Vor zwei Wochen stand das Thermometer bei mir auf rekordverdächtigen 40,4 Grad. Denken ist da kaum mehr möglich, man kann sich kühlen, viel trinken, die Bewegung (5. Stock!) herunterdimmen und manchmal einfach wegdriften. Die norwegische Autorin Heidi Sævareid entführte mich in ihrem Roman Am Ende der Polarnacht ins Spitzbergen des Jahres 1957. Ab November gehen die Temperaturen dort auf minus 30 Grad zurück, vier Monate Polarnacht, abgeschnitten von der Welt. Die Arbeiter im Bergwerk, die der junge Arzt in seinem winzigen Krankenhaus versorgen muss, leiden an allem Möglichen, manchmal macht auch die Psyche nicht mehr mit. Und unser Kopfautomat ist ein seltsames Ding: Die gelesene Ausnahmesituation ließ mich meine eigene vergessen. Ich fror!

Das Gef

Vor zwei Wochen stand das Thermometer bei mir auf rekordverdächtigen 40,4 Grad. Denken ist da kaum mehr möglich, man kann sich kühlen, viel trinken, die Bewegung (5. Stock!) herunterdimmen und manchmal einfach wegdriften. Die norwegische Autorin Heidi Sævareid entführte mich in ihrem Roman Am Ende der Polarnacht ins Spitzbergen des Jahres 1957. Ab November gehen die Temperaturen dort auf minus 30 Grad zurück, vier Monate Polarnacht, abgeschnitten von der Welt. Die Arbeiter im Bergwerk, die der junge Arzt in seinem winzigen Krankenhaus versorgen muss, leiden an allem Möglichen, manchmal macht auch die Psyche nicht mehr mit. Und unser Kopfautomat ist ein seltsames Ding: Die gelesene Ausnahmesituation ließ mich meine eigene vergessen. Ich fror!

Das Gefühl, dass sich derartige Ausnahmesituationen häufen, trügt nicht. Und was 1957 noch als „Naturgewalt“ erfahren wurde, haben wir in den vergangenen Jahrzehnten gelernt, als „menschengemacht“ zu erkennen. Mit der sommerlichen Corona-Welle erreichten uns Hitze und Feuer, und im Herbst wird es vielleicht eine neue Flut oder ein Sturm sein, gepaart mit einer weiteren, von einem Mutanten ausgelösten Infektionswelle. Die Frage dabei ist nicht mehr, ob das Ereignis eintritt, sondern nur, wann. Aber nicht alle Opfer von Wetter- und Infektionsereignissen sterben spektakulär und werden gleich wahrgenommen. Die rund 20.000 Hitzetoten, die Deutschland in den vergangenen drei Jahren offiziell verzeichnete, die alten oder angegriffenen Menschen, deren Kreislauf versagte, die einen Schlaganfall erlitten oder denen einfach die Kraft fehlte, die Hitze zu überstehen, wurden nicht wie bei der Ahrtalflut auf die Titelseiten gehoben oder durch tägliche Meldung statistisch sichtbar gemacht.

Hitze? Geht vorbei, hofft man

Vielleicht ist das mit ein Grund dafür, warum das politische Berlin vergangene Woche angesichts eines von verschiedenen Seiten angemahnten Hitzeschutzplans in Deckung ging. Zumindest die Hitzegeschehen, so die Hoffnung, würden sich im Herbst, wenn man wieder über Masken und Impfung streitet, erledigt haben. Dabei, sagt Susanne Johna, eine der Betreiberinnen eines nationalen Hitzeschutzplans, müssten gerade in den dazwischenliegenden Zeiten Vorkehrungen getroffen werden. Wiederkehrende Hitzewellen, erklärt die Vorsitzende des Marburger Bundes gegenüber dem Freitag, seien eine „große Bedrohung für die Gesundheit der Menschen“. Exzessmortalität nennt sich in der Fachsprache der Anstieg der Sterblichkeit über das gewöhnliche Maß hinaus.

Frankreich erlebte das im Jahr 2003 und reagierte mit einem national gültigen vierstufigen Alarmsystem und einem Register, das unter anderem verhindern soll, dass gefährdete Menschen unbemerkt in ihren Wohnungen hitzekrank werden oder sterben. Sie werden nach drei Hitzetagen angerufen und gegebenenfalls betreut. Denn gerade alte Menschen halten oft an ihren Gewohnheiten fest, trinken auch bei Hitze zu wenig, verzichten auf angemessene Kleidung oder kollabieren beim Versuch, sich selbst zu versorgen. Aber auch Patienten in den Krankenhäusern und Bewohner von Heimen müssen besser geschützt werden. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz etwa fordert, dass die Temperaturen dort 25 Grad nicht übersteigen dürfen. Die Gewerkschaft Verdi regt an, Arbeitnehmern hitzefrei zu geben oder zumindest längere Pausen einzuräumen.

Hitze ist nicht nur für den Organismus belastend, sondern auch in anderer Hinsicht eine medizinische Herausforderung. Mit jedem Grad, so Johna, begünstigt sie Wundinfektionen nach Operationen und verzögert die Wundheilung. Bei zunehmender Erwärmung gibt es auch mehr Erkrankungen, die beispielsweise durch Zecken oder Mücken auf Menschen übertragen werden (Zoonosen). Und die Erwärmung von Nord- und Ostsee führt zur Vermehrung von Vibrionen, Bakterien, die Brechanfälle oder Blutvergiftungen auslösen. Aber auch Medikamente verlieren ihre Wirkung, wenn sie bei über 25 Grad aufbewahrt werden. Hitze kann in vielfacher Hinsicht krank machen, so Ärztepräsident Klaus Reinhardt, der ebenfalls einen nationalen Hitzeschutzplan „auf wissenschaftlicher Grundlage temperaturabhängiger Alarmstufen“ und darüber hinaus ein bundesweites Lagezentrum anmahnt. Die Ausgestaltung von Hitzeaktionsplänen obliegt derzeit den Kommunen. Und dort geht es, was kurz- und langfristige Maßnahmen wie etwa bauliche Veränderungen, den Aufbruch versiegelter Flächen oder die Begrünung von Häusern betrifft, nur langsam voran.

Oft sind Städte und Gemeinden planerisch oder finanziell davon überfordert, die bereits 2017 vom Bundesumweltministerium herausgegebenen Handlungsempfehlungen umzusetzen. „Es geht nicht nur darum, Ziele zu setzen“, erklärt Johna, „sondern auch darum, was wir bis wann wie erreichen wollen und wer dafür zuständig ist.“ Das gelte auch für Krankenhäuser, es müsse jemanden geben, der Maßnahmen durchsetzt. Wenig Verständnis zeigt die Medizinerin dafür, dass der Bund die Verantwortung auf Länder und Kommunen verschiebt. „Wir sind ohnehin spät dran. Ich finde es erstaunlich, dass die Grünen, die im Bundesumweltministerium das Sagen haben, eine Verantwortung des Bundes zurückweisen. Dabei haben sie 2019 selbst die Forderung nach einem nationalen Hitzeplan erhoben und dafür sogar Unterschriften gesammelt.“ Grundsätzlich, heißt es in der Partei, seien die Kommunen für die Erstellung von Hitzeschutzplänen selbst zuständig. Aus dem für den Gesundheitsschutz zuständigen Ministerium von Karl Lauterbach (SPD) war während der Hitzeperiode wenig zu hören. Vielmehr liegt der Minister wieder mal im Clinch mit seinem obersten Impfchef Thomas Mertens, der mit der Ständigen Impfkommission (Stiko) nur Menschen über 70 Jahre zum vierten Mal gepikst sehen will. Die EU empfiehlt den zweiten Booster ab 60 Jahren. Lauterbach ist dafür, dass sich Jüngere schon jetzt – und nicht erst im Herbst, wenn möglicherweise ein neuer Impfstoff verfügbar ist – noch einmal impfen lassen.

Bisher haben sich nur knapp sieben Prozent der Gesamtbevölkerung die vierte Injektion abgeholt. Das ist kein Wunder, denn die Expert:innen sind sich uneinig über deren Sinn. Zwischen „kann nicht schaden“ und „nützt mit dem derzeitigen Impfstoff nicht viel“ bis „ist für bestimmte Gruppen sogar kontraproduktiv“ sind alle Meinungen vertreten. Vielleicht geht es aber auch um die nachhaltige Nutzung des noch vorhandenen Impfstoffes: Bis Ende Juni sind über 3,9 Millionen Moderna-Impfdosen, für die die Impfstoffallianz Gavi keine Verwendung hatte, verfallen.

Unbewohnbare Regionen

Zum Zweiten geht Lauterbach wieder einmal ins Kräftemessen mit seinem Ministerkollegen von der FDP, Marco Buschmann, mit dem er die neuen Infektionsschutzregeln aushandeln muss, wenn das Infektionsschutzgesetz am 23. September ausläuft. Die neuen Regelungen, so der liberale Justizminister, sollten grundsätzlich „faktenbasiert“ sein. Deshalb wartete er gespannt auf den Bericht der Expert:innen. Doch dieser hielt, außer im Hinblick auf die Maskenpflicht, für beide Kontrahenten wenig Munition bereit. Darin ähneln sich Infektionsschutz- und Hitzeschutzpläne offenbar.

Die Wirksamkeit von Hitzeschutzplänen, erklärte die Biologin und Epidemiologin Franziska Matthies-Wiesler vom Helmholtz-Institut München kürzlich gegenüber dem Tagesspiegel, sei wissenschaftlich nicht leicht zu untersuchen. Und im Falle des Infektionsschutzes mangelte es an verfügbaren Daten. Nach vielen Ankündigungen sollen „noch im Juli“ Angaben für ein Konzept im Herbst gemacht werden. Das Vakuum füllen die Profilierer. Dieser Tage schlug der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung, Andreas Gassen, vor, nach einer Corona-Infektion die Quarantäne ganz wegfallen zu lassen, wenn die Betroffenen keine Symptome verspürten. So könnten die Infizierten weiterarbeiten, vor allem in den Kliniken, wo es allmählich wieder eng wird. Auch Susanne Johna kann „nicht nachvollziehen, wie man als Arzt einen solchen Vorschlag machen kann. Unsere Aufgabe ist es, Krankheiten zu verhindern, und da möchte ich auch nicht, dass ein symptomfreier Corona-Infizierter – und wirklich symptomfrei sind die wenigsten – arbeiten geht und andere ansteckt.“ Sie sagt dies, obwohl das Personal gerade auf dem Zahnfleisch geht und die Patientenzahlen mit Covid-19 auf den Normal- und Intensivstationen wieder steigen. „Wir finden es schon erstaunlich, dass manche so tun, als sei dies lediglich eine schlimmere Erkältung.“ Für den Herbst erwartet sie eine noch höhere Belastungssituation. Die B5-Variante von Corona rufe zwar nicht so schwere Krankheitsbilder hervor, die Infektionshäufigkeit führe aber dazu, dass mehr, auch schwer erkrankte Patient:innen in die Krankenhäuser kämen. „Da zu befürchten ist, dass wir im Herbst auch weniger Schutzmaßnahmen haben, werden auch mehr Grippe-Infizierte und Menschen mit Doppelinfektionen bei uns ankommen.“

Auffällig bei den Debatten um Infektions- und Hitzeschutz ist das Konzept der „Anpassung“: Das suggeriert auch das vom Bundesumweltministerium eingerichtete „Zentrum für Klimaanpassung“, das die Kommunen beratend unterstützt. Infektionsschutzmaßnahmen folgten und folgen immer auch den Erfordernissen der Wirtschaft. Dasselbe gilt für die Energiewende. Beim Hitzeschutz geht es um menschliche und infrastrukturelle Anpassungsleistungen, obwohl alle wissen, dass der Klimawandel gestoppt werden muss.

„Wir müssen beides tun“, sagt Johna. „Wir können ja nicht warten, bis wir den Klimawandel stoppen.“ Doch vielleicht sollte der Slogan „Klimaschutz ist Gesundheitsschutz“ nicht mehr nur Sonntagsreden begleiten. Bestimmte Zonen in der Welt – und in Deutschland – sind schon heute nicht mehr bewohnbar.



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Von Veritatis

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