Gratis ÖPNV? Die Linkspartei war Erste

Selten war ein „Wir haben’s doch gesagt“ angebrachter als hier. Denn für eine Reform des ÖPNV muss die Linkspartei keinen Petitionstext schreiben, sondern lediglich in ihr eigenes Parteiprogramm schauen. Nur eine Sache ist anders: Nun ist Markus Söder mit an Bord.

365 Euro pro Jahr soll das Ticket kosten – so wie zuletzt auch vom CSU-Parteivorsitzenden und der SPD gefordert. Doch die Linke geht noch zwei Schritte weiter: Ab 2024 soll in ersten Kommunen der kostenfreie Nahverkehr starten, 2025 im ganzen Bundesgebiet. Parallel soll das Netz massiv ausgebaut werden.

Finanzieren will die Linke das mit einer ÖPNV-Abgabe nach dem Vorbild Wiens. Dort tragen Unternehmen, die vom Nahverkehr profitieren, einen Teil der Kosten. Zur restlichen Finanzierung verweist die Linke (praktischerweise) auf ihre Steuerreform. „Product Bundling“ als Verkaufsstrategie – so viel Marketing-Knowledge hätte man der Partei gar nicht zugetraut!

Geltungsbereich: deutschlandweit | Preis: erst 365 Euro pro Jahr, ab 2025 kostenfrei

Ein „Klimaticket“ für monatlich 69 Euro

Zwei Monate will der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) das 9-Euro-Ticket noch fortführen. Anschließend schlägt er ein „Klimaticket“ für 69 Euro im Monat vor.

In der Preisgestaltung orientiert sich der VDV dabei weniger an Finanzierungskonzepten als am guten deutschen Bauchgefühl. Für 69 Euro im Monat sei sichergestellt, „dass neu hervorgerufene Mehrfahrten, wie beim 9-Euro-Ticket, auf einem vertretbaren Maß gehalten werden“. Heißt: Klimarettung? Ja, aber bitte mit Sitzplatzreservierung! Und nur, wenn man es sich leisten kann. Klima gibt es schließlich auch im Zug, und das ist ganz erheblich gestört, wo sich jemand auf den von der Laptoptasche frei gehaltenen Gangplatz setzt. Erst „im zweiten Schritt“ sollte ab Januar dann über „sozialverträglich wünschenswerte Alternativen“ nachgedacht werden.

Immerhin: Komplizierte Tarifgebiete oder andere Einschränkungen gibt es bei dem VDV nicht. Und als Branchenverband sieht man sich in der Lage, das Ticket ab dem 1. September anzubieten – für zusätzliche zwei Milliarden Euro. Woher die kommen sollen? Das sagt der Verein nicht.

Geltungsbereich: deutschlandweit | Preis: 65 Euro im Monat

Tarifdschungelinklusive: das Länder-PlusTicket

Illustration: der Freitag

Beim Verkehrsclub Deutschland (VCD) gibt man sich abenteuerlustig: Das „Länder-PlusTicket“ soll ein Ausweg sein aus dem „Dschungel unüberblickbarer Fahrkartentarife“. Doch die Wanderodyssee beginnt schon bei den Geltungsbereichen: So umfasst das „NRW-PlusTicket“ nicht nur NRW, sondern auch den Landkreis Osnabrück in Niedersachsen sowie drei Kreise in Rheinland-Pfalz. Nicht enthalten sind dafür die landeseigenen Kreise Minden-Lübbecke und Steinfurt. Die werden mit Bremen, Hamburg und Niedersachsen im „Nord-West-PlusTicket“ zusammengefast. Zum „Nord-West-PlusTicket“ zählt dann zwar auch der niedersächsische Teil des Hamburger Verkehrsbunds (HVV). Für den HVV-Bereich in Schleswig-Holstein nutzt man aber bitte das „Nord-Ost-PlusTicket“.

Immerhin sollen alle Empfänger:innen einkommensgeprüfter Leistungen und Jugendliche eine kostenlose BahnCard25 erhalten. Der Geltungsbereich der BahnCard wird zudem auf den Nahverkehr ausgeweitet – also außer bei der BahnCard50! Da kriegt man auch nur 25 Prozent Ermäßigung. Das VCD-Länderticket mag in alle Richtungen durchdacht sein. Doch nach drei Monaten 9-Euro-Ticket hätte man sich schon ein wenig Utopie gewünscht.

Geltungsbereich: eine von acht Tarifzonen; jedes Ticket gilt mindestens bis zum Mittelzentrum des angrenzenden Geltungsbereichs | Preis: 75 Euro pro Monat; 60 Euro als Jobticket; 30 Euro ermäßigt

Berlin, Berlin, ein 9-Euro-Ticket für Berlin!

In Berlin gilt wie immer: „If it ain’t broke, don’t fix it.“ So fordern der Volksentscheid Berlin Autofrei, die Grüne Jugend und die Jusos Berlin in einer Petition an Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD), das 9-Euro-Ticket im Stadtstaat Berlin zu verstetigen. Dafür will man im Gegenzug ein sowieso schon ziemlich brokes Projekt aufgeben: die Verlängerung der Stadtschnellstraße „Tangentialverbindung Ost“. Der restliche Fehlbetrag soll durch höhere Parkgebühren sowie Bezirks- und Landesmittel ausgeglichen werden. Immerhin, so rechnet die Petition vor, kostet der Bau der A 100 pro Meter 200.000 Euro.

Als innerstädtische Lösung wäre ein 9-Euro-Ticket nicht nur einfach umzusetzen, sondern auch bitter notwendig. Allerdings: Außerhalb Berlins dürfte eine Verstetigung kaum mitgetragen werden. Die Tarifgestaltung wäre dann, wie von Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) betont, wieder reine Ländersache – und ein bundesweites Ticket wäre wohl vom Tisch.

Geltungsbereich: Berlin | Preis: 9 Euro pro Monat

29-Euro-Ticket: Oda Hassepaß hat da eine Idee …

Illustration: der Freitag

„Einfach, einheitlich und deutschlandweit“ soll der ÖPNV laut Oda Hassepaß sein. Dazu fordert die Berliner Grünen-Abgeordnete und frühere Freitag-Kollegin gemeinsam mit Umwelt- und Verkehrssenatorin Bettina Jarasch ein bundesweites Ticket für 29 Euro im Monat. Bei einer Fahrgaststeigerung von sechs Prozent würden laut Hassepaß immerhin 12,67 Milliarden Euro durch Fahrkartenverkäufe eingenommen werden – fast genauso viel wie im Vertriebsmodell der vergangenen Jahre. Den Fehlbetrag will man querfinanzieren: etwa durch höhere Parkgebühren, die Abschaffung von Dienstwagen- und E-Auto-Subventionen sowie eine Citymaut.

Mit dem Vorschlag stehen die Berliner Grünen nicht alleine da: Auch die Verbraucherzentralen sprechen sich für einen monatlichen Preis von 29 Euro aus. Pro Jahr würde das Ticket so mit 348 Euro nur knapp unter dem 365-Euro-Ticket von SPD und Linken liegen. Ein Euro pro Tag – vielleicht ist das ja der Preis, bei dem selbst Volker Wissing auf den Zug umsteigt.

Geltungsbereich: deutschlandweit | Preis: 29 Euro pro Monat



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Von Veritatis

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