Veranstaltungen können nur verhindert werden, wenn „gehorsam“ auf die jeweiligen Anklagen von Splittergruppen reagiert wird und rufschädigende Behauptungen leichtfertig weiterverbreitet werden. Könnte man diese anmaßende gesellschaftliche Strömung der Cancel Culture nicht durch Verweigerung ins Leere laufen lassen? Aktuelle Fälle zeigen, wie wichtig das wäre. Ein Kommentar von Tobias Riegel.

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Eine der Auslegungen des vielschichtigen Begriffs Cancel Culture beschreibt die Praxis, durch meist auf „Sozialen Medien“ entfalteten Druck bestimmte Personen oder Gruppen nicht nur inhaltlich zu kritisieren, sondern ihnen pauschal das Recht abzusprechen, für ihre als „kontrovers“ empfundene Meinung öffentlich einzutreten. Das kann auch alte Werke oder tote Personen treffen, die heutige gesellschaftliche Maßstäbe (etwa zum Kolonialismus) verletzen. Oft sind die für das „canceln“ genannten Gründe aber vorgeschoben, politisch motiviert und an den Haaren herbeigezogen: Dann wird die Cancel Culture als wirksames Mittel genutzt, um Andersdenkende zum Schweigen zu bringen. Die zerstörerischen Aspekte dieser (Un-)Kultur hat Jens Berger so beschrieben:

„Befürworter sprechen von einem ‚Gerichtshof der öffentlichen Vernunft’, Gegner von der Herrschaft eines selbstgerechten Mobs, der vor allem über Shitstorms auf Twitter kommuniziert. Ziel der ‚Cancel Culture‘ ist die systematische Boykottierung, Verbannung und Annullierung von Werken und Personen aus dem öffentlichen Leben. Eine Anti-Aufklärung, die Intoleranz im Namen der Toleranz pflegt, ein Volksgerichtshof der politischen Korrektheit.“

Auswüchse einer Zensur-Praxis

Wie so oft wird bei dem Komplex ein realer Missstand (Rassismus, fehlende Sensibilisierung gegenüber Kolonialismus etc.) genutzt, um weit über das Ziel hinaus- oder auch komplett daran vorbei zu schießen. Besondere Auswüchse dieser Zensur-Praxis haben sich mittlerweile von dem Komplex des Rassismus/Extremismus komplett gelöst, sie sind nur noch eine vielfältig einsetzbare politische Waffe. Als Beispiel können die Versuche der Politik genannt werden, schon jetzt die kommenden Sozialproteste als extremistisch zu diffamieren und sie dadurch zu „canceln“: ihnen also nicht mit Argumenten zu begegnen, sondern ihnen prinzipiell die Berechtigung abzusprechen, überhaupt im öffentlichen Raum zu agieren.

Für sich genommen erscheinen manche Fälle dieser Praxis nicht immer wichtig, aber sie machen in der Summe drei ernste Entwicklungen deutlich: Zum einen die anmaßende Haltung von Splittergruppen, bestimmen zu wollen, was öffentlich stattfinden darf, oft ohne dass die Gründe für die geforderten Ausschlüsse zuvor gesellschaftlich verhandelt worden wären. Zum anderen die Bereitschaft mancher Veranstalter, Redakteure, Politiker etc., das „Canceln“ eifrig in die Tat umzusetzen und sich eifrig und opportunistisch unter stets neue „Codes“ unterzuordnen, die von dieser Seite ausgerufen werden. Zusätzlich können Politiker und Medien die Praxis, nun da sie etabliert ist, nutzen, um die eigene Politik abzuschirmen und Kritik daran zu diffamieren (meist als rechtsextrem). Durch das „Canceln“ erspart man sich auch Debatten, in denen man inhaltlich keine Chance hätte.

Weil diese Praxis der Zensur zum Teil (ursprünglich) aus einer Richtung kommt, die sich selber als „links“ (miss-)versteht und auch oft Personen oder Veranstaltungen im eher rechts-konservativen Milieu treffen soll, hat sich zusätzlich zu den gerade genannten Punkten eine ungute Dynamik entwickelt: Zum Beispiel die AfD kann wegen des erzeugten Eindrucks einer „linken“ Zensurbereitschaft die politische und kulturelle Meinungsfreiheit als Themenfeld besetzen.

„Cancel Culture“ muss prinzipiell geächtet werden

Dass der Bannstrahl auf kultureller Ebene auch (vermutlich) weltoffene Musiker treffen kann, weil sie als Weiße Rasta-Locken tragen (Stichwort: „kulturelle Aneignung“), zeigt ein aktueller Fall aus Bern, über den Medien berichten, dazu später mehr. Bereits länger diskutiert wird der Fall eines gecancelten Kunstwerkes auf der aktuellen dokumenta (auf den NDS hier, hier und hier). Ein anderer jüngerer Fall betraf eine Biologin, die an der Humboldt-Uni in Berlin „kontrovers“ über das Gender-Thema sprechen wollte (inzwischen konnte sie laut Medien doch auftreten). Ein weiterer Fall war die öffentliche Abrechnung mit dem DJ Dr. Motte, weil er sich angeblich „im rechtsextremen oder Querdenken-Milieu bewegen“ würde, was später zurückgenommen wurde, auch dazu unten mehr. All dies sind willkürlich ausgewählte und nicht repräsentative Fälle.

Da es sich bei Cancel Culture um ein schlechtes Prinzip handelt, sollte es die Bürger auch dann beunruhigen, wenn es manchmal die (angeblich) „Richtigen“ erwischen sollte. Denn wenn man gegen die fragwürdige Tendenz nicht grundsätzlich einschreitet und dadurch zulässt, dass es als „legitim“ eingeführt wird, dann kann es anschließend wahllos auf alle Andersdenkenden angewandt werden. Darum ist die Ablehnung des Prinzips Cancel Culture auch selbstverständlich keine inhaltliche Unterstützung der jeweils verhinderten Meinungsäußerung: Jede Meinung kann scharf kritisiert werden, aber sie sollte geäußert werden dürfen, wenn sie nicht justiziabel ist.

Sind Bürger verpflichtet, die neuesten Codes urbaner Splittergruppen zu lernen?

Zum aktuellsten Fall des abgebrochenen Konzerts, dessen Hintergründe hier zu lesen sind: Hier war der Vorwurf „kulturelle Aneignung“ durch die Musiker, die Rastalocken trugen, wie die „Berliner Zeitung“ schreibt: „Die Band ‚Lauwarm‘ wird dafür kritisiert, dass sie als weiße Musiker teils Rastafrisuren tragen und jamaikanische Reggae-Musik spielen, obwohl sie selbst niemals die rassistische Ausgrenzung von Jamaikanern erfahren haben.“

Die überraschten Äußerungen der Musiker in Bern suggerieren, dass sie sich des eigenen „Vergehens“ gar nicht bewusst waren – kann man aus dieser Unwissenheit eine „Entschuldigung“ oder im Gegenteil einen Vorwurf ableiten? Da ist man bei der Frage von durch Splittergruppen aufgestellten „neuen Regeln“, deren Verletzung dann als gesellschaftlicher Frevel zu gelten habe: Sind alle Bürger verpflichtet, sich über die neuesten Codes urbaner Splittergruppen auf dem Laufenden zu halten und diese auch sofort zu akzeptieren und zu übernehmen, ohne dass sie vorher gesellschaftlich verhandelt worden wären?

Dokumente des Duckmäusertums

Die Erklärungen der eingeknickten Veranstalter (im Fall der Reggae-Musiker oder bei Dr. Motte) strotzen vor einfach mal rausgehauenen und schwersten Beleidigungen und sie lesen sich wie Dokumente des Duckmäusertums. Der Reggae-Band wird vom Veranstalter mal eben indirekt Rassismus und Diskriminierung vorgeworfen:

„Wir haben es verpasst, uns im Vornherein genug damit auseinanderzusetzen und Euch zu schützen.“ Die ausführliche Entschuldigung bei allen Leidtragenden endet mit den Worten: „Rassismus und andere Diskriminierungen haben kein Millimeter Platz.“

Ein Leser hat im Fall Dr. Motte zu Recht auf einen Kontrast hingewiesen: auf der einen Seite die wortreiche und rufschädigende Erklärung mit Extremismusvorwurf, auf der anderen die erheblich knappere Entschuldigung. Das ist ein Beispiel für eine Tendenz der Leichtfertigkeit, mit der aufgrund fragwürdiger öffentlicher „Anklagen“ harte „Urteile“ vorschnell hinausposaunt werden, nur um die eigene Position auf der „richtigen“ Seite möglichst überdeutlich klarzumachen. Die wortkarge Entschuldigung kann Zeichen dafür sein, dass die Tragweite der eigenen Handlungen und der ausgelösten Rufschädigung gar nicht richtig wahrgenommen wird.

Kultur der Unterwürfigkeit

Diese Tendenz zur Leichtfertigkeit aus Gründen der Unterwürfigkeit ist gravierender als die einzelnen Fälle von verhinderten Veranstaltungen oder diffamierten Personen. Fragwürdige Praktiken und Versuche kleiner Gruppen, die eigene Sicht dominieren zu lassen, wird es immer geben – wirklich beunruhigend finde ich, wenn darauf so gehorsam und teils vorauseilend reagiert wird: Um zu funktionieren, braucht die Cancel Culture auch eine Kultur der Unterwürfigkeit. Darum der Appell: Diese anmaßende und undemokratische Praxis der Cancel Culture, die Bürger aller politischen Richtungen treffen kann, sollte künftig ignoriert werden, damit sie ins Leere läuft. Ausnahmen bilden justiziable und tatsächlich extremistische Äußerungen.

Die Tendenz geht aber in eine ganz andere Richtung: Denn nun, da sie etabliert werden konnte, werden wir sehr bald eine massive Steigerung der (erweiterten) Cancel Culture als Waffe gegen regierungskritische Bürger erleben: Die Innenministerin versucht bereits, die Sozialproteste zu canceln – noch bevor sie überhaupt begonnen haben.

Hier folgt noch zur Illustration der Praxis der vorschnellen Verbreitung von offensichtlich nicht selber überprüften Vorwürfen das Beispiel Dr. Motte:

Titelbild: Khosro / Shutterstock



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Von Veritatis

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