Nach irgendetwas muss man sich sehnen, sonst macht das Leben keinen Spaß. Sehnsucht freilich ist kein Empfinden, das sich durch Fleiß und Interesse erfüllen ließe. Sie besteht aus Realität, Imagination und Inszenierung. Am Sonderfall des Sehnsuchtsortes lässt sich zeigen, dass dieses Empfinden weder unschuldig noch pragmatisch bleiben kann. Ab einem bestimmten Punkt der Realisierung zerstört die Sehnsucht das, was sie erstrebt. Der Sehnsuchtsort – das verlorene und wenigstens als Anschein wiedergefundene Paradies – muss daher zugleich „erobert“ und geschützt werden.

Das geschieht zum Beispiel in der Form eines ökonomisch-politischen Privilegs, durch das ein Sehnsuchtsort, und sei’s die Ferienvilla am Strand, vor dem

Nach irgendetwas muss man sich sehnen, sonst macht das Leben keinen Spaß. Sehnsucht freilich ist kein Empfinden, das sich durch Fleiß und Interesse erfüllen ließe. Sie besteht aus Realität, Imagination und Inszenierung. Am Sonderfall des Sehnsuchtsortes lässt sich zeigen, dass dieses Empfinden weder unschuldig noch pragmatisch bleiben kann. Ab einem bestimmten Punkt der Realisierung zerstört die Sehnsucht das, was sie erstrebt. Der Sehnsuchtsort – das verlorene und wenigstens als Anschein wiedergefundene Paradies – muss daher zugleich „erobert“ und geschützt werden.

Das geschieht zum Beispiel in der Form eines ökonomisch-politischen Privilegs, durch das ein Sehnsuchtsort, und sei’s die Ferienvilla am Strand, vor dem Einbruch vulgärer Wirklichkeit geschützt wird. Es kann auch kulturell geschehen, im Sinne einer klassistischen Verachtung – das Individuum gegen die Masse, Bürger gegen Prolls, Bildungsreisen gegen Tourismusindustrie. Und es geschieht schließlich auf der semantischen Ebene, als Bild, Erzählung und Begriff. Sehnsuchtsorte erscheinen als Projektionen, werden sie erreichbar, so setzt sich an ihnen und in ihnen die unschöne Gewalt des Klassenkampfes und des Kolonialismus fort. Und die Schönheit des Ersehnten verwandelt sich in die Hässlichkeit des Erreichten.

Was macht den Süden aus?

Für die Bewohner des Nordens gilt der Süden als Vorrat solcher Sehnsuchtsorte, so als könne nur hier Licht ins Dunkel, Klang in die Stummheit, Körperlichkeit in die Beziehungen, mit einem Wort: Befreiung der unterdrückten Sinne erreicht werden. Den Süden gibt es freilich in verschiedenen Varianten, den kontinentalen Süden – Afrika oder Indien als Orte von Erleuchtung und Erweckung –, den europäischen Süden in seinen spanischen, italienischen oder griechischen Modellen zum Beispiel, und schließlich, neueste Mythologie, den „Globalen Süden“, ein seltsames, postkoloniales Konstrukt, das genauso fragwürdig ist wie alle anderen Südenprojektionen aus dem nicht mehr so goldenen Westen. Was macht einen Sehnsuchtsort aus?

1. Sommer, Sonne, Sandburgen. Die große Reisewelle in den Süden begann für Deutschland, und umliegende mitteleuropäische Gesellschaften, in den sechziger Jahren mit der Erfahrung oder Ausrede von verregneten Sommern. Jenseits der Alpen ist es immer richtig Sommer, man hat sich einen Anspruch auf das Strahlende gebucht. Und ein nationalökonomischer Überfluss schwappt über die Alpen.

2. Land und Leute. Den Menschen im Süden wird ein heiteres Gemüt, ein Hang zum Dolcefarniente, eine „Lebenskunst“ zugeschrieben. Diese Unterstellung ist in dreierlei Hinsicht praktisch: Man kann das eigene Pausieren von der Tüchtigkeit legitimieren, man empfindet sich zugleich als ökonomoralisch überlegen und man darf denken, dass die eingepreiste Subalternität des südlichen Dienstleistungsproletariats einen erzieherischen Wert hat. Der Kapitalismus hat hier nicht seine protestantische Strenge angenommen, weshalb man die damit verbundene Unterentwicklung zugleich genießen und verachten darf. Der Mensch des Südens verkörpert dann die verlorene „kindliche“ Sinnlichkeit und bleibt ausgeschlossen von kühleren Zukunftsprojekten. In diesem Milieu darf man sich selber ein wenig „gehenlassen“ und „Nichtstun“ pflegen; dieser „hässliche“ Tourist, der glaubt, das bereiste Land ist nichts anderes als ein ausgedehnter Freizeitpark, in dem er nach Herzenslust der Regression frönen darf, das Spiegelbild einer Projektion der Inferiorität.

3. Das märchenhafte Erbe. Im Süden liegt die große Vergangenheit, die so schön ist, weil sie das Anrecht des Nordens auf Zukunft betont. Der Sehnsuchtsort ist nicht zuletzt eine kulturanthropologische Konstante, eine Art der sozialen und semantischen Vererbung. Schon Goethe und Mozart und Thomas Mann … Geblieben sind Bilder und Texte, auch kulturelle Codes von „Bildung“. Und das ergibt das schöne Paradoxon von Regression und Demut. Der nördliche Tourist entblößt hier seinen Körper und füllt seinen Kopf. Schwer zu sagen, was lächerlicher ist. Was hier erhofft werden kann, ist eine andere Zeit. Der endlose Augenblick. Eine rasche Ewigkeit.

4. Wo wir wer sind. Im Süden haben wir mehr für unser Geld, vielleicht nicht bei allen Waren, aber vor allem bei den Dienstleistungen. Da wird man noch ordentlich bedient. Ein letzter Kick kolonialistischer Überheblichkeit schwingt mit, wenn man am Strand in der Bild-Zeitung lesen kann, wie effizient und durchorganisiert daheim alles sei. Man ist hier nicht nur ökonomisch und national aufgewertet (oder darf es sich einbilden), sondern auch sozial. Der Mensch aus dem Norden erhofft sich, im Süden im Klassenrang höher eingestuft zu werden als daheim. Der Spaß am Urlaub im Süden verliert sich nicht nur angesichts steigender Preise, sondern auch angesichts des schwindenden Überlegenheitsgefühls, gemindert von den eigenen Krisen und Skandalen.

5. Kleine Freiheiten. Die Reise in den Süden, von klassischer Literatur bis zum Traumschiff-Schmonzes, ist Teil der europäischen Initiationsmythologie. Vom Bildungsroman zum Urlaubshit reicht das Einschreiben unserer Südenprojektion. Es ist zugleich ein Schritt ins Freie, wie eine militante Rückbindung. Liebesgeschichten führen, bevor sie langweilig werden, ans südliche Meer. Der Süden verheißt eine Freiheit, die aus der archaischen Umgebung, der Mentalität und dem Mythos generiert wird. Überall scheint etwas sehr Altes, Vor-Christliches oder wenigstens Vor-Protestantisches aufzutauchen. Eine Art kindlicher Weisheit, die in ein Idyll jenseits kapitalistisch-technizistischer Logik weist. Ein vergessener oder verstellter Teil nicht nur der Vergangenheit, sondern auch der eigenen Persona. Als würde ein anderer, ein zweiter Mensch in sich zugleich befreit und unter Kontrolle gebracht.

6. Die Beute. Immer bringt man etwas mit. Die Bräunung des Körpers, den kulinarischen Code, das Souvenir, das Erlebnis. Man muss in den Süden, damit etwas „unvergesslich“ wird. Was man mitbringt, ist ebenso Teil der postkolonialen Destruktion wie das, was man hinterlässt.

Pizza gibt es überall

Was also zerstört den Sehnsuchtsort? Zunächst die Angleichung. Auf der einen Seite etwa in der Globalisierung der Währungen, der Waren und Dienstleistungen. Es gibt keine italienische Spezialität, die nicht in einem deutschen Supermarkt zu haben wäre, Eisdielen und Pizzerien sind dicht ausgelegt, kein nördliches Hotel, das nicht italienische Kaffeesorten anböte. Die Sehnsüchtigen ersticken an ihrer Beute.

Und was die deutschen am Ballermann, das sind italienische Männer auf dem Münchner Oktoberfest. Die Idee der Reise als Vorwand des kontrollierten Daneben-Benehmens wird ebenfalls aufgeweicht. Und schließlich besorgt die Europäisierung den Rest der Desillusionierung: In den europäischen Institutionen setzen die nördlichen Staaten, Deutschland vor allem, ihre Interessen durch, mit der Hilfe einer willfährigen Presse, die in „faulen Griechen“ und „chaotischen Italienern“ zwar das Überlegenheitsgefühl stärkt, aber zugleich den Sehnsuchtsort vergiftet. Diese Südländer sollen gefälligst ihre ökonomischen Hausaufgaben machen und auch ihr Land in die neoliberale Industriebrache verwandeln, die wir gewohnt sind. Der Sehnsuchtsort kann dann als Luxus-Resort für die Reichen und Disneylandschaft für den Rest überleben.

Der hässliche Tourist ist selber zum fixen Ikon geworden. Man mag sich wundern, dass sich Besucher aus Aachen im Süden genau so benehmen, wie es ihre Karikaturen verheißen. Doch sind die Culture-Clash-Anteile am Urlaub im Süden stark gesunken. Der Boden ist verteilt, die Ghettoisierungen sind abgeschlossen. Es gibt keinen Widerspruch zwischen den Einheimischen und den Reisenden am Sehnsuchtsort mehr; die besseren Flecken gehören längst einer internationalen Schicht der Besserverdienenden. Nach der Natur ist auch der öffentliche Raum verschwunden oder als Hot Spot domestiziert.

Während die Echtheitsreserve des Südens aufgebraucht ist, werden die Folgen des postkolonialen Tourismus unübersehbar. Was Kreuzfahrtschiffe und Reisebusse an Menschenklumpen auskotzen und wieder einsaugen, drückt eine Inversion der Sehnsucht aus. Der Ort ist nur noch eine Ausrede. An Unbeschwertheit ist angesichts von Waldbrand oder Meeresbuchten, die algenüberwucherten Kloaken ähneln, und Wasserknappheit, die auch den Hotel-Swimmingpool nicht verschont, nicht mehr zu denken.



Source link

Von Veritatis

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.