Schwungvoll holt Jean-Pierre Kamara immer wieder aus, lässt mit seinen Händen winzige Samen über das frisch gepflügte Feld in der Nähe seines Dorfs im Süden Senegals rieseln. Bevor er sät, lockern vor ihm junge Farmer die lehmige Erde auf. Hinter ihm harken ältere Leute aus dem Dorf die Erde zurück, um die Samen zu bedecken. Am Mittag gibt es eine Pause, man stärkt sich mit Erdnüssen. Dann arbeitet das Dorf weiter zusammen, um Fonio anzubauen. Die Hirsesorte ist ein wertvolles, für die Ernährung wichtiges Getreide, das zum Keimen nur wenige Tage braucht und schon nach sechs Wochen geerntet werden kann.

Der Anbau einer der ältesten in Afrika vorkommenden Getreidesorten sei zwar anstrengend, aber einfach und verlässlich, sagen Mitglieder des Volkes der Bedik im Ort Kann Fmara. Diese Kultur sei leichter anzubauen als Weizen oder Reis und passe sich dem Klima an. Und sie lasse sich länger lagern. „Wenn man mir Fonio vorsetzt und gleichzeitig etwas, das aus Mais gemacht ist, schiebe ich das andere weg, weil Fonio gesünder ist“, erzählt Jean-Pierre Kamara. „Beim Anbau würde kein Dünger benutzt. Es wächst ganz natürlich, und dann ernten wir es.“

Als „Hungerreis“ verkannt

Die Vorteile von Fonio stehen derart außer Frage, dass senegalesische Wissenschaftler fordern, diese indigenen Nahrungsmittel, zu denen auch äthiopisches Teff, Maniok, diverse Hirsearten wie Hülsenfrüchte gehören, in ganz Afrika verstärkt anzubauen, um die Nahrungsmittelsicherheit zu heben. Ein solcher Schritt käme in einem Moment, da die Vereinten Nationen davor warnen, dass die Länder am Horn von Afrika durch Hunger bedroht sind, da sich die permanent steigenden Weizenpreise nicht mehr bezahlen lassen. Im Juni machte Makhtar Diop, Geschäftsführer der International Finance Corporation der Weltbank, darauf aufmerksam, dass indigene Getreidearten zu wenig genutzt würden. Sie brauchten mehr Investitionen, Forschung und Marketing. Dazu passt der Vorschlag der Afrikanischen Entwicklungsbank, Investitionen von einer Milliarde Dollar für die kontinentale Weizenproduktion aufzubringen. Freilich ist nur ein kleiner Teil des Kontinents überhaupt für den Weizenanbau geeignet.

Für Senegal fällt das weniger ins Gewicht, weil Reis für die moderne Küche der Bevölkerung unverzichtbar ist. Jedoch wachsen die etwa 436.000 Tonnen Reis, die im Land produziert werden, in nur vier Regionen. Fonio wäre eine Alternative, gerade weil davon 2019 nur 5.100 Tonnen produziert und geerntet wurden, das meiste davon in der südöstlichen Provinz Kédougou. Erst jetzt werden Schritte unternommen, davon mehr anzubauen und sich am Nachbarland Guinea zu orientieren, das zuletzt 530.000 Tonnen des indigenen Getreides pro Jahr einfuhr.

Der Agrarwissenschaftler Michel Ghanem, einer der Gründer der Forgotten Crops Society (Gesellschaft für vergessene Kulturpflanzen), fordert mehr Investitionen in die vernachlässigten Nahrungsmittel. „Im subsaharischen Afrika wurde früher kein Weizen verzehrt. Inzwischen basiert die Ernährung eben darauf, was zu Krankheiten wie Fettleibigkeit führt“, so Ghanem „Dabei gibt es indigene Kulturen wie Teff, Fonio oder Sorghum, die bis heute gegessen werden. Internationale Forschungsverbände haben sie vernachlässigt, nicht aber die Verbraucher. Es ist an der Zeit, in dieses Getreide zu investieren, um Versorgungslücken zu schließen.“ Auch was den Nährwert betrifft, können die tradierten Nahrungsmittel mit mehreren Vorteilen punkten. Häufig haben sie einen niedrigeren Blutzuckerindex als raffiniertes Mehl oder Reis und enthalten wichtige Mikronährstoffe. In den 1990ern ergaben Forschungen des US-National Research Council zu vernachlässigten afrikanischen Getreidesorten, dass Fonio und Fingerhirse reich an der Aminosäure Methionin seien, die häufig in westlichen Ernährungsweisen fehlt. Zudem enthält Teff viel Protein und Eisen.

Fonio wurde von westlichen Wissenschaftlern lange unterschätzt. Sie bezeichneten diese Kultur als „Hungerreis“, weil sie wegen ihres schnellen und verlässlichen Wachstums verstärkt in Perioden der Nahrungsmittelknappheit gegessen wurde. Laut Jean-Pierre Kamara stillt Fonio nicht nur den Hunger viel besser als die üblichen Getreidesorten, sondern hat auch einen nussigeren Geschmack, der vielen sehr zusagt. „Wenn wir bei Festen viele Gäste haben und manche besonders ehren wollen, servieren wir ihnen Fonio – es ist ein Privileg“, sagt Kamara.

Edie Mukiibi, Vizepräsident der Organisation Slow Food International, die sich für den Schutz gefährdeter lokaler Nahrungsmittelkulturen einsetzt, macht die Fremdbestimmung in Afrika für die Dominanz von Monokulturen verantwortlich, wodurch die agrarische Biodiversität zerstört wurde. Unter der Kolonialherrschaft seien große Landstriche in Plantagen verwandelt worden, um Zuckerrohr, Tee, Kaffee und Kakao für einen expansiven Export anzubauen. Im späten 20. Jahrhundert förderte dann die „Grüne Revolution“ die Idee, möglichst große Getreideschläge zu haben, damit sich Hunger bekämpfen ließ. „Unterstützt durch die postkolonialen Regierungen wuchsen die Plantagen weiter. Große Gebiete wurden gerodet, die ursprünglich dem traditionellen Anbau von Zwischenfrüchten vorbehalten waren“, erklärt Mukiibi. Das habe die Ernährungsgewohnheiten der Menschen geändert, weil sie sich auf dem für die Plantagen gerodeten Land nicht mehr ernähren konnten. Das wäre mit den indigenen Getreidesorten deutlich anders.

In jüngster Zeit ist Fonio wieder verstärkt in Mode gekommen und taucht auf den Speisekarten der Restaurants in den wohlhabenden Vierteln von Senegals Hauptstadt Dakar auf. Ärzte empfehlen es für Diabetes-Patienten. Der in New York arbeitende senegalesische Koch Pierre Thiam zählt zu den lautstärksten Fonio-Befürwortern. Er ist Mitbegründer des Unternehmens Yolélé, das dieses Getreide von Kleinbauern kauft und im Westen als „Superfood“ vermarktet. Yolélé arbeitet mit der Hilfsorganisation SOS Sahel zusammen, die regionale Arbeitslosigkeit bekämpft, indem sie die Bauern darin unterstützt, die Fonio-Produktion zu steigern. Das Ziel dieser NGO ist es, die Produktion bis 2024 um 900 Tonnen zu erhöhen.

Nichts verunreinigen

Die Senegalesin Aissatou Ndiaye baut Fonio auf 50 Hektar Land in der Nähe von Kédougou an. Zudem importiert sie es aus den Nachbarländern Mali und Guinea, um es weiterzuverkaufen. Sie habe von der Unterstützung und Finanzierung durch SOS Sahel profitiert, erzählte sie. Doch befürchte sie, durch das neue Interesse komme ein Teil des Getreides nicht mehr den Menschen in der Region zugute. „Es gibt europäische Käufer, die mit großen Containern auftauchen, sie mit unserer Ernte füllen und dann alles im Ausland verkaufen. Dabei sollte das Getreide die Bevölkerung hier ernähren. Ich kann nicht gutheißen, dass sie alles nehmen und anderswo absetzen. Wie soll das den Bauern helfen?“, fragt Ndiaye. „Wer Fonio anbaut, kann mit einer sehr viel größeren Ernte rechnen als bei Reis oder Mais. Leider haben wir das Problem, dass wir die Ernte nicht ohne Verluste einbringen können. Ich würde gern mehr anbauen als jetzt, aber ich habe nicht die Geräte oder Maschinen, um mehr zu ernten.“

Ndiaye hofft, dass eine Technologie erforscht wird, um die Arbeit zu erleichtern, wenn das Fonio-Gras geschnitten und die Hülsen entfernt werden. Gleichzeitig sorgt sie sich, dass die Forschung allein darauf ausgerichtet ist, höhere Ernten zu ermöglichen. „Es muss auch darauf geachtet werden, dass Fonio nicht verunreinigt wird. Sie sollten ihm nichts hinzufügen. Das kann zwar den Ertrag erhöhen, ist aber schlecht für den Nährstoffgehalt.“

Kaamil Ahmed ist Journalist sowie Fotograf, der für den Guardian aus Nordafrika und Mittelasien berichtet



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Von Veritatis

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