Unsere Autorin hat sich ein Profil bei einem Datingportal angelegt und losgeswiped. Natürlich nur zu Recherchezwecken. Hier sind ihre Erfahrungen mit Männern, die unter „Traumfrau“ das verstehen: gemeinsame Grillabende im Reihenhausgarten

Lass gut sein, Stefan!

Ich registriere mich bei einem „Singleportal“ – natürlich nur zu Recherchezwecken. Soll ja boomen, das Onlinedating, und so versuche ich, über die ungeliebten Wörter hinwegzusehen: „Dating“, „Single“, „Portal“. Angeblich sind dort „Romantik“, „Events“ oder „Freizeit“ angepeilt – noch mehr Wörter, die ich nicht mag. Sie tun so, als meinten sie mich, und nicht etwa das Konto („Account“). Doch da es ums Geschäft geht, muss man effizient vorgehen.

Man legt ein „Profil“ an, mit Alter, „sexueller Orientierung“, Sportarten, Beruf, Reisevorlieben, Sternzeichen, „Freizeitaktivitäten“, Zentimetern und Kilogrammen. Nur den Zahnstatus postet niemand. Den hätte ich lieber offenbart als ein Foto, halte ich mich doch lieber bedeckt, aber das wäre ineffizient. „Sich rarzumachen“, wie meine Oma geraten hätte, kann ich vergessen. Wer sich im Internet rarmacht, existiert nicht.

Die Ex will keiner sehen

Da ich mich als heterosexuelle Frau geoutet habe, spielt mir der Algorithmus Profile von heterosexuellen Männern zu. In der Selbstbeschreibung sagen sie, dass sie „ganz frisch dabei“ seien, doch sie haben die Rechnung ohne den Rechner gemacht, der rechnet gnadenlos vor, dass sie seit Jahren „Premium-Mitglied“ sind und nur versäumt haben, ihren Text zu aktualisieren.

Es gibt viele „Bernds“ und „Jens“ und „Toms“ und „Michaels“ und „Joes“, jeweils mit Nummer am Namen, damit der Computer sie nicht verwechselt. Sie stehen mit Bauch und Turnschuhen vor südländischer Brandung, sitzen mit albernen Hüten im Café oder halten braun gebrannt ein Segelboot auf Hafenkurs, die Hälfte des Bildes abgeschnitten, weil die Ex nicht mit drauf darf. Und jede Menge lichtempfindliche Augen hinter Sonnenbrillen, auf der Suche nach der „Traumfrau“.

Ja genau, das ist die, die alles mitmacht, aber „unabhängig“ ist. Dabei soll sie bitte alle schlechten Erfahrungen vergessen lassen, die der Suchende mit ihren Vorgängerinnen gemacht hat. Und, ganz wichtig: Die „Traumfrau“ muss ins aktuelle Reihenhausleben mit Grillabend und Motorradurlaub in Spanien passen. Man sieht sofort, dass das unmöglich ist, doch ohne „zusammenpassen“ scheint jenes zur Effizienz verkommene Konzept namens „Liebe“ nicht vorstellbar. Für mich ist Liebe das Gegenteil von Zusammenpassen; sie scheitert in einem ganz anderen Universum als dem der „Freizeitaktivitäten“. Aber ich mache hier ja nur meinen Recherchejob, und so schnell gebe ich nicht auf, es ist wie mit quengelnden Kindern an der Supermarktkasse: Man muss sich durchkämpfen. Tapfer versuche ich, mich für all die unbekannten, sehnsüchtigen Menschen hinter den um Lässigkeit bemühten „Profilen“ zu interessieren.

Sie schicken Nachrichten à la: „Hallo, wie geht’s, dein Profil gefällt mir.“ Oder minimalistischer: „Hi!“ Tja, was soll ich dazu sagen? Auch „Hi!“? Automatisch erzeugte Mails informieren mich über „Besucher“ auf meinem „Profil“ und dass es „angelächelt“ wurde. Also erstatte ich Gegenbesuche – und klicke mich schnell wieder weg, bevor der Typ womöglich gerade „online“ ist und sieht, dass ich mich bei ihm herumtreibe, denn das wäre gar zu aufdringlich. Mir wird unwohl: Was habe ich mit all diesen Leuten zu schaffen? Meine Zurückhaltung gefällt dem Algorithmus nicht. Das „System“ schickt mir eine Mail mit dem Betreff: „KATHARINA, DEIN WEG ZUR ERFOLGREICHEN KONTAKTAUFNAHME PER NACHRICHT.“ Das Wichtigste sei, „Interesse“ zu zeigen. Dazu soll man „zwei bis drei Fragen stellen“ und sich am Muster für die „erfolgreiche Erst-Nachricht“ orientieren.

Und die geht so: „Hallo xyz, mein Name ist Marc, ich bin 55 und stehe voll im Leben. Dein Profil ist mir gleich aufgefallen, weil Du sehr sympathisch wirkst und anscheinend auch humorvoll bist. Wir beide haben 3 Gemeinsamkeiten. Wir beide wandern und reisen gern, lieben den Garten und mögen Kultur. Was war bisher Deine schönste Reise? Und wohin möchtest Du noch gern reisen, vielleicht reisen wir bald gemeinsam. Ich würde mich sehr freuen, wenn Du mir antwortest, liebe Grüße Marc.“

Drei Gemeinsamkeiten, das sind mehr als zwei und weniger als vier, also optimale Voraussetzungen für ein erstes Date. Leider klingt der Text, als würde eine Barbiepuppe zu einer anderen reden, bevor sich beide aufs Plastiksofa im Plastikhome setzen, zweieinhalb Plastikbiere trinken und dann vor Langeweile sterben.

Bloß keinen tiefen Ausschnitt

Da ich immer noch nicht tätig werde, erhalte ich „FÜNF TIPPS, WIE DU GUT RÜBERKOMMST“. Wieder penetrant per großgeschriebenem Du und mit Ausrufezeichen an den absurdesten Stellen, während sie dort, wo sie eigentlich hingehören, fehlen. Von „Gastautor Stefan“ erfahre ich, „mit welchem Date Outfit Du einen tollen ersten Eindruck hinterlässt!“. Nervös frage ich mich, ob „Date Outfit“ richtig geschrieben ist. Muss da nicht ein Bindestrich dazwischen? Vielleicht sollte ich nicht so pingelig sein.

„Wenn Du Dich vor dem Date fragst ‚Was soll ich nur anziehen?‘ Don’t panic!“, beruhigt mich Gastautor Stefan. „Das ‚Erste Date Outfit‘ sollte Dich nicht unter Druck setzen.“ Warum schreibt der das jetzt groß und in Anführungszeichen, als wär’s ein Zitat? Scheint jedenfalls eine große Sache zu sein: „Dennoch ist es wichtig! Für den ersten Eindruck spielen Deine Klamotten eine gewisse Rolle.“

Ich erfahre, dass ich „frisch gewaschene, ordentliche Kleidung“ tragen sollte. Gehen auch ausgeblichene, bedruckte T-Shirts? „Lieber nicht!“, warnt Gastautor Stefan, „Du willst doch zeigen, dass Dir das Treffen wichtig ist.“ Aber Obacht: „Wenn alles perfekt werden soll, ziehen wir uns etwas an, was wir sonst eigentlich gar nicht tragen würden! Dann wird’s schnell too much!“ Gastautor Stefan kann ja nicht ahnen, dass mir alles Perfekte ohnehin „too much“ ist. Die Gefahr, zu perfekt rüberzukommen, besteht bei mir daher nicht. Gastautor Stefan bestätigt mich darin: „Verkleide Dich lieber nicht. Bleibe einfach ganz authentisch Du selbst.“ Damit ich sicher bin, was damit gemeint ist, illustrieren Fotos perfekter Models, wie Authentisch-Sein funktioniert: Eine magere, junge Frau mit Shampoowerbunghaaren in Tanzpose und gepunktetem Kleid lächelt einen perfekt frisierten Jeansträger mit optimal „definierten“ Oberarmmuskeln an – hej, kein Druck!

Apropos: Da wäre noch die heikle Frage, wie „sexy“ das „Erste Date Outfit“ sein darf. Gastautor Stefan weiß auch hier Rat: „Haut zeigen um jeden Preis – keine gute Idee beim ersten Treffen! Der knappe Mini oder ein Mega-Ausschnitt schrecken eher ab.“ Wobei es „vollkommen legitim“ sei, „optische Reize zu setzen, aber nicht von Kopf bis Fuß! Das kann schnell billig wirken!“. Gilt auch fürs Make-up: „Der natürliche Look ist beim ersten Date vorzuziehen. Den knallroten Lippenstift lässt Du lieber weg. Vertraue auf eine natürliche und gepflegte Ausstrahlung – und auf Dein strahlendes Lächeln.“ Na, dann kann es ja losgehen … Aber da fehlt doch noch etwas? Richtig, „die richtigen Schuhe“! Denn es gibt auch falsche! „Du glaubst gar nicht, wie stark sich das passende Schuhwerk auf Dein Gesamtoutfit auswirken kann“, klärt mich Gastautor Stefan auf. Zwar dürfe ich mich bei der Schuhauswahl „locker machen“, vorheriges Putzen sei aber „ein Muss“. Am Ende muss allerdings sogar Gastautor Stefan „ganz ehrlich“ zugeben: „Wenn die Chemie stimmt, ist das Outfit nur zweitrangig.“

Jaja, die Chemie … der sind ausgeblichene T-Shirts egal – aber kann man sich auf sie verlassen?

Ich nehme mir fest vor – „ganz locker!“ natürlich! –, nicht nur ein sauberes Hemd, sondern auch zwei geputzte Schuhe zu tragen bei der ersten Verabredung, womöglich auch bei der zweiten. Auf den Link „Komplimente beim Dating – so funktioniert es garantiert!“ klicke ich nicht mehr. Eine Nachricht von Tom funkt dazwischen: „Hallo, was ich sehe, gefällt mir. Ich suche hier ‚nur‘ eine (möglichst längere) Affäre. Standfestigkeit und Führungseigenschaften liegen vor. Interessiert? VG Tom.“ Der hat anscheinend die Mustermail zur Erstkontakt-Aufnahme nicht gelesen! Und ich habe keine Vorlage für die Antwort – was mache ich jetzt? „VG“ mag ich nicht, aber mir ist klar, dass ich da rückständig bin. „Viele Grüße“ beanspruchen unnötig viele Ressourcen. „VG“ ist nachhaltiger. Ich antworte also mit einem standhaften „Hi“ und einem effizienten „VG“, dann passt das schon.

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Von Veritatis

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