Saufen, Prügeln nach dem Fußball, Wirtschaftskriminalität: Meist sind es Männer, die die unnötigen Mehrkosten einer Gesellschaft in die Höhe treiben. Boris von Heesen hat den genauen Betrag für sein Buch Was Männer kosten recherchiert: Er kommt auf über 63 Milliarden Euro pro Jahr, die Deutschland jedes Jahr mehr für die Herrenwelt ausgeben muss. Warum er den Begriff „toxische Männlichkeit“ trotzdem kritisch sieht? Und was Politik und Justiz tun können, um diesen „Gender Gap“ zu schließen? All das erklärt der Wirtschaftswissenschafter im Gespräch mit dem Freitag.

der Freitag: Herr von Heesen, warum haben Sie ausgerechnet, „was Männer kosten“? S0 lautet ja der Titel Ihres Buche

Saufen, Prügeln nach dem Fußball, Wirtschaftskriminalität: Meist sind es Männer, die die unnötigen Mehrkosten einer Gesellschaft in die Höhe treiben. Boris von Heesen hat den genauen Betrag für sein Buch Was Männer kosten recherchiert: Er kommt auf über 63 Milliarden Euro pro Jahr, die Deutschland jedes Jahr mehr für die Herrenwelt ausgeben muss. Warum er den Begriff „toxische Männlichkeit“ trotzdem kritisch sieht? Und was Politik und Justiz tun können, um diesen „Gender Gap“ zu schließen? All das erklärt der Wirtschaftswissenschafter im Gespräch mit dem Freitag.

der Freitag: Herr von Heesen, warum haben Sie ausgerechnet, „was Männer kosten“? S0 lautet ja der Titel Ihres Buches …

Boris von Heesen: Ich möchte auf eine gesellschaftliche Schieflage hinweisen. In der Sucht- und Jugendhilfe habe ich über viele Jahre Erfahrungen mit dem Ungleichgewicht der Geschlechter gesammelt. Zudem habe ich eines der ersten Online-Marktforschungsunternehmen gegründet und mir so die notwendigen Kompetenzen im Umgang mit statistischen Daten angeeignet.

Sie setzen sich auseinander mit dem – in Fachkreisen durchaus umstrittenen – Begriff der „toxischen Männlichkeit“. Was stört Sie daran?

Den Begriff der toxischen Männlichkeit vermeide ich, weil er kaum die Ursachen männlichen Fehlverhaltens differenziert – und so verstanden werden könnte, dass Männlichkeit grundsätzlich schädlich ist oder gar alle Männer toxisch sind. Das ist selbstverständlich nicht der Fall. Lieber spreche ich deshalb von ungesundem männlichen Verhalten, das sich durch soziale Zwänge und Rollenstereotype herausbildet. Männer laufen Gefahr, schädlichen Mustern zu folgen, die in solchen Prägungen ihren Ursprung haben. Beispiele dafür sind etwa Selbstgefährdung, Gewalt oder Sexismus. Deshalb halte ich es für wichtig, dass Männer ihre Rolle fortwährend kritisch reflektieren.

Welche ökonomischen Kosten verursacht männliches Fehlverhalten im Detail?

Ich unterscheide zwischen direkten und indirekten Kosten. Haftaufenthalte, Drogentherapien, Polizeieinsätze, verwüstete Züge nach Fußballspielen oder der Betrieb von Frauenhäusern verursachen direkte Kosten. Sie stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang zu einem Verhalten. Dazu kommen aber weitere Kosten: Entgangene Einnahmen der Sozialkassen aufgrund von Krankheit oder Arbeitslosigkeit als Folge eines Unfalls oder einer Straftat sind etwa solche indirekten Aufwendungen.

Boris von Heesen, geboren 1969, ist Wirtschafts­wissenschaft­ler. Derzeit ist er geschäftsfüh­render Vorstand eines Jugendhilfeträgers in Darmstadt, nebenberuflich arbeitet er in einer Männerberatungsstelle

Was sind die größten Kostentreiber von ungesundem männlichen Verhalten?

Mit allein über 40 Milliarden Euro pro Jahr steht die Sucht einsam an der Spitze. Und dieses Problem strahlt auf viele andere Felder ab. So verursachen männliche Autofahrer fünfmal häufiger Verkehrsunfälle mit Personenschäden, wenn sie Alkohol getrunken haben. Diebstähle, die zu 70 Prozent von Männern verübt werden, haben häufig mit Beschaffungskriminalität für Drogen zu tun. Ein weiterer Faktor sind die Folgen ungesunder Ernährung. Männer trinken viermal mehr Softdrinks als Frauen und sechsmal so viel Bier. Sie essen fast doppelt so viel Fleisch und viel mehr Salz. Das Bild des Felsens in der Brandung, der ohne Rücksicht auf Verluste essen und trinken kann, was er will, ist immer noch in vielen Männerköpfen verankert.

Mit vielen der von Ihnen aufgelisteten Themen haben Polizei, Justiz und Sozialarbeit ständig zu tun. Gibt es in den involvierten Institutionen einen geschlechtsspezifischen Blick darauf?

Sicher gibt es ein Bewusstsein dafür. Aber der geschlechtsspezifische Blick hört dann auf, wenn es darum geht, die Probleme wirklich nachhaltig zu bearbeiten. Ich frage mich zum Beispiel, warum das Bundeskriminalamt, die Polizeibehörden der Länder, das Kraftfahrtbundesamt oder die Statistikbehörde Destatis ihre alarmierenden Zahlen nicht regelmäßig und prominent ins Zentrum der Öffentlichkeit rücken.

Knast Eingesperrte Männer: 3,02 Milliarden Euro im Jahr; durchschnittlich 130 Euro kostet ein Tag im Gefängnis; 94 Prozent der Häftlinge sind männlich, nur sechs Prozent weiblich

Gewalt Geschlagene Frauen: 2,75 Milliarden Euro; häusliche Gewalt verursacht direkte Kosten von mindestens 803 Millionen Euro; 109 Millionen entfallen auf die Polizei, 205 Millionen auf die Justiz, 193 Millionen auf Frauenhäuser und Beratung sowie 296 Millionen auf das Gesundheits-wesen. Hinzu kommen indirekte Kosten durch Krankheit und Arbeitslosigkeit der Opfer sowie Traumata bei Kindern

Casino 88 Prozent der „pathologischen“ Glücksspieler sind Männer; Mehrkosten: 0,33 Milliarden Euro

Suff Berauschte Männer: 43,93 Milliarden Euro; drei von vier Alkoholabhängigen sind männlich; allein ihr deutlich höherer Konsum von Bier, Wein oder Schnaps verursacht gesellschaftliche Mehrkosten von 26,22 Milliarden Euro; knapp einer Million starken Rauchern stehen 400.000 starke Raucherinnen gegenüber; der mehr als doppelt so hohe männliche Tabakkonsum verursacht Zusatzkosten von 14,98 Milliarden Euro

Druff Vier von fünf Konsumenten illegaler Drogen sind männlich, Mehrkosten: 2,4 Milliarden Euro

Langfinger Diebstahl und Einbrüche: 1,34 Milliarden Euro; 70 Prozent der jährlich 1,5 Millionen Tatverdächtigen bei Diebstahlsdelikten sind Männer; bei schweren Vergehen wie gewaltsamen Einbrüchen steigt ihr Anteil auf 87 Prozent

Ökonomie Wirtschaftskriminalität: 1,57 Milliarden Euro; der Cum-Ex-Skandal, Dieselmanipulationen oder die Betrügereien beim Kreditdienstleister Wirecard sind eine Männerdomäne: 76,5 Prozent der Delikte in diesem Feld gehen auf männliche Konten

Fressen Ungesunde Ernährung: 6,25 Milliarden Euro; 46,7 Prozent der Frauen und 61,6 Prozent der Männer sind übergewichtig; Letztere essen deutlich mehr Fleisch, dafür weniger Obst und Gemüse. Der männliche Anteil unter den vegetarisch oder vegan Essenden liegt bei 20 Prozent

Erziehung Sozialarbeit: 1,96 Milliarden Euro; deutlich mehr Jungen als Mädchen sind Zielgruppe der Sozialpä-dagogik und von Jugendämtern; sie benötigen zum Beispiel „Hilfen zur Erziehung“ oder „Eingliederungshilfe“

Fußball Durch überwiegend männliche Hooligans fallen allein in den obersten vier Ligen 2,44 Millionen zusätzliche Polizeistunden pro Saison an; die Einsätze kosten jährlich rund 165 Millionen Euro, hinzu kommen die Ausgaben der Vereine für private Sicherheitsdienste

Verkehr Zwei Drittel aller Autobesitzer sind Männer, mit steigendem Hubraum wächst ihr Anteil; Verkehrsunfäl-le mit Personenschaden kosten pro Jahr knapp acht Milliarden Euro; auf männliche Fahrzeuglenker entfallen 5,2 und auf weibliche 2,7 Milliarden; 83 Prozent der eingezogenen Führerscheine gehören Männern, sie stellen 78 Prozent der „Temposünder“ und 77 Prozent der Registrierten mit Punktekonto in Flensburg

Im zweiten Teil des Buches sprechen Sie von nicht „messbaren“ Nebenwirkungen männlicher Rollen. Was meinen Sie damit?

Mein Zugang zum Thema beruht ja auf einem Trick. Ich verwende das zentrale Schmiermittel des Kapitalismus, das Geld, um auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen hinzuweisen. Dabei nutze ich amtliche Statistiken und öffentlich zugängliche Kostendaten. In vielen Lebensbereichen aber, die von patriarchalen Strukturen durchzogen sind und in der Folge zu schädlichem Verhalten führen, stehen keine solchen Daten zur Verfügung. Kaum messbare Nebenwirkungen des Patriarchats ergeben sich zum Beispiel durch antifeministische Strömungen, durch den Hass von Männern, ausgeschüttet über Frauen insbesondere im anonymen digitalen Raum. Die dunkle Seite der Sexualität mit misogynen pornografischen Darstellungen, Gangsta-Rap oder Prostitution ist ein anderes schwer zu monetarisierendes Feld. Zu wenig beachtet wird auch, dass Männer sich selbst schädigen durch ihr Verhalten. Hierauf ist die immer noch knapp fünf Jahre kürzere Lebenserwartung und auch die dramatisch höhere Suizidrate zurückzuführen.

Welche Auswege zeigen Sie auf?

Eine erste Maßnahme wäre die systematische Veröffentlichung von Statistiken, die die Belastungen abbilden. Das zweite eher mittel- bis langfristig wirkende Aktionspaket würde auf das Aufbrechen von Geschlechterrollen hinwirken. Ich plädiere zum Beispiel dafür, Eltern für eine klischeefreie Erziehung zu sensibilisieren. Auch die Curricula der Aus- und Fortbildungen von Fachkräften in Kitas, Schulen und sozialen Trägern müssen um geschlechtersensible Elemente ergänzt werden. Wir brauchen Marketingkampagnen, um das Verhalten von Männern im Straßenverkehr positiv zu beeinflussen, und müssen das Bewusstsein für Männergesundheit schärfen.

Was kann die Polizei tun, was die Justiz?

Die Sicherheitsbehörden sollten das vorhandene Datenmaterial unbedingt nutzen, um auf das Geschlechterungleichgewicht aufmerksam zu machen. So wird der Druck auf die politisch Verantwortlichen erhöht. Zudem könnten schon in den Ausbildungs- und Studiengängen von künftigen Polizisten oder Justizbeamtinnen die gesamtgesellschaftlichen Folgen ungesunder Rollenmuster thematisiert werden.

Was können Sozialarbeit und Männerberatung beitragen?

Ich plädiere für ein flächendeckendes bundesweites Netzwerk von Beratungsangeboten für Männer, damit diese in Krisensituationen oder heraufziehenden Krisen überall qualifizierte Unterstützung bekommen. Denn der fehlende Zugang zu den eigenen Gefühlen, zur eigenen Innenwelt ist in vielen Fällen die Ursache für ungesundes männliches Verhalten. Soziale Träger sollten auch mehr Angebote geschlechterreflektierender Jungenarbeit bereitstellen. So könnte schon früh die eigene Rolle reflektiert und ein positives Bild von Männlichkeit entwickelt werden.

Was fordern Sie von der Politik?

Ich habe einen konkreten Vorschlag: Ich wünsche mir einen digitalen Gleichstellungsmonitor, der alle relevanten Statistiken übersichtlich für alle Menschen zugänglich macht. So können Medien, Wissenschaft und andere Interessierte verlässlich aus einer zentralen Informationsquelle schöpfen und daraus Veränderungsprozesse ableiten.

Was Männer kosten. Der hohe Preis des Patriarchats Boris von Heesen Heyne Verlag 2022, 304 S., 18 €



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Von Veritatis

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