Denke ich an den kommenden Herbst und Winter, dann überfällt mich schon jetzt ein Grausen. Plant die Regierung doch zum Wohle meiner Gesundheit erneut, Zwangsmaßnahmen einzuführen — frei nach dem Motto: „Never change a running system“, „Verändere niemals ein funktionierendes System“.

Auch wird sich der nächste Winter wohl von allen Wintern, die ich je erlebt habe, deutlich unterscheiden. Inflation, Wirtschaftskrise, Energieverknappung, Stromausfälle und das Risiko eines Atomkrieges in der Ukraine fügen sich zu einem Schreckensszenario zusammen, das in mir eine Art Endzeitstimmung aufkommen lässt.

Wie ich mit all dem umgehen werde, weiß ich nicht. Es wird sich zeigen. Was mir aber heute auf der Seele brennt und nach Entscheidung ruft, ist die Frage: Will ich im kommenden Herbst das Spiel der Herrschenden weiter mitspielen? Will ich mich ein weiteres Mal den Maßnahmen beugen? Eine leise Stimme in mir sagt: „Nein, das machst du nicht mehr! Habe endlich den Mut, für deine Freiheit und Würde einzustehen!“

Doch was gibt mir die Gewissheit, in diesem Jahr mutiger zu sein als im letzten? Bisher hatte ich mir ja immer wieder brav die Maske aufgesetzt, um in den Supermarkt zu gehen. Woher soll mir jetzt dieses Mehr an Mut kommen? Als ich so überlegte, fiel mir Tony Roman ein.

Tony besitzt ein italienisches Restaurant in der Nähe von Los Angeles (1). Er wurde weit über die Grenzen Kaliforniens hinaus bekannt, weil er sich weigerte, die Coronamaßnahmen umzusetzen. Die staatlich verordneten „Lockdowns“ kümmerten ihn nicht. Er ließ sein Lokal einfach offen.

„Als ich zum ersten Mal vom Lockdown in China hörte, habe ich mich nicht gewundert. Denn so behandelt eine Diktatur ihre Bevölkerung. Als ich dann aber hörte, dass Kalifornien zugesperrt werden sollte, konnte ich es nicht glauben. Unsere Vorfahren haben doch nicht für unsere Freiheit gekämpft, damit wir uns jetzt wieder einsperren lassen!“ (2).

In Tonys Lokal besteht Maskenverbot, weil Masken für ihn ein Symbol der Unterwerfung und des Gehorsams sind. Er brachte deshalb ein großes Banner an der Restaurantfassade an, auf dem — frei nach einem Zitat aus dem Film Der Pate — zu lesen war: „Leave the mask, take the cannoli“ (3). Wer den Film gesehen hat, erinnert sich vielleicht an die Szene, in der der berühmte Satz fällt: „Leave the gun, take the cannoli“, „Lass die Knarre da, nimm die Cannoli!“.

Zurzeit der Lockdowns kamen die Menschen von weit her, um bei Tony zu essen. Manche warteten bis zu fünf Stunden auf einen Tisch, blieben aber trotzdem bei guter Laune. „Tony hat mit seinem Lokal einen Raum für Menschlichkeit geschaffen“, erzählt Gina, ein Gast. „Hier fühlt man sich als Mensch unter Menschen und kann das Leben genießen. Hier werden Lieder gesungen, Freundschaften geschlossen und manche Gäste brechen vor Freude sogar in Tränen aus.“

Anfeindungen, Drohungen und Vorwürfe bleiben Tony nicht erspart, die Behörden allerdings verhalten sich zurückhaltend. Sie haben der Entschlossenheit, mit der er seine Freiheitsrechte verteidigt, wohl nichts entgegenzusetzen.

„Ich kämpfe diesen Kampf für die Freiheit sehr gelassen, weil ich weiß, dass ich für etwas kämpfe, das viel, viel größer ist als ich selbst“, sagt Tony. „Und ich bin dankbar, dass ich dabei an vorderster Front stehe und meinen ganzen Besitz dafür aufs Spiel setzen darf.“

„Auch meine Kollegen haben gekämpft“, so Tony weiter.

„Sie wollten den Behörden Kompromisse abringen, um ihre Existenz zu sichern. Anstatt als souveräne Bürger aufzutreten, die sich ihrer Freiheitsrechte bewusst sind, wurden sie zu Bittstellern.“

Gina wirft ein:

„Wir haben keine Coronakrise, wir haben eine Krise des Mutes! Weil wir den Zugang zu unserer eigenen inneren Stärke verloren haben, klammern wir uns ängstlich an unser gewohntes Leben. Doch wir sehen nicht, dass wir dabei etwas viel Größeres unsere Freiheit — verlieren. Wir müssen über den Tellerrand unserer eigenen Existenz hinausschauen und das größere Bild erkennen!“

Was hat Tony und Gina so selbstbewusst und mutig werden lassen? Vielleicht spielt es eine Rolle, dass beide in den Vereinigten Staaten aufgewachsen sind, dem „Land der Freien und der Heimat der Tapferen“, in dem persönliche Freiheit einen hohen Stellenwert hat. Oder lag es an ihren Eltern, unter deren Obhut sie zu selbstbewussten, integren Menschen heranwachsen konnten? Beides mag eine Rolle spielen, entscheidend ist es jedoch nicht. Denn die eigene Herkunft kann und muss kein Schicksal sein.

Wir alle haben in unserer Kindheit mehr oder weniger lernen müssen, nicht wir selbst sein zu dürfen. Immer wieder haben wir schmerzhafter fahren, dass unsere Meinung nicht zählt, unsere Gefühle nur stören und ein eigener Wille unerwünscht ist. Daraus haben wir dann den Schluss gezogen, dass wir uns anpassen müssen, um gemocht und anerkannt zu werden. So sagten wir „Ja“, wo wir „Nein“ sagen wollten, beugten uns, wo wir hätten aufrecht stehen sollen. Was in der Familie begann, setzte sich in der Schule und im Beruf fort. Und so wurde das Anpassen und Verbiegen zu unserer zweiten Natur.

Der Soziologe Konrad Pfaff (1922 bis 2012) bezeichnet diese Form Selbstentfremdung als „Krankheit der Selbstverneinung“, die epidemisch verbreitete ist, aber doch weitgehend unerkannt bleibt (4). Der Verzicht auf unser Selbstsein: auf unsere eigenen Werte, Gefühle, Vorstellungen und Ziele hat nicht nur persönliche Konsequenzen. Auf gesellschaftlicher Ebene kann diese Haltung in die Katastrophe führen. Der Psychoanalytiker und Sozialpsychologen Erich Fromm (1900 bis 1980) hat sich in seiner Humanistischen Ethik diesem Problem ausführlich gewidmet. Er kommt dabei zu folgendem Ergebnis:

„Ob unsere Epoche zu einer Epoche des Übergangs oder des Untergangs wird, hängt von unserem Mut ab, wir selbst sein zu können“ (5).

Wie aktuell dieser Satz, der in den 1970er-Jahren formuliert wurde, einmal werden würde, hätte sich Fromm sicherlich nicht träumen lassen.

Vor dem Hintergrund der Fromm‘schen Analyse erscheint mir mein eigenes Ringen um Würde und Freiheit umso bedeutsamer und dringlicher. Aber wo kommen mir Mut und Unterstützung her?

Eines ist offensichtlich: Unser persönliches Engagement braucht die „Macht der Verbundenheit“ und die Stärke, die durch gemeinsames Handeln entsteht. Der Mut zum Widerstehen aber muss dem Herzen jedes Einzelnen entspringen. Hierzu einige Gedanken und Vorschläge:

Vorbilder haben inspirierende Kraft

Vorbilder sind eine zwiespältige Angelegenheit. Ich kann einen Menschen wie Tony bewundern und verehren und ihn damit gleichzeitig auf ein Podest stellen. Den motivierenden Impuls, der von seinem Beispiel ausgeht, habe ich dann erfolgreich abgewehrt. Ich verzichte auf meinen Mut und lasse ihn stellvertretend von Tony leben.

Ich kann ein Vorbild aber auch als einen Spiegel betrachten, der mich mit mir selbst konfrontiert. Bin ich bereit dazu, dann erkenne ich, dass Mut eine Seinsqualität ist, die in uns allen steckt.

Das ist eine beglückende und unbequeme Erkenntnis zugleich. Denn sie wirft in mir die Frage auf: Will ich dieses Potenzial leben oder will ich darauf verzichten? Entscheide ich mich für den Mut, dann liegt ein unbequemer, aber gleichzeitig faszinierender Weg vor mir.

Die Magie beginnt außerhalb der Komfortzone

Alles, was mir als Kind unmöglich schien, weil ich übermächtigen Verhältnisse hilflos ausgeliefert war, kann mir als Erwachsener gelingen. Denn was man einmal gelernt hat, lässt sich auch wieder verlernen. Das klingt leichter, als es ist. Denn die kindlichen Ängste und Verhaltensmuster haben sich tief in unsere Psyche eingegraben. Alte Muster zu verändern, ist mühsam, unbequem und kostet Kraft. Deshalb brauchen wir die feste Entschlossenheit, den Weg unserer Selbstwerdung immer wieder neu zu gehen.

Aber die gute Nachricht lautet: Jenseits des gewohnten Terrains, auf dem wir uns sicher fühlen, beginnt das verheißene Land. Oder wie Johann Wolfgang von Goethe sagt:

„In dem Augenblick, in dem man sich entschließt, zu handeln, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen (…) Handeln enthält Magie, Anmut und Kraft!“

Das Herz klopft Beifall

Jedes große Ziel lässt sich mit vielen kleinen Schritten erreichen. Jeder Zentimeter, den ich meinen Fuß klopfenden Herzens auf Neuland setze, zählt und bringt mich voran. „Wenn Angst in dir aufsteigt und dein Herz zu klopfen beginnt“, so die Aktivistin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises Frances Moore Lappé, „ dann betrachte das Herzklopfen nicht als Ausdruck deiner Angst. Nimm es als Zeichen der Anerkennung für deinen Mut, zu dem dir dein Herz gerade Beifall spendet.“

Das Leben ist auf unserer Seite

Die Welt und ich, wir sind keine getrennten Realitäten. Meine Wahrnehmung und meine Haltung formen die Welt immer mit, was schon die Volksweisheit „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück“ zum Ausdruck bringt. Die Quantenphysik nennt dieses Phänomen den Beobachtereffekt. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht vom Resonanzprinzip (6). Sowohl die Quantenphysik als auch das Resonanzprinzip lassen sich nur verstehen, wenn man das mechanistisch-materialistische Weltbild hinter sich lässt, und die Welt als ein offenes, lebendiges System ansieht.

Leben heißt dann, in Resonanz zu sein. Resonanz ist das Wechselspiel der Verwandlung zwischen Mensch und Welt.

Man kann es sich so vorstellen: Etwas in der Welt berührt mich, spricht mich an, ruft mich zum Handeln auf. Und indem ich mich darauf einlasse — damit in Resonanz gehe — zeigt sich mir die Welt als ein lebendiges Gegenüber, das mir Antwort gibt. Auch Goethe hat das offensichtlich schon erfahren.

Dazu ein Beispiel aus meinem Leben: Ich betrete mutig ohne Maske einen Aufzug, in dem Maskenpflicht herrscht. Auf der nächsten Etage steigt eine Frau dazu, die ordnungsgemäß einen Mundschutz trägt. Indem ich mich schon darauf einstelle, zurechtgewiesen zu werden, nimmt die Frau plötzlich ihre Maske ab und schimpft auf die Behörden, die so etwas angeordnet haben.

Das kleine bisschen Mut, mit der ich der Welt gegenübergetreten bin, hat mich verwandelt. Und indem ich mich verwandelt habe, wurde auch die Welt verwandelt. Wenn wir das Richtige tun, so scheint es mir, bekommen wir Unterstützung und bleiben nicht allein.

Deshalb zum Schluss noch mal ein wichtiger Rat von Tony:

„Tue, was du tust, mutig und mit Stolz. Versteck dich nicht, sondern tue es vor aller Augen. Dann wirst du erstaunt sein, wie viele Menschen plötzlich auftauchen und dich unterstützen!“


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Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.facebook.com/basilicoshb/videos/tony-roman-takes-on-cnn/878913076366746/
(2) https://www.youtube.com/watch?v=Cbn0y_JqlwM Alle folgenden direkten oder indirekten Zitate sind diesem Video entnommen.
(3) https://www.ocregister.com/2020/09/29/anti-mask-restaurant-in-oc-takes-godfather-inspired-message-to-la-with-new-billboard/(4) Krenn, Stephanie, Pfaff, Konrad: Der Selbstverneiner und seine Befreiung. Mutwillige Grenzüberschreitung. Verlag Subjektsolidarität, Dortmund 1995.
(5) Fromm, Erich: Psychoanalyse und Ethik. Bausteine zu einer humanistischen Charakterologie. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1990, Seite 192.
(6) https://www.youtube.com/watch?v=MPUW5GbnJcE



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Von Veritatis

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