroffen.

Warum ist das so? Einen Hinweis könnten die 32 Frauen mit Migrationshintergrund liefern, die die Sozialwissenschaftlerin Ildikó Pallman über ihre Erfahrungen bei der Arbeitssuche befragt hat. Alle berichteten, dass bei Beratungsgesprächen mit Arbeitsagenturen ihre Berufserfahrungen und Lebenspläne keine Rolle gespielt hätten. „Da wurde Ingenieurinnen als einzige Perspektive eine Arbeit als Pflegehelferin oder Reinigungskraft aufgezeigt, unabhängig davon, was sie mitbringen und wollen“, sagt Pallman. Viele würden zudem ihre Rechte nicht kennen, was sie zu leichten Opfern von Ausbeutung mache. Dabei, so Wissenschaftlerin Pallman, ist gute Arbeit eine Frage des Respekts: „Das, was die Menschen mitbringen, ist etwas wert.“

Bürokauffrau aus Albanien

Auch Emi Boshkaj möchte in ihrem Beruf arbeiten. Die junge Frau floh 2018 mit ihrem Mann aus Albanien vor einer Familienfehde. Sie reichte bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) einen Antrag auf Anerkennung ihrer albanischen Ausbildung als „Kauffrau für Büromanagement“ ein. Dafür musste sie beglaubigte und übersetzte Zeugnisse, Diplome sowie Arbeitsnachweise zusammentragen. „Die Anerkennung zu schaffen, ist anspruchsvoll“, sagt Christine Kamphues, die die Albanerin in Deutschland unterstützt. „Man muss ein gutes soziales Netz haben, viel wissen und gut organisiert sein. Daran scheitern viele.“ Zudem kosten die Beschaffung der Papiere, Übersetzungen und Anerkennung viele Hundert Euro. Emi Boshkaj bekam am Ende eine teilweise Anerkennung. Trotzdem wurde ihr Asylantrag abgelehnt und die Familie, inzwischen mit zwei kleinen Kindern, vor einem Jahr nach Albanien abgeschoben. Boshkaj versucht seitdem, mit Job und Arbeitserlaubnis zurück nach Deutschland zu kommen.

Für Menschen aus der Ukraine ist es durch ein vereinfachtes Asylverfahren zurzeit leichter, einen Asylstatus zu bekommen. Die G7-Arbeitsminister haben Ende Mai beschlossen, auch für die schnelle Anerkennung ihrer Abschlüsse Regeln aufzustellen. Zuvor hatte die diesjährige Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Schleswig-Holsteins Landesbildungsministerin Karin Prien (CDU), bekannt gegeben, dass ukrainische SchülerInnen der Abschlussklassen auch ohne Abitur studieren dürfen.

„Die Nachricht hat für mich einen bitteren Nachgeschmack“, schrieb daraufhin die Journalistin Bleranda Shabani bei Twitter. „Meine Eltern kamen ’93 von Kosovo nach Deutschland. Beide mit Uni-Abschlüssen. Diese wurden nie anerkannt.“ Innerhalb weniger Stunden löste der Tweet eine Welle von Reaktionen aus, mit Hunderten Geschichten von beruflicher Diskriminierung. Dass Geflüchtete unter Umständen auch ohne Zeugnis studieren dürfen, hatte die Kultusministerkonferenz bereits 2015 beschlossen. Allerdings müssen Nicht-UkrainerInnen dafür ein Prüfverfahren bestehen.

Sonderlösung für Ukrainer

Viele TeilnehmerInnen der von Shabani ausgelösten Diskussion warfen den Regierenden Rassismus gegen nichtukrainische MigrantInnen vor. „Rassismus gibt es durchaus“, sagt der Migrationsforscher Marcus Engler. Grundlage dieser Entscheidungen sind schließlich nationale Kategorien. Trotzdem greife der Vorwurf zu kurz. „In der Vergangenheit wurden UkrainerInnen eher selten aufgenommen und hatten es schwer, auch als dort 2014 der Krieg schon begonnen hatte.“ Insgesamt habe sich beim Thema Integration viel bewegt. Vor 2010, sagt Engler, „war es politisch nicht gewollt, dass Geflüchtete und andere MigrantInnen dauerhaft in Deutschland bleiben“. Deshalb gab es wenige Deutschkurse. Dann wurde Integration zur Leitlinie. Das Anerkennungsgesetz 2012 war Teil dieser Politik. Nachdem sich 2015/16 in Deutschland etwas über 1,4 Millionen Flüchtlinge registriert hatten, machte der damalige Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) eine halbe Rolle rückwärts: Nur noch ausgewählte Gruppen sollten bleiben, für andere wurde der Zugang zu Sprachkursen und Arbeitsmarkt wieder erschwert.

Im Zuge ihrer Integrationspolitik startete die Bundesregierung 2011 das Förderprogramm des Netzwerks Integration durch Qualifizierung (IQ), das MigrantInnen beim beruflichen Neustart berät. Farzaneh Vagdy-Voß leitet das IQ-Landesnetzwerk Schleswig-Holstein. „In der IT reicht es manchmal, Programmieren und gutes Englisch zu können“, sagt sie. In anderen Bereichen, vor allem Gesundheit und Bildung, gibt es dagegen strenge Regeln. Nach ihrer Erfahrung sind fehlende Sprachkenntnisse eine der größten Hürden. „Sprachkurse und Schulungen werden nicht überall und nicht für alle kostenlos angeboten. Viele müssen für ihren Lebensunterhalt arbeiten, statt sich zu qualifizieren.“ Eltern kleiner Kinder und Menschen aus Nicht-EU-Ländern haben es dabei besonders schwer.

Andreea Szilágy konnte sehr gut Deutsch, als sie 2012 nach Deutschland kam. Trotzdem durfte die Grundschullehrerin hier nicht arbeiten, weil ihr Beruf in ihrer Heimat Rumänien als Ausbildung, nicht an einer Hochschule vermittelt wird. Sie hat später zwar studiert, aber ein anderes Fach. „Für eine Anerkennung als Lehrerin hätte ich drei Jahre arbeiten und gleichzeitig studieren müssen“, sagt sie. „In dieser Zeit hätte ich viel weniger verdient und außerdem die Stadt wechseln müssen.“ Das konnte sich die junge Mutter nicht leisten. Sie pendelte dann für ein halbes Jahr in die Nachbarstadt, absolvierte ein Praktikum und eine Prüfung und bekam ihren Schein als Erzieherin.

Besonders für handwerkliche Berufe gibt es in vielen Ländern keine formale Ausbildung, was es schwer macht, Wissen und Können nachzuweisen. Dass eine Handwerkerin mit Jahrzehnten an Berufserfahrung in Deutschland ganz von vorne anfangen muss, ist nicht ausgeschlossen. Andererseits hat ein System mit Zertifikaten und Standards seinen Wert. In vielen Ländern ist es schwer, etwa professionelle Handwerker zu finden, ohne Kontakte und Referenzen ist jeder Auftrag ein Risiko. Und wäre es fair, etwa Menschen ohne formale Ausbildung ein Diplom zu geben, wenn andere dafür zwei oder drei Jahre die Schulbank drücken mussten?

Die Folge daraus kann aber nicht sein, Tausende MigrantInnen, die gut ausgebildet nach Deutschland kommen, in den dritten Arbeitsmarkt abzudrängen oder ganz neu auszubilden. Das wäre menschlicher wie wirtschaftlicher Irrsinn. Die Erregungswelle nach Bleranda Shabanis Post zeigt, dass es unzählige solcher tragischer Biografien gibt. Türen öffnen und gleichzeitig einen guten Ausbildungsstandard verteidigen – auch wenn das ein Spagat ist, muss die Gesellschaft ihn leisten.

Die Sozialwissenschaftlerin Ildikó Pallman glaubt, dass die Lösungen, die wir jetzt für UkrainerInnen gefunden haben, das Thema berufliche Integration insgesamt voranbringen können: „Wir sehen ja jetzt: Es funktioniert.“

Friederike Grabitz arbeitet von Lübeck aus als freie Journalistin



Source link

Von Veritatis

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.