Gerhard Schröder – Beruf: Gashändler – war in Moskau und hat mit Wladimir Putin gesprochen. Dem Stern hat er anschließend erzählt, was er dort gemacht hat und was er so denkt zu Wladimir Putins verbrecherischem Angriffskrieg gegen die Ukraine. Den er übrigens in wahrhaft unangemessener Untertreibung mit keinem härteren Wort belegen will als „Fehler“. Und wie zu erwarten, erntet der Mann mit dem SPD-Ausschlussverfahren am Hals parteiübergreifend Kritik und Empörung.

Es gibt sehr gute Gründe, das Verhalten und die Äußerungen des ehemaligen Bundeskanzlers unsympathisch zu finden. Es gibt auch gute Gründe, Schröders Gesamtbeurteilung der Lage zu widersprechen. „Die gute Nachricht heißt: Der Kreml will eine Verhandlungslösung“, sagt er, und wer da ein bisschen viel Vertrauen in den Friedenswillen des Völkerrechts-Verächters Wladimir Putin herausliest, muss noch lange kein „Kriegstreiber“ sein.

So weit ist nichts einzuwenden gegen die kritische Auseinandersetzung mit dem Kanzler a.D. Wenn es denn eine Auseinandersetzung wäre. Genau die aber findet gerade nicht statt. Es jagen sich die Vorwürfe, er mache sich zum willigen Sprachrohr Putins, sei sowieso nur am eigenen Wohlergehen als Gaslobbyist interessiert und wolle Putin gerade mal so die Ostukraine überlassen.

Reflexhafte Abwer ist nicht angemessen

Schröder hat, wie gesagt, an dieser Abwehrmauer durchaus mitgebaut: Die offensichtliche Nähe zum Kreml-Autokraten, von der nie ganz klar ist, wie viel sie mit Edelmut und wie viel mit Erdgas zu tun hat, verbunden mit einer unerschütterlichen Arroganz im Stil, fordert Widerspruch geradezu heraus. Aber die aktiven Politikerinnen und Politiker, die ihn jetzt unisono kritisieren, sagen damit auch etwas über sich selbst: Die reflexhafte Abwehr gegen einen der wenigen, die ihre Einschätzung noch auf direkte Erfahrungen mit dem Moskauer Machtapparat stützen können, ist dem furchtbaren Krieg so wenig angemessen wie die Verharmlosungen des ehemaligen Kanzlers.

Die Inbetriebnahme von Nordstream 2 kann man als Inkaufnahme einer symbolischen Niederlage gegen Putin ausschließen. Aber ist deshalb gleich ein moskautreuer Paria, wer sie wie Schröder fordert? Die Skizzen des Altkanzlers für eine mögliche Verhandlungslösung – schrittweiser Verzicht auf die Krim, mehr Rechte für die russischsprachige Bevölkerung im Donbass, Neutralität der Ukraine – kann man als schwer oder gar nicht akzeptabel für Kiew ansehen. Aber ist es deshalb gleich abwegig, darüber nachzudenken, ob das Schießen und Leiden nicht mit Schritten in diese Richtung beendet werden könnte?

Schröder mag der Falsche sein, um die Debatte in Deutschland und anderswo in diese Richtung zu bereichern. Aber die, die jetzt auf ihn losgehen, setzen sich ebenfalls einem Verdacht aus: Es scheint, als sähen sie ihre politische und weitgehend auch publizistische „Die Ukraine muss den Krieg gewinnen“-Front am Ende als so brüchig an, dass sie lautes Nachdenken über alternative Wege zum Frieden fürchten. Und das schadet einer offenen Debatte über diesen furchtbaren Krieg nicht weniger als die persönliche Unglaubwürdigkeit des Gashändlers Schröder.



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Von Veritatis

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