Dem Volk aufs Maul schauen (und danach handeln) – das müsste Pflichtaufgabe aller Entscheidungsträger sein. Gerade aber beweisen die, die viel Macht haben und Entscheidungen treffen können und müssen, das Gegenteil, finden Menschen aus dem Volk, die, die den Laden im Land tatsächlich am Laufen halten. Einer der am Laufen Haltenden ist ein Bäckermeister und Kaffeehausbesitzer aus meiner Heimatstadt, dem wie vielen kleinen und mittleren Handwerkern in diesen Tagen ernüchternde Schreiben von Energieversorgern ins Haus flattern. Darin steht, dass demnächst sehr viel mehr für den energetischen Betrieb von Backofen, Laden und Kaffeehaus zu berappen sei. Das empört den Unternehmer, der die Ursache für derlei Preistreiberei in der Gier der großen Monopolisten und im Stillhalten und Nichtgegensteuern der Politik sieht. Der Bäcker macht sich Sorgen um sich, seine vielen Kollegen und all ihre Mitarbeiter, doch er gibt sich kämpferisch, denn seine Berufung, Unternehmer zu sein, käme ja von etwas unternehmen. Von Frank Blenz.

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Dreifacher Preis für notwendige Energie, um Brot zu backen

Beim Anblick des Schreibens mit den Preis-Tabellen, die Monat für Monat die Tarife für Energie in diesem und im kommenden Jahr zeigen, wird es Rico Wagner mulmig in der Bauchgegend. Da steht zunächst 351 Euro für einen Monat. Dann werden daraus 1.328 Euro. „Das ist allein für das Geschäftshaus“, sagt Wagner. Die zweite Kostennote für den Backofen zeigt an: Zunächst 521 Euro pro Monat. Ab diesen Oktober sollen monatlich 1.615 Euro überwiesen werden. Backen wird somit enorm teuer für den Bäcker. Wie soll er das auffangen, meistern, fragt er sich. Und damit nicht genug. Die Kosten für sein Kaffeehaus sind noch gar nicht berechnet, der Vermieter wird wohl erst 2023 Nebenkosten-Post versenden. Von den steigenden Preisen für die Zutaten zum Backen ganz zu schweigen …

„Ich bin sauer, wie es soweit kommen kann, dass gewisse Leute derart zulangen. Klar, das wird ja zugelassen. Wobei es ja noch nicht mal ausgemacht ist, dass die Energiepreise so hoch bleiben. Oder doch?“, so der Handwerker. Rico Wagner lässt ebenso nicht gelten, dass der Ukraine-Krieg immer und immer wieder als Ursache genannt wird, interessiert registriert er das politische und mediale Geschehen und traut den Verkündungen und Erklärungen nicht. Auch wie ihn die Statements nerven, dass „die fetten Jahre vorbei“ seien, dass „man den Gürtel enger schnallen“ müsse und dass man nun mal für eine Zeit lang „für die Freiheit frieren“ könne. Wagner friert sozusagen doppelt. Er sieht die Lage aus zwei Blickwinkeln: als Unternehmer und als Bürger, der privat ebenfalls tiefer in die Tasche greifen muss, um all die alltäglichen Rechnungen zu begleichen.

Schweigen, ein paar Momente lang, Rico Wagner, 44 Jahre, nippt an einem Kaffee in seinem Kaffeehaus. Das bekannte und beliebte Lokal betreibt er in der Plauener Altstadt neben seinem Stammbetrieb, einer alteingesessenen Familien-Bäckerei. Am Eingang steht eine feine Schiefertafel, auf der edel gezeichnet das Jubiläum des Lokals zu lesen ist: 10 Jahre Kaffeehaus Müller. Es ist ein Lebenstraum: „Ich wollte immer so ein Kaffeehaus, mit meiner Frau Antje und meinen Mitarbeitern haben wir das geschafft. Und das wird so bleiben.“

Der erfüllte Traum von Krisen bedroht

Schon nach acht Jahren zogen dunkle Wolken auf, die Pandemie machte auch dem Plauener Unternehmer zu schaffen. „Wir hatten zeitweise viele Monate dicht, außer den Bäckerladen. Und wenn wir das Lokal öffneten, waren wir nur mit der Umsetzung von Maßnahmen beschäftigt.“ Gerade atmete man etwas auf, schon knallt man eine neue Krise vor den Latz, sagt der Bäcker.

Und nun? Wagner ist nachdenklich, er macht sich Sorgen, man sieht ihm an, wie seine Gedanken kreisen, wie er am Überlegen ist. Seine Miene hellt sich auf. Ja doch, bei allen Bedenken, bei einer durchaus verständlichen Wut, der Bäckermeister will nicht hadern, er agiert, er reagiert. Maßvoll ändert er die Preise, das Gespräch mit den Kunden hegt und pflegt er. Telefonieren ist gerade seine wichtigste Nebentätigkeit zum Hauptberuf Bäcker. „Politiker kontaktieren, bei der Handwerkskammer vorsprechen, protestieren und die Lage klar und deutlich machen. Die dürfen nicht in Ruhe gelassen werden, sonst passiert nichts“, so Wagner. Seine Forderungen, es sind auch die seiner Kollegen sind, lauten: Deckelung der Preise für Energie, Verhandlungen mit Versorgern, mit Anbietern, Diplomatie statt Eskalation im großen Weltgeschehen. Wagner: „Ja, ich bin nur Bäcker und kein großer Außenpolitiker, aber es muss doch machbar sein, dass man sich einigt und diese Abwärtsspirale gestoppt wird.“ Es ist nicht schwer, bei gutem Willen, den Laden am Laufen zu halten, es brauche „nur“ Verantwortungsbewusstsein und Willen. Willen, allein d e n sähe der Unternehmer bei wichtigen Leuten gerade nicht. „Das ist tragisch, das ist ein Skandal.“

Den Laden am Laufen halten.

Dabei ist es leicht. Machen statt blockieren und nicht handeln. Der Bäcker- und Konditormeister Rico Wagner lebt seinen Beruf. Leidenschaftlich bäckt er Brot. Und Kuchen. Torten zaubert er, der Betrachter der süßen Kunstwerke kommt aus dem Staunen gar nicht heraus. Eis kreiert er, feines, frisches – kurzum: Meister Wagner ist ein unentbehrlicher Mann. Er beherrscht sein Handwerk, trifft klare Entscheidungen und ist mit seinen Mitarbeitern für seine Menschen, seine Kunden da. Gute, faire Rahmenbedingungen verdienten Menschen wie Rico Wagner.

„Unser täglich Brot…“, heißt es in einem berühmten Gebet. Ganz ohne Religion sei gesagt, dass Brot in einem reichen Land nicht zum Luxus werden darf. Es brauche gar nicht viel, Salz, Mehl, Wasser. Kreativ, wie der Bäckermeister ist, hat er aus einer besonderen Roggensorte namens Waldstaute von einheimischen Feldern ein schlichtes, wunderbares Brot gebacken. „Ich setze mich dafür ein. Bei mir bleibt der Backofen heiß, auch wenn es jetzt sehr teuer wird. Und es wird keine Abstriche in Sachen Qualität geben. Ich will sehr daran glauben, dass diese ganze Krise eine große Welle ist, die über uns rauscht. Aber jede Welle ist ja mal vorbei.“

Titelbild: Rico Wagner – (C) Frank Blenz



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Von Veritatis

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