Zufälle gibt’s: Die Vereinigten Staaten von Amerika sind nach Darstellung der US-Statistikbehörde für Energiefragen, der „Energy Information Administration“ (EIA), just im ersten Halbjahr 2022 zum weltgrößten Exporteur von Flüssigerdgas (LNG) geworden. Demnach stiegen die US-Flüssiggasausfuhren in der ersten Jahreshälfte um zwölf Prozent auf durchschnittlich 11,2 Milliarden Kubikfuß pro Tag. Als Hauptgrund für das Exportwachstum verweisen die USA auf die „steigende Nachfrage insbesondere in Europa“. Die Importsteigerung nach Europa und insbesondere in die EU-Länder beträgt dabei satte 63 Prozent. Von Florian Warweg

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Wer profitiert energiepolitisch am meisten von der aktuellen Situation in der Ukraine und dem EU-Sanktionsregime gegen Russland? Falls es noch Zweifel gab, hat die US-Behörde EIA, verantwortlich für die Sammlung, Analyse und Bereitstellung von Energieinformationen für die US-Regierung, diese nun ausgeräumt. Ende Juli verbreitete die EIA in einem euphorischen Tweet folgende Information:

„Die Vereinigten Staaten wurden in der ersten Hälfte des Jahres 2022 zum weltweit größten Exporteur von #LNG.“

In einem weiteren ergänzenden Tweet wurden dann auch noch die Gründe für diese neue US-Spitzenposition genannt: Erhöhte LNG-Exportkapazitäten, gestiegene internationale Erdgas- und LNG-Preise sowie vor allem die gestiegene weltweite Nachfrage, „insbesondere in Europa.“

Laut der Energy Information Administration ist die LNG-Exportkapazität in den USA seit November 2021 um nominal 1,9 Milliarden Kubikfuß pro Tag (billion cubic feet per day, Abkürzung: Bcf/d,) erweitert worden. Für Juli 2022 schätzt die EIA die LNG-Verflüssigungskapazität der USA auf durchschnittlich 11,4 Milliarden Kubikfuß pro Tag. Das sind tatsächlich, zum Beispiel verglichen mit den Kapazitäten von 2020, signifikante Steigerungen.

Recht aufschlussreich ist es, mit welchen Worten die EIA, die gestiegene LNG-Nachfrage in Europa beschreibt:

„Seit Ende letzten Jahres haben die europäischen Länder zunehmend mehr LNG importiert, um die geringeren Pipeline-Importe aus Russland auszugleichen und die historisch niedrigen Erdgaslagerbestände aufzufüllen. Die LNG-Importe in die EU und das Vereinigte Königreich stiegen in der ersten Hälfte des Jahres 2022 um 63 Prozent auf durchschnittlich 14,8 Kubikfuß pro Tag. Die meisten LNG-Exporte der USA gingen in den ersten fünf Monaten dieses Jahres in die EU und das Vereinigte Königreich, diese machten 64 Prozent LNG-Exporte der USA aus

Mit keinem einzigen Wort wird von Seiten der US-Behörde auf den Einfluss des Ukraine-Krieges, die westlichen Sanktionen und Sanktionsplanungen sowie der zuvor massiv in Washington aufgebaute politische Druck gegen die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 hinsichtlich der gestiegenen LNG-Nachfrage eingegangen.

Eine Ausnahme im LNG-Export der USA stellte der Juni dar, in diesem Monat exportierten die Vereinigten Staaten 11 Prozent weniger LNG als die Monate zuvor. Dies lässt sich allerdings fast ausschließlich auf die durch einen Brand ausgefallene „Freeport“ Verflüssigungsanlage, eine von sieben LNG-Exportanlagen der USA, zurückführen. „Freeport“ soll Anfang Oktober 2022 wieder den Betrieb aufnehmen. Die Auslastung der der LNG-Exportanlagen lag laut der EIA-Statistik im ersten Halbjahr 2022 bei durchschnittlich 87 Prozent.

Die USA sind damit ihrem erklärten und sicher höchst selbstlosen Ziel, die Europäer und insbesondere Deutschland, aus der „Abhängigkeit“ vom (im Vergleich viel günstigerem) russischen Gas zu erlösen und sie dafür, wie es der Amtsvorgänger von Joe Biden einst formulierte, mit den „Molekülen amerikanischer Freiheit“ zu versorgen, einen entscheidenden Schritt nähergekommen. Doch die „amerikanische Freiheit“ in Molekülform hat einen Preis, der bisher in der deutschen Berichterstattung erstaunlicher (?) Weise kaum präsent ist:
Der enorme Preisunterschied zwischen dem russischen Erdgas auf Basis von langfristigen Lieferverträgen und dem mindestens sieben Mal so teurem LNG made in USA und was dies für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der gesamten deutschen Wirtschaft bedeuten wird, wenn diese für Energieträger plötzlich ein Mehrfaches bezahlen muss.
Beispielhaft sei auf diesen Tweet des Financial Times-Korrespondenten Olaf Storbeck verwiesen, in welchem er seine Überraschung kundtut, nachdem er erfahren hat, um wieviel teurer LNG im Vergleich zu russischem Erdgas ist:

Wir sprechen hier wohlgemerkt von einem Fachjournalisten für Finanz- und Wirtschaftsfragen. Den faktischen diesbezüglichen Wissensstand eines Spiegel-Journalisten im Politik-Ressort, der seit Monaten lauthals nach LNG-Importen aus den USA und Loslösung vom russischen „Terror“-Erdgas ruft, will man sich lieber gar nicht vorstellen. Seit Jahrzehnten beruht der Wettbewerbsvorteil der deutschen Wirtschaft im internationalen Vergleich vor allem auf den gedrückten Lohnkosten (Agenda 2010 & Co lassen grüßen) sowie dem Zugriff auf die extrem günstigen und zu Vorzugspreisen gelieferten Energieträger aus Russland. Die Bundesregierung gibt sehenden Auges eine der zentralen Säulen der Wettbewerbsfähigkeit und damit auch des relativen Wohlstands der bundesrepublikanischen Gesellschaft auf, um dafür im Gegenzug einer vor kurzem noch im Krisenmodus befindlichen US-Frackinggas-Industrie aus der Patsche zu helfen. Vasallentreue bis zum eigenen (wirtschaftlichen) Untergang?

Titelbild: Mike Mareen / shutterstock





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Von Veritatis

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