Oveimar Tenorio steckt den Kopf aus dem Fenster des großen dunklen Geländewagens und winkt den Mann am Straßenrand vor einem vierstöckigen Gebäude heran. „Wir haben heute ein etwas anderes Programm, steig ein.“ Drinnen sitzen zehn Personen, Teenager beiderlei Geschlechts, alle tragen die blauen Westen mit dem aufgestickten Schriftzug „Kiwe Thegnas“. Ins Spanische aus der indigenen Sprache der Nasa übersetzt, heißt das Guardia Indígena. Das Volk der Nasa stellt im Norden des Cauca, einer Provinz im Südwesten, mit gut 200.000 Menschen die Hälfte der Bevölkerung.

Dann gibt der Fahrer Gas und der Wagen schießt die Straße im Stadtviertel Bolivariano von Santander de Quilichao hinauf. Die Kreisstadt ist die D

Oveimar Tenorio steckt den Kopf aus dem Fenster des großen dunklen Geländewagens und winkt den Mann am Straßenrand vor einem vierstöckigen Gebäude heran. „Wir haben heute ein etwas anderes Programm, steig ein.“ Drinnen sitzen zehn Personen, Teenager beiderlei Geschlechts, alle tragen die blauen Westen mit dem aufgestickten Schriftzug „Kiwe Thegnas“. Ins Spanische aus der indigenen Sprache der Nasa übersetzt, heißt das Guardia Indígena. Das Volk der Nasa stellt im Norden des Cauca, einer Provinz im Südwesten, mit gut 200.000 Menschen die Hälfte der Bevölkerung.

Dann gibt der Fahrer Gas und der Wagen schießt die Straße im Stadtviertel Bolivariano von Santander de Quilichao hinauf. Die Kreisstadt ist die Drehscheibe des ACIN, einer Organisation, die in dieser Gegend 22 indigene Territorien vertritt. Oveimar Tenorio sitzt im Fond und dirigiert den Chauffeur: „Wir fahren zur Tulpa von Santander de Quilichao. Dort wird eine Delegation der Schweizer Botschaft erwartet, die sich über die Lage im Norden des Cauca informieren will und über uns als Guardia Indígena.“ Tulpa heißen die Versammlungsorte der Nasa – an den Seiten offene, in der Regel runde Holzkonstruktionen. Dort treffen sich gewählte Vertreter, um Entscheidungen zu treffen. Derzeit gebe es nur ein Thema: die Sicherheit, meint Tenorio, als der Fahrer eine Anhöhe am Stadtrand von Santander de Quilichao hinauffährt – zur Tulpa.

Schon von Weitem sind die beiden Fahnen zu sehen, die auf einem Felsvorsprung im Wind wehen: die grün-rote des ACIN und die mit bunten, in den Farben des Regenbogens leuchtenden Quadraten bedeckte Wiphala, die Flagge der indigenen Völker der Anden. Dann knirschen die Reifen auf dem Kies – Endstation. Oveimar Tenorio, ein drahtiger, kräftiger Mann mit kurzen pechschwarzen Haaren, steigt aus. Er ist der Koordinator der Guardia Indígena, der indigenen Wache. „Unsere zentrale Aufgabe ist es, indigenes Leben und indigenes Gebiet zu schützen – ganz ohne Waffen“, beschreibt der 28-Jährige eine Mission, blickt sich um und nimmt neben einem Stapel Brennholz auf einem Baumstamm vor der offenen Versammlungshalle – der Tulpa – Platz.

Die Arbeit der Guardia Indígena ist riskant

Den Rucksack hat er neben sich abgelegt, zusammen mit einer kurzen Machete und der Chonta, einem mit Metall beschlagenen Holzstock, der ihn als Guardia Indígena ausweist. „Die Chonta ist das Symbol der kulturellen Identität der Nasa. Alle unsere Autoritäten tragen sie – eine Guardia Indígena ohne Chonta ist nicht komplett“, sagt Tenorio lächelnd. Sein Mobiltelefon und das schwarze Funkgerät, das gute Dienste in den zerklüfteten Bergen der westlichen Andenkordillere leistet, wo er eigentlich lebt, vervollständigen die Ausrüstung. Sie gehört einem Mann, der gut 2.600 Guardia Indígenas im Norden des Cauca anführt. Diese friedliche Streitmacht aus Frauen, Männern und Jugendlichen schützt indigenes Terrain vor Eindringlingen, aber ebenso traditionelle wie spirituelle Autoritäten vor Übergriffen. Sie sorgt bei Meetings und vor den indigenen Gerichten für Ordnung und Sicherheit.

Doch das sind nur Facetten. „Die Guardia Indígena ist vor allem Schule des Lebens. Wir bilden die Anführer von morgen aus, bewahren unsere Identität, von der Sprache bis zu Handarbeit“, erzählt Tenorio. Momentan dreht sich fast alles um die Sicherheit, denn die Attentate auf indigene Vertreter sind sprunghaft gestiegen. 314 Morde hat der Regionale Indigene Rat des Cauca (CRIC) in den vergangenen drei Jahren registriert, so Edwin Guetio, Leiter des CRIC-Büros für Menschenrechte in Popayán. Guetios Name steht auf einer Mordliste der Paramilitärs, die sich Aguilas Negras (Schwarze Adler) nennen. Er kann sich außerhalb der Hauptstadt des Verwaltungsbezirks Cauca kaum frei bewegen. Morddrohungen kommen auch von den beiden im Norden des Cauca operierenden Gruppen aus Dissidenten der einstigen FARC-Guerilla. Die Kolonnen Dagoberto Ramos und Jaime Martínez haben sich separiert, weil sie das im November 2016 unterzeichnete Friedensabkommen mit der Regierung nicht mittragen oder enttäuscht sind von der zu schleppenden Umsetzung.

In der Region von Toribió hingen immer wieder Transparente mit dem Konterfei des FARC-Gründers Manuel Marulanda, so Oveimar Tenorio. Sein Name stehe auf einem Pamphlet der Kolonne Dagoberto Ramos, sie könne durchaus für eines der Attentate auf ihn verantwortlich sein. Vergangenen September schossen Heckenschützen auf sein Haus im Dorf San Francisco. Seitdem lebt Tenorio mit seiner Familie in Santander de Quilichao, dirigiert von dort aus die Arbeit der Guardia Indígena. Tenorio hofft, dass sich die Sicherheitslage nach der Vereidigung des neuen linken Präsidenten Gustavo Petro am 7. August verbessern wird. „Petro will das Friedensabkommen mit der FARC-Guerilla wiederbeleben. Das ist für den Cauca entscheidend, auch für uns von der Guardia Indígena“.

Ein unbequemes Erfolgsmodell

Die Guardia sei im Mai 2001 nach dem Massaker von Naya als fester Bestandteil indigener Strukturen gegründet worden, erläutert Tenorio und begrüßt Juan Manuel Camayo Díaz, der sich zu uns setzt. Díaz ist der Verantwortliche des Programms „Verteidigung des Lebens“ des ACIN, wozu auch die Guardia Indígena zählt. Wie sein Kollege Tenorio wird auch er zur Delegation aus der Schweiz sprechen. „Das Beispiel der Guardia hat landesweit Schule gemacht. Im Cauca gibt es rund 10.000 Guardias, landesweit 70.000 – und die nicht nur in indigenen, sondern auch in afrokolumbianischen Gemeinden“, so Díaz. Freilich habe der Erfolg auch seine Schattenseiten. Die Angriffe auf Tenorio und der Mord an dem ehemaligen Koordinator der Guardia, José Albeiro Camayao, am 24. Januar durch FARC-Dissidenten zeugen davon. Die schreckten auch nicht davor zurück, einen minderjährigen Guardias wie Bréiner David Cucuñame zu erschießen. Er starb Anfang Januar ebenfalls bei einem Anschlag des Dissidenten-FARC-Kommandos Dagoberto Ramos.

Das sorge für Angst in den Reihen der indigenen Verbindungen, und genau das werde bezweckt, erläutert Díaz. Für ihn sei die Guardia so etwas wie „ein unbequemes Erfolgsmodell“, das die Ausdehnung von Koka-, aber auch Marihuana-Plantagen im Cauca gefährde. „Die Guardia stellt sich einem Geschäftsmodell entgegen, das auf dem Eindringen von Drogenbanden in unsere indigenen Territorien beruht.“ Das passe linken wie rechten Milizionären überhaupt nicht, die oft mit der Organisierten Kriminalität kooperierten. Doch auch Angehörige der Streitkräfte, die im Norden des Cauca stationiert seien, könnten Teil des Problems sein. „Wie können die Drogentransporte deren Kontrollpunkte passieren?“, fragt Milady Dicue Morales, Justizexpertin des ACIN, die sich gerade zu den beiden Männern vor der Tulpa gestellt hat. „Die Anbauflächen weiten sich aus“, meint die 37-jährige Anwältin. Die harten Fakten der Vereinten Nationen, die eigene Satellitenbilder auswerten, geben ihr recht. Demnach gibt es rund 17.000 Hektar Fläche für den Koka-Anbau im Cauca und bis zu 750 Hektar Marihuana-Plantagen. Zumeist sind sie rings um Kleinstädte wie Toribió, Corinto und Caloto zu finden – in direkter Nähe von Militärcamps.

Doch für Milady Dicue Morales gibt es einen weiteren Grund, weshalb der Terror gegen die Guardia Indígena und den ACIN zunimmt. „Wir machen den bewaffneten Akteuren ihren Nachwuchs streitig. Wer die Guardia Indígena durchlaufen hat, lässt sich für die Drogenmafia nicht mehr so leicht rekrutieren“, sagt sie. Oveimar Tenorio nickt zustimmend. Mit seinem Team hat er schon mehrfach Jugendliche aus den Fängen von Drogenbanden befreit – friedlich und durch hartnäckiges Insistieren. Dies war riskant, aber erfolgreich wie die gesamte Arbeit der Freiwilligen in den blauen Westen, die rund um den Versammlungsort präsent sind und die Augen offen halten. Dann summt das Mobiltelefon Tenorios. „Sie kommen“, murmelt er in Richtung von Díaz und Dicue Morales und erhebt sich. Dann wirft er einen prüfenden Blick in die Tulpa. Der lange Tisch ist gedeckt, aus der Küche dahinter ist das Geklapper von Töpfen zu hören, der Geruch von gebratenem Fisch macht sich bemerkbar. Auch die Mikrofone für den Vortrag liegen bereit, und der Beamer für die Power-Point-Präsentation ist angeschlossen. Tenorio nickt zufrieden, verabschiedet sich und geht, gefolgt von seinen Kollegen, den drei Kleinbussen mit der Schweizer Delegation entgegen.



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Von Veritatis

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