Auf Hiddensee regnete es den ganzen Sommer lang

Irgendwann konnte ich ohne einen „Simenon“ im Gepäck nicht mehr verreisen. Es war der Sommer 1992, da hatte ich bereits meinen ersten „Non-Maigret“ verschlungen und fuhr an die Ostsee, genauer, nach Hiddensee. Im Örtchen Vitte gab es die kleine Inselbuchhandlung, sie hatte, was ich brauchte. Neuen Stoff. Wie Schätze thronten die schlichten, charmanten Diogenes-Exemplare in den Drehständern. Ich verfiel sofort dem Titel. Sonntag. Auf dem Cover ein französischer Bistrotisch, darauf eine Café-au-Lait-Tasse, die gelblich-grüne Farbe, le sud. Auf Hiddensee regnete es den ganzen Sommer lang, die Wellen tobten. Aber es störte mich nicht, ich konnte eintauchen in jenes Universum, diese Ar

Auf Hiddensee regnete es den ganzen Sommer lang

Irgendwann konnte ich ohne einen „Simenon“ im Gepäck nicht mehr verreisen. Es war der Sommer 1992, da hatte ich bereits meinen ersten „Non-Maigret“ verschlungen und fuhr an die Ostsee, genauer, nach Hiddensee. Im Örtchen Vitte gab es die kleine Inselbuchhandlung, sie hatte, was ich brauchte. Neuen Stoff. Wie Schätze thronten die schlichten, charmanten Diogenes-Exemplare in den Drehständern. Ich verfiel sofort dem Titel. Sonntag. Auf dem Cover ein französischer Bistrotisch, darauf eine Café-au-Lait-Tasse, die gelblich-grüne Farbe, le sud. Auf Hiddensee regnete es den ganzen Sommer lang, die Wellen tobten. Aber es störte mich nicht, ich konnte eintauchen in jenes Universum, diese Art, wie Simenon das Unheil beschreibt, das hinter der bürgerlichen Fassade lauert, diesem Paar, das sich nicht liebte und unweit von Cannes zusammen eine Pension betrieb. Jenen Moment, wo etwas anfängt zu kippen. Amour fou. „Es war nicht ein Anfang gewesen, sondern mehrere. Und der eine war zweifellos das, was ich nachmittags in der Mansarde ereignet hatte.“ Sein Stil, so einfach, so klar. Ich weiß natürlich auch noch, welchen Simenon ich im folgenden Sommer gelesen habe, in Südfrankreich. Der nächste Abgrund.

Maxi Leinkauf

Info

Sonntag Georges Simenon Diogenes 1977

„Wenn mich doch bloß mal jemand stalken würde“

Das erste Mal blies der Windgott das Buch fast ins Ägäische Meer. The Girls (2016), das Debüt der 1989 in Kalifornien geborenen Emma Cline, begleitete mich vor Jahren auf die Windinsel Tinos. Die Pubertätsgeschichte schien mir psychologisch so nuanciert, dass ich es meiner einschlägig tätigen Nichte in Athen hinterließ. Vergangenes Jahr schaffte es Cline nur bis ins weinselige Markgräfler Land, wo mich die Sonne ausnahmsweise zwar nicht verwöhnte, ich beim Switchen zwischen amerikanischer Ost- und Westküste dennoch entschädigt wurde. Der Erzählband Daddy handelt statt von Teenagern von Männern, die, alle auf die eine oder andere Art beschädigt, versuchen, ihr beinahe aus den Fugen geratendes Leben noch einmal einzufangen. John etwa, der mit seiner Frau Linda auf den Weihnachtsbesuch der nicht ganz so erfolgreichen Kinder wartet und Hund Zero mit einem Herzschrittmacher im Leib noch ein bisschen am Leben erhält. Ben, der ein Epos über einen Aufsteiger im Technologiemekka Menlo Park redigieren muss. Einen Vater, der sich einer schwieriger werdenden Affäre entzieht, indem er sich um den verwahrlosten Sohn in einem Promi-Internat kümmert. Mittelschichtsexistenzen an der Abbruchkante, aber auch Frauen, die solche Sätze sagen: „Wenn mich doch bloß mal jemand stalken würde.“ Es sind die rigide Zurückhaltung der Autorin und der kühl-melancholische Ton, die dieses Panoptikum der Gegenwart so einzig machen. Beste amerikanische Kurzgeschichtentradition, nur eben aus weiblicher Sicht.

Ulrike Baureithel

Daddy. Storys Emma Cline Nikolaus Stingl (Übers.), Hanser 2021

Illustration: der Freitag

Man sollte keine Bücher mit in den Urlaub nehmen

Vor einiger Zeit las ich im Feuilleton einer anderen Zeitung, wie beglückend es doch sei, im Urlaub einfach nur Bücher zu lesen, die andere im Ferienhaus zurückgelassen haben. Ich stellte schnell fest, dass ich nicht so hart im Nehmen bin. Aber ich finde inzwischen auch, man sollte keine Bücher in den Urlaub mitnehmen. Man sollte es der Laune und der Überraschung überlassen, was man im Urlaub liest, man fährt ja weg, um anders gestimmt zu sein als im Alltag. Neulich erst nahm ich zwei Bücher mit nach Südfrankreich und schleppte sie ungelesen wieder heim. Stattdessen las ich das neue Buch der viel gelobten französischen Schriftstellerin Annie Ernaux, Le Jeune Homme, das von einer Beziehung erzählt, die sie mit Mitte 50 mit einem fast 30 Jahre jüngeren Mann führte und wie er ihr als „Zeitöffner“ diente, um ihren autofiktionalen Roman Das Ereignis schreiben zu können. Auch das Draußen spielt in diesem Buch eine Rolle, die Blicke, die das Paar aburteilen, oder genauer, die Frau. Nicht einmal 30 Seiten hat Le Jeune Homme, aber danach will man so schnell nichts anderes lesen. Also las ich eine Weile lang einfach nichts in diesem Urlaub. Zurück im Berliner Alltag warte ich auf die deutsche Fassung – und hoffe, sie enthält eine elegantere Übersetzung für „ouvreur du temps“.

Christine Käppeler

Le Jeune Homme Annie Ernaux Gallimard 2022

Illustration: der Freitag

In die Zeit gehen, in der man nie wieder sein wird

A propos Annie Ernaux: „Alle Bilder werden verschwinden“ lässt sie Die Jahre (Suhrkamp 2017) beginnen, um ausgehend von privaten Fotografien, die Ängste und Hoffnungen einer Frau und einer Generation zu erinnern. Auch wir sind in Frankreich, Joe Dassin singt, und während der nicht enden wollenden Zeit unter François Mitterrand driften wir kurz weg, wie man ja immer wieder wegdöst in seiner Liege, zu Helmut Kohl vielleicht, und wenn Ernaux den ersten Anruf auf dem Handy erinnert, fragen wir, wer uns damals angerufen hat. „Etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird“, steht nicht nur am Ende dieses Buchs, es ist auch der schwierige Auftrag, den Patrick Modiano sich selbst erteilt hat. Seine Romane sind Detektivgeschichten ähnlich, die weder Tat noch Täter genau kennen. In Gräser der Nacht sind es ein paar zwielichtige Bekannte im Paris der 1960er und eine Frau, die sich Dannie nannte. Aber der Name stimmt nicht, und die Adressen stehen zwar noch im Notizbuch, aber die Orte, die sie mit Leben gefüllt haben, sind verschwunden, die Frau selbst auch, das Meer da vorne hat es gut, es kennt die Zeit nicht und rauscht und rauscht.

Michael Angele

Gräser der Nacht Patrick Modiano Elisabeth Edl (Übers.), Hanser 2014

Eine erotische Dynamik wie bei Dostojewskis „Dämonen“

Als sie Dostojewskis Dämonen zum ersten Mal gelesen habe, hätte für sie nichts davon Sinn gemacht, schreibt Elif Batuman. Warum treibt dieser Stavrogin alle in den Wahnsinn? Warum wollten Frauen wie Männer ihr Leben für den Schönling aufgeben? Und auch die Geschichte, die Batuman danach aus ihrem eigenen Leben erzählt, werden einige wiedererkennen: In ihren Studienjahren in San Francisco gab es diesen Matej, der seinerseits alle in seinen Bann zog. Alle wollten lesen, was er las, mit ihm diskutieren, am besten bis in den frühen Morgen. Gut, es endete weniger gewalttätig als in den Dämonen, aber die erotische Dynamik war doch sehr ähnlich … Dabei spielt es keine Rolle, dass es in Batumans Buch um russische Bücher und ihre Leser geht; in anderen Philologien lassen sich sicher vergleichbar spannende Bögen ziehen zwischen Lektüre- und Lebenserfahrungen und wie das eine dem anderen vorauseilt oder hinterherhinkt. Das Schöne an Batumans Buch ist, dass es nicht nur Lust aufs Lesen macht – gerade auch von Büchern, die man nicht gleich versteht –, sondern über das Gelesene zu reden.

Barbara Schweizerhof

Die Besessenen. Abenteuer mit russischen Büchern und ihren Lesern Elif Batuman Renate Orth-Guttmann (Übers.), Kein & Aber 2011

Illustration: der Freitag

Unstillbare Sehnsucht nach Selbstbestimmung

Marian Graves war schon als Kind nicht zu bremsen, für den großen Traum des Fliegens ist sie bereit, so manches Opfer zu bringen. 1950 tritt sie als erste Frau den Versuch an, die Welt mit dem Flugzeug entlang der Längsachse, also Nord- und Südpol überquerend, zu umrunden. Kurz vor Vollendung ihrer Mission verschwindet ihr Flugzeug auf der letzten Etappe ihrer riskanten Reise. Das Tagebuch, das sie zurückgelassen hat, dient dem einstigen Hollywood-Kinderstar Hadley Baxter ein halbes Jahrhundert später als Vorlage für einen Film über die sagenumwobene Flugpionierin. Beim Studieren der Einträge stellt die gefallene Schauspielerin fest, dass sie mit der Abenteurerin einiges verbindet. Diesen Parallelen folgt dieser fulminante, von Harriet Fricke, Susanne Goga-Klinkenberg und Sylvia Spatz elegant übersetzte Roman. Kreiseziehen, Shipsteads dritter, horizonterweiternder Roman, erzählt von zwei Frauen, die nach jedem Sturz wieder aufstehen, um ihre Träume wahr werden zu lassen. Diese weltumspannende und zeitlose Emanzipationsgeschichte, die es auf die Shortlists des Booker Prize 2021 und des Women’s Prize for Fiction des Jahres 2022 geschafft hat, handelt von der unstillbaren Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung. Ein mitreißender Pageturner, der mühelos einmal um die Welt und durch das 20. Jahrhundert fliegt.

Thomas Hummitzsch

Kreiseziehen Maggie Shipstead dtv 2022

Von unerfüllter Liebe, vom Vergehen der Zeit

Dieses Buch ist das schönste, traurigste Stück Strandgut, das das Meer der literarischen Wiederentdeckungen unverhofft ausgespuckt hat. Nur einen Sommer lang, im Jahr 1973, durfte sich das Werk in den Schaufenstern italienischer Buchläden sonnen. Dann war Der letzte Sommer in der Stadt plötzlich verschwunden, bis es 2010 in seiner Heimat wiederentdeckt und nun endlich von Karin Krieger ins Deutsche übersetzt wurde. Es ist unbegreiflich. Dabei müsste es jedem Leser so ergehen wie dem Helden dieser wunderbaren Geschichte, der ein Buch aufschlägt, um sich „der verführerischen inneren Stimme hinzugeben, mit der wir lesen“. Und diese erzählt von der Grandezza der Ewigen Stadt, von einem Rom mit all seinen Bohemiens, Nichtsnutzen und Träumern. Von unerfüllter Liebe, vom Vergehen der Zeit, von dem süßen Leben, das in Wahrheit so bitter schmeckt. Mittendrin taumelt der 30-jährige, alkoholkranke Verführer Leo durch nächtliche Straßen und Bars und will immer wieder „die Segel setzen“, wie er sagt. Doch ist es meist windstill um ihn herum. Dabei ist das Meer doch so nah, rauscht als große Metapher im Hintergrund.

Philip Haibach

Der letzte Sommer in der Stadt Gianfranco Calligarich Hanser 2022

Die Garamond auf dem E-Book gefiel mir

Wenn L. und ich eine Bildungsreise unternehmen, geraten wir traditionell in die recht unoriginelle Grundsatzdiskussion über digitales und analoges Lesen. L. reist nicht ohne seinen Reader und sein Tablet, in meinen 55×40-Koffer hatten noch drei Bücher gepasst, eins davon knapp über 150 Seiten „dick“ (und ich war schon auf den letzten Seiten). Ein hochgelobter Bildungsroman, Eckardt Nickels Spitzweg (Piper), „ein literarisches Vexierspiel“, wie der Klappentext versprach, die ideale Sommerlektüre also, welche mir jedoch bald zu konstruiert im Jetzt spielte und gleichzeitig sublim aus der Zeit gefallen sein wollte.Dann noch ein Sachbuch, sehr ernst.

Einmal am Strand. Ich blinzelte sehnsüchtig hinüber zu L., wie schön scharf gestochen die Garamond war, ja warum nicht einen Dostojewski damit verschlingen! Später, in unserer Ferienwohnung voller Bücher in fremder Sprache, fing ich mit dem Herz von vorne an. Das war gut. Der französische Bestseller über eine Pariser Power-und-Single-Frau, 47, die sich neu verlieben möchte und krachend scheitert, schafft kunstvoll in knappe Sätze zu stecken: Melancholie, Gegenwart, Witz, Tiefgang.

Katharina Schmitz

Das synthetische Herz Chloé Delaume Claudia Steinitz (Übers.), Liebeskind 2022

Illustration: der Freitag

Zwei Füße, die – hach – aus dem Meer ragen

„Ich verspreche Dir einen schönen Sommer.“ Dieser Satz zieht sich durch ein Taschenbuch mit 20 Erzählungen unterschiedlicher Autor*innen, der, na klar, genau diesen Satz im Titel trägt. Das Cover zieren zwei Füße, die – hach – aus dem Meer ragen. Unbeschwert ist das Buch nicht, spielen doch die Pandemiesommer eine Rolle. Aber ein Buch für die Wiese oder das Strandbad ist es allemal, die Pandemie kommt nur am Rande vor. So wie in Suppe. Dort schläft eine von ihrer Ehe mit einem reichen Dude gelangweilte Frau mit einem Aussteiger am Nordseestrand, der Suppe aus dem Bauwagen verkauft und sich nicht die Bohne für die kapitalistischen Sachzwänge der vorpandemischen Welt interessiert. Oder es schreibt Bianca Döring über ihre „Ü.K.T“, ihre Überlebenskampftasche, mit der sie ihr bisheriges Leben gemeistert hat. Es ist ein Wunderwerk, voll beladen mit Süßkram, Shiseido-Puder, Aufladekabeln und weiterem Pipapo, das die Protagonistin kaum noch braucht – das Homeoffice ist kein Überlebensparcours. Richtig gut wird das Buch bei den ernsteren Themen. Wie bei der zarten Erzählung In der Box, die den stundenlangen Einreiseversuch einer iranischstämmigen Deutschen nach Israel dokumentiert, mit melancholischen Erinnerungen an die Kindheitssommer im Iran. Da verschluckt man sich dann schon am Aperol. Auch die Erzählung Morgengrauen, die den Pandemiesommer so zeigt: als Beschreibung der Gewalt durch den immer öfter alkoholisierten Ehemann, der ins Haus gezwungen wurde (Kurzarbeit!) und mit seinen Fäusten auch nicht vor dem Kind Halt macht. Trotzdem verspricht sich die Ich-Erzählerin einen schönen Sommer. Und das wünsche ich Dir, mir, Ihnen und Euch auch.

Ebru Taşdemir

Ich verspreche Dir einen schönen Sommer F. Leonhard/N. Gutjahr (Hrsg.) Trabantenverlag 2021

Das Buch verschmolz mit der grandiosen Landschaft

Nach meiner Erfahrung kann man Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, einen Roman in Tagebuchform von Rainer Maria Rilke, veröffentlicht 1910, überall lesen. Unvergesslich sind mir die Gespräche über das Buch mit einer Freundin, während wir zu einer Kapelle hochstiegen im berg- und buchtenreichen Cinque Terre, einem Küstenstreifen an der Riviera. Es ist 40 Jahre her und die Erinnerung verschmilzt das Buch mit der grandiosen Landschaft.

Dabei spielt es in Paris, wo der junge Erzähler vor allem das Elend, ja das Entsetzliche wahrnimmt: „So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier.“ Warum liest man das gern? Schon allein wegen der Sprache! Aber auch, weil es einem zu denken gibt. Ein Urlaub ganz ohne Denken wäre schal. Reist man doch auch, um zu erfahren, in welcher Welt man eigentlich lebt. Der Erzähler empfindet das selbst, denn er stellt die Großstadtbilder heraus, die ihn schockhaft überfallen, weil er sie nur registrieren, aber nicht verstehen kann. Noch heute steht mir dieses halb abgerissene Wohnhaus vor Augen, wo man in den „schmutzigweißen Raum“ der Wohnungen aus nur noch drei Zimmerwänden hineinschaut. „Rilke experimentiert mit einer den Körper einbeziehenden“, „vorbegrifflichen optischen Intelligenz“, lese ich in einem Sachbuch von Roswitha Kant (Visualität in Rainer Maria Rilkes „Die Aufzeichnungen …“, 2002). Heute, im Internetzeitalter, muss jedermann so experimentieren – aktueller kann ein Roman nicht sein. Ich werde ihn dieses Jahr nach Paris mitnehmen.

Michael Jäger

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge Rainer Maria Rilke Hansgeorg Schmidt-Bergmann (Hrsg .), Suhrkamp BasisBibliothek 2000



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Von Veritatis

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