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Der Endspurt für das neue Ausbildungsjahr, das im September beginnt, läuft. Doch immer mehr Lehrstellen bleiben unbesetzt. Der Abstand zwischen Angebot und Nachfrage „macht mittlerweile 120.000 Plätze aus“, warnte Detlef Scheele, der bis Ende Juli Chef der Bundesagentur für Arbeit war, bei seinem letzten Auftritt vor Pressevertretern. Rund jede fünfte Leerstelle bleibe unbesetzt.

Der damit verbundene Verlust an Substanz ist besorgniserregend: Schon im vergangenen Jahr unterschrieben nur noch 473.100 Auszubildende einen neuen Vertrag. Dies waren zwar 5.600 Verträge mehr als 2020, aber 52.000 weniger als 2019, das Jahr vor dem Ausbruch der Coronakrise. 2008 waren es noch gut 600.000 Lehrverträge. Damit zeichnet sich eine enorme Verschärfung des schon jetzt extremen Fachkräftemangels ab. Denn klar ist: Wo heute die Auszubildenden fehlen, fehlen morgen die Meister.

„Der Arbeitsmarkt hat sich zu einem Arbeitnehmermarkt gewandelt“, brachte Szenekenner Scheele die prekäre Lage in einem Gastkommentar für die „Wirtschaftswoche“ auf den Punkt. Die Firmen müssten sich überlegen, was sie Bewerbern anbieten können – oder vielmehr müssen –, um im Wettbewerb mit anderen Firmen herauszustechen. Die Fachkräftesicherung sei „das entscheidende Zukunftsthema, an dem niemand vorbeikommt“.

»Acht Stunden am Tag arbeiten, das ist für viele schon ein Problem«

Die Misere hat viele Gründe. Neben den niedrigen Geburtenzahlen in den relevanten Jahrgängen verunsichert vor allem Corona viele Jugendliche. Hinzu kommen zunehmende Schwierigkeiten, die Erwartungen der Jugendlichen mit den Anforderungen der Betriebe in Einklang zu bringen.

Zugleich beginnen immer mehr Jugendliche ein Studium, weil Berufe, die früher via Ausbildung erlernt werden konnten, heute ein Studium oder eine Fachschule erfordern. Und schließlich gibt es derzeit so wenig Betriebe wie nie zuvor, die überhaupt noch ausbilden. Im Schnitt bietetnicht einmal mehr jede fünfte Firma eine Ausbildung an.

Malermeister Thomas Thümmel nennt eine ganz andere Ursache: „Bei den Jugendlichen gibt es keine Disziplin, keine Ordnung mehr“, monierte der Brandenburger gegenüber rbb24. „Acht Stunden am Tag arbeiten, das ist für viele schon ein Problem mittlerweile.“ Der 33-Jährige könnte jederzeit drei bis vier Mitarbeiter einstellen. Doch „es ist keiner da, es möchte keiner machen.“

Für die konjunkturellen Perspektiven in diesem Land wird dieser Zustand immer mehr zur Gefahr. „Wir haben bei den Arbeitskräften den Zenit erreicht. In den kommenden Jahren wird es für die Unternehmen ein immer mühsameres Geschäft, sich gegen die Fachkräfteengpässe zu stemmen“, fasst der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Achim Dercks, die Ergebnisse des ‚DIHK-Reports Fachkräfte 2021‘ zusammen. „Zur Energiewende gesellt sich für die Betriebe nun auch die Herausforderung einer ‚Fachkräftewende‘.“

Industrielle Produktionsprozesse könnten ins Stocken geraten

„Durch Engpässe in einzelnen Bereichen können weite Teile der Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen werden“, warnt Dercks. Fehlten etwa IT-Experten, betreffe dies auch Mittelständler, die Geschäftsprozesse digitalisieren oder sich um eine bessere Cybersicherheit kümmern möchten. Mangele es an Lkw-Fahrern, könnten industrielle Produktionsprozesse ins Stocken geraten, weil Vorprodukte nicht rechtzeitig geliefert würden.

Und fehlten beispielsweise Fachkräfte zur Verlegung von Glasfaserkabeln, verlangsame sich der dringend erforderliche Ausbau der Breitband-Infrastruktur. „Wir haben also nicht nur Lieferprobleme in der Wertschöpfungskette, wir haben auch Fachkräfteprobleme in der Wertschöpfungskette“, so der DIHK-Vize.

Für Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung, ist angesichts der prekären Lage klar: „Es gilt, die berufliche Bildung für Betriebe und für junge Menschen gleichermaßen attraktiver zu gestalten.“ Der sich mittlerweile über die Jahre vollziehende Rückgang der Ausbildungsvertragszahlen müsse endlich gestoppt werden. „Sonst haben wir in naher Zukunft niemanden mehr, der Windkraftanlagen baut oder moderne Heizungs- und Solaranlagen installiert.“

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Bild: Shutterstock
Text: reitschuster.de

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